Gießen ist eine Universitätsstadt im Landkreis Gießen in Mittelhessen und mit Einwohnern () die siebtgrößte Stadt des Landes Hessen und eine der sechs Sonderstatusstädte des Landes. Als Sitz des Regierungsbezirks Gießen und des Landkreises ist sie Verwaltungszentrum Mittelhessens, bedeutender Verkehrsknotenpunkt und eines der Oberzentren der Region.
Mit dem zehn Kilometer westlich gelegenen Wetzlar im Lahn-Dill-Kreis bildet die Stadt einen Agglomerationsraum mit etwa 200.000 Einwohnern, in der näheren Region kommt man auf ca. 275.000 Einwohner. In weiterer Entfernung liegen die Städte Marburg (Landkreis Marburg-Biedenkopf) lahnaufwärts, Fulda (Landkreis Fulda) jenseits des Vogelsbergs, Siegen (Kreis Siegen-Wittgenstein) in Südwestfalen, Friedberg (Hessen) und Bad Nauheim im Wetteraukreis sowie Limburg an der Lahn (Landkreis Limburg-Weilburg) am Rande des Westerwalds.
In der Stadt befinden sich die Justus-Liebig-Universität, mehrere Bereiche der Technischen Hochschule Mittelhessen, die Freie Theologische Hochschule Gießen und eine Abteilung der Hessischen Hochschule für Polizei und Verwaltung, die Erstaufnahmeeinrichtung des Landes Hessen für Flüchtlinge sowie die Landesgeschäftsstelle der Landesschülervertretung Hessen.
mini|hochkant|Luftaufnahme von Gießens Innenstadt und der Lahn
Geographie Geologie, Das Gießener Becken mini|Geologische Karte, Lahnmulde, Gießener Becken Das Gießener Becken ist Teil der Mittelmeer-Mjösen-Zone, innerhalb derer es die Wetterau nach Nordwesten verlängert, bevor der Vordere Vogelsberg die Senke nach Nord(ost)en basaltisch zum Amöneburger Becken hin abriegelt. Als Grenzsenke des Westhessischen Berglandes zum westlich gelegenen Rheinischen Schiefergebirge wird es nach Norden durch die Elnhausen-Michelbacher Senke und die Wetschaft-Senke verlängert.
Nach Westen wird das Gießener Becken durch das Diilltal und das Gießen-Koblenzer Lahntal verlängert, während die nördlich und oberhalb liegende Marburger Lahntalsenke lediglich einen schmalen Durchbruch durch die Buntsandsteinplatten von Marburger Rücken und Lahnbergen – beides mehr oder weniger Südostausläufer des Burgwaldes – darstellt.
Lage Gießen liegt am Flusslauf der Lahn, wo diese ihren Lauf von südlicher in westliche Fließrichtung ändert, in einer der seltenen Aufweitungen des Lahntals. Aus nördlicher Richtung fließt die Lahn von Marburg kommend durch das Lahntal auf die Stadt zu. Den Nordwesten nehmen die Ausläufer des Gladenbacher Berglands ein. Diesem vorgelagert ist das Gleiberger Land mit den Burgen Gleiberg und Vetzberg und dem Dünsberg, der mit 498 Meter höchsten Erhebung in der weiteren Gießener Umgebung. Im Westen öffnet sich das Lahntal bis nach Lahnau-Atzbach. Hier liegen Kiesvorkommen, die ausgebaggert wurden, anschließend wurde dort ein Naherholungsgebiet inklusive eines Wassersportzentrums etabliert. Im Südwesten der Stadt beginnt der Hintertaunus, die nordöstlichste naturräumliche Einheit des Taunus, an den im Süden die Wetterau und das Rhein-Main-Tiefland anschließen (siehe Liste der naturräumlichen Einheiten in Hessen). Im Osten geht das Gießener Land in das Mittelgebirgsland des Vogelsbergs über.
Größere Städte in der Nähe Gießens sind die beiden Oberzentren Wetzlar 12 Kilometer westlich und Marburg 30 Kilometer nördlich, die beide ebenfalls an der Lahn liegen, sowie Siegen in Westfalen 75 Kilometer nordwestlich, Fulda 80 Kilometer östlich, Butzbach 18 Kilometer südlich sowie Frankfurt am Main 65 Kilometer südlich.
Nachbargemeinden Nachbargemeinden sind (im Uhrzeigersinn, beginnend im Westen): Heuchelheim an der Lahn Wettenberg Lollar Buseck Fernwald Pohlheim Linden Hüttenberg (Lahn-Dill-Kreis) Wetzlar (Lahn-Dill-Kreis)
Stadtgliederung mini|Gießen und seine fünf Stadtteile mini|Statistische Bezirke Gießens
Die alte Kernstadt Gießens bildet mit einer Größe von rund 40 km² und ca. 65.000 Einwohnern den Hauptteil. Neben ihr gehören gemäß HauptsatzungHauptsatzung der Stadt Gießen, abgerufen am 30. März 2011. noch fünf weitere Stadtteile als formale Ortsbezirke mit Ortsbeirat zum Stadtgebiet. Die Stadtteile Wieseck im Nordosten und Kleinlinden im Südwesten wurden 1939 eingemeindet, die Stadtteile Allendorf an der Lahn im Südwesten und Rödgen im Osten 1971. 1979 folgte Lützellinden im Südwesten.
Bestehende Siedlungen und neue Wohn- und Gewerbegebiete, die nur teilweise mit der Kernstadt verflochten sind, werden nur von der Bevölkerung benannt und sind offiziell Teil der Kernstadt. Dies betrifft das Gewerbegebiet „An der Automeile“ mit der ehemaligen Rivers-Kaserne, das Europaviertel, die Anneröder Siedlung, die Dulles-Siedlung, den Eulenkopf, die sogenannte „Gummiinsel“ in der Weststadt – eine Arbeitersiedlung einer dort ehemals angesiedelten Gummifabrik –, die Marshall-Siedlung, das Philosophenviertel, die Neubaugebiete Sandfeld und Schlangenzahl, das Ostpreußenviertel den Unteren und Oberen Hardthof sowie das Gewerbegebiet Ursulum/Oberlachweg. Auch die Siedlung Petersweiher, im Südosten am Fuße des ehemaligen Klosters Schiffenberg gelegen, gehört zur Kernstadt Gießen. Sie wurde 1973 erbaut, als die damals unbewohnte Gemarkung Schiffenberg in den Besitz der Stadt überging. Diese war zwar seit 1939 an die Stadt angegliedert, befand sich aber bis dahin im Besitz des Landes. Die Siedlung In der Hunsbach, die sich um die Badenburg befindet, zählt trotz der relativ großen Entfernung zur Stadt allerdings offiziell seit 1752 zu Wieseck – genau wie die Ruine der Badenburg sowie die Wellersburg.
Zu statistischen Zwecken ist Gießen weiterhin in elf Statistische Bezirke aufgeteilt: Nr. Bereich Einwohner am30. Dez. 2019 01 Innenstadt 21.173 02 Nord 10.309 03 Ost 16.305 04 Süd 10.485 05 West 8.394 06 Wieseck 10.158 07 Rödgen 1.907 08 Schiffenberg 588 09 Kleinlinden 4.777 10 Allendorf 2.071 11 Lützellinden 2.439 Gesamt Gießen 88.606
Klima Das Klima in Gießen gehört zu den feucht-gemäßigten Deutschlands. Der kälteste Monat ist der Januar mit −0,1 °C, der wärmste der Juli mit 18,2 °C. Im Vorfrühling ist es im Allgemeinen trocken. Der regenärmste Monat ist also der März mit 31 mm Niederschlag. Im Vergleich mit anderen hessischen Stationen ist es in Gießen im März am trockensten (Frankfurt/Main: 51 mm, Fulda: 48 mm, Kassel: 51 mm, Marburg/Lahn: 56 mm, Darmstadt: 49 mm). Der regenreichste Monat ist der Juni mit 66 mm, was im Vergleich zu anderen hessischen Stationen auch wieder im hinteren Bereich liegt (Frankfurt/Main: 70 mm, Fulda: 73 mm, Kassel: 79 mm, Marburg/Lahn: 66 mm, Darmstadt: 74 mm). Auch der Jahresniederschlag ist vergleichsweise gering.Quelle: DWD-Klimatabellen
Geschichte mini|Gießen: im Hintergrund links Burg Vetzberg, rechts Burg Gleiberg, dahinter der Dünsberg mini|Regierungspräsidium Gießen
Erste Siedlung Wilhelm von Gleiberg gründete 1152 eine Wasserburg im unterhalb liegenden Tal und verlegte später seinen Sitz von der Burg Gleiberg dorthin; damit war der Grundstein für die spätere Stadt Gießen gelegt. Die Burg Gleiberg, etwa 8 km nordwestlich der heutigen Stadt, wurde etwa im 10. Jahrhundert von den Konradinern errichtet und ging Ende des 10. Jahrhunderts an die Luxemburger, die damit die Grafschaft Gleiberg an der mittleren Lahn begründeten. Namensgebend für die Stadt waren die Gewässer, da die Wasserburg „Zu den Giezzen“ errichtet wurde.Stadt Gießen: „Stadtgeschichte“, abgerufen am 28. Juli 2022
Auf dem Weg zur Stadt Die erste urkundliche Erwähnung des Namens (von den) „Giezzen“ stammt von 1197.In historischen Dokumenten erscheint die Schreibweise des Ortsnamens im Laufe der Jahrhunderte unterschiedlich: 1197 Giezzen, 1245 Giezin, 1248 Gizen, 1262 Gezen, 1308 Geyzen, 1321 Gizzen, 1326 Giezin, 1332 Gyssin, um 1334/49 Giessen, 1340 Gezin, 1343 Gyzen und 1352 Gizsin.() 1248 wurde Gießen erstmals als Stadt bezeugt. 1264 kam Gießen durch Verkauf von dem Grafen Ulrich I. von Asperg aus dem Haus der Pfalzgrafen von Tübingen, an den es durch Erbschaft gefallen war, an die Landgrafschaft Hessen, die um 1300 das heutige Alte Schloss anlegen ließ. Um 1325 wurde die Neustadt gegründet. Ab etwa 1370 gab es Bürgermeister in Gießen, die den landesherrlichen Burgmannen gleichgestellt waren, sowie einen Rat als Vertretung der Bürgerschaft. Das 1944 zerstörte Alte Rathaus am Marktplatz als Symbol bürgerlicher Macht entstand um 1450, die Stadtkirche bis 1484. 1442 erhielt Gießen das Marktprivileg. Der heutige „Marktplatz“ diente damals noch als Marktplatz, während der Wochenmarkt heute am Lindenplatz, in den Marktlauben (Alte Marktlauben 1894, Neue Marktlauben um 1910) und am Brandplatz gehalten wird.
Gründung der Universität Gegen 1535 ließ Landgraf Philipp der Großmütige die Stadt befestigen. Im selben Jahrzehnt entstanden der Alte Friedhof und das Neue Schloss. Am 27. Mai 1560 vernichtete ein Großbrand den nördlichen Teil der Stadt um das Walltor. Bei der Teilung der Landgrafschaft 1567 kam Gießen zu Hessen-Marburg, 1604 zu Hessen-Darmstadt. 1605 wurde in Gießen das Gymnasium Ludovicianum von Landgraf Ludwig V. als Lateinschule gegründet. Am 19. Mai 1607 ermöglichte ein Privileg Kaiser Rudolfs II. die Gründung der Universität, als Gegenstück zu der in Marburg. Zwei Jahre später eröffnete der Botanische Garten, heute einer der ältesten in Deutschland an seinem ursprünglichen Ort. 1634/35 dezimierte eine schwere Pestepidemie die Bevölkerung der Stadt. Im 18. Jahrhundert wurde die Region mehrfach durch Kriege heimgesucht und die Stadt von fremden Truppen besetzt.
19. Jahrhundert mini|Gießen: Anfang des 19. Jahrhunderts mini|Marktplatz um 1840
1803 wurde Gießen Verwaltungssitz der neuen Provinz Oberhessen im Großherzogtum Hessen. In den folgenden Jahren wurde die Stadtbefestigung geschleift, und an ihrer Stelle wurden die Wallanlagen (Grünanlagen) angelegt. 1824 bis 1852 lehrte Justus Liebig an der Universität Gießen, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach ihm benannt wurde. Am 14. Januar 1838 ist die „Schule für technisches Zeichnen“ gegründet worden, eine Vorläuferin der heutigen TH Mittelhessen (THM).
Im Revolutionsjahr 1848 kam es auch in Gießen zu Unruhen; ein Student wurde getötet. August Becker gab in Gießen die radikaldemokratische Tageszeitung „Jüngster Tag“ heraus. 1849 wurde die Stadt mit Eröffnung der Main-Weser-Bahn (Frankfurt-Kassel) an das deutsche Eisenbahnnetz angeschlossen. 1862 folgte die Eisenbahnstrecke nach Köln, 1864 der Anschluss an die Lahntalbahn von Wetzlar nach Koblenz. Ab etwa 1860, vor allem in der Amtszeit des ersten Berufsbürgermeisters August Bramm (1875–1889), wuchs die Stadt über die Wallanlagen hinaus.
1855 wurde die Werkfeuerwehr der Gail’schein Werke gegründet, im selben Jahr auch die Städtische Freiwillige Feuerwehr Gießen.
Ab 1867 war Gießen als Garnisonsstadt ein Militärstandort des Infanterie-Regiments Nr. 116. 1870 eröffnete die Vogelsbergbahn nach Fulda, 1872 die Lahn-Kinzig-Bahn nach Gelnhausen. 1879 bis 1888 lehrte Wilhelm Conrad Röntgen an der Universität Gießen. 1893 wurde die heute größte Kirche der Stadt, die evangelische Johanneskirche an der Südanlage, eingeweiht. 1907 eröffnete das von Bürgern initiierte Stadttheater. Ab 1894 gab es in Gießen öffentlichen Nahverkehr, zunächst mit Pferdeomnibussen, seit 1909 mit einer elektrischen Straßenbahn.
20. Jahrhundert hochkant|mini|Gedenkstein für die 1938 zerstörte Synagoge
1903 wurde der Neue Friedhof als überkonfessioneller städtischer Friedhof in Betrieb genommen. Ein Jahr später wurde die fortschrittliche Gießener Kanalisation eingeweiht. 1914 wurde die Berufsfeuerwehr gegründet. Die „Volkshalle“ an der heutigen Grünberger Straße und der Gießener Flughafen wurden 1925 eröffnet.