Der Okeechobee-Hurrikan oder Huracán San Felipe Segundo war der folgenschwerste tropische Wirbelsturm der atlantischen Hurrikansaison 1928. Er zog im September des Jahres über Guadeloupe, die Inseln über dem Winde, Puerto Rico, die Bahamas und Florida. Der Hurrikan entstand am 6. September vor der Westküste Afrikas und intensivierte sich im Tagesverlauf zu einem tropischen Sturm, kurz bevor er südlich der Kapverden vorbeizog. In den folgenden Tagen wanderte der Sturm westwärts über den tropischen Atlantik und entwickelte sich dabei zunächst kaum, dann jedoch rasch. Er erreichte am 12. September Guadeloupe. Der Hurrikan verwüstete die Inseln stark, und durch seine Auswirkungen kamen dort 1200 Personen um. Auch die Inseln Martinique, Montserrat und Nevis meldeten Sach- und Personenschäden, doch erreichten diese bei weitem nicht das Niveau der Schäden in Guadeloupe.
Am Mittag des 13. September erreichte der Hurrikan als erster Hurrikan mit gemessenen andauernden Windgeschwindigkeiten über 200 km/h die Kategorie 5 der einige Jahrzehnte später eingeführten Saffir-Simpson-Hurrikan-Skala. Es handelt sich bis heute um das einzige Mal seit Beginn verlässlicher Beobachtungen, dass ein Hurrikan in dieser Stärke auf Puerto Rico traf. Auf der Insel wurden durch die Auswirkungen des Hurrikans 312 Personen getötet. Starke Winde zerstörten 24.728 Häuser und beschädigten 142.444 weitere; mehr als eine halbe Million Inselbewohner wurden obdachlos. Starkregen schädigte Vegetation und Landwirtschaft. Der wirtschaftliche Schaden auf der Insel wurde mit 50 Millionen US-Dollar ( Millionen US-Dollar in heutigen Preisen) beziffert. Beim Überqueren der Insel verlor der Hurrikan an Kraft und erreichte deswegen die Bahamas als Kategorie-4-Hurrikan, wo dank guter Vorbereitungen auf den Sturm nur 18 Menschen durch die Sturmauswirkungen ihr Leben verloren.
Früh am 17. September gelangte der Hurrikan bei West Palm Beach mit Windgeschwindigkeiten von 238 km/h über das Festland Floridas. 1711 Häuser in der Stadt wurden zerstört, doch am schwersten traf es Florida im Bereich des Lake Okeechobee. Die vom Wind erzeugte Sturmflut schwappte über den südlichen Rand des Sees und überschwemmte hunderte von Quadratkilometern Land bis zu sechs Meter hoch, darunter Belle Glade, Canal Point, Chosen, Pahokee und South Bay. Mindestens 2500 Bewohner Floridas wurden durch die Sturmauswirkungen getötet. Über dem Festland Floridas schwächte sich der Hurrikan in die Kategorie 1 ab und schlug eine nordöstliche Bahn ein. Einen Tag später gelangte der Hurrikan noch einmal über den offenen Ozean und schließlich bei Edisto Island, South Carolina, mit Windgeschwindigkeiten von 140 km/h endgültig über Land. In der Frühe des 19. Septembers löste sich das System über North Carolina auf. Insgesamt verursachte der Sturm Sachschäden von mehr als 100 Millionen US-Dollar ( Millionen US-Dollar in heutigen Preisen) und tötete mindestens 4079 Menschen. Beim Deichbruch des Okeechobeesees im südlichen Florida starben mindestens 2500 Menschen.
Sturmverlauf mini|links|Verlauf des Hurrikans Am 6. September meldeten Schiffe ein sich direkt vor der Westküste Afrikas bei Dakar, Senegal bildendes tropisches Tiefdruckgebiet. Am nächsten Tag meldete ein Schiff Windgeschwindigkeiten von 95 km/h – das entspricht der Windstärke 10 der Beaufortskala – und aufgrund dieser Angabe wurde im Rahmen der Hurrikanreanalyse angenommen, dass das System spät am 6. September den Status eines tropischen Sturmes erreicht hat. Weil sich der Sturm aber über mehrere Tage hinweg weitab von Land und Schiffsverkehr bewegte, führte das Fehlen von Beobachtungswerten jedoch dazu, dass das System auf seinem Weg westwärts über den tropischen Atlantischen Ozean nicht als tropischer Sturm oder Hurrikan eingestuft war. Der Sturm wurde erstmals am 10. September von der S.S. Commack, ungefähr 1450 km östlich von Guadeloupe, als solcher beobachtet. Das war der bis dahin östlichste durch Schiffsfunk gemeldete tropische Wirbelsturm. Im Tagesverlauf bestätigten zwei andere Schiffe die gemeldete Intensität, und die Hurricane Research Division des National Hurricane Center nimmt deswegen an, dass sich der Sturm am 10. September um 18:00 Uhr UTC in einen Hurrikan verstärkt hat.
Bei der Annäherung an die Kleinen Antillen intensivierte sich der Hurrikan weiter. Sein Auge überquerte am 12. September zwischen 17:30 und 18:30 Uhr UTC Guadeloupe, wo ein Luftdruck von 940 mbar gemessen wurde, was auf andauernde Windgeschwindigkeiten von 240 km/h hindeutet, dem Äquivalent der Kategorie 4 der heutigen Saffir-Simpson-Hurrikanskala. Danach zog der Hurrikan über die Leeward Islands westnordwestwärts, und das Zentrum zog etwa 15 km südlich an Saint Croix vorbei, bevor sich der Hurrikan Puerto Rico annäherte. Am 13. September überquerte das Zentrum des Hurrikans binnen acht Stunden die Insel von Südosten nach Nordwesten, nachdem er bei Guayama über Land zog und bevor er zwischen Aguadilla und Isabela wieder das Meer erreichte. Ein Schiff knapp südlich der Küste Puerto Ricos meldete einen Luftdruck von 931 mbar, und ein Anemometer in San Juan zeichnete Windgeschwindigkeiten von fast 270 km/h auf, bevor es versagte. Weil diese Station rund 50 km nördlich des Sturmzentrums lag, wurden die Windgeschwindigkeiten für den Landfallpunkt inoffiziell mit bis zu 320 km/h angenommen. Dementsprechend gelangte der Hurrikan in Puerto Rico als Kategorie-5-Hurrikan über Land; allerdings bestehen wegen der großen Ausdehnung und der langsamen Bewegung Ungenauigkeiten in der Spitzenintensität.
Nach der Überquerung von Puerto Rico hatte der Hurrikan sich abgeschwächt; der gemessene Luftdruck in Isabela von 941 mbar deutete auf Windgeschwindigkeiten von 240 km/h hin. Das System zog weiter in westnordwestlicher Richtung und streifte die Nordküste von Hispaniola. Sich wieder verstärkend passierte der Hurrikan am 15. September Grand Turk in einer Entfernung von weniger als 55 km; zu diesem Zeitpunkt erhöhten sich die andauernden Windgeschwindigkeiten auf 250 km/h. Er zog demnach als Kategorie-4-Hurrikan durch die Bahamas und befand sich am 16. September um 10:00 Uhr UTC bei Nassau. Ursprünglich war der Meteorologe Richard Gray vom U.S. Weather Bureau optimistisch, dass der Hurrikan den Süden Floridas verschonen würde.
Am 17. September um 00:00 Uhr UTC überquerte das Zentrum des Hurrikans im Südosten Floridas bei West Palm Beach mit geschätzten Windgeschwindigkeiten von 230 km/h die Küste. Diese Einschätzung resultiert aus dem in der Stadt gemessenen Luftdruck von 929 mbar, zum damaligen Zeitpunkt der niedrigste in den Vereinigten Staaten gemessene Luftdruck; der vorherige Tiefstwert von 935 mbar wurde beim Miami-Hurrikan 1926 gemessen. Spitzenböen von geschätzten 260 km/h traten bei Canal Point auf.
Auf dem Weg über das Festland und den Lake Okeechobee verlor der Hurrikan rasch an Stärke, obwohl er aufgrund seiner großen Ausdehnung noch mehrere Tage lang den Status als Hurrikan beibehalten konnte. Spät am 17. September schwenkte der Hurrikan nach Nordosten und passierte Jacksonville früh am folgenden Tag mit Windgeschwindigkeiten von 120 km/h. Um 08:00 Uhr UTC am 18. September erreichte der Sturm wieder offenes Wasser. Im Tagesverlauf verstärkte sich der Hurrikan noch einmal leicht und gelangte bei Edisto Island, South Carolina um 19:00 Uhr UTC mit Windgeschwindigkeiten von 140 km/h endgültig über Land. Die Zuggeschwindigkeit nach Nordosten beschleunigte sich, und der Hurrikan schwächte sich über North Carolina rasch in einen tropischen Sturm ab. Am 19. September ging der tropische Sturm in ein außertropisches System über und erreichte noch einmal Orkanstärke. Das System schlug schließlich eine nordnordwestliche Richtung ein und durchquerte schnell die Staaten an der Ostküste der Vereinigten Staaten. Am 21. September löste sich der frühere Hurrikan über Ontario auf, indem er mit einer anderen Störung verschmolz.
260 km/h auf Puerto Rico waren die höchste andauernde Windgeschwindigkeit, die bis dahin für einen atlantischen Hurrikan gemessen wurde. Erst 1950 wurde mit Hurrikan Dog ein stärkerer Sturm aufgezeichnet. Auf Grund dieser Messung wird der Okeechobee-Hurrikan als der erste Hurrikan im Atlantikbecken betrachtet, der die Kategorie 5 erreichte. Allerdings gilt es als sicher, dass auch frühere Stürme bereits diese Stärke erreichten, z. B. 1846 der Great Havana Hurricane, doch gab es vor 1886 keine gemessenen Windgeschwindigkeiten.
Namensgebung Vor 1953 gab es im atlantischen Becken noch kein offizielles Schema zur Vergabe von Namen für tropische Wirbelstürme. Seit dem Beginn der spanischen Kolonialisierung im Jahr 1492 war es ein Brauch, Hurrikane nach den römisch-katholischen Heiligen des Tages zu benennen, an dem diese auf Puerto Rico trafen. Der Hurrikan ist deswegen auch unter den Namen Huracán San Felipe Segundo oder San Felipe II Hurricane bekannt, weil das Auge des Sturms Puerto Rico am christlichen Feiertag des Heiligen Philippus erreichte. Er wurde „Segundo“ (span. „der Zweite“) genannt, weil Puerto Rico schon einmal, 52 Jahre zuvor, am gleichen Tag des Jahres 1876, von einem zerstörerischen Hurrikan heimgesucht wurde, dem San-Felipe-Hurrikan. 1953 begannen die Vereinigten Staaten damit, Hurrikane mit weiblichen Vornamen zu benennen – von 1978 an wurden im jährlichen Wechsel Vornamen beiderlei Geschlechts verwendet –, doch auf Puerto Rico endete die offizielle Benennung nach Heiligen erst 1960.
Auswirkungen Todesopfer nach Region Region Tote Martinique 3 Guadeloupe 1200 Montserrat 42 Nevis 3 Puerto Rico 312 Bahamas 19 Florida 2500+ Gesamt 4079+
Leeward Islands Der Hurrikan intensivierte sich, als er über die Leeward Islands hinwegzog. Auf Dominica wurden Windgeschwindigkeiten von 20 Knoten (rund 37 km/h) gemessen. Schäden wurden hier nicht gemeldet. Auf dem südlich der Zugbahn gelegenen Martinique kamen durch die Auswirkungen des Sturmes drei Menschen um. Guadeloupe wurde vom Hurrikan direkt und offensichtlich ohne ausreichende Vorwarnung getroffen, denn dort verloren 1200 Personen ihr Leben. Die französische Regierung in Paris gab an, der Hurrikan hätte dort „große Zerstörungen“ verursacht. Etwa 85–95 % der Bananenstauden und 70–80 % der Obstbäume wurden schwer geschädigt, und 40 % der Zuckerrohrernte wurden vernichtet.
Die nördlich der Zugbahn gelegene Insel Montserrat wurde vor dem Sturm gewarnt; dennoch kam es zu Sachschäden in Höhe von 150.000 Pfund Sterling (in Preisen von 1928; £ in heutigen Preisen). 42 Personen wurden durch die Sturmauswirkungen getötet. Die Orte Plymouth und Salem wurden verwüstet, und die Ernteausfälle führten zu hungersnotähnlichen Zuständen, bevor Hilfslieferungen eintrafen. Die Inseln St. Kitts und Saint Croix ließ der Hurrikan bei der Passage südlich liegen. Dort kam es zwar zu schweren Schäden an Eigentum und der Landwirtschaft, doch wurden von diesen Inseln keine fatalen Personenschäden gemeldet. Die Insel Nevis meldete drei sturmverursachte Todesfälle.
Puerto Rico links|mini|hochkant|Winde in Orkanstärke trieben dieses 3 m lange Holzstück in eine Palme in Puerto Rico. Als der Sturm in der Nähe von Dominica war, warnte das Weather Bureau in San Juan, Puerto Rico über die Gefahr, dass ein Hurrikan die Insel binnen ein oder zwei Tagen treffen könnte. Die Warnung wurde per Telegraph an die 75 Polizeidistrikte geschickt und alle zwei Stunden von der Marinerundfunkstation gesendet; es handelte sich um das erste Mal, dass Hurrikanwarnungen über Rundfunk verbreitet wurden. Die Warnungen wurden auch an zwölf Häfen entlang der Südküste gesendet, sodass Schiffe im Hafen blieben oder die Nähe der Insel mieden. Die effektive Vorbereitung gilt als Grund für die verhältnismäßig geringe Opferzahl von 312 Toten; nicht ein einziges Schiff ging in der Nähe von Puerto Rico auf See verloren. Im Vergleich dazu starben 1899 durch die Auswirkungen des San-Ciriaco-Hurrikan etwa 3000 Menschen.