mini|Illustration von George Cruikshank, 1876 mini|Illustration von Walter Crane, 1882 Die Gänsemagd ist ein Märchen (ATU 533). Es steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm an Stelle 89 (KHM 89).
Inhalt mini|Illustration von Henry Justice Ford, 1889 Eine Königin, deren Mann vor langer Zeit gestorben ist, schickt ihre einzige Tochter weit fort zur Hochzeit mit einem Königssohn. Sie gibt ihr eine Magd mit, ein sprechendes Pferd namens Falada und als Reisetalisman ein Tuch mit drei Tropfen von ihrem Blut. Die Tochter verliert dieses Tuch aber, als sie sich über einen Bach beugen muss, weil die Magd sich weigert, ihr mit dem goldenen Becher Wasser zu reichen. Die Magd zwingt die Prinzessin sogar, die Pferde und Kleider zu tauschen und lässt sie anschließend schwören, keinem Menschen davon zu erzählen. All das duldet die Prinzessin demütig. Als sie in vertauschten Rollen beim Schloss ankommen, empfängt der Prinz die Magd als seine Braut, und der alte König schickt die Königstochter mit einem kleinen Jungen namens Kürdchen zum Gänsehüten. Dem Pferd Falada lässt die falsche Braut den Kopf abhacken, weil sie fürchtet, von ihm verraten zu werden, aber auf Bitten der Königstochter nagelt der Schlachter den Kopf unter das Tor, durch das sie und Kürdchen täglich mit den Gänsen gehen. Dort redet die Prinzessin jedes Mal im Vorbeigehen mit dem Pferdekopf, der sie mit „Jungfer Königin“ anspricht. Auf der Gänsewiese öffnet sie ihre goldglänzenden Haare, um sie neu zu flechten, und Kürdchen versucht, ihr ein paar Haare auszuraufen. Aber sie spricht einen Zauberspruch, mit dem sie einen Windstoß herbeiruft, der dem Kürdchen das Hütchen vom Kopf weht. Er muss ihm nachlaufen, und bis er zurückkommt, ist sie mit der Frisur fertig. Kürdchen beschwert sich beim König, und der beobachtet die beiden nun heimlich am folgenden Tag, findet auch alles, wie von Kürdchen berichtet. Am Abend nimmt er die Königstochter beiseite und verlangt eine Erklärung. Aber sie weigert sich zu sprechen mit Hinweis auf den geleisteten Schwur. Da lässt der König sie dem Ofen ihr Leid klagen und belauscht sie dabei unbemerkt. Der Königssohn erfährt die Wahrheit. Der König lässt die falsche Braut ihr eigenes Urteil sprechen, und sie wird in einem mit Nägeln beschlagenen Fass zu Tode geschleift. Eine prächtige Hochzeit wird gefeiert.
Stilistische Besonderheiten mini|Bild von Fritz-Philipp Schmidt, 1898 mini|hochkant|Illustration von Maximilian Liebenwein, 1902 Übernatürlich erscheinen in diesem Märchen zuerst die drei sprechenden Blutstropfen und dann der sprechende Pferdekopf, worauf die Königstochter selbst mit einem Spruch magischen Einfluss auf den Wind entfaltet. Die Blutstropfen sprechen nur zweimal: „Wenn das deine Mutter wüßte, das Herz im Leibe tät ihr zerspringen“, bevor sie ins Wasser fallen. Die beiden anderen Formeln werden je dreimal wiederholt:
„O du Falada, da du hangest“ „O du Jungfer Königin, da du gangest, wenn das deine Mutter wüßte, ihr Herz tät ihr zerspringen.“
Die Anrede mit „O du“ und der Reim mit dem dunklen ‚a‘ verleihen den ersten zwei Zeilen ihren würdig-schwermütigen Charakter. In den beiden übrigen Zeilen spricht Falada wie die Blutstropfen, aber es fehlt der Zusatz „im Leibe“. Das Windgedicht danach klingt flott und hell:
„Weh, weh, Windchen, nimm Kürdchen sein Hütchen, und laß'n sich mit jagen, bis ich mich geflochten und geschnatzt, und wieder aufgesatzt.“
Erst bei ihrer Klage im Ofen schließt die Prinzessin diesmal selbst mit dem Text der Blutstropfen: „Wenn das meine Mutter wüßte, das Herz im Leibe tät ihr zerspringen“ (ab 1843, vgl. KHM 6, 56, 166).Lothar Bluhm und Heinz Rölleke: „Redensarten des Volks, auf die ich immer horche“. Märchen - Sprichwort - Redensart. Zur volkspoetischen Ausgestaltung der Kinder- und Hausmärchen durch die Brüder Grimm. Neue Ausgabe. S. Hirzel Verlag, Stuttgart/Leipzig 1997, ISBN 3-7776-0733-9, S. 107–108.
Erklärung mini|hochkant|Illustration von Heinrich Vogeler, 1907 Ein „Schnatz“ ist ein Haarknoten, der aus zwei geflochtenen Zöpfen zu einem Dutt um den Kopf gesteckt wurde, darauf wurde die Haube gesetzt. Der Text weist sich klar als Märchen aus, indem magische Vorgänge wie selbstverständlich geschildert werden, ohne jegliche Verwunderung bei den Beteiligten. Wie in vielen Märchen muss die Heldin eine Prüfung ihrer Standhaftigkeit und Duldsamkeit bestehen. Das gelingt ihr durch Festhalten an ihrer verletzten Heimatbindung, wofür der abgeschlagene Kopf des Pferdes und das Blut der Mutter als pars pro toto stehen. Die Geschichte wird als Entwicklungsmärchen verstanden. Trotz ihrer Würde fehlt es der Prinzessin an Stärke, im Kontrast zur selbstsüchtigen und skrupellosen Zofe. Der Konflikt beginnt am Bach mit den (flüssigen) Blutstropfen der Mutter und endet dann im (harten) Eisenofen des Schwiegervaters. Beide Symbole drücken Herzenswärme aus, bei gleichzeitigem Gegensatz zwischen den Elementen Wasser und Feuer. Dazwischen kommt in dem hochgehängten Pferdekopf, der Haarpflege und dem Wind eine Kopflastigkeit und Kühle zum Ausdruck. Wie zuvor der Fluss, so deutet auch das Tor einen Übergang an. Diesen Weg mit den Gänsen hat ihr der Schwiegervater aufgetragen (vgl. Die Gänsehirtin am Brunnen), während anfangs die Mutter der vaterlos Aufgewachsenen dominiert. Zu diesem Gegensatz passt auch die harte Bestrafung der von der Mutter geduldeten Zofe.
Interpretationen mini|Illustration von Otto Ubbelohde, 1909 mini|Illustration von Arthur Rackham, 1909 Nach Deutung Hedwig von Beits drückt sich in den goldenen Haaren das Licht des Bewusstseins aus – ähnlich wie in Der Eisenhans – eingerahmt vom noch verspielten Hirtenknaben und der Vater-Imago des alten Königs. Das Pferd ist ein Bild der Großen Mutter, die auf dem Weg zum Bewusstsein zunehmend in die gegensätzlichen Frauen zerfällt. Der rot-weiße Blutlappen als physische Vorstufe des die Gegensätze vereinenden Selbst gewährleistet sowohl Rückverbindung als auch Orientierung. Auf seinen Verlust angesichts des Lebensdurstes folgen Passivität und Umwertung (Pferde- und Kleidertausch). Das Märchen hat wie viele drei Abschnitte, mit einem vierten als Ende.Hedwig von Beit: Symbolik des Märchens. A. Francke, Bern 1952, S. 778–789. Andere Autoren finden die ambivalente Deutung der Mutter hier übertrieben, weil keine symbolische Verbindung zur Magd besteht und der Pferdetausch eher den Übergang des Bräutigams parallelisiert.Rusch-Feja, Diann: The Portrayal of the Maturation Process of Girl Figures in Selected Tales of the Brothers Grimm. Europäischer Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-631-47837-2, S. 107–108.
Bruno Bettelheim sieht einen Ödipuskonflikt in zwei gegenläufigen Aspekten: Ein Kind meint sich vom gleichgeschlechtlichen Elternteil um die Zuneigung des anderen betrogen und erkennt später, dass es selbst der Usurpator ist. Das Märchen beleuchte die Gefahren zu langen Festhaltens an kindlicher Abhängigkeit. Die Heldin überträgt ihre Abhängigkeit von der Mutter auf die Zofe und ist so wieder ein junges, unverheiratetes Mädchen. Das Hüten mit einem kleinen Jungen betont noch die Unreife. Doch ihr Goldhaar verteidigt sie, anders als noch den Goldbecher. Sie lernt, sie selbst zu sein und hält den einmal getanen Schwur. Die falsche Braut dagegen will als jemand scheinen, der sie nicht ist. Die Strafe sei wichtig, sie gebe einem Kind Sicherheit. Dabei wird das wohl weiße Brautpferd passend durch weiße Pferde gerächt. Bettelheim vergleicht Roswal and Lillian, zum blutigen weißen Leinen als Symbol sexueller Reife auch Das Tuch mit den drei Blutstropfen.Bruno Bettelheim: Kinder brauchen Märchen. Aus dem Englischen von Liselotte Mickel, Brigitte Weitbrecht. 31. Auflage. dtv, München 2012, ISBN 978-3-423-35028-0, S. 157–165 (Ungekürzte Ausgabe 1980; amerikanische Originalausgabe: The Uses of Enchantment, 1975).
Das geradezu universell verbreitete, zentrale Motiv der untergeschobenen Braut erscheint mit Jakob, Rahel und Lea in der Bibel (), mit Thrym, Freya, Loki in den Götterliedern der Lieder-Edda und war im Mittelalter wohl eine weitverbreitete Überlieferung, in Gottfried von Straßburgs Tristan, in der Bertasage, auch Lanzelot wird zu einer falschen Braut geführt. Laut Olga Rinne ist das sprechende Pferd ein magischer Begleiter und Schutz und heißt in manchen Versionen „Folle“, was Grimms Wörterbuch zufolge wohl eine sexuelle Nebenbedeutung hat. Antike Göttinnen hatten Pferde, Demeter hieß erst Leukippe, „weiße Stute“. Auch dass die Blutstropfen, ein weiterer Schutz, im Schlafzimmer überreicht werden, weist auf eine intime Bedeutung hin. Die Kammerfrau erfüllt den mütterlichen Auftrag, nur unter umgekehrtem Vorzeichen. Von ihrer Gefühlsseite will sie nichts mehr wissen, die Fragen des Königs sind ihr lästig. Hingegen scheint die Prinzessin Falada erst jetzt wahrzunehmen, an die Stelle hilfloser Klage tritt Trauerarbeit. Er ist ein Bild der wilden Seele, Stimmungen, des richtigen Instinkts. Erst jetzt beginnt er zu reden, als Totentier, wie im schamanischen Opferritual oder im germanischen Pferdeopfer. Das Beziehungsspiel mit Kürdchen ist eine Phase der Selbstfindung. Zum Ofen ist etwa ein Beichtstuhl zu vergleichen, in den die Prinzessin steigt, im scharfen Kontrast zum Fass der falschen Braut.Olga Rinne: Die Gänsemagd. Wie eine Frau sich verliert und wiederfindet. 2. Auflage. Kreuz, Zürich 1992, ISBN 3-268-00041-X.
Friedel Lenz bringt die Sitte der Fern-Ehe mit der Ich-Entwicklung, das Pferd mit dem Verstand in Verbindung. Die Seele wird zur Zweiheit, eine Seite bleibt der Erde verbunden. Daseinsdurst macht diese vorherrschend, der Becher der Weisheit wird vorenthalten, das Sippen-Erbe fortgespült. Gänse hüten heißt die Sinne zusammen halten, sich sammeln. Das Kopfhaar, die Weisheit der Gedanken muss gepflegt werden. Naiver Wille stört jede Konzentration, ist Konrad, „kühn im Rate“. Der Mensch kann das Wetter besprechen, hier als Bild inneren Geschehens, nach dem Bibelwort „der Geist wehet, wo er will“, vertreibt den Fürwitz. Das alte Selbst ist wach, der Ofen die Wärmequelle, wie das Herz, es sieht die Wahrheit.Friedel Lenz: Bildsprache der Märchen. 8. Auflage. Verlag Freies Geistesleben und Urachhaus, Stuttgart 1997, ISBN 3-87838-148-4, S. 133–145. Laut Ortrud Stumpfe gewinnen in der Magd egoistische Süchte die Oberhand, nachdem die Blutstropfen, die Erinnerung erlosch. Zum Pferd spricht der zur Freiheit berufene. Gänse seien ein noch unklares Bild vom Schwan, dem unsterblichen Geist.Ortrud Stumpfe: Die Symbolsprache der Märchen. 7. Auflage. Aschendorffsche Verlagsbuchhandlung, Münster 1992, ISBN 3-402-03474-3, S. 85–86. Eugen Drewermann widerspricht der Auffassung, es handle sich um einen Ödipuskonflikt – der Mann ist lange verstorben, die Mutter klammert sich in ihrem Verlust an die Tochter. Sie hat also gelernt, nie zu widersprechen, und alles zu bekommen.Eugen Drewermann interpretiert Die Gänsemagd: Teil 1 (1:28:14), Teil 2 (1:26:01) (YouTube)