hochkant|mini|Rudolf Heidenhain, vor 1891 Rudolf Peter Heinrich Heidenhain (* 29. Januar 1834 in Marienwerder, Westpreußen; † 13. Oktober 1897 in Breslau) war ein deutscher Physiologe und Hochschullehrer. Er gehörte zu den ersten Physiologen, die sich mit Problemen des Hypnotismus befassten.
Rudolf Heidenhain wird in der Fachliteratur häufig mit seinem Sohn Martin HeidenhainMartin Heidenhain: Synthetische Morphologie der Niere des Menschen – Bau und Entwicklung dargestellt auf neuer Grundlage. Mit 5 farbigen und 85 schwarzen Abbildungen. E. J. Brill, Leiden 1937, XVI, 270 Seiten. (* 7. Dezember 1864, † 14. Dezember 1949) verwechselt. Beide waren Anatomen, beide mikroskopierten und beide beschäftigten sich mit der Nierenfunktion.
Familie Rudolf (auch: Rudolph) Heidenhain war der Sohn des Arztes Heinrich Jacob Heidenhain, der 1832 vom jüdischenErnst Heppner: Juden als Erfinder und Entdecker. Welt-Verlag, 1913, , S. 92. ()Joseph Walk (Hrsg.): Kurzbiographien zur Geschichte der Juden 1918–1945. Hrsg. vom Leo Baeck Institute, Jerusalem. Saur, München 1988, ISBN 3-598-10477-4, S. 143. zum evangelischen Glauben konvertiert war. Rudolf Heidenhain war der älteste von sechs Söhnen der Familie, von denen alle den Arztberuf wählten. Rudolf Heidenhain heiratete 1859 Fanny Volkmann (1841–1867), die Tochter des Physiologen Alfred Wilhelm Volkmann. Aus dieser Ehe stammen sechs Söhne, darunter der Anatom Martin Heidenhain, der Chirurg Lothar Heidenhain und Arthur Heidenhain, einer der wichtigsten Pioniere der deutschen Lesehallen-Bewegung. Zehn Jahre nach dem Tod von Fanny (1867) heiratete Rudolf Heidenhain Mathilde Kohli, Tochter des Oberförsters in Marienwerder; aus dieser Ehe stammen drei Töchter. Rudolf Heidenhain starb 1897 an den Folgen eines Zwölffingerdarmgeschwürs.
Leben Mit knapp acht Jahren besuchte er das Gymnasium Marienwerder.Hans Georg Dühring: Das Gymnasium Marienwerder. Von der Domschule zur Oberschule. (= Ostdeutsche Beiträge aus dem Göttinger Arbeitskreis. Band 30). Hölzner Verlag, Würzburg 1964, S. 106. Er interessierte sich besonders für Naturgeschichte und Physik. Bei einem Apotheker machte er sich im Privatunterricht mit Grundbegriffen der Chemie vertraut und hatte auch eine Vorliebe für Botanik, die er in der freien Natur studierte. Mit 16 Jahren (1850) immatrikulierte er sich für das Studium der Naturwissenschaften und Medizin an der Albertus-Universität Königsberg. 1852 wechselte er an die Friedrichs-Universität Halle, wo der Physiologe Alfred Wilhelm Volkmann lehrte und ihn als Famulus beschäftigte. 1854 setzte er sein Studium an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin fort, wo er als Assistent im Labor von Emil Heinrich du Bois-Reymond arbeiten und dessen elektrophysiologischen Experimente beobachten konnte. Im Jahr 1854 wurde Heidenhain in Berlin mit einer Doktorarbeit über die Herznerven beim Frosch promoviert.De nervis organisque centralibus cordis cordiumque lymphaticorum ranae. Dissertation.
Nach dem ärztlichen Examen 1856 kehrte Heidenhain nach Halle zurück, arbeitete zunächst bei Julius Vogel, dann bei Alfred Wilhelm Volkmann und habilitierte sich dort mit einer Arbeit zur Blutmengenbestimmung bei Säugetieren.Disquisitiones criticae et experimentales de sanguinis quantitate in mammalium corpore exstantis. Habilitationsschrift. 1859 übernahm er, erst 25-jährig, als Nachfolger des Anatomen Karl Bogislaus Reichert den Lehrstuhl für Physiologie und Histologie der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität Breslau. Für das akademische Jahr 1872/73 wurde er zum Rektor gewählt.Rektoratsreden (HKM) (Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München). Hier lebte und arbeitete Rudolf Heidenhain bis zu seinem Tod. Im Jahr 1873 wurde Heidenhain zum Mitglied der Leopoldina gewählt.
Leistung Heidenhain galt als gewissenhafter und geduldiger Beobachter und Experimentator, als inspirierender Lehrer und vielseitiger Forscher. Er gehörte zur neueren Generation der Physiologen des 19. Jahrhunderts (wie Adolf Fick, Hermann Helmholtz oder Julius Bernstein), die im Gegensatz zum Vitalismus nach mechanistischen Begründungen für die physische Realität suchten und zur Konsolidierung der modernen Physiologie beitrugen. Selbst Rudolf Steiner anerkannte die Bedeutung der Forschung Heidenhains und bezog in seinem Nachruf Stellung zur „mechanistischen Auffassung der Lebenserscheinungen“.Rudolf Steiner: Rudolf Heidenhain, gestorben am 13. Oktober 1897. In: Magazin für Literatur. 66. Jg., Nr. 44, 6. November 1897 (Gesamtausgabe Band 30, S. 549–551) (anthroposophie.byu.edu) Heidenhain gelangte mit Arbeiten, die Mikroskopie, Histologie, physiologische Experimente und chemische Analysen kombinierten, zu wissenschaftlichen Feststellungen, die bis heute gültig sind. Darüber hinaus war Heidenhain ein Befürworter tierexperimenteller Methoden (Vivisektion), die er als unentbehrlich für die medizinische Wissenschaft betrachtete. Heidenhain selbst veröffentlichte 70 Originalarbeiten. Von 1859 bis 1897 erschienen weitere 170 Arbeiten des physiologischen Instituts, die unter seiner Anleitung und Mitarbeit entstanden. Heidenhain gehörte zu den international einflussreichsten Physiologen seiner Zeit.
Drüsenphysiologie Heidenhain entdeckte unterschiedliche Funktionen seröser und muköser Speicheldrüsen, die er histologisch belegen konnte. Er wies zwei verschiedene Typen von Drüsenzellen in der Magenschleimhaut nach, Pepsin und Salzsäure produzierende Zellen. Er beschrieb erstmals Sekretbildungsvorgänge (AbsonderungsvorgängeRudolf Heidenhain: Physiologie der Absonderungsvorgänge. In: Ludimar Hermann (Hrsg.): Handbuch der Physiologie. Band 5: Handbuch der Physiologie der Absonderung und Aufsaugung. Teil 1, Verlag F. C. W. Vogel, Leipzig 1883, S. 1–420, hier S. 173–208.) in der Drüsenzelle (Granulavorstufen, Sekretion). Weitere systematische Studien betrafen die Bauchspeicheldrüse und deren Sekret Trypsin,Kurt Zimmermann: Bauchspeicheldrüse. In: Franz Xaver Sailer, Friedrich Wilhelm Gierhake (Hrsg.): Chirurgie historisch gesehen. Anfang – Entwicklung – Differenzierung. Dustri-Verlag Dr. Karl Feistle, Deisenhofen bei München 1973, ISBN 3-87185-021-7, S. 89–106, hier: S. 90. die Leber, Lymphdrüsen und die Brustdrüse.
Heidenhain zeigte, dass sich die Resorption aus dem Dünndarm nicht allein durch Diffusion und Osmose erklären lässt und unter bestimmten Bedingungen auch entgegen den osmotischen Triebkräften erfolgen kann.Rudolf Heidenhain: Beiträge zur Histologie und Physiologie der Dünndarmschleimhaut. In: Archiv für die gesammte Physiologie des Menschen und der Thiere. Supplementband zu Band 43, 1888, S. 1–103. DOI:10.1007/BF01659535.Rudolf Heidenhain: Neue Versuche über die Aufsaugung im Dünndarm. In: Archiv für die gesammte Physiologie des Menschen und der Thiere. Band 56, 1894, S. 579–631. DOI:10.1007/BF01661956.
Das „Heidenhainsche Gesetz [besagt]: Die Sekretion einer Drüse geht stets mit einer Veränderung ihrer Struktur einher, englisch: Heidenhains's law; französisch: loi (Femininum) de Heidenhain.“Günter Thiele, Heinz Walter (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Verlag Urban & Schwarzenberg, Loseblattsammlung, München / Berlin / Wien 1969, 3. Ordner (F–Hyperl), ISBN 3-541-84000-5, S. H 107 f.Rudolf Heidenhain: Beiträge zur Kenntniss des Pancreas. In: Archiv für die gesammte Physiologie des Menschen und der Thiere. Band 10, 1875, S. 557–632, doi:10.1007/BF01639951.
Die „Heidenhainschen Halbmonde [heißen auch nach Viktor von Ebner-Rofenstein] Ebnersche Halbmonde, englisch: Heidenhain's crescent or demilune; französisch: formations (Femininum) en croissant ou en demi-lune de Heidenhain.“Günter Thiele, Heinz Walter (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Verlag Urban & Schwarzenberg, Loseblattsammlung, München / Berlin / Wien 1969, 3. Ordner (F–Hyperl), ISBN 3-541-84000-5, S. H 108.Rudolf Heidenhain: Ueber einige Verhältnisse des Baues und der Thätigkeit der Speicheldrüsen. Vorläufige Mittheilung. Druck von H. S. Hermann, Berlin 1866, 3 S. Die später auch als Heidenhainsche Halbmonde, Ebnersche Halbmonde oder Gianuzzi-Halbmonde bezeichneten serösen Randzellgruppen wurden 1865 von Giuseppe Gianuzzi beschrieben; Heidenhain bezeichnete sie als Randzellen.Viktor von Ebner-Rofenstein: Ueber die Anfänge der Speichelgänge in den Alveolen der Speicheldrüsen. In: Archiv für mikroskopische Anatomie. Band 8, 1872, S. 481–513.Viktor von Ebner-Rofenstein: Die acinösen Drüsen der Zunge und ihre Beziehungen zu den Geschmacksorganen. Eine anatomische Untersuchung. Verlag Leuschner & Lubensky, Graz 1873, 66 S.; veröffentlicht von der k. k. Universität zu Graz zur Jahresfeier am 15. November 1873.Rudolf Heidenhain: Beiträge zur Lehre von der Speichelabsonderung. In: Studien des physiologischen Instituts zu Breslau. Heft 4, 1868.
Nierenphysiologie Rudolf Heidenhain wandte sich gegen eine ausschließlich durch physikalische Vorgänge wie Diffusion und Osmose erklärte Drüsensekretion. Bei seinen Untersuchungen der filtrativen Nierenfunktion wies er nach der intravenösen Injektion von Indigokarmin den Farbstoff in den Epithelzellen der Nierenkanälchen nach und deutete dies als Beleg für eine aktive tubuläre Sekretion. Damit stützte er die alte Bowmansche Sekretionstheorie und widersprach der neuen mechanistischen Filtrations-Rückresorptions-Theorie Carl Ludwigs.Rudolf Heidenhain: Die Harnabsonderung. In: Hermanns »Handbuch der Physiologie«. 1883, Band V, Teil 1, S. 279. Erst Arthur Robertson Cushny griff Ludwigs Ansatz im frühen 20. Jahrhundert wieder auf. In den 1920er Jahren wurden die glomeruläre Filtration und die tubuläre Rückresorption experimentell bestätigt.
„Heidenhainsche Stäbchen [nannte man] die senkrecht zur Basalmembran reihenförmig angeordneten verschieden langen Mitochondrien (Durchmesser 0,3 bis 0,5 Mikrometer) in den Zellen der Tubulushauptstücke der Niere (englisch rods or striae; französisch bâtonnets (Maskulinum)) de Heidenhain.“Günter Thiele, Heinz Walter (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Verlag Urban & Schwarzenberg, Loseblattsammlung, München / Berlin / Wien 1969, 3. Ordner (F–Hyperl), ISBN 3-541-84000-5, S. H 108.
Zitat: Martin [gemeint: Rudolf] „Heidenhain verdankt man dann weitere genaue mikroskopische Analysen der einzelnen Kanälchenabschnitte, unter anderem die Beschreibung der Stäbchenzellen. In seiner Darstellung der Harnabsonderung im »Handbuch der Physiologie« von Hermann 1883 wird das Verhalten der Blutgefäße ausführlich erörtert. Es wird wie in der Darstellung von Bowman unterschieden zwischen den Gefäßen der Malpighischen Knäuel und dem aus dem Vas efferens hervorgehenden Capillarsystem und andererseits direkten arteriellen Zuflüssen zu den peritubulären Capillaren.“Walter Frey: Historisches. In: Walter Frey: Die hämatogenen Nierenerkrankungen. In: Gustav von Bergmann, Walter Frey (Hrsg.): Handbuch der inneren Medizin, 4. Auflage, 8. Band: Nieren und ableitende Harnwege. In: Die hämatogenen Nierenerkrankungen, die ein- und beidseitig auftretenden Nierenkrankheiten, Erkrankungen der Blase, der Prostata, der Hoden und Nebenhoden, der Samenblasen. Funktionelle Sexualstörungen, bearbeitet von Walter Frey und Friedrich Suter, Springer-Verlag, Berlin / Göttingen / Heidelberg 1951, S. 7–9.
Magenphysiologie Die „Heidenhainsche Hauptzelle [ist die] Hauptzelle der Magenschleimhaut, englisch: [gastric mucosa] cell; französisch: cellule (Femininum) principale de Heidenhain.“Günter Thiele, Heinz Walter (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Verlag Urban & Schwarzenberg, Loseblattsammlung, München / Berlin / Wien 1969, 3. Ordner (F–Hyperl), ISBN 3-541-84000-5, S. F 108.