mini|Aktuelle Verbreitung der Nenzen (Hellgrün - Tundra Nenzen, Dunkelgrün - Wald Nenzen) Die nenzische Sprache (hist.: jurakische Sprache) ist eine der samojedischen Sprachen. Diese bilden gemeinsam mit den finno-ugrischen Sprachen die uralische Sprachfamilie. Die nenzische Sprache teilt sich in die Sprachvarietäten des Wald-Nenzischen und des Tundra-Nenzischen.

Nenzisch wird im nördlichen Osteuropa und in Nordasien von den Nenzen, einer teilweise nomadischen und rentierhaltenden Bevölkerung der Tundra und nördlichen Taiga gesprochen. Die erst 1993 durch Marija Barmitsch verschriftete Sprache der Wald-Nenzen und die verschriftete Sprache der Tundra-Nenzen sind wechselseitig verständlich.

Status, Verbreitung, Sprecherzahl

Status und Sprecherzahl Gesprochen wird die nenzische Sprache – neben der russischen Amtssprache – im Autonomen Kreis der Nenzen, im Autonomen Kreis der Jamal-Nenzen und im Autonomen Kreis Taimyr (Dolgano-Nenzischer Autonomer Kreis). In Gebrauch könnte sie auch noch auf der zur Oblast Murmansk gehörenden Halbinsel Kola und im Norden des Autonomen Kreises der Chanten und Mansen sein. Nach Angaben von 2003 (Finno-ugorski westnik Nr. 29) wird sie von 24.000 Menschen gesprochen. Für 1990 wurde angegeben, dass 77,1 % der 34.665 Nenzen Nenzisch als Erstsprache sprechen (offizielle russische Statistik). Nach der russischen Volkszählung von 2010 beträgt die gesamte nenzische Population 44.640 Menschen, wobei 2.000 von ihnen Wald-Nenzen sind.

Geographie des Tundra-Nenzischen Das Gebiet des Tundra-Nenzischen erstreckt sich über die nördliche russische Tundra. Im Westen über die Ostküste des Weißen Meeres, bis zu den Nebenflüssen im Unterlauf des Jenissei im Osten. Im Norden erstreckt es sich vom Arktischen Ozean bis zur Nordgrenze der Waldzone im Süden.

Geographie des Wald-Nenzischen Das Gebiet des Wald-Nenzischen erstreckt sich über die Waldtundra und Taiga entlang der Flüsse Pur und Agan. Zudem sind Sprecher auch im Gebiet des Numto-Sees im Autonomen Kreis der Chanten und Mansen/Jugra zu finden.

Status und Verbreitung Das Nenzische ist unter den Sprachen der indigenen Völker des russischen Nordens insofern ein Sonderfall, als es noch nicht akut vom Aussterben bedroht ist. Dies liegt in erster Linie an der vollnomadischen Rentierhaltung der Tundra-Nenzen, in der allein auf der Halbinsel Jamal ca. 5.000 Menschen ganzjährig tätig sind. Die Wald-Nenzen halten kleinere Rentierherden für den Transport und betreiben nebenbei traditionellen Fischfang und Jagd. Innerhalb der nomadischen Gemeinschaften stellt das Nenzische die dominierende Verkehrssprache dar. Ein Verschwinden des Nomadismus, etwa infolge von Öl- und Gasförderung würde also die Überlebenschancen der Sprache drastisch verschlechtern.

Dialektgruppen Die Grenzen der Dialektgruppen stimmen meist mit den natürlich geografischen sowie den Grenzen traditioneller Nomadengebiete überein.

Tundra-Nenzisch Die Dialekte des Tundra-Nenzischen sind relativ homogen und können normalerweise beidseitig verstanden werden.

Der fernwestliche Dialekt liegt um die Kanin-Halbinsel hin zum Fluss Indiga. Der westliche Dialekt liegt im Bereich vom Fluss Indiga bis zum Fluss Pechora. Der zentrale Dialekt wird im östlichen Teil der autonomen Region der Nenzen gesprochen. Der östliche Dialekt erstreckt sich von den östlichen Hängen des Uralgebirges bis hin zur Halbinsel Jamal. Der fernöstliche Dialekt erstreckt sich vom westlichen Teil der Halbinsel Gydan bis zum westlichen Teil der Halbinsel Taimyr und dem Unterlauf des Flusses Jenissei.

Wald-Nenzisch Aufgrund der geographischen Trennung sind die Unterschiede zwischen den Dialekten des Wald-Nenzischen recht deutlich, vor allem im phonetischen Bereich. Trotz der Unterschiede sind die Dialekte gegenseitig verständlich.

Der Pur-Dialekt ist zu finden am Ober-, Mittel- sowie teilweise am Unterlauf des Flussbeckens Pur. Der Agan-Dialekt wird entlang der Flüsse Agan und Amputa gesprochen. Der Numto-Dialekt liegt im Bereich des Numto-Sees sowie des Oberlaufs des Flusses Kasym.

Schriftsprache Das Nenzische ist die einzige samojedische Schriftsprache. Um 1895 schufen russisch-orthodoxe Missionare die erste Schrift und veröffentlichten eine Grammatik und eine Fibel. Aber erst die 1932 geschaffene Schriftsprache begann sich zu etablieren. Zunächst wurde mit lateinischen Buchstaben, seit 1937 in kyrillischer Schrift geschrieben. Seither hat sich neben der mündlichen Überlieferung eine kleine Literatur in dieser Sprache entwickelt.

Modernes nenzisches Alphabet:

А а Б б В в Г г Д д Е е Ё ё Ж ж З з И и Й й К к Л л М м Н н Ӈ ӈ О о П п Р р С с Т т У у Ф ф Х х Ц ц Ч ч Ш ш Щ щ Ъ ъ Ы ы Ь ь Э э Ю ю Я я ʼ ʼʼ

Phonetik

Tundra-Nenzisch Das Phoneminventar des Tundra-Nenzischen umfasst 10 Vokale und 27 Konsonanten.

Vokale Das Vokalinventar setzt sich aus ‚einfachen‘ Vokalen zusammen (/i u e o ɑ/), welche in jeder beliebigen Position auftreten können. Wobei betonte, nicht-geschlossene Vokale (/e o ɑ/) relativ lang ausgesprochen werden.

Drei weitere Vokale können als ‚gedehnt‘ klassifiziert werden, zwei Monophthonge (/iː uː/) und ein Diphthong (/æː/). Diese werden lang oder halb-lang ausgesprochen und kommen nur in der Anfangssilbe des Wortes vor.

Ein letzter Vokal gilt als ‚reduziert‘ (/ʌ/) und wird nur in betonten Silben verwendet.

Das Nenzische besitzt zudem ein Phonem, welches als ‚Schwa‘ oder ‚reduziert‘ (/°/) bezeichnet wird. Es kommt nur in unbetonten Silben vor.

Konsonanten +Konsonanten des Tundra-Nenzischenbilabial nicht-palatalisiertbilabial palatalisiertdental nicht-palatalisiertdental palatalisiertvelarglottalStimmhafter Plosiv/p//pj//t//tj//k//ʔ1/ /ʔ2/Stimmloser Plosiv/b//bj//d//dj/Nasale/m//mj//n//nj//ŋ/Vibrant/r//rj/Affrikate/t͡s//t͡sj/Frikative/s//sj//x/Approximanten/w//j/Laterale Approximanten/l//lj/

Der erste glottale Plosiv (/ʔ1/) kann nicht nasaliert werden, wobei der zweite (/ʔ2/) nasaliert werden kann. Beide werden gleich ausgesprochen, tauchen aber in jeweils anderen Positionen im Wort auf.

Wald-Nenzisch Das Phoneminventar des Wald-Nenzischen umfasst 13 Vokale und 24 Konsonanten.

Vokale Das Vokalinventar hier setzt sich aus 6 langen Vokalen zusammen, 5 davon sind Monophthonge (/iː eː ɑː oː uː/) und einer ein Diphthong (/æː/).

Zudem finden sich auch 6 kurze Vokale, 5 davon wieder Monophthonge (/i ɑ u e o/) sowie ein Diphthong (/æ/).

Alle kurze und langen Vokale können in betonten Silben auftauchen, in unbetonten Silben tauchen lediglich (/i ɑ æ u/) auf und der Längenkontrast wird neutralisiert.

Ein Vokal (/°/) gilt als reduziert. Dieser kann in unbetonten Silben auftauchen und verhält sich ähnlich zu demselben Vokal im Tundra-Nenzischen.

Konsonanten +Konsonanten des Wald-Nenzischenbilabial nicht-palatalisiertbilabial palatalisiertdental nicht-palatalisiertdental palatalisiertvelar nicht-palatalisiertvelar palatalisiertglottalNasal/m//mj//n//nj//ŋ//ŋj/Plosive/p//pj//t//tj//k//kj//ʔ1/Frikativ/β//βj a//s//sj//x//xj/Lateraler Frikativ/ɬ//ɬj/Approximant/j/Lateraler Approximant/l//lj/

Im Wald-Nenzischen findet sich nur ein glottaler Plosiv (/ʔ1/).

Morphologie Wald- und Tundra-Nenzisch verfügen über erhebliche Unterschiede in der Morphologie sowie teilweise auch in den dialektalen Varietäten.

Derivation Im Wald- sowie Tundra-Nenzischen erfolgt die Derivation über Suffigierung von passenden Morphemen. Beide Varietäten verfügen über einen relativ großen Bestand an Derivationsmorphemen, dennoch ist das Gebiet der Derivation ein noch zu wenig erforschtes. Dies ist vor allem im Wald-Nenzischen der Fall.

Wortstämme Sowohl Wald- als auch Tundra-Nenzisch verfügen über zwei funktionell unterschiedliche Typen von Wortstämmen.

Die primären Stämme können sowohl in nicht-flektierten Formen auftreten sowie auch als Basis für künftige Flexion und Derivation dienen. Die Hauptarten dieser Stammart enden in einem Fall in einem Vokal oder einem Konsonanten. Der Unterschied zwischen beiden liegt in der Art des Suffixes, welches angehängt werden kann, sowie auch in Unterschieden in der Sekundärstamm-Bildung. In den vokalfinalen Stämmen finden sich weitere Unterkategorien, basierend auf der Silbenanzahl. In den konsonantenfinalen Stämmen lassen sich die jeweiligen Unterkategorien durch die Endungen unterscheiden. In diesem Fall also einer Endung durch einen glottalen Plosiv oder einen anderen Konsonanten.

Die sekundären Stämme sind das Ergebnis einer Derivation der primären Stämme und können lediglich in bestimmten morphologischen Umgebungen auftreten und nur flektiert werden. Die Derivationsmuster dieser sekundären Stämme variieren abhängig vom Typen des Primärstamms, sowie auch des Anfangslauts des folgenden Suffixes. Der sekundäre Stamm eines Nomens lässt sich im Akkusativ des Plurals finden und dient als Basis für weitere Flexion. Der sekundäre Stamm eines Verbs verfügt über mehrere Unterkategorien basierend auf grammatischen Merkmalen wie der Konjugation, der Person und Anzahl der Subjekte, der Anzahl der Objekte, des Tempus sowie auch des Modus.

Tundra-Nenzisch Im Tundra-Nenzischen sind die Haupttypen des sekundären Verbstamms der generelle finite Stamm, welcher im indikativen nicht-Futur oder in der Vergangenheit der Subjektkonjugation verwendet wird. Zudem wird er auch im Jussiv verwendet. Der andere Typ umfasst den speziellen finiten Stamm, welcher als Basis für die Flexion in der reflexiven Konjugation dient sowie auch in der Plural-Objektkonjugation.

Wald-Nenzisch Das Wald-Nenzische wurde bis jetzt noch nicht weitgehend untersucht. Es werden jedoch sowohl Ähnlichkeiten als auch Unterschiede zum Tundra-Nenzischen erwartet.

Nominalflexion

Am Nomen kann der Kasus, der Numerus, der Possessor sowie auch die Kategorie des Prädestinativs markiert werden. Die Reihenfolge der Suffigierung ist die folgende:

Wortstamm – (Klitikon) – (Prädestinatives Suffix) – Numerus/Kasus Suffix – (possessiver Suffix)

Numerus Im Nenzischen finden sich Singular-, Dual- und Pluralformen.

In beiden Varietäten stehen Nomen, welche bereits mit einer Ziffer quantifiziert wurden, im Singular. Objekte, welche als Paar vorkommen, werden grundsätzlich mit einem Pluralmarker suffigiert.

Dual Im Tundra-Nenzischen finden sich die nicht-possessive Dualmarkierung /-x°ʔ2/ und die possessive Dualmarkierung /-xʌju/.

Im Wald-Nenzischen finden sich die nicht-possessive Dualmarkierung /-x°ŋ/ und die possessive Dualmarkierung /-xɑjo/.

Sowohl Genitiv- als auch Akkusativformen in der Dualform sind in beiden Variationen identisch zum Nominativ des Duals. Im Lokativ werden anstatt dualer Formen periphrastische Konstruktionen verwendet, welche mithilfe von Postpositionen markiert werden.

Die Postposition im Tundra-Nenzischen: /njɑ/.

Die Postposition im Wald-Nenzischen: /njɑː/.

Sie werden im jeweiligen Lokativ flektiert.

Plural Im Tundra-Nenzischen ist der nichtpossessive nominative Pluralmarker /-ʔ1/.

Im Wald-Nenzischen wird der nichtpossessive Nominative Plural bei mit glottalem Plosiv endenden Stämmen (/ʔ/) durch eine Verlängerung des Vokals in der finalen Silbe markiert. Die restlichen Stämme (siehe oben) werden mit einem glottalen Plosiv markiert /ʔ-/.

Kasus In beiden Varietäten finden sich drei grammatische Kasus: Nominativ, Genitiv und Akkusativ. Zudem sind auch vier Ortskasus (oder Lokativ) vorhanden: Dativ, instrumentaler Lokativ, Ablativ und Prolativ.

Die Bildungen des Akkusativ-Plurals sowie des Genitiv-Plurals variieren je nach Stamm und wurden deswegen in den folgenden Tabellen generalisiert.

Einige wenige semantische und syntaktische Unterschiede treten zwischen den Tundra- und Waldvarietäten auf. Beispielsweise treten Genitivsubjekte in einem nicht-finiten Kontext im Tundra-Nenzischen zwar nicht sehr häufig auf, existieren jedoch. Und obwohl diese Verwendung des Genitivs im Tundra-Nenzischen gezeigt werden konnte, findet sich keine vergleichbare Verwendung im Wald-Nenzischen.