miniatur|hochkant=1.5|Das Steinerne Haus, Juli 2011 Das Steinerne Haus, in älterer Literatur auch Haus Bornfleck genannt, ist ein historisches Gebäude in der Altstadt von Frankfurt am Main. Es liegt mit der Vorderseite zum Markt (Hausanschrift: Markt 44), der den Dom mit dem Römerberg verbindet. Vor allem durch seine mittelalterliche Architektur und seine sehr lange, gut dokumentierte Geschichte hebt es sich von anderen Gebäuden der Altstadt ab.

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Steinerne Haus bei den Luftangriffen auf Frankfurt am Main im März 1944 durch Sprengbomben fast völlig zerstört. Dennoch rekonstruierte man es Anfang der 1960er Jahre als eines von nur wenigen Frankfurter Baudenkmälern unter hohem Kostenaufwand relativ originalgetreu, wodurch es aus der eher schlichten Nachkriegsbebauung seines Umfelds hervorragt. Heute beherbergt das Haus den Frankfurter Kunstverein.

Geschichte Vorgeschichte (Römerzeit bis 1460) miniatur|Entwicklung der Vorgängerbauten 1280–1464 miniatur|Hypothetische Bausituation um 1280 Wie Altstadt-Grabungen 1906 und in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts ergaben, war das Gelände, auf dem das Steinerne Haus steht, schon zu römischer Zeit bebaut. Unter den massiven Kellern des rund 1000 Jahre später entstandenen Gebäudes fand man starke Mauerreste, die die Archäologen einem ehemaligen Gutshof zuordneten. Des Weiteren wurden aus der gleichen Zeit stammende Dachziegel und Schieferplatten gefunden.Kaiser und Könige im Römer. Das Frankfurter Rathaus und seine Umgebung. Verlag Josef Knecht, Frankfurt 1980, S. 64–70 Nördlich des Geländes floss zu dieser Zeit noch oberirdisch ein Nebenarm des Mains, die Braubach, ungefähr entlang des heutigen Verlaufs der gleichnamigen Straße. Das Gelände südlich davon war somit strategisch und wirtschaftlich bedeutsam. Zum einen schützte er es als natürliche Grenze, zum anderen ermöglichte die Nähe zum Fluss dem dort Siedelnden einen schnellen Zugriff auf die wichtige Ressource Wasser.

Die ältesten schriftlichen Zeugnisse in Form von Urkunden, die Besitzstandsverhältnisse nachweisen, reichen beim Steinernen Haus bzw. seinen Vorgängerbauten bis ins späte 13. Jahrhundert zurück. Zwar ging ein Großteil dieser Quellen im letzten Weltkrieg verloren, doch konnten sie glücklicherweise von der älteren Forschung, insbesondere von Johann Georg BattonnJohann Georg Battonn: Oertliche Beschreibung der Stadt Frankfurt am Main – Band III. Verein für Geschichte und Alterthumskunde zu Frankfurt am Main, Frankfurt am Main 1864, S. 164–165 und Rudolf JungRudolf Jung: Das Steinerne Haus. In: Verein für Geschichte und Altertumskunde, Verein für das Historische Museum und die Numismatische Gesellschaft in Frankfurt am Main (Hrsg.): Alt-Frankfurt. Vierteljahrschrift für seine Geschichte und Kunst. Jahrgang 3, Heft 1, Frankfurt am Main 1911, noch ausgewertet werden, um ein detailliertes Bild der Hausgeschichte zu zeichnen.

Demnach standen in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts auf der späteren Parzelle des Steinernen Hauses zwei schmale Fachwerkhäuser, das linke bzw. westliche Haus zum Rauchfaß, das rechte bzw. östliche Haus Bornfleck genannt. Beide stießen mit ihrer Rückseite an die als Stadtgraben dienende Braubach und waren mit der Vorderseite nach dem Markt ausgerichtet. Etymologisch erlaubt die Hausbezeichnung Bornfleck den Rückschluss, dass sich dort zuvor ein Brunnen – auf Altdeutsch Born – befand. 1280 ist erstmals ein Konrad Bornfleck urkundlich als Besitzer des Hauses nachgewiesen, der spätestens 1306 starb. Nicht nur seine Erwähnung als Schöffe in einer Urkunde des Jahres 1291 zeigt, dass er wohl eine bedeutende Persönlichkeit war. Auch nennt ihn der damalige Erzbischof von Mainz, Gerhard II., seinen lieben Wirt in Frankfurt. Seine Gattin Hedwig war eine Tochter des Gypel von Holzhausen, einer der bedeutendsten Familien des Frankfurter Stadtpatriziats. Dies lässt vermuten, dass ihr Mann in höchsten Kreisen des damaligen Frankfurter Gesellschaftslebens verkehrte.

Als Frankfurt im Jahr 1356 durch die Goldene Bulle als Wahlstätte der deutschen Kaiser bestätigt wurde, erhielt der Markt den Beinamen Krönungsweg oder via regia, weil über ihn der neugewählte Kaiser zum Römer zog, um sich vom Volk und dem Rat der Stadt huldigen zu lassen. Dies steigerte die Bedeutung des Straßenzuges in den folgenden Jahrhunderten erheblich und machte die daran gelegenen Parzellen zu einem bevorzugten Wohnort wie Baugrund für Adel und begütertes Stadtbürgertum.

Vier Jahre später findet sich die nächste urkundliche Erwähnung des besagten Geländes, wonach 1360 die Kinder des Kulmann Weiß von Limpurg im Besitz des Hauses Bornfleck und des Nachbarhauses zum Rauchfaß waren. Letzteres wurde erstmals 1320 urkundlich als Nachname seines damaligen Besitzers Konrad erwähnt, der es wahrscheinlich in den 50er Jahren des 14. Jahrhunderts an die Kinder der vorgenannten Familie verkaufte. 1362 nahmen sie eine Teilung vor, indem sie zwischen den Gebäuden eine Mauer errichteten, die bis an den Stadtgraben reichte. Haus Bornfleck kam in den Besitz der Alheid, der Witwe des Gypel Knoblauch, während Haus Rauchfaß in den Besitz der anderen Kinder des Kulmann Weiß von Limpurg überging. 1374 verkaufte sie das Haus Bornfleck für 1.600 Gulden, wenig später auch Haus Rauchfaß an Albeids Schwiegersohn Peter Apothecker. Aus dessen Familie ging Haus Bornfleck 1410 in den Besitz der Ergersheim über.

Entstehungszeit und die Dynastie Melem (1460 bis 1708) miniatur|Dachlandschaft der Altstadt mit Steinernem Haus, 1866 miniatur|Johann von Melem der Jüngere, ca. 1490 Mitte des 15. Jahrhunderts erwarb der reiche Gewandhändler Johann Dorfelder aus Mainz, dessen Töchter an Klas von Rücklingen und Johann von Melem verheiratet waren, Haus Bornfleck. Am 4. Januar 1462 verkaufte Katharina, Witwe des Klas von Rücklingen und Frau des Georg Breidenbach, das Gebäude an ihren Schwager und ihre Schwester Johann und Gredgen von Melem. Am 21. April 1464 erwarben die neuen Eigentümer auch Haus Rauchfaß von Johann Apothecker.

Die Tatsache, dass sich nun beide Gebäude wieder in einer Hand befanden, nutzte das Ehepaar Melem im Oktober 1464 zu einem Abriss, um beide Parzellen zu einem Neubau zusammenzuführen. Aus der Lersnerschen ChronikDer weit-berühmten Freyen Reichs-, Wahl- und Handels-Stadt Franckfurt am Main Chronica, oder Ordentliche Beschreibung der Stadt Franckfurt Herkunfft und Auffnehmen. Selbstverlag, Frankfurt am Main 1706 sind die Geschehnisse vor mehr als einem halben Jahrtausend mit großer Genauigkeit zu erfahren: 1464. Auff den Sambstag nächst vor St. Galli Tag [d. h. Samstag, 13. Oktober] bauet Johann von Melem daß Hauß zum Bornflecken auff dem Haber-Marckt; den ersten Stein legte sein Sohn Johann von Melem [der Jüngere] und legte auff den Stein drey Alturnes oder TuronosMit Turoni ist eine nach der französischen Stadt Tours benannte Währung gemeint. Ludwig der Heilige führte 1266 den Turoner Silbergroschen ein (frz. gros tournois, lat. grossus turonus), der in ganz Europa Verbreitung fand, und nach dem im Spätmittelalter zuweilen auch die Groschen anderer Handelsstädte benannt wurden. denen Werckleuten zu vertrinken. Dieses geschahe an dem Orte gegen der Schmieden zu Nachmittags um 1 Uhr. Obgleich die Chronik von Lersner von der modernen Geschichtsforschung kritisch betrachtet wird, bestätigt in diesem Fall ein Eintrag im Kirchenbuch der St. Nicolaus-Kapelle die Information weitestgehend: Item anno 1464 hat man das huß genannt zum Bornflecken abgebrochen und darnach mit steynen und muwern nuwe gebuwet und ist dasselbe huß gelegen under den kremen [Anm.: Krämergasse, mittelalterliche Bezeichnung für den Markt] zuschen der alden Guldenschaffe und Kursener louben.

Das neu entstandene Gebäude überragte die umgebende Dächerlandschaft fast 500 Jahre, bis die Altstadt 1944 dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer fiel. Neben dem Steinernen Haus selbst wurde in nördlicher Richtung dahinter noch eine im Wesentlichen aus zweigeschossigen Fachwerkhäusern bestehende Hofanlage errichtet. Sie diente sowohl den Hausangestellten der jeweiligen Besitzer als Wohnstätte als auch als Unterbringungsmöglichkeit für Gäste der Frankfurter Messe oder von Krönungsfeierlichkeiten. Die Anlage mit ihren zweifelsfrei bedeutsamen Gebäuden aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts erhielt sich bis Anfang des 20. Jahrhunderts und wurde erst mit dem Durchbruch der Braubachstraße niedergelegt.Die Baudenkmäler von Frankfurt am Main – Band 3, Privatbauten. Selbstverlag/Völcker, Frankfurt am Main 1914, S. 41–60

Der Bauherr, Johann von Melem, war kein gebürtiger Frankfurter, sondern stammte aus Köln. Nachdem er 1454 bereits als Großkaufmann die Tochter Johann Dorfelders geheiratet hatte, erhielt er zwei Jahre später als erstes Mitglied seiner Familie das Bürgerrecht in Frankfurt. Die von ihm begründete Melemsche Handelsgesellschaft wurde bald eine der bedeutendsten Firmen des ausgehenden Mittelalters in Frankfurt und Johann einer der reichsten Bürger der Stadt. Die von der auswärtigen Herkunft Melems ableitbaren niederrheinischen Einflüsse haben sich auch in der Architektur seines Baus niedergeschlagen, für die hier auf den architektonischen Abschnitt des Artikels verwiesen sei.

Nach dem Tode Johanns am 20. März 1484 folgte ihm noch im selben Jahr sein gleichnamiger Sohn, Johann von Melem der Jüngere – der den ersten Stein des Steinernen Hauses gelegt hatte – in der Leitung des Handelsgesellschaft nach (s. Bild). Neben dem Geschäft betätigte er sich, im Gegensatz zu seinem Vater, auch an der Verwaltung der Stadt. Seine Karriere dort zeichnete bereits den Werdegang seiner Nachfahren vor, die zunehmend vom Vermögen und gewaltigen Grundbesitz der Familie leben und sich der Politik widmen konnten, anstatt noch vorrangig als Kaufleute tätig zu sein: 1486 wurde er in die Patriziergesellschaft Zum Frauenstein aufgenommen, 1511 bis zu seinem Tod 1529 gehörte er dem Rat der Stadt an und war 1516 sogar jüngerer Bürgermeister.

miniatur|Steinernes Haus auf dem Merian-Plan, 1628 Das Steinerne Haus blieb in den kommenden Generationen in Familienbesitz. Ogier von Melem, der Sohn von Johann von Melem des Jüngeren wurde 1522 nach der Hochzeit mit Brun von Brunfels in die Patriziergesellschaft Alten Limpurg aufgenommen. Damit hatte sich die Familie Melem nur knapp 60 Jahre nach ihrer Ankunft in Frankfurt in den obersten gesellschaftlichen Rängen der Stadt etabliert. Ogier, der 1575 starb, und sein gleichnamiger Sohn, der 1611 starb, haben das Haus stark mit Hypotheken belastet. 1607 verkaufte letztgenannter Ogier von Melem die ihm gehörende Hälfte des Hauses für 2.040 Gulden an die Vormünder der Juliane Margarete Steffan, welche 1610 Johann Philipp Weiß von Limpurg heiratete. Die andere Hälfte war schon im Besitze des Fräulein Steffan, welche die Enkelin einer Schwester von Ogier war.

1642 übergab Johann Philipp Weiß das Haus seinem Schwiegersohn Johann Hektor von Holzhausen gegen eine jährliche Zahlung von 250 Gulden. Nach dem Tode des Schwiegervaters 1644 ging das Haus in seinen Besitz über. Ihm folgte als Eigentümer sein Sohn Johann Maximilian. Mit seinem Tode 1708 endete die Ära, in der das Steinerne Haus alleine durch Familienbande in den Besitz der jeweils nächsten Generation übergegangen war. Knapp 50 Jahre zuvor war das Geschlecht der Melem mit Philipp Ludwig von Melem erloschen, als er 1654 als Frankfurter Gesandter auf dem Reichstag in Regensburg starb.

Von der Ganerbschaft zum Stadtbesitz (1708 bis 1898) miniatur|Aquarell von Carl Theodor Reiffenstein, 1845miniatur|Gebäude auf dem Ravenstein-Plan Frankfurts von 1861 1708 gründeten die insgesamt sechs verbliebenen Erben eine Ganerbschaft. Unter ihnen fanden sich einige hervorragende Geschlechter der Stadt: Maria Sibylla Ruland, eine geborene Glauburg, Anna Sibylla von Holzhausen, eine geborene von Lersner, Johann Philipp von Stalburg sowie Johann Hieronymus und Justinian von Holzhausen.