Die Geschichte der Psychiatrie befasst sich mit der historischen Entwicklung des wissenschaftlichen, gesellschaftlichen und medizinischen Umgangs mit geistig-seelischen Erkrankungen. Die Psychiatriegeschichte kann in drei große Epochen gegliedert werden. Vom AltertumHans Bertram: Die Entwicklung der Psychiatrie im Altertum und Mittelalter. In: Janus. Band 44, 1940, S. 81–122. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts dominierte die Beschreibung und Behandlung des Wahnsinns. Psychiatriegeschichte im engeren Sinn beginnt mit der Aufklärung im 18. Jahrhundert, als Bemühungen zur systematischen Versorgung der Kranken einsetzen. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts hat sich die Psychiatrie zur akademischen Wissenschaft entwickelt.
Psychiatriegeschichte als Wissenschaftsgeschichte Die Darstellung der Geschichte der Psychiatrie kann aus verschiedener Sicht erfolgen: Sie ist Teil der Medizingeschichte, aber ebenso der Psychologiegeschichte, wobei die Geschichte der Psychoanalyse ab dem Ende des 19. Jahrhunderts eine besondere Rolle spielt. Hinzu kommt die Geschichte der Psychiatrie-Kritik, etwa durch Michel Foucault, aber ebenso die Geschichte der Antipsychiatrie und der feministischen Psychiatriekritik.
Zudem ergeben sich einzubeziehende Berührungspunkte mit der Philosophie.Hubert Tellenbach: Melancholie. 2. Auflage. Berlin / Heidelberg / New York 1974, S. 1 f. Eine Darstellung der Geschichte der Psychiatrie ist oft subjektiv, denn der Psychiatrie liegen bestimmte Menschenbilder und Verhaltenserwartungen zugrunde, die von politischen und gesellschaftlichen Trends geprägt wurden. Auch das gesellschaftliche Verständnis und das Selbstverständnis der Behandler hinsichtlich ihrer Aufgabe schwankte extrem – vom Ziel, Problemfälle zu verwahren, über Versuche, zumindest Krankheitssymptome zu beeinflussen (um belastende Folgen für den Betroffenen und/oder sein Umfeld zu verringern, eine Arbeitsfähigkeit wiederherzustellen u. ä.) bis hin zum Anspruch auf eine Behandlung der Krankheitsursachen und die Heilung der Betroffenen – oder auch Einleitung gesellschaftlicher Veränderungen, z. B. im Rahmen von Gesetzgebungsverfahren, falls man glaubte, dort ansetzen zu können.
Hinzu kommt, dass sich die Zuordnung von Symptomen zu bestimmten Ursachen im Laufe der Zeit oft geändert hat, z. B. von religiösen Erklärungen (dämonische Besessenheit, Karma) über die vom Corpus Hippocraticum ausgehende und durch Galen erweiterte HumoralpathologieKonrad Goehl: Guido d’Arezzo der Jüngere und sein ‚Liber mitis‘. 2 Bände. Horst Wellm, Pattensen bei Hannover (jetzt Königshausen & Neumann, Würzburg) 1984 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Band 32), ISBN 3-921456-61-4 (zugleich Philosophische Dissertation Würzburg), S. 99–115. (Ungleichgewicht der Säfte) oder Stoffwechselstörungen im Gehirn zu psychologisierenden Ansätzen auf individueller (verdrängte Konflikte, ungünstige Annahmen über die Welt, komplexe Traumatisierung) oder kollektiver Ebene (gestörtes Familiensystem, kranke Gesellschaft). Somit war Psychiatrie nicht immer eindeutig als Fachgebiet der Medizin zuzuordnen.Esther Fischer-Homberger: Geschichte der Medizin. Springer, Berlin / Heidelberg / New York 1975, S. 172 f. Die moderneren Theorien zur Krankheitsursache beeinflussten wesentlich den Einsatz spezifischer Behandlungsmaßnahmen. Die Wissenschaftsdisziplin, welche sich mit den Symptomen, Syndromen und Nosologien innerhalb der Psychiatrie befasst, ist die Psychopathologie.
Außerdem fallen viele der einst psychiatrisch behandelten Krankheitsbilder heute in andere medizinische Fachgebiete, und der Handlungsbedarf wird bei verschiedenen Phänomenen im Laufe der Zeiten unterschiedlich eingeschätzt.
Eine differenzierte Geschichte der Psychiatrie verbindet deswegen Medizingeschichte, Sozialgeschichte und Wissenschaftssoziologie, analysiert Zuschreibungen und versucht, soziologische und politische Zusammenhänge aufzuklären.
Zu den im 19. und 20. Jahrhundert wirkenden Forschern auf dem Gebiet der Psychiatriegeschichte gehören die Mediziner Theodor Kirchhoff,Vgl. etwa Theodor Kirchhoff: Grundriß einer Geschichte der deutschen Irrenpflege. Berlin 1890; und derselbe: Geschichte der Psychiatrie. In: Gustav Aschaffenburg (Hrsg.): Handbuch der Psychiatrie, Allgemeiner Teil, Abt. 1–5, Spezieller Teil, Abt. 1–7. Leipzig/Wien 1911–1915, Allgemeiner Teil, Abt. 4, S. 1–48. Erwin Heinz Ackerknecht und Klaus Dörner.
Die Behandlung des Wahnsinns vom Altertum bis Ende des 18. Jahrhunderts Psychiatrische Krankenanstalten sind bereits aus der Antike bekannt; das als Hauptheilmethode den Tempelschlaf (eine Form des Heilschlafs)Paul Diepgen: Geschichte der Medizin. Die historische Entwicklung der Heilkunde und des ärztlichen Lebens. Berlin, Bd. 1: 1949, Bd. 2.1: 1951 (Von der Medizin der Aufklärung bis zur Begründung der Zellularpathologie (ca. 1740 – ca. 1858)), Bd. 2.2: 1955, hier: Band 1, S. 139. anbietende Asklepieion bei Pergamon kann aus moderner Sicht als eine der ältesten psychosomatischen Kliniken angesehen werden.Nach der populärwissenschaftlichen Darstellung 800 Jahre Psychotherapie von Manfred Spitzer im Rahmen der BRalpha-Sendereihe Geist&Gehirn hier Aus der Zeit des alten Roms sind zahlreiche Darstellungen von Krankheitsbildern überliefert, z. B. durch Cicero (Gespräche in Tusculum), Aulus Cornelius Celsus (ca. 30 n. Chr.), Soranos von Ephesos (ca. 100 n. Chr.) und Aretäus von Kappadozien (ca. 150 n. Chr.). Galenos erwähnte die Halluzination als Paraphrosyne und sah diese als Symptom von Psychosen an.Giuseppe Roccatagliata: A History of Ancient Psychiatry. 1986, S. 201. Zu den römischen Behandlungsmethoden, die ausgehend von den Hippokratikern und Galen meist auf der HumoralpathologieMagdalena Frühinsfeld: Kurzer Abriß der Psychiatrie. In: Anton Müller. Erster Irrenarzt am Juliusspital zu Würzburg: Leben und Werk. Kurzer Abriß der Geschichte der Psychiatrie bis Anton Müller. Medizinische Dissertation Würzburg 1991, S. 9–80 (Kurzer Abriß der Geschichte der Psychiatrie) und 81–96 (Geschichte der Psychiatrie in Würzburg bis Anton Müller), S. 9–14. beruhten, zählten Massagen, Aderlässe, Diäten, Schröpfen, die Gabe von Nieswurz und Ölumschläge am Kopf. Man versuchte den Verstand zu fördern, indem man kritische Texte lesen ließ und die Kranken befragte, bemühte sich um Aktivierung der Patienten durch Theaterspiele, Brettspiele oder auch Reisen. Manche Kranke wurden auch isoliert und in Räumen mit hochliegenden Fenstern untergebracht. Aulus Cornelius Celsus empfahl die Anwendung von Ketten.https://www.behavioral.net/article/confronting-chaos
Laut Jetter finden sich für den deutschsprachigen Raum die frühesten Berichte über Verwahrungsstätten für Geisteskranke, wobei es sich meist um abgetrennte Zellen gehandelt habe, im 14. Jahrhundert. Es wurde von hölzernen Narrenkäfigen, Tollkästen und Dorenkisten berichtet, so in Hamburg (1386), Braunschweig (1390 oder 1434) und Lübeck (1471). Auch das Heilig-Geist-Spital in Frankfurt am Main hatte 1477 besondere Räume für „Irre“.Dieter Jetter: Grundzüge der Geschichte des Irrenhauses. Darmstadt 1981, S. 10–12.Theodor Kirchhoff: Ueberblicke über die Geschichte der deutschen Irrenpflege im Mittelalter. In: Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie und psychiatrisch-gerichtliche Medizin. Band 43, 1887, Heft 1, S. 61–103, hier: S. 69–96.
Die ersten Spezialanstalten für Geisteskranke entstanden im 12. Jahrhundert, zum Beispiel in Damaskus, Kairo und Granada. Häufig wird von guter Pflege und Wohlwollen gegenüber den Patienten berichtet, es existierten aber auch reine Verwahrunghäuser, zum Beispiel das Frankfurter „Stocke“ oder die Lübecker Dorenkisten. Das berüchtigte Bethlehem Hospital in London („Bedlam“) wurde 1377 gegründet. Unruhige oder aggressive Irre wurden mitunter auch vor der Stadt in Holzkisten (sog. Tollkisten) gesteckt oder in die Stadttore gesperrt, so in Lübeck auf Anregung von Peter Monnik ab 1479.
Im späten Mittelalter änderte sich die Situation. Krankheitssymptome wurden als Wirken des Teufels interpretiert und manche Betroffenen wurden im Zusammenhang damit als Hexen oder Zauberer verfolgt. Vom 15. bis 17. Jahrhundert wurden tausende von Erkrankten gefoltert und verbrannt. Diesem Hexenwahn, insbesondere bezüglich psychisch Kranker,Vgl. auch Theodor Kirchhoff: Beziehungen des Dämonen- und Hexenwesens zur deutschen Irrenpflege. In: Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie und psychiatrisch-gerichtliche Medizin. Band 44, Heft 4, 1888, S. 329–398. trat im 16. Jahrhundert erstmals der Arzt Johann Weyer mit seiner Schrift De praestigiis daemonum entgegen.
Im 17. und 18. Jahrhundert wurden Spitäler üblich, z. B. in Paris das „Hôpital général“, in England die „Workhouses“, in Deutschland die „Zuchthäuser“. Sie ähnelten eher Gefängnissen als Krankenhäusern. Die Patienten vegetierten dort angekettet. Jacques-René Tenon empfahl Ketten als therapeutisches Mittel.https://www.behavioral.net/article/confronting-chaos Sie waren zusammen mit Armen, Prostituierten, Landstreichern, Krüppeln und Straftätern (auch Gewaltverbrechern) untergebracht. Ärzte gab es nicht.
Die Wärter zwangen die Patienten mit harten Strafen zu jeder ihnen irgendwie möglichen körperlichen Arbeit und ließen sie ansonsten psychisch verwahrlosen. Auch Misshandlungen durch Mitpatienten waren die Regel. An manchen Orten wurden psychisch Kranke einem zahlenden Publikum vorgeführt, z. B. im 1784 gebauten „Narrenturm“ in Wien. Allerdings war dieser Bau, der mit einem Allgemeinkrankenhaus verbunden war, schon ein Schritt in Richtung der zunehmenden „Humanisierung“ der Behandlung.
Die Anstaltspsychiatrie vom Ende des 18. bis Ende des 19. Jahrhunderts Der sozialhistorische Hintergrund der modernen Anstaltspsychiatrie liegt in der modernen europäischen BevölkerungsexplosionGunnar Heinsohn, Otto Steiger, Rolf Knieper: Menschenproduktion – allgemeine Bevölkerungstheorie der Neuzeit. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1979 (Inhaltsangabe), aus: Herz, Dietmar; Weinberger, Veronika (Hrsg.): Das Lexikon der ökonomischen Werke. Düsseldorf: Verlag Wirtschaft und Finanzen 2006. und der damit entstandenen sozialen FrageRobert Castel: Die Metamorphosen der sozialen Frage. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft mbH 2008 (Inhaltsangabe) (Pauperismus). Schon im 17. Jahrhundert sahen immer mehr Ärzte Verhaltensstörungen als medizinisches Problem an und lieferten präzise Beschreibungen psychiatrischer Krankheitsbilder. Der schottische Arzt George Cheyne (1671–1743) stellte fest, dass etwa ein Drittel aller ärztlichen Patienten unter hysterischen, neurasthenischen und hypochondrischen Syndromen litten, welche er „Englische Krankheit“ (The English Malady) nannte. Georg Ernst Stahl (1659–1734) hob die Bedeutung der Seele bei somatischen Leiden hervor und unterschied bereits zwischen organischen („sympathischen“) und funktionellen („pathetischen“) Störungen. Es dauerte aber noch bis Ende des Jahrhunderts, bis sich eine klinische PsychiatrieVgl. etwa Georg Schlommer: Leitfaden der klinischen Psychiatrie. 2., durchgesehene Auflage. München 1919. entwickelte, die mit einer Versorgung in Anstalten verbunden war.