mini|hochkant|Perry Schmidt-Leukel, 2018 Perry Schmidt-Leukel (* 21. September 1954 in Bonn) ist ein deutscher evangelischer Theologe und Religionswissenschaftler. Er lehrte von 2000 bis 2009 an der University of Glasgow und von 2009 bis 2023 als Professor für Religionswissenschaft und interkulturelle Theologie an der Universität Münster. Dort leitete er zugleich das Seminar für Religionswissenschaft und interkulturelle Theologie (). Leben Schmidt-Leukel wuchs in einem gemischt christlichen Elternhaus auf. Da es zum damaligen Zeitpunkt, der Heirat seiner Eltern, keine ökumenische Trauungen gab, musste seine Mutter, die evangelisch getauft war, vor der Eheschließung zum Glauben des Vaters konvertieren, weil die katholische Kirche die Eltern sonst nicht getraut hätte. Er wuchs im katholischen Glauben auf, verlor dann im Alter von dreizehn Jahren zunächst seinen Glauben und fand dann im Alter von achtzehn Jahren, durch Begegnungen mit evangelikal-pentekostalen Christen, wieder zum Christentum zurück.Interview mit Prof. Perry Schmidt-Leukel: Religionen ähneln einander in ihrer internen Vielgestaltigkeit. das baugerüst. Zeitschrift für Jugend und Bildungsarbeit, Zeitschrift für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der evangelischen Jugendarbeit und außerschulischen Bildung, ISSN 0005-6618, auf baugeruest.ejb.de baugeruest.ejb.de hier 2. Frage im Interview Nach seinem Abitur 1973 schloss Schmidt-Leukel sein Studium 1982 mit dem Diplom in Katholischer Theologie an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München ab. Dann erwarb er dort, im Februar 1984, seinen Magister Artium in Philosophie, um ebenfalls im Februar 1990 zum doctor theologiae promoviert zu werden.
Während seines Philosophiestudium entwickelte er ein starkes Interesse an buddhistischer Philosophie. Studienbegleitend praktizierte er spirituelle Übungen und Meditationen, die damals von einer Nonne angeleitet worden waren, die zur zweiten Generation christlicher Zen-Praktizierender zählte.Interview mit Prof. Perry Schmidt-Leukel: Religionen ähneln einander in ihrer internen Vielgestaltigkeit. das baugerüst. Zeitschrift für Jugend und Bildungsarbeit, Zeitschrift für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der evangelischen Jugendarbeit und außerschulischen Bildung, ISSN 0005-6618, auf baugeruest.ejb.de baugeruest.ejb.de hier 2. Frage im Interview
1996 habilitierte er sich an der LMU für die Fachbereiche Fundamentaltheologie, Ökumenische Theologie und Religionswissenschaft.Evangelisch-Theologische Fakultät, WWU Münster, Vita uni-muenster.de Vor seinem Ruf nach Münster lehrte Schmidt-Leukel an den Universitäten München, Innsbruck, Salzburg und Glasgow. Die Schwerpunkte seiner Arbeit liegen im Bereich der Fundamentaltheologie, der Theologie der Religionen, der pluralistischen Ansätze in den Religionen, der interreligiösen Beziehungen allgemein und des christlich-buddhistischen Dialogs im Besonderen. Seit 2001 ist Schmidt-Leukel Mitglied der Anglikanischen Kirche (Scottish Episcopal Church).
Perry Schmidt-Leukel ist ein Vertreter der pluralistischen Religionstheologie. Diese bestreitet, dass das Christentum die allen anderen überlegene Religion ist und geht davon aus, dass zumindest einige Religionen im Hinblick auf ihre Erkenntnis göttlicher Wirklichkeit und ihre heilsvermittelnde Kraft einander gleichwertig sind. Wegen dieser den christlichen Überlegenheitsanspruch relativierenden Ansicht verweigerte ihm der Münchner Erzbischof Friedrich Kardinal Wetter nach Abschluss seiner Habilitation die kirchliche Lehrerlaubnis (Nihil obstat). Somit konnte Schmidt-Leukel nicht Privatdozent werden und nicht mehr katholische Theologie lehren. 1999 erhielt er einen Ruf an die Universität Glasgow. Von 2000 bis 2009 lehrte er dort als Professor für Systematische Theologie und Religionswissenschaft auf dem neu gegründeten Chair of World Religions for Peace. 2009 folgte er dem Ruf an die Universität Münster auf den neu gegründeten Lehrstuhl für Religionswissenschaft und Interkulturelle Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät. Seit seiner Emeritierung Ende Juli 2023 arbeitet er als Seniorprofessor der Universität Münster.
Im Oktober 2015 hielt Schmidt-Leukel als erster Deutscher seit 25 Jahren die renommierten Gifford Lectures an der University of Glasgow. In seinen Vorlesungen zum Thema „Interreligious Theology: The Future Shape of Theology“ stellte er erstmals seine Überlegungen zu einer fraktalen Interpretation religiöser Vielfalt vor.Religionen ähneln einander in ihrer Vielfalt, Pressemitteilung Uni Münster vom 5. Oktober 2015 Mit dieser Interpretation sei er „der universitären und kirchlichen Theologie der christlichen Konfessionen [...] weit voraus“, urteilte Norbert Copray. 2019 erschien ein von Alan Race und Paul Knitter herausgegebener Band („New Paths for Interreligious Theology: Perry Schmidt-Leukel's Fractal Interpretation of Religious Diversity“), in dem international renommierte Wissenschaftler aus der Perspektive verschiedener Religionen und Disziplinen Schmidt-Leukels These, dass sich in der religiösen Vielfalt fraktale Muster zeigen, diskutieren. Im Juli 2020 zeichnete die Catholic Press Association (CPA) das Werk mit dem „Book Award. 3rd Place“ in der Kategorie Ökumene/Interreligiöse Beziehungen aus. Am 5. Februar 2020 verlieh die Universität Vechta Schmidt-Leukel den Höffmann-Wissenschaftspreis für Interkulturelle Kompetenz.Höffmann-Wissenschaftspreis 2019 für Prof. Dr. Perry Schmidt-Leukel, auf interrel.de Im Dezember 2020 erhielt sein Kommentar zum Bodhicarayāvatāra („Buddha Mind - Christ Mind“) von der Society for Buddhist-Christian Studies (USA) den Frederick Streng Award for Excellence in Buddhist-Christian Studies. Im November 2025 erhielt er erneut den Frederick Streng Award for Excellence in Buddhist-Christian Studies, diesmal für sein Buch The Celestial Web. Im Februar 2026 hielt er an der Nanyang Technological University, Singapore, die 7th SRP Distinguished Lecture.7th SRP Distinguished Lecture and Symposium 2026, auf rsis.edu.sg In der im Auftrag des Templeton Religion Trust produzierten Filmreihe "At the Threshold. Theology on Film" wurde Schmidt-Leukel in der ersten Folge als einer von sechs internationalen Theologinnen und Theologen porträtiert.
Lehre Schmidt-Leukel entwickelte seine „Fraktale Theorie der Religionsvielfalt“ () in Anlehnung an die „Fraktale Geometrie“ des Mathematikers Benoît Mandelbrot und mehreren religionswissenschaftlichen und theologischen Vordenkern, die die fraktalen Muster in ihren Untersuchungen herausarbeiteten, sie aber nicht an die Begrifflichkeit einer Theorie des Fraktalen anbanden.Perry Schmidt-Leukel: Eine fraktale Interpretation religiöser Vielfalt. Münchener theologische Zeitschrift, (2018) 69(2), 134–150. Seine These lautet, dass sich in der religiösen Vielfalt fraktale Ordnungsstrukturen oder Muster zeigen.Judith Fröhlich: Eine fraktale Interpretation religiöser Vielfalt (Prof. Perry Schmidt-Leukel), auf eugen-biser-stiftung.de eugen-biser-stiftung.de
"Fraktale" bezeichnet Strukturen oder Objekte, bei denen das Gesamtobjekt seinen Bestandteilen ähnelt. Schmidt-Leukel führt hierzu das Sierpinski-Dreieck als ein paradigmatisches Beispiel an.Perry Schmidt-Leukel: Das himmlische Geflecht. Buddhismus und Christentum - ein anderer Vergleich. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2022, ISBN 978-3-579-07183-1, S. 54 Anders formuliert, die Regelmäßigkeiten einer Struktur oder eines Musters wiederholen sich in kleineren Teilen dieser Struktur. Fraktale Objekte werden allgemein über die Eigenschaften Selbstähnlichkeit, fraktale Dimension und Regularität oder Irregularität definiert. Besonderes Gewicht fällt dabei der Selbstähnlichkeit bzw. Replikation des Musters über verschiedene Größenskalen hinweg zu („scaling“). Nach Schmidt-Leukel bilden die für religiöse Vielfalt konstitutiven typologische Unterschiede ein fraktales Muster, insofern sie auf unterschiedlichen Ebenen religiöser Vielfalt in modifizierter Gestalt wiederkehren. Diese Einsicht ist nach Schmidt-Leukel für eine Interreligiöse Theologie bedeutsam, besonders dann, wenn sich die typologischen Unterschiede als komplementär erweisen lassen. „Die neue Theorie bietet eine Alternative zur verbreiteten Ansicht, dass Religionen unvereinbar und nicht vergleichbar seien.“zitiert aus Pressemitteilung „Das Selbstverständnis aller Religionen wird sich ändern“ WWU, 25. April 2017, auf idw-online.de idw-online.deFraktale Theorie der Religionsvielfalt Panel der AAR-Jahrestagung befasst sich mit Schmidt-Leukels interreligiöser Theologie, Westfälische Wilhelms-Universität Münster, 2. November 2017, auf uni-muenster.de uni-muenster.de
Fraktale Muster oder fraktale Strukturen sind insofern rekursiv, da sie sich auf drei Ebenen der religiösen Vielfalt wiederholten, und zwar auf: der Makro-Ebene interreligiöser Vielfalt, der Meso-Ebene intrareligiöser Vielfalt, der Mikro-Ebene intrasubjektiver Vielfalt. Das heißt, die typologischen Unterschiede zwischen den Religionen auf der Makro-Ebene finden sich in veränderter Form und mit unterschiedlichen Schwerpunkten auch auf der Meso- und Mikro-Ebene religiöser Vielfalt wieder. Die Unterschiede zwischen den Religionen treten demnach variiert und in anderer Gestalt als Unterschiede innerhalb der Religionen auf und als unterschiedliche Formen von Religiosität, die ein religiöses Subjekt im Verlaufe seiner persönlichen Entwicklung durchschreitet oder auch in der Form hybrider, multireligiöser Identität. Die Replikation religiöser typologischer Unterschiede konstituiert somit fraktale Muster. Diese Arbeitshypothese wurde erstmals in den Gifford Lectures von Schmidt-Leukel vorgestellt („Wahrheit in Vielfalt. Vom religiösen Pluralismus zur interreligiösen Theologie“, 2019) sowie in der Publikation „New Paths for Interreligious Theology: Perry Schmidt-Leukel’s Fractal Interpretation of Religious Diversity“ (2019) aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven diskutiert.
In seinem Buch "Das himmlische Geflecht. Buddhismus und Christentum - ein anderer Vergleich" (2022) (englische Ausgabe "The Celestial Web", 2024) vergleicht er Buddhismus und Christentum mithilfe einer fraktalen Analyse. Dabei konzentriert sich Schmidt-Leukel auf die Frage, inwieweit sich die für religiöse Vielfalt konstitutiven Unterschiede als komplementär deuten lassen. Denn eine solche Komplementarität würde darauf hindeuten, dass diese Muster deshalb entstehen, weil sie der Einseitigkeit einzelner typologischer Formen entgegensteuern und damit eine Entelechie zur Ganzheit bezeugen.
Werke Bücher (Autor und Mitautor) Die Bedeutung des Todes für das menschliche Selbstverständnis im Pali-Buddhismus (= Kirche und Religionen – Begegnung und Dialog, Sonderband 2), St. Ottilien: EOS Verlag 1984, ISBN 3-88096-382-7. „Den Löwen brüllen hören“. Zur Hermeneutik eines christlichen Verständnisses der buddhistischen Heilsbotschaft. Paderborn 1992, ISBN 978-3-506-70773-4. (zugleich Hochschulschrift, Diss.) mit Heinrich Döring, Armin Kreiner: Den Glauben denken. Neue Wege der Fundamentaltheologie. Herder, Freiburg i.Br. 1993, ISBN 978-3-451-02147-3 Theologie der Religionen. Probleme, Optionen, Argumente. Neuried 1997, ISBN 978-3-89391-451-7. (zugleich Hochschulschrift, Habil.) Grundkurs Fundamentaltheologie. Eine Einführung in die Grundfragen des christlichen Glaubens Don Bosco Verlag, München 1999, ISBN 3-7698-1146-1. mit Sami Nair, Andrea Riccardi: Espiritualidad y religión. Circulo de Lectores, Barcelona 2003, ISBN 84-226-9674-6 Gott ohne Grenzen. Eine christliche und pluralistische Theologie der Religionen. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2005, ISBN 3-579-05219-5. Understanding Buddhism. Dunedin Academic Press, Edinburgh 2006, ISBN 978-1-903765-18-0. mit Joachim Chwaszcza, Karl-Dieter Fuchsberger: Götterdämmerung im Himalaya. Dem Fremden begegnen. München 2006, ISBN 978-3-9809862-3-6.