miniatur|hochkant=1.3|Wilhelm von Kaulbach: Reineke Fuchs als Sieger. Illustration, erschienen 1846; in Kupfer gestochen von Adrian Schleich, München Reineke Fuchs ist die Hauptfigur eines Epos in Versen und in Prosa, dessen Tradition bis ins europäische Mittelalter zurückreicht. Eine 1498 in Lübeck gedruckte niederdeutsche Versfassung Reynke de vos entwickelte sich im 16. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum zum Bestseller. Darin wird erzählt, wie sich der Übeltäter Reineke, der Fuchs, durch geniale Lügengeschichten und ausgesuchte Bosheiten aus allen prekären Lagen rettet und am Ende gegen seine Widersacher als Sieger durchsetzt.

Die bereits seit dem 16. Jahrhundert erfolgten hochdeutschen Ausgaben, insbesondere die Prosaübertragung von Johann Christoph Gottsched im Jahre 1752, überlieferten die Geschichte in ihrer jahrhundertealten deutschsprachigen Fassung nahezu unverändert bis auf den heutigen Tag. Das Werk und sein Titelheld inspirierten seit der Mitte des 16. Jahrhunderts Übersetzer, Schriftsteller und Illustratoren. Die heute gebräuchliche Namensform Reineke Fuchs wurde zuletzt durch das gleichnamige Versepos Johann Wolfgang von Goethes etabliert.

Die Geschichte von Reineke mini|Seite aus Reyneke Vosz de olde, 1592: Bär und Wolf wird das Fell abgezogen, woraus der König dem Reineke Wanderschuhe und einen Ränzel schneidern lässt, in welchem dieser ihm den Kopf des Hasen Lampe zukommen lässt, wofür der Bote, der Widder Bellyn, mit dem Leben bezahlt.

Inhalt Die seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert im Druck überlieferte fabelhafte Geschichte eines Fuchses besteht aus zwei Teilen, die jeweils von einem Gerichtsverfahren erzählen. Der Löwe Nobel, König der Tiere, hat zu Pfingsten zum Hoftag geladen. Die Anwesenden, groß und klein, allen voran Isegrim, der Wolf, beschweren sich über die Untaten des nicht anwesenden Fuchses Reineke und fordern seine Bestrafung. Braun, der Bär, und Hinz, der Kater, werden nacheinander losgeschickt, um Reineke aus seiner Burg Malepartus an den Hof zu holen. Beide scheitern, Reineke bringt sie gezielt in Lebensgefahr, und sie entrinnen, schwer malträtiert, knapp dem Tode.

Der König nimmt die Schmach persönlich und setzt Reinekes Erscheinen vor Gericht durch. Das Urteil lautet auf Tod. Unter dem Galgen, den Kopf bereits in der Schlinge, gelingt Reineke die Erfindung einer als Beichte getarnten Lügengeschichte von Verrat und Goldschatz, die den Bären Braun und den Wolf Isegrim zu Hochverrätern erklärt und den Löwen Nobel gierig macht. Reineke wird entlassen und macht sich unter dem Vorwand einer Pilgerreise nach Rom auf und davon. Reinekes Verrat wird offenbar, nachdem er den abgebissenen Kopf seines Pilgergefährten Meister Lampe, des Hasen, an den König zurückgeschickt hat. Braun und Isegrim werden rehabilitiert von Nobels Gnaden.

Nachdem Grimbart, der Dachs, Reineke erneut zum Hof gebracht hat, entwickelt sich eine zweite Gerichtsverhandlung, in der weitere Schandtaten Reinekes ans Licht kommen und in Reden der Anklage und der Verteidigung verhandelt werden. Reineke verweist zwar auf allerlei Wohltaten seiner Familie am Hofe, insbesondere auch auf die Rettung von Nobels krankem Vater durch seinen eigenen. Der Vorwurf Isegrims jedoch, Reineke habe seine Gattin Gieremund geschändet, veranlasst Nobel zu der Entscheidung, Isegrim und Reineke in einem öffentlichen Zweikampf gegeneinander antreten zu lassen. Für den Fuchs bedeutet dies das zweite Todesurteil, denn er ist dem Wolf körperlich unterlegen. Reineke gewinnt, indem er den Wolf mit schmerzhaften Unsportlichkeiten außer Gefecht setzt. Das überzeugt das Publikum und veranlasst den König Nobel, Reineke zu seinem Rat und zum Kanzler des Reichs zu ernennen.Zur ausführlichen Inhaltsangabe siehe Reynke de vos.

Merkmale Das sich türmende Lügengebäude des Fuchses hat eine Verdichtung seiner Heucheleien, Bosheiten und Gewalttaten zur Folge, woraus der Zweikampf am Ende konsequent entwickelt ist, ähnlich dem sogenannten Showdown klassischer Filmgenres. Der innere Aufbau der Erzählung besteht in einer die Handlung steigernden Verknüpfung von Episoden, in denen der Fuchs jeweils mit Widersachern oder für ihn herausfordernden Situationen konfrontiert wird; die Episoden werden zudem für Binnenerzählungen genutzt, die – wie zum Beispiel in den Anklage- und Verteidigungsreden oder anlässlich der Beichten Reinekes – nicht nur der Steigerung der Gegenwartshandlung dienen, sondern auch unterschiedliche Sichtweisen der Beteiligten auf die Taten Reinekes gestatten. Seit dem 15. Jahrhundert wurde der Text in Kapitel und Bücher gegliedert.

Die Tiere im Reineke Fuchs sind anthropomorphe Geschöpfe; sie werden durch Eigennamen individualisiert und sind mit menschlichen Eigenschaften ausgestattet. Die Figuren folgen in ihren Handlungen einerseits ihrer tierischen Natur, andererseits den Regeln menschlichen Zusammenlebens. So enthält das Geschehen Beweggründe, die allen Lebewesen gemeinsam sind, wie zum Beispiel die Nahrungssuche oder die Flucht vor Verfolgung, ebenso wie Elemente ausschließlich menschlicher Ordnung, wie zum Beispiel den Ehebruch oder die Formen der Anklage und Verteidigung vor einem Gericht. Die für die Handlung ausschlaggebenden Charaktere, insbesondere Nobel, Braun, Reineke und Isegrim, sind gekennzeichnet durch Eitelkeit, Dummheit, List und Gier; diese Züge werden in den zahlreichen Nebenfiguren und ihren Schicksalen fortgesetzt und erweitert zu einem Panoptikum, in dem die menschliche Tragödie von Macht, Gewalt und Tod gestaltet ist als eine tierische Komödie.Vgl. dazu u. a.: Hans Robert Jauß: Untersuchungen zur mittelalterlichen Tierdichtung. Tübingen 1959; Peter Schneider: Das unheilige Reich des Reineke Fuchs. Frankfurt am Main 1990

Die Fuchs-Epen des Mittelalters mini|hochkant=0.5|links|Vulpes vulpes – der Rotfuchs mini|Avianus: Der Fuchs und der Hund (lat.). 10. Jahrhundert, Pergament. Bibliothèque nationale de France, Paris (BNF), Ms n. a. lat. 1332 f. 39 Der „schlaue Fuchs“ findet sich in den Sagenkreisen jener Gegenden der Welt, in denen Vulpes, der Fuchs, beheimatet ist, wie in Eurasien, Nordamerika und im Mittelmeerraum. In Europa tauchte er in der Literatur der Antike auf. In einer der Fabeln des Äsop wird von einem Fuchs erzählt, der einen kranken Löwen heilt; der Ursprung Reinekes wird dort vermutet. Im europäischen Mittelalter sind Tiererzählungen mit einem Fuchs durchgehend nachzuweisen, so kursierten zum Beispiel die von Äsop inspirierten lateinischen Fabeln von Phaedrus, Babrios und Avianus in den Handschriften. Seit dem 12. Jahrhundert erschien der Fuchs auch als tragende Figur, die als Reinardus, Renart, Reinhart, Reynaert oder Reynard mit einem sprechenden Namen auftrat, einer Komposition aus regin- (=Rat) und -hart (=stark, kühn).Düwel: Reineke Fuchs. In: EM Bd. 11 (2004), Sp. 488f.

Der Reinardus des lateinischen Mittelalters Als erste literarische Fassung in epischer Länge, in der ein Fuchs eine Rolle spielt, gilt die Ecbasis captivi, eine um 1040 entstandene Satire in lateinischer Sprache aus St. Evre bei Toul, in der von einem Gerichtstag des Löwen mit Klagen gegen den Fuchs erzählt wird.Ecbasis cuiusdam captivi per tropologiam. Die Flucht eines Gefangenen (Tropologisch). Text und Übersetzung. Mit Einleitung und Erläuterungen herausgegeben von Winfried Trillitzsch, historisch erklärt von Siegfried Hoyer. Leipzig 1964. Eine Kurzinformation über das Werk steht hier.

Einem unbekannten Autor aus Gent, vielleicht Nivardus, wird der Ysengrimus zugeschrieben, ein 1148 vollendetes Tierepos in lateinischer Sprache, in dem der Wolf Ysengrimus (in den Handschriften auch Isengrimus, Ysengrinus und Isengrinus) die Hauptrolle spielt und sich stetig mit seinem Gegner Reinardus, dem Fuchs, auseinandersetzen muss. Die beiden Tiere tragen hier erstmals die Namen, mit denen sie in allen späteren Texten identifiziert werden. Das Epos ist eine Satire auf den Mönchsstand; Ysengrimus ist darin der Mönch, sein Widersacher Reinardus der Laie. Das Werk, von dem auch eine gekürzte Fassung aus dem 14. Jahrhundert, der Ysengrimus abbreviatus, überliefert ist, fand im 15. Jahrhundert kaum noch Beachtung; seine Anspielungen und seine Polemik waren unterdessen veraltet.

Der Reinhart in den Volkssprachen des Mittelalters Die handschriftlichen Textüberlieferungen zeigen, dass sich Reinekes Geschichte über die Sammlungen einzelner Tiererzählungen und deren Verschmelzungen zunehmend in den verschiedenen Volkssprachen des europäischen Mittelalters zu einer die Sprachgrenzen überschreitenden literarischen Komposition verdichtete. Die im Jahre 1498 gedruckte niederdeutsche Fassung basierte auf niederländischen Versionen mit französischem Ursprung.

Roman de Renart mini|Aus dem Roman de Renart. Handschrift des 14. Jahrhunderts. BNF Ms fr.12584f. 18v, 19r mini|Heinrich: Reinhart Fuchs. Handschrift, ca. 1320–1330; Universitätsbibliothek Heidelberg, Cpg 341, 177r Zwischen 1170 und 1250 entstand im nördlichen Frankreich der in der Volkssprache verfasste Roman de Renart: Der schlaue Fuchs Renart triumphiert in zahlreichen Episoden unter anderem über einen starken Löwen (Noble) und einen dummen, gierigen Wolf (Ysengrin).Auf der Webseite zu einer Bestiarien-Ausstellung der Bibliothèque nationale de France (BNF) über Tiere in mittelalterlichen Illuminationen lassen sich unter dem Link roman de Renart eine Einführung (Audioversion, frz.) in das Werk und Scans einiger Seiten eines Manuskripts der BNF abrufen. Archivierter Text. Der Roman besteht aus sogenannten branches verschiedener Verfasser, deren Anzahl und Anordnung in den 20 überlieferten Handschriften und Fragmenten variieren und die zusammen etwa 25.000 Verse umfassen. Die Individualisierung der Tiere durch Eigennamen erscheint in den branches zunehmend ausgeprägt. Die Geschichten zeigen Merkmale der höfischen Welt, deren Vertreter und ihre Handlungen durch das Vermischen von menschlichen und tierischen Verhaltensweisen parodiert werden; Renart ist ein baron revolté, der die Macht des Königs der Tiere, des Löwen Noble, ständig gefährdet. Die in der branche XI erzählte Geschichte wird als grundlegend angesehen für die Erweiterung des Stoffes im 13. Jahrhundert; sie handelt davon, wie Renart die Löwin verführt, während Noble sich auf einem Kreuzzug befindet.Knapp: Renart. In: LMA Bd. 7 (1995), Sp. 721–722

Der romanische Sprachraum wies bereits im 12. und 13. Jahrhundert eine Fülle von Fuchsdichtungen auf und entwickelte daraus eine erfolgreiche eigene Tradition. So erschien um 1261 der über 8000 Verse umfassende Renart le bestourné von Rutebeuf, um 1270 der 3398 Verse lange Le couronnement de Renart, 1289 dann der Renart le nouvel von Jacquemart Gielée mit einem Umfang von 8048 Versen, und in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts schließlich der Renart le contrefait mit etwa 40.000 Versen.Jean-Claude Mühlethaler: Satire et bestiaire – Figurativité animale et récriture dans ›Renart le Bestourné‹ de Rutebeuf. In: Gisela Febel, Georg Maag (Hrsg.): Bestiarien im Spannungsfeld zwischen Mittelalter und Moderne. Gunter Narr Verlag, Tübingen 1997.

Relevant für den niederdeutschen Reynke von 1498 wurde indes nur der Roman de Renart, der bereits im Mittelalter auch die altfranzösische Sprache beeinflusste: die Bezeichnung des Fuchses als goupil wurde durch den Namen renart ersetzt und vergessen.Knapp: Renart. In: LMA, Bd. 7 (1995), Sp. 721

Reinhart Fuchs