mini|Theodor Reuß mit dem Schurz der Freimaurer Carl Albert Theodor Reuß (* 28. Juli 1855 in Augsburg; † 28. Oktober 1923 in München) war ein deutscher Opernsänger, radikaler politischer Aktivist, Journalist, Sexualmagier, Theosoph, Freimaurer und Gründer okkulter Orden.Marco Pasi: Ordo Templi Orientis. In: Wouter J. Hanegraaff (Hrsg.): Dictionary of Gnosis & Western Esotericism. Brill, Leiden 2006, ISBN 978-90-04-15231-1, S. 898f.
Leben Reuß bis 1880 Reuß war der Sohn des Wirtes Franz Xaver Reuß und der Eva Barbara Margaret, geborene Wagner. In Augsburg besuchte er die Handelsabteilung der Kreis-Gewerbeschule und schloss eine Drogisten-Lehre ab. Als professioneller Opernsänger soll er, nach eigenen Angaben, bei der ersten Aufführung von Richard Wagners Parsifal in Bayreuth 1882 mitgewirkt haben. Er arbeitete gleichfalls als Varieté-Sänger unter dem Bühnennamen „Charles Theodore“, den er genutzt haben soll, um Kontakte zum „Communistischen Arbeiterbildungsverein“ herzustellen. Seine umstrittene Sängerkarriere währte bis zu einer Erkrankung, durch die er seine Stimme verlor.Kurzbiografie auf ticinarte.ch Angebliche Bekanntschaften mit Richard Wagner und mit Ludwig II. (1845–1886), der ab 1864 bayerischer König war, können historisch nicht belegt werden. Als Auslandskorrespondent und Redakteur war Theodor Reuß für mehrere englische und deutsche Zeitungen und Nachrichtendienste tätig, unter anderem in London. 1878 schrieb er für die Times als Kriegsberichterstatter aus dem Gebiet des Balkans; 1882 ging er nach Bosnien und in die Herzegowina.
Mitglied in der Theosophischen Gesellschaft Nachdem er die russlanddeutsche Okkultistin Helena Petrovna Blavatsky kennengelernt hatte, trat er kurz darauf 1885 der London Lodge und damit der Theosophischen Gesellschaft (TG) in England bei. 1895 spaltete sich die TG in zwei konkurrierende Organisationen, einerseits die Theosophische Gesellschaft Adyar (Adyar-TG) und andererseits die Theosophische Gesellschaft in Amerika (TGinA). Reuß wurde nun Mitglied der TGinA und am 30. August 1896 unter Franz Hartmann Vizepräsident des TGinA-Ablegers Theosophische Gesellschaft in Europa (Deutschland) (TGE).
Weltbund der Illuminaten 1880 versuchte Reuß in München eine Wiederherstellung des Adam Weishauptschen Illuminatenordens zu bewerkstelligen. In Berlin tat er sich (wahrscheinlich 1888) mit dem Dresdener Schauspieler Leopold Engel (1858–1931), Max Rahn und August Weinholz zusammen, um die Neugründung voranzutreiben. Leopold Engel standen als Erforscher des Illuminatenordens die vollständigen Dokumente über die Illuminaten zur Verfügung, die heute unter der Bezeichnung Schwedenkiste bekannt sind.
Reuß meinte die offizielle Berechtigung zur Gründung des Ordens auf ein gewisses Patent stützen zu können, das durch den „Prinzen vom Rosenkreuz“, Louis Gabriel Lebauche aus Bezeille bei Sedan, in seinen Besitz gekommen sei. Dieser soll ein Hochgradmaurer im 18. Grad des Memphis-Ritus bzw. im 46. Grad des Misraim-Ritus gewesen sein. Das Patent soll Lebauche während eines Besuches am 19. November 1786 von Adam Weishaupt in Regensburg von diesem persönlich erhalten haben; es soll eine Berechtigung für seinen Eigentümer und seine nachfolgenden Inhaber dazu gewesen sein, das Licht in „Schottische Logen“ einzubringen.vgl. Lit.: Frick
Engel trennte sich 1901 von Reuß und warf ihm, wie andere Mitglieder des Ordens bestätigten, Betrug hinsichtlich des Patentes vor, nachdem Reuß′ Pläne, seinen Orden unter der Großen Freimaurerloge von Deutschland aufzuziehen, von deren Großmeistern abgelehnt worden waren. Reuß berichtete in der Jubiläumsausgabe der Oriflamme 1912 von der endgültigen Trennung zwischen ihm und Engel im Jahr 1902. Die meisten Mitglieder des Illuminatenordens blieben bei Reuß′ Orden, und Engel versuchte 1927, einen von in- und ausländischen Großlogenbehörden unabhängigen Weltbund der Illuminaten zu errichten, womit der 1776 gegründete, um 1788 jedoch „eingeschlafene“ bayerische Illuminatenorden gemeint ist. Engels Gründung bestand bis zur Löschung aus dem Berliner Vereinsregister 1929. Die betreffenden Unterlagen sind im Preußischen Staatsarchiv einzusehen. Nach 1945 entstand in Zürich eine modifizierte Neugründung des Ordo Templi Orientis, der Weltbund der Illuminaten, der z. B. als sogenannte Adoptionsloge Riten mit beiden Geschlechtern gemeinschaftlich bearbeitet.
Freimaurerei Im Alter von 21 Jahren wurde Reuß bei einem London-Aufenthalt am 9. November 1876 als Freimaurer in die „Pilger-Loge“ Nr. 238 aufgenommen, 1877 zum Gesellen befördert und 1878 zum Meister erhoben. 1881 schloss man ihn wegen seiner stark links tendierenden politischen Betätigungen wieder aus.Karl R. H. Frick: Licht und Finsternis. Gnostisch-theosophische und freimaurerisch-okkulte Geheimgesellschaften bis zur Wende des 20. Jahrhunderts. Band 2. Marix Verlag, Wiesbaden 2005, ISBN 3-86539-044-7, S. 463. Seitdem gehörte er keinem „regulären“ Freimaurersystem an.
Reuß benutzte die Freimaurerei in der Folge als Aushängeschild zu kommerziellen Zwecken und beschäftigte sich Anfang des 20. Jahrhunderts mit der Gründung, Leitung und dem Import diverser irregulärer Riten und erteilte „Patente“ für ausländische Gründungen. Er galt in Freimaurerkreisen als Schwindler.Peter-Robert König: Der O.T.O. Phänomen RELOAD. Band 1. Arbeitsgemeinschaft für Religions- und Weltanschauungsfragen, München 2011, ISBN 978-3-941421-16-5, S. 94.Eugen Lennhoff, Oskar Posner, Dieter A. Binder: Internationales Freimaurer Lexikon, F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München 2000, S. 703. Als hauptberuflicher Vermittler und Gründer von maurerischen und esoterischen Einrichtungen bestand sein Ordensimperium 1906 aus einer bunt zusammengewürfelten Hochgrad-Kollektion, bestehend aus 44 Logen (die teilweise nur auf dem Papier existierten) und 1.100 Mitgliedern. Nachdem der reguläre deutsche Großlogenverband Reuß’ zahlreiche Patente nicht anerkannte, trennten sich einige Logen von ihm ab, er wurde 1906 aus der Societas Rosicruciana in Anglia (SRIA) ausgeschlossen, und um 1907 zerfielen seine Vereinigungen zusehends.Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland. Theosophische Weltanschauung und gesellschaftliche Praxis 1884–1945. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007, S. 976f. In dieser Zeit machte Reuß die Bekanntschaft mit dem in der europäischen irregulären Freimaurer- und Esoterikszene sehr agilen Gérard Encausse (Papus), der ihn in seinen Martinisten-Orden einführte.Marco Pasi: Ordo Templi Orientis. In: Wouter J. Hanegraaff (Hrsg.): Dictionary of Gnosis & Western Esotericism. Brill, Leiden 2006, ISBN 978-90-04-15231-1, S. 899.
Memphis-Misraim-Ritus Zu einem wichtigen Wendepunkt kam es für Reuß, als er 1901 mit dem Okkultisten John Yarker, der zentralen Figur der britischen irregulären Freimaurerei des vorangegangenen Vierteljahrhunderts, und William Wynn Westcott in Kontakt kam, dem Chef der Societas Rosicruciana in Anglia (SRIA). Yarker und Westcott statteten Reuß zwischen 1901 und 1902 mit einigen Patenten aus, um deutsche Hochgradfreimaurerfilialen konstituieren zu können, darunter der Swedenborg-Ritus. Von Westcott erhielt er darüber hinaus die Erlaubnis, ein SRIA-College in Berlin zu gründen. Reuß erhielt die Riten von Cerneau's Version des Ancient and Accepted Rite und Yarkers Version des irregulären „Alten und Primitiven Ritus von Memphis und Misraim“, der sich aus dem Memphis- und dem Misraim-Ritus zusammensetzte. Westcott war auch einer der Gründer des Hermetic Order of the Golden Dawn.
Zusammen mit Franz Hartmann und H. Klein bearbeitete Reuß den irregulären „Memphis-Misraïm-Ritus“ und stiftete durch Yarkers Patente einen Zweig des „Alten und Angenommenen Schottischen Ritus“ (AASR) in Deutschland.
Am 24. September 1902 gab Yarker vermutlich einen Freibrief an Reuß, F. Hartmann und H. Klein aus, der ihnen gestattete, als Sovereign Sanctuary im 33°-95° des schottischen Memphis- und Misraim-Ritus zu operieren. Das Originaldokument ist nicht erhalten. Eine Abschrift dieses Schriftstückes wurde 1911 in Reuß′ Artikel der Oriflamme veröffentlicht, dem amtlichen Organ des Ordens der Orientalischen Templer, die von 1902 bis 1923 publiziert wurde. Im März 1961 entstand sie wieder als Mitteilungsblatt der Schweizer Nachfolgeorganisation Ordo Illuminatorum / Ordo Templi Orientis / Fraternitas Rosicruciana / Antiqua Ecclesia Gnostica Catholica im Verlag der Psychosophischen Gesellschaft in Zürich. Die letzte Ausgabe Nr. 149/150 erschien im Dezember 1974.
Yarker gab am 1. Juli 1904 ein Garantieschreiben heraus, das Reuß′ Autorität hinsichtlich der Behandlung der besprochenen Riten bestätigte. Reuß veröffentlichte dieses Dokument als eine zusätzliche Bestätigungsurkunde am 24. Juni 1905. Zusammen mit Karl Kellner verfasste er 1903 ein kurzes Manifest für ihren gemeinsamen Orden, das im Folgejahr in der Oriflamme erschien. Diese Ausgabe ist eine der wenigen Quellen, die über den Lehrinhalt der einzelnen Rituale im O.T.O. Aufschluss geben.
Ordo Templi Orientis Am 22. Januar 1906 ist die erste englische Konstitution des Ordo Templi Orientis (O.T.O.) nachweisbar. Die erste deutsche O.T.O.-Konstitution wurde am 21. Juni 1906 ausgerufen.Peter-Robert König: Der O.T.O. Phänomen RELOAD. Band 1. Arbeitsgemeinschaft für Religions- und Weltanschauungsfragen, München 2011, ISBN 978-3-941421-16-5, S. 94f. Im Februar 1906 rief sich Reuß zum Outer Head of the Order (O.H.O.) aus und blieb bis 1921 Großmeister des O.T.O.
1906 übersiedelte Reuß von Deutschland nach England, wo er mit kurzen Unterbrechungen bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 blieb und als Korrespondent tätig wurde.Karl R. H. Frick: Licht und Finsternis. Gnostisch-theosophische und freimaurerisch-okkulte Geheimgesellschaften bis zur Wende des 20. Jahrhunderts. Band 2. Marix Verlag, Wiesbaden 2005, ISBN 3-86539-044-7, S. 476.
Reuß hinterließ in Deutschland eine unklare Situation in Bezug auf die Führung seiner Orden. Auf einem Kongress der „maurerischen Spiritualisten“ (Internationale Konferenz über Freimaurerei und Spiritismus), bei dem Reuß in Paris am 24. Juni 1908 teilnahm, kam es zu weiteren Veränderungen. Hier erhielt Papus von Reuß unentgeltlich ein Stiftungspatent und Reuß, der deutsche Repräsentant des von Yarker begründeten Memphis-Misraim-Ritus, tauschte mit Jean (Joanny) Bricaud, Papus und Charles Téder (Pseudonym für Ch. Détré) Würden, Titel und Grade untereinander und Reuß nahm sie in die höchsten Grade des Memphis-Misraim-Ritus auf.Karl R. H. Frick: Licht und Finsternis: Gnostisch-theosophische und freimaurerisch-okkulte Geheimgesellschaften bis an die Wende zum 20. Jahrhundert. Akademische Druck- u. Verlagsanstalt, 1978, S. 219.
Frick zufolge sei ein errichteter Souverain Grand Conseil Généeral du Rite de Memphis-Misraim pour la France et ses dépendances (Höchsten General Groß-Rat der Vereinigten Riten der Alten und Primitiven Freimaurerei für den Grand Orient in Frankreich sowie seiner Tochtergesellschaften in Paris) praktisch an seiner Spitze identisch mit den leitenden Persönlichkeiten des Ordre Mariniste (Martinistenorden) und die Loge Humanidad in Paris wurde zur Mutterloge des Memphis-Misraim-Ritus. Reuß wurde Mitglied der Loge Humanidad Nr. 240 in Paris und alsdann Hon[orar] Fr[ater] und Hochgradinhaber (33.°) spanischer, italienischer, rumänischer, griechischer und amerikanischer Logen. In welchem Ausmaß sich Papus darüber hinaus für den O.T.O. engagiert hat, ist unklar. Am 1. Juni 1912 wurde unter Czeslaw Czynski eine Nationale Großloge für die slawischen Länder etabliert. Kellner, Reuß und Aleister Crowley wurden 1912 in der Jubiläumsausgabe der Oriflamme als O.T.O. Mitglieder des X.° angeführt.