mini|Historische Darstellung einer Forcepsextraktion Die Geburtszange, genannt auch Forceps ( für „Zange“), ist ein bei Geburtskomplikationen eingesetztes geburtshilfliches Instrument zum Fassen und Herausziehen des Kindes über die Scheide. Die damit erfolgende Beendigung der Geburt wird Zangengeburt genannt. Ihr liegt das physikalische Prinzip des Hebelgesetzes zugrunde, wonach die an den Enden der Geburtszange wirkende Haltekraft kleiner ist als die aufgebrachte Handkraft durch den Faustschluss. Einen wesentlichen Fortschritt aber brachte erst die Entwicklung einer mit zwei in einem Gelenk gekreuzten Schenkeln ausgestatteten Geburtszange. Durch diese übt die auf den langen Schenkel wirkende Handkraft (Faustschluss) bei einem entsprechenden Hebelverhältnis durch die Backen auf der gegenüberliegenden Seite des Drehpunktes eine weitaus größere Kraft auf den kindlichen Kopf aus als dies bei der einfachen Geburtszange möglich wäre.
Instrumentarium mini|Naegele-Zange Eine Geburtszange besteht aus zwei gleichen Metallteilen (Blättern). Jedes Blatt besteht aus dem Löffel, der den kindlichen Kopf umfasst, dem Halsteil, an dem sich der Zangenverschluss befindet, und dem Griff der Zange, der durch einen seitlich eingesetzten Zughaken beim Ziehen einen festen Halt bietet. Ein ähnliches geburtshilfliches Instrument stellen die auch bei Schnittentbindungen benutzte Kopfschwartenzange sowie die Zweifelsche ZangeVgl. etwa Gustav Döderlein: Der heutige Stand der abdominalen Schnittentbindung. In: Münchener Medizinische Wochenschrift. Band 95, Nr. 1, 2. Januar 1953, S. 56–61, hier: S. 58 und 60. dar.
Indikation Gründe für eine Zangenentbindung sind die kindliche Hypoxie, die Erschöpfung der Gebärenden oder kombinierte Indikationen. Wichtige Voraussetzungen für die Durchführung der Zangenentbindung sind, dass der Kopf des Kindes mindestens die Beckenmitte erreicht hat und der Ausschluss eines Missverhältnisses zwischen mütterlichem Becken und kindlichem Kopf. Alternativ kommt in dieser Situation die Saugglocke zum Einsatz.
Der Vorteil der Zange gegenüber der Saugglocke ist die Möglichkeit einer Rotation des Kopfes.
Technik Der Kopf des Kindes wird durch den Geburtshelfer mit den beiden Zangenlöffeln umfasst. Der Sitz der Zange wird kontrolliert und mit einem Probezug überprüft, ob der Kopf dem Zug folgt. In mehreren wehensynchronen Traktionen erfolgt die Entwicklung des kindlichen Kopfes. Die Extraktion kann durch den Kristeller-Handgriff unterstützt werden.
Komplikationen Beim Kind kann es durch den Druck der Löffel zu Abschürfungen und Hämatomen der Haut und periorbitalen Gewebe sowie zeitweiligen oder dauerhaften Lähmungen des Gesichtsnervs kommen.
Mögliche mütterliche Verletzungen sind Damm-, Scheiden- und Gebärmutterhalsrisse (Zervixrisse). Ferner treten Verletzungen des Musculus levator ani auf (der aus mehreren Komponenten besteht, die gemeinsam den Beckenboden formen, Heber des Afters: Eine Muskelplatte, die das Becken nach unten hin abschließt),Zangen und andere Hilfsmittel: Eine Geburt ist nichts für grobe Handwerker. FAZ vom 6. April 2015. wobei Abrisse des Muskels von der Innenseite des Schambeins nicht selten beidseits beschrieben werden. Eine norwegische Studie kommt nach Befragung von mehr als 3.000 Frauen im Abstand von 15 bis 23 Jahren nach der Geburt ihres ersten Kindes zu dem Schluss, dass der Kaiserschnitt in Bezug auf Beckenboden-Probleme am schonendsten sei. Vaginale Geburten würden den Beckenboden deutlich mehr belasten, am meisten jedoch instrumentelle Entbindungen mit Saugglocke und insbesondere mit Zange.I. Volløyhaug, S. Mørkved u. a.: Pelvic organ prolapse and incontinence 15-23years after first delivery: a cross-sectional study. In: BJOG: An International Journal of Obstetrics & Gynaecology. 2015, S. n/a, doi:10.1111/1471-0528.13322.
Geschichte mini|alt=Chamberlen forceps as found in Malden|Chamberlen-Zange (Maldon) Die Entwicklung der ersten Geburtszange im 17. Jahrhundert wird Peter Chamberlen (1560–1631),Peter M Dunn: In: Arch Dis Child Fetal Neonatal Ed, 1999, 81, S. F232–F235. Peter the Elder, einem aus Frankreich nach England emigrierten hugenottischen Geburtshelfer, Gynäkologen und ChirurgenWerner E. Gerabek: Chamberlen. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 237. zugesprochen, obgleich die Idee zu dieser von der englischen Chirurgenfamilie Chamberlen als geheimgehaltenenPaul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 28. Geburtszange und ähnlichen Instrumenten damals von mehreren frühneuzeitlichen Geburtshelfern in Betracht gezogen wurde.
So wurde ein ähnliches Instrument von dem flämischen Chirurgen und Geburtshelfer Jan Palfijn (1650–1730) entwickelt. Er stellte 1723 der Académie des sciences in Paris einen Prototyp les mains de Palfyn vor. Der Engländer William Smellie, ein exzellenter Geburtshelfer und guter Beobachter des Geburtsmechanismus, entwickelte ein anderes anerkanntes Modell. Seine kleine ungekrümmte Zange mit Fugenschloss, bei der er das Modell mit Beckenkrümmung von André Levret aus Frankreich weiterentwickelte,Hibbard, Bryan: (PDF) S. 43 (PDF; 523 kB). fand große Verbreitung. Auch der schottische Medizinprofessor John Aitken († 1790)Werner E. Gerabek: Aitken, John. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 22. trug als Erfinder zur Verbesserung der Geburtszange bei. Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelte Hermann Joseph Brünninghausen (1761–1834) als Assistenzarzt im Juliusspital die Geburtszange mit dem sogenannten deutschen Schloss.H. J. Brünninghausen ueber eine neue von ihm erfundene Geburtszange. Stahel, Würzburg 1802.Robert Herrlinger: Die Erfindung der deutschen Geburtszange. In: Ärztliche Praxis. 15. August 1953. Ein weiteres Zangenmodell stellte 1916 Christian Kjelland (1871–1941) vor.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 60.
Statistik + Entbindungen in deutschen Krankenhäusern Jahr Entbindende Frauen davon durch Zangengeburt Anteil 1994 757.693 17.453 2,3 % 1995 749.086 16.397 2,2 % 1996 778.900 16.634 2,2 % 1997 795.724 15.861 2,0 % 1998 766.508 14.525 1,9 % 1999 750.617 10.520 1,4 % 2000 746.625 12.139 1,6 % 2001 715.136 10.071 1,4 % 2002 698.410 9.366 1,3 % 2003 687.508 7.482 1,1 % 2004 682.767 7.142 1,1 % 2005 664.597 5.809 0,9 % 2006 652.642 5.148 0,8 % 2007 664.454 4.877 0,7 % 2008 662.783 4.528 0,7 % 2009 644.274 4.247 0,7 % 2010 656.390 3.797 0,6 % 2011 642.197 3.420 0,5 % 2012 653.215 3.037 0,5 %2013661.1383.3240,5 %2014692.7943.0260,4 %2015716.5392.8890,4 %2016761.7772.6700,4 %2017762.3432.5380,3 %
Literatur Schneider, Husslein: Die Geburtshilfe. Springer Verlag, ISBN 3-540-64762-7. Zahedi, Nasser: Entwicklungsgeschichte der Geburtszange. Lehmanns (2003) Vilhelm Møller-Christensen: The history of the forceps. Medizinische Dissertation, Kopenhagen 1938. Peter Schneck: Geburtszange. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 464 f. H. Bradtmöller: Die Geschichte der geburtshilflichen Zangen und Hebel. Göttingen 1935.
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Einzelnachweise
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