Der Sprosser (Luscinia luscinia) ist ein Singvogel aus der Familie der Fliegenschnäpper. Er ist die nordöstliche Schwesterart der Nachtigall und dieser sehr ähnlich. Sein Verbreitungsgebiet grenzt an das der Nachtigall. In Europa ersetzt er sie im Norden und Osten, wobei die Verbreitungsgrenze diagonal durch Mitteleuropa verläuft. In Nord- und Ostdeutschland gibt es einen schmalen Überschneidungsbereich, in dem beide Arten vorkommen und sich auch gemeinsam fortpflanzen. Es sind jedoch nur die männlichen Nachkommen solcher Verbindungen fortpflanzungsfähig. Der Sprosser ist ein Langstreckenzieher, der im südlichen Teil Afrikas überwintert. Die europäischen Populationen sind Schleifenzieher.

Namensgebung miniatur|Sprosser Vermutlich rührt der Name des Sprossers von Sprosse im Sinne von Fleck, Hautfleck (z. B. in „Sommersprosse“) her und ist auf die gewölkte bis gefleckte Brustzeichnung des Sprossers zurückzuführen. Da sowohl Nachtigall als auch Sprosser in vorigen Jahrhunderten als Käfigvögel beliebt waren, ist der namensgebende Bezug auf dieses Merkmal, das bei Beobachtungen im Feld oft kaum zu erkennen ist, verständlich.Hilprecht, 1965 (siehe Literatur)

In anderen Sprachen belegt schon der Name des Sprossers die enge Verwandtschaft zur Nachtigall, z. B. englisch thrush nightingale (= „Drosselnachtigall“) oder niederländisch Noordse Nachtegaal (= „Nordische Nachtigall“). In den nordischen Sprachen, z. B. im Schwedischen, ist es umgekehrt, hier ist der Sprosser die Näktergal, während die deutsche „Nachtigall“ die Sydnäktergal (= „Südnachtigall“) ist. Die französische Namensgebung rossignol philomèle (Nachtigall) und rossignol progné (Sprosser) zieht die griechische Mythologie heran, um das verwandtschaftliche Verhältnis der beiden Arten auszudrücken: Philomela und Progne sind zwei Schwestern, die in Nachtigallen (bzw. Nachtigall und Schwalbe) verwandelt werden.Ovid Metamorphosen, VI 424 ff.

Beschreibung

Aussehen mini|Sprosser beim Beringenmini|Singendes Männchen und Jungvogel des Sprossers Der Sprosser ist der Nachtigall sehr ähnlich. Er ist oberseits rötlich- bis olivbraun gefärbt, die Flügel- und Schwanzfedern sind dunkel rötlichbraun. Insgesamt ist der Sprosser etwas dunkler und weniger farbintensiv als die Nachtigall. Die Unterseite ist beige bis cremefarben und im Gegensatz zur Nachtigall im Bereich der Brust deutlich dunkel gewölkt oder sogar leicht gesprenkelt. Die Unterschwanzdecken sind leicht dunkel gefleckt oder gebändert, die der Nachtigall sind einfarbig hell. Das dunkle Auge hat einen hellen Rand. Der Schnabel ist geringfügig kompakter als der der Nachtigall, dunkelbraun und unterseits etwas heller. Die Füße sind hellbraun.

Der Sprosser ist etwa 16–17 cm lang und wiegt durchschnittlich etwa 22–27 g (gut genährte Vögel vor dem Zug bis 34 g). Die Flügellänge beträgt durchschnittlich etwa 90 mm (81–98 mm), die durchschnittliche Schwanzlänge 70 mm (63–76 mm).Glutz v. Blotzheim, S. 105f, s. Literatur Männchen und Weibchen unterscheiden sich kaum, selbst die Bestimmung anhand von Maßen und Gewicht ist nicht immer eindeutig. Bei Exemplaren mit extremen Maßen kann jedoch von einer eindeutigen Zuordnung ausgegangen werden: Bei einer Flügellänge über 91 mm handelt es sich mit relativer Sicherheit um ein Männchen, bei Flügellängen unter 85 mm um Weibchen.Balgmaße in Bauer/Glutz v. Blotzheim (s. Literatur), z. Vgl.: Javier Blasco-Zumeta, Gerd-Michael Heinze: Geschlechts- und Altersbestimmung (PDF-Datei, englisch), abgerufen am 24. August 2023.

Im Feld ist der Sprosser rein optisch kaum von der Nachtigall zu unterscheiden. Ein sicheres Merkmal, das aber nur bei Beringungen oder Totfunden geprüft werden kann, ist die Länge der 10., äußeren Handschwinge. Diese ist bei einigen Familien der Singvögel, so auch bei den Fliegenschnäppern, stark verkürzt. Beim Sprosser reicht sie nicht über die äußeren Handdecken hinaus, bei der Nachtigall ist sie länger als diese.

Die Art zeigt keine nennenswerte geographische Variation, Unterarten werden nicht beschrieben.

Jugendkleid und -mauser Die Dunen der Nestlinge sind schwärzlich, ihr Sperrrachen ist intensiv gelb bis orange, die Schnabelränder gelblich. Bis zum 35. Tag wachsen das Kleingefieder und die Flügelfedern, der Stoß ist etwa am 40. Tag ausgewachsen.

Das Jugendkleid ist drosselähnlich gefleckt und dem des Rotkehlchens sehr ähnlich, auffälliges Unterscheidungsmerkmal zu letzterem ist jedoch neben den arttypischen Proportionen der rötliche Schwanz. Das Kopfgefieder hat beige- bis ockerfarbenen Spitzen, die tropfenförmige Flecken bilden und durch die dunklen Federansätze deutlich voneinander abgegrenzt sind. Kopfunterseite, Brust und Bauch sind ähnlich schuppenartig gefleckt, allerdings insgesamt beige bis hellgrau. Die Wölkung der Brust bleibt im Gegensatz zur Nachtigall beim Altvogel bestehen, ist aber meist wesentlich verwaschener als beim Jugendkleid. Das Rückengefieder weist wie das Kopfgefieder Ansätze von hellen Rändern auf, sehr deutliche Flecken an den Spitzen zeigen die Oberflügeldecken. Der Rest des Gefieders, Flügel, hintere Rücken- und Bauchpartie und Stoß sind bereits gefärbt wie beim Altvogel.

Die Jugendmauser ist eine Teilmauser, bei der nur das Kleingefieder gewechselt wird; Handdecken und ein Teil der Armdecken bleiben wie das Großgefieder erhalten. Die Jugendmauser beginnt wenige Tage nach Abschluss des Großgefiederwachstums im Alter von etwa einem Monat und vollzieht sich innerhalb von etwa 20 Tagen. Die Mauser erfolgt eher und fast doppelt so schnell wie bei der Nachtigall, da die Zeit vom Verlassen des Nestes bis zum Wegzug sehr viel kürzer ist. In Mitteleuropa fällt die Mauserzeit etwa in die Mitte des Juli. Der ausgewachsene Vogel im ersten Jahr (Herbst/Frühjahr) behält aufgrund der Teilmauser die blasse Fleckung des Jugendkleides an den Oberflügeldecken bei. Durch Abnutzung kann dieses Merkmal allerdings im Frühjahr an Ausprägung verlieren, so dass die Unterscheidung zu Altvögeln schwieriger wird.

Das Alterskleid weist keine Fleckung der Flügeldecken mehr auf. Wie bei der Nachtigall kann also altersmäßig zwischen drei Kleidern unterschieden werden: dem Jugendkleid, dem der einjährigen Vögel und dem der Altvögel ab dem zweiten Jahr.Glutz v. Blotzheim, S. 107f, s. Literatur

Verhalten

Auf dem Boden bewegt sich der Sprosser drosselähnlich hüpfend und etwas gesetzter als die Nachtigall. Während diese im Verharren und bei Erregung oft den Schwanz senkrecht aufstellt, bewegt ihn der Sprosser oft – wie für Würger typisch – schräg drehend zu Seite. Dabei werden auch meist die Flügel leicht angehoben. Wird der Schwanz in Erregung auf- und abgewippt, fehlt im Gegensatz zur Nachtigall die stark verlangsamte abschließende Aufwärtsbewegung. In Erregungs- oder Drohpose, z. B. bei Revierstreitigkeiten, wird der Schwanz senkrecht stehend aufgefächert.

Beim Singen sitzt das Männchen aufrecht mit schräg abfallendem Schwanz, meist auf nicht zu hoch gelegenen, teils offenen Warten. Zu Zeiten der Revierbildung, wenn das Revier lautstark singend verteidigt wird, verliert der Sprosser oft nahezu die Scheu vor dem Menschen.

Der Flug ist schnell, leicht und im abschließenden Anflug flatternd. Meist werden zielgerichtet gerade, ohne scharfe Richtungswechsel nur kurze Strecken offenen Geländes überflogen, worauf der Vogel sich gleich wieder in Deckung begibt. Ruhe- und Schlafplätze liegen meist in dichter Deckung im Inneren von Gebüschen. Der Sprosser badet gern und ausgiebig, oft tut er dies in den Abendstunden.

Stimme mini|Gesang eines Sprossers. 1910 von Max Hampe in Bremen für die Gramophone Company aufgenommen Reviergesang

Der Reviergesang der Männchen ist dem der Nachtigall sehr ähnlich. Er wird ebenfalls auch häufig nachts vorgetragen und kann aufgrund seiner Lautstärke bei günstigen Bedingungen bis zu einem Kilometer weit gehört werden. Er ist wie bei der Nachtigall sehr melodisch, abwechslungsreich und kräftig. Der Gesang ist deutlich in Strophen gegliedert, die z. T. durch kurze Pausen voneinander abgesetzt sind. Diese bestehen aus Einzelelementen, die meist einfach wiederholt und zum Teil im Ablauf der Strophe leicht verändert werden. Der Sprosser wiederholt diese Elemente meist häufiger (etwa 4- bis 10-mal) als die Nachtigall (meist nur 2- bis 3-mal). Die Strophen sind daher oft länger als bei der Nachtigall, die Einzelelemente werden langsamer und oft – wie bei der Singdrossel – deutlich voneinander abgesetzt vorgetragen.Glutz v. Blotzheim, S. 107ff, s. Literatur

Verschiedene Autoren aus dem 19. Jh. haben versucht, den Gesang textlich zu imitieren und für einige Phrasen Namen wie David, Fillip, Judith oder Jakob (also z. B. David David David David David …) verwendet, was besonders die deutlich abgesetzten, singdrosselartigen Reihen gut beschreibt.

Dem Sprosser fehlt im Allgemeinen die für Nachtigallen typische „Schluchzstrophe“, eine Reihung flötender Laute, die in einem langsamen und dann schneller werdenden Crescendo an Kraft zunehmen. Dafür werden mit auffälliger Regelmäßigkeit gereihte, rohrsängerähnliche Schnarrlaute in den Gesang eingeflochten, oft beschrieben als „Schnatter-Phrase“. Als „Kastagnetten-Phrase“ werden die besonders lautstarken Reihen von „Tschuck-“, „Tschjock“ oder „Tschjack“-Lauten bezeichnet. Insgesamt fehlen dem Sprossergesang die oft als „klagend“ oder „schmelzend“ bezeichneten Laute der Nachtigall.

Tag- und Nachtgesang können in der Strophenlänge und der Länge der Intervalle zwischen den Strophen variieren. Nachts werden die Elemente innerhalb der Strophen oft häufiger und schneller nacheinander wiederholt, die Strophen folgen ebenfalls in schnellerer Abfolge aufeinander.

„Mischsänger“ Der Gesang ist meist das beste Unterscheidungsmerkmal zur Nachtigall. Hierbei hat der Vogelbeobachter die Schwierigkeit, dass es im Überschneidungsgebiet der beiden Verbreitungsbereiche auch „Mischsänger“ gibt (in der älteren Literatur oft als „Zweischaller“ bezeichnet), die Gesangseigenschaften von beiden Arten haben. Bei diesen Mischsängern handelt es sich – soweit eindeutig bestimmt werden konnte – meistens um Sprosser.

Gesangsaktivität Die Gesangsaktivität variiert stark, in Gebieten mit hohen Siedlungsdichten kann die stärkere Stimulation durch Reviernachbarn zu einem starken Anstieg der Gesangshäufigkeit, bis hin zu ununterbrochenem Dauergesang führen. Männchen ohne Weibchen singen ebenfalls häufiger und intensiver. Männchen, die die Nacht hindurch singen, sind generell seltener am Tag zu hören, während Männchen, die ihren Gesang zur Mitte der Nacht hin einstellen, häufig und lange auch am Tag singen.

Balzgesang Der Balzgesang, der meist nach abgeschlossener Revierbildung bei Ankunft der Weibchen vorgetragen wird, ist leiser, aber auch schneller und lebhafter mit kürzeren Unterbrechungen. Er ist zumeist vormittags zu vernehmen. Gelegentlich reagiert das Weibchen ebenfalls mit einem kurzen Gesangsmotiv. Auffälliger Gesang ist aber vom Weibchen nicht zu hören.

Rufe Der häufigste Alarmruf ist scharf, rau und durchdringend und ein wenig gezogen, ähnlich dem „Hüit“ der Nachtigall, aber weniger aufsteigend und härter, also eher ein scharfes „Fiet“, ähnlich dem entsprechenden Ruf des Buchfinken, jedoch nicht ganz so kurz und metallisch. Dieser Ruf kann bei Aufregung, beispielsweise einer Gefahr in Nestnähe, auch in eindringlichen Reihen abgegeben werden. Ebenfalls bei Erregung sind ein kräftig brummiges „Chrrrrr“ oder „Krr“ und ein kurzes „Dak“ zu hören, die ein wenig an Laute vom Hausrotschwanz erinnern. Ebenso wie bei letzterem („huit-tek“) werden diese oft auch an den oben beschriebenen, kurzen Alarmruf angehängt.

Verbreitung mini|300px|links|Verbreitung und Zugrouten des Sprossers Das Brutgebiet des Sprossers erstreckt sich von Ost- und Nordeuropa bis nach Zentralasien. Es liegt größtenteils in der gemäßigten und kontinentalen Klimazone und reicht bis in den borealen Nadelwald hinein.