Die Schiersteiner Brücke ist eine 1280 Meter lange sechsstreifige Autobahnbrücke der Bundesautobahn 643 über den Rhein. Das Gesamtbauwerk besteht aus zwei Brücken mit jeweils drei Fahrstreifen pro Fahrtrichtung. Die westliche Brücke trägt zusätzlich auf der Westseite, rheinabwärts, einen Geh- und Radweg; sie wurde im November 2017, die östliche im August 2023 für den Verkehr freigegeben. Die Brücke überspannt bei Strom-Kilometer 504,4 das untere Ende der beidseitig vom Rhein umströmten Rettbergsaue zwischen Wiesbaden-Schierstein und Mainz-Mombach. Neben den weiter flussaufwärts liegenden Brücken Theodor-Heuss-Brücke und Weisenauer Brücke der A 60 ist sie die dritte Straßenquerung des Rheins bei Mainz und Wiesbaden.

Die ursprüngliche Schiersteiner Brücke wurde 1962 fertiggestellt und musste nach erheblichen Schäden 2015 zwischenzeitlich für zwei Monate gesperrt werden; sie wurde nach Fertigstellung des ersten Teils der neuen Brücke ab 2017 abgerissen.

Neubau 2013 bis 2023 mini|Eröffnung der neuen Schiersteiner Brücke am 13. August 2023 mini|Baufeld Rettbergsaue im April 2015 mini|Neue Verkehrsführung auf der Schiersteiner Brücke im November 2017 mini|hochkant=1|Abrisskante der alten Brückenauffahrt in Wiesbaden auf Höhe der Rheingaustraße, Oktober 2018

Der Ersatzneubau der Schiersteiner Brücke wurde mit zwei getrennten Teilbrücken von 2013 bis 2023 durchgeführt. Die erste Teilbrücke wurde im November 2017 dem Verkehr übergeben. Die Eröffnung der zweiten Teilbrücke erfolgte am 13. August 2023, die Verkehrsfreigabe in der darauf folgenden Nacht. Der unter der östlichen Brücke hängende Radweg zur Rettbergsaue wurde 2025 fertig gestellt und für den Verkehr freigegeben.Radweg unter Schiersteiner Brücke zwischen Mainz und Wiesbaden endlich geöffnet – Rettbergsaue jetzt einfacher zu erreichen

Die Gesamtbaukosten beliefen sich laut der Autobahn-GmbH auf 252 Millionen Euro und lagen um mehr als 15 Prozent höher als ursprünglich veranschlagt.

Planung Die neue Brücke wurde mit zwei getrennten Überbauten geplant, die jeweils 21,72 Meter breit und für drei Fahr- und einen Standstreifen sowie einen Rad- und Gehweg ausgelegt sind. Zuerst sollte ein Überbau auf der Unterstromseite des bestehenden Bauwerks errichtet werden. Nach dessen Fertigstellung sollte die alte Brücke abgebrochen und anschließend in der Trasse des bestehenden Bauwerks, teilweise unter Verwendung der alten Gründung, der zweite Überbau errichtet werden. Der Zwischenabstand der Brücken ist auf der Mainzer Uferseite durch die vorgegebene Lage des Fahrbahnüberganges der bestehenden Abfahrtsrampe Mainz-Mombach bestimmt und beträgt dort 18,75 Meter. Nach Norden verringert sich der Abstand.

Wiesen im 0,355 Quadratkilometer großen Naturschutzgebiet Mombacher Rheinufer dienen unter anderem Weißstörchen als Nahrungsbiotope. Über eine eventuelle Beeinträchtigung der Tiere durch die Bauarbeiten liegen keine belastbaren Erkenntnisse vor.

Für den Brückenneubau wurde ein Realisierungswettbewerb durchgeführt. Den ersten Platz erhielt im Dezember 2007 ein Entwurf einer Arbeitsgemeinschaft aus dem Ingenieurbüro Grontmij BGS und dem Architekturbüro Ferdinand Heide. Dieser sieht eine 1285 Meter lange Hohlkastenbrücke mit teilweise gevouteten Hohlkastenquerschnitten vor.

Laut Planung sollte der eigentliche Bau im Mai 2013 beginnen.Großprojekt A 643 Schiersteiner Brücke. Hessen Mobil, aufgerufen am 27. April 2019. Der Planfeststellungsbeschluss für den Neubau der Schiersteiner Brücke wurde vom hessischen Verkehrsminister Dieter Posch am 5. Januar 2012, vom rheinland-pfälzischen Infrastrukturminister Roger Lewentz am 2. März 2012 unterzeichnet. Pressemitteilung des Landes Hessen vom 5. Januar 2012; aufgerufen am 6. Januar 2013.Lewentz: Planfeststellung für Schiersteiner Brücke erlassen. Pressemitteilung des rheinland-pfälzischen Innenministeriums vom 2. März 2012, aufgerufen am 6. Januar 2013. Als Vorbereitungsmaßnahme für den geplanten Bau der unterstromigen Brücke wurden im März 2012 im Bereich des Schiersteiner Kreuzes erste Rodungsarbeiten durchgeführt. Pressemitteilung des Landes Hessen vom 14. Februar 2012, aufgerufen am 6. Januar 2013.Katja Rietze: Wiesbadener Kurier vom 27. März 2012. Am 7. Juni 2013 wurde die Vergabe des Auftrags für den Neubau der Rheinbrücke Schierstein mit einer Auftragssumme von rund 173,4 Millionen Euro ohne Mehrwertsteuer bekanntgegeben.Öffentliche Ausschreibung Wiesbaden A643, Neubau Rheinbrücke Schierstein. ausschreibungen-deutschland.de am 15. Juli 2013.

Bau Mit dem Spatenstich am startete der Neubau offiziell. Nach der Einrichtung der Baustelle begannen im Oktober 2013 die Gründungsarbeiten für die neuen Brückenpfeiler. Diese Arbeiten waren bis Anfang 2014 geplant. Für einen Pfeiler als Auflage für die Stahlüberbauten werden 800 Kubikmeter Beton verarbeitet. Im Laufe des Jahres 2014 begann die Montage der Stahlüberbauten. Im Dezember 2014 wurde auf Schiersteiner Seite in der Nähe des Hafens auf dem Gelände des RWZ Kraftfutterwerks Wiesbaden ein Informationszentrum eröffnetInfocenter offiziell eröffnet. schiersteinerbruecke.de, 12. Dezember 2014.. Der flussabwärts liegende Teil sollte bis Mitte 2016 fertiggestellt werden, danach der Abriss der bestehenden Brücke und Neubau des zweiten Teils beginnen. Durch die Absenkung des Brückenpfeilers 2015 verzögerte sich diese Maßnahme, so dass im März 2017 als Fertigstellungstermin 2020 anvisiert wurde.Nadelöhr auf Schiersteiner Brücke bleibt länger bestehen. hessenschau.de, nicht mehr online verfügbar.

Seit dem 20. November 2017 rollt der Verkehr in beide Richtungen über die neue, westliche Brückenhälfte. In der Nacht vom 28. auf den 29. Januar 2021 wurde auf der Südseite das vierte und letzte vorgefertigte Brückenteil „eingeschwommen“, bis Ende 2021 sollte die Brücke fertig sein. Die östliche Brückenhälfte wurde am 14. August 2023 für den Verkehr freigegeben.Oliver Bock: Sechsspurig nach zehn Jahren Bauzeit. FAZ, 9. August 2023.

Der Neubau der Brücke wurde durch eine Entscheidung der rot-grünen Landesregierung in Rheinland-Pfalz (Kabinett Beck V, Kabinett Dreyer I) verzögert, die Brücke vier- statt sechsstreifig auszuführen, während die schwarz-gelbe Landesregierung in Hessen (Kabinett Koch III, Kabinett Bouffier I) am sechsstreifigen Ausbau festhielt. Die Verzögerungen wurden als „Kleinstaaterei“ kritisiert. Die Investitionskommission des Bundes empfahl aufgrund dieses und weiteren Beispielen, den Ländern die Zuständigkeit für den Autobahnbau zu entziehen und diese zu zentralisieren. Der Koalitionsvertrag zur Bildung der nächsten Regierung (Kabinett Dreyer II) kehrte zum sechsstreifigen Ausbau zurück. Im August 2022 wurde bekannt, dass der Neubau der Schiersteiner Brücke teurer wird als die ursprünglich veranschlagten 216 Millionen Euro. Das Projekt soll um 34 Millionen Euro teurer werden und insgesamt rund 250 Millionen Euro kosten. Die Projektlaufzeit war bis 2019 vorgesehen und dauert auch nach der symbolischen Eröffnung im Sommer 2023 mit Arbeiten unter Brücke und an dem zur Rettbergsaue führenden Radweg noch bis zur vollständigen Räumung des Baufeldes an.

Brücke von 1962

Die 1282 Meter lange Brücke bestand aus sechs Teilbrücken (davon hundert Meter aus Spannbeton), wurde von 1959 bis 1962 erbaut und verfügte über je einen kombinierten Rad- und Fußweg auf beiden Seiten. Etwa in der Mitte befand sich rheinaufwärts eine Treppe, die Fußgängern den Zugang zur Insel Rettbergsaue ermöglicht, wegen des Neubaus der Schiersteiner Brücke war dieser Weg jedoch bereits seit Herbst 2013 gesperrt.

Geschichte Der erste Bedarfsplan für die Bundesfernstraßen beinhaltete 1956 unter anderem den Stadtring Mainz–Wiesbaden mit dem Bau der Rheinbrücken Wiesbaden-Schierstein, Mainz-Weisenau und der Mainbrücke Hochheim. Die Planungen für die Rheinbrücke Wiesbaden-Schierstein begannen 1955. Es wurden 7100 Kraftfahrzeuge pro Tag prognostiziert; 23.000 Kraftfahrzeuge pro Tag wurden für möglich gehalten. Der Planfeststellungsbeschluss folgte am 13. Juli 1959. Den Bauwerksentwurf erstellte das Büro Leonhardt und Andrä in Zusammenarbeit mit Louis Wintergerst. Den Zuschlag für die Überbauten bekam am 28. September 1959 das Düsseldorfer Stahlbauunternehmen Hein Lehmann AG, das mit einem Sondervorschlag von Hellmut Homberg den Querschnitt verbesserte und 23 Prozent an Stahlmassen gegenüber dem Verwaltungsvorschlag einsparte.Karl-Eugen Kurrer; Eberhard Pelke; Klaus Stiglat: Einheit von Wissenschaft und Kunst im Brückenbau: Hellmut Homberg (1909–1990) – Das Werk (Teil III) in: Bautechnik 87 (2010), H. 2, S. 86–115 (hier S. 90–91). Insgesamt wurden bei den Überbauten 7895 Tonnen Baustahl benötigt und das gesamte Bauwerk kostete 32 Millionen Deutsche Mark.

Brückenverlauf

mini|hochkant|Alte Schiersteiner Brücke von Hessen nach Rheinland-Pfalzmini|Verkehrsbeeinflussungsanlage an der Anschlussstelle Mombach

Die Schiersteiner Brücke beginnt kurz nach der Autobahnanschlussstelle Wiesbaden-Äppelallee auf der hessischen Seite und führt über den Rhein. Um Höhenunterschiede zu vermeiden, wurde die Brücke auf der rheinland-pfälzischen Seite über die Anschlussstelle Mainz-Mombach hinaus als knapp einen Kilometer lange Hochstraße Lenneberg verlängert. Es entstand ein Brückenbauwerk mit 31 Feldern, das das Mombacher Oberfeld überspannt und die Rheinbrücke mit der Hochterrasse am Lenneberg in Mainz-Gonsenheim, nahe dem Naturschutzgebiet Mainzer Sand, verbindet. Dies hat zur Folge, dass die Anschlussstelle Mombach einer der wenigen ist, die auf einer Brücke liegen. Die Brücke wurde ursprünglich für eine über sie führende Bundesstraße gebaut, sodass es an der besagten Anschlussstelle nur sehr kurze Beschleunigungs- und Verzögerungsstreifen gibt. Dafür wurden mehrere Beleuchtungsanlagen angebracht, um die Anschlussstelle auszuleuchten. Aus Kostengründen blieben diese allerdings dunkel und wurden auf der westlichen Seite Ende April 2013 abgebaut. Ebenfalls an der Anschlussstelle Mombach befanden sich zwei Verkehrsbeeinflussungsanlagen, diese waren aber ebenfalls seit ungefähr Ende der 1980er Jahre außer Betrieb und wurden schon vor Abriss der alten Brücke demontiert.

Der A 643 fehlen zwischen den Anschlussstellen Gonsenheim und Mombach Standstreifen, was auch bei kleinen Verkehrsunfällen oder Autopannen unweigerlich sofort zum Stau führt, da rund 80.000 Fahrzeuge täglich über die Brücke rollen.Allgemeine Zeitung Mainz vom 20. Februar 2006. Sie ist die letzte Brücke oberhalb des Mittelrheins bis zur 85 Kilometer entfernten rheinabwärts gelegenen Südbrücke in Koblenz. Zwei Wendeltreppen ermöglichten den Zugang von Fußgängern und Radfahrern auf der linken und rechten Seite der Brücke. Zusätzlich bestand auf der östlichen Seite im Sommer die Möglichkeit zur Rettbergsaue über einen entsprechenden Treppenabgang zu kommen. Wegen des Neubaus der Schiersteiner Brücke war dieser Weg jedoch seit Mitte August 2013 gesperrt. Durch die Fahrbahnabsenkung im Februar 2015 mussten beide Wendeltreppen abgerissen werden, ebenso wurde die westliche Wendeltreppe auf der Schiersteiner Seite abgebrochen. Seit Februar 2015 sind beide Wege für Fußgänger und Radfahrer gesperrt.

Technische Daten mini|Blick über die Rettbergsaue Richtung Mainz mini|hochkant|Blick über die Rettbergsaue Richtung Wiesbaden