mini|St. George’s Church in Philadelphia, PA, USA: ältestes kontinuierlich genutztes Gebäude einer methodistischen Kirche Methodistische und wesleyanische Kirchen sind Kirchen, die in Theologie und Kirchenverfassung auf der von John Wesley begründeten methodistischen Tradition beruhen. Bei John Wesley liegt das Hauptgewicht seiner Theologie nicht auf Meinungen und Lehren, sondern auf Gesinnung und Lebensführung.Vgl. Harald Lindström: Wesley und die Heiligung (= Beiträge zur Geschichte der Evangelisch-Methodistischen Kirche. Band 13, ). 2. Auflage. Mit einem Vorwort von Carl Ernst Sommer, übersetzt von Strobel. Christliches Verlagshaus, Stuttgart 1982, , S. 9. Mitbegründer der methodistischen Kirchen waren Johns Bruder Charles Wesley und George Whitefield.
Die Kirchen methodistischer und wesleyanischer Tradition sind im Weltrat methodistischer Kirchen (WMC) organisiert, der zu den großen protestantischen Kirchenbünden zählt. Im deutschen Sprachraum vertretene Gliedkirchen des WMC sind die Evangelisch-methodistische Kirche, die Freie methodistische Kirche mit ihren Kirchenregionen, die Evangelische Gemeinschaft Deutschland und die Kirche des Nazareners. Die Heilsarmee entstammt ebenfalls methodistischer Tradition, ist aber nicht Mitglied im WMC.
Besonderheiten der wesleyanischen Tradition In ihrer Entstehungszeit unterschieden sich die Methodisten von anderen protestantischen Kirchen weniger in der Lehre als vielmehr durch die strengere, methodischere Lebensführung nach biblischen Grundsätzen. Die Kirchen der wesleyanischen Tradition sind, im Gegensatz zu den meisten anderen Kirchen, nicht wegen einer Lehrdifferenz zu einer anderen Kirche entstanden: Sowohl die Entstehung der ersten Bischöflichen Methodistenkirche als auch später die Entstehung von unterschiedlichen methodistischen Kirchen war primär durch politische Verhältnisse, sprachliche oder kulturelle Unterschiede bedingt.
Deshalb erklärt sich, dass die Kirchen der wesleyanischen Tradition sich nicht nur trennen, sondern oft auch (wieder)vereinigen und dass sie für eine ökumenische Zusammenarbeit offen sind.
Theologie mini|John Wesley (1703–1791) John Wesley hat keine eigenständige Theologie entwickelt. Die methodistischen und wesleyanischen Kirchen gehen theologisch in den meisten Punkten mit dem konservativen evangelischen Mainstream zusammen, es gibt aber viele progressive Methodisten. Generell versuchen sich Methodisten nicht durch ihre Theologie von anderen Kirchen abzugrenzen. Einige theologische Sichtweisen von Wesley werden auch heute von den meisten Methodisten geteilt: die vorlaufende Gnade: Im Gegensatz zur calvinistischen Lehre von der doppelten Prädestination gehen Methodisten davon aus, dass Gottes Gnade allen Menschen gilt. Gott bietet allen Menschen die Erlösung an – diese hängt aber auch von der Antwort des Menschen ab. Die Gnade Gottes ist eine vorlaufende Gnade insofern, als sie den Menschen zum Hören des Evangeliums befähigt und den Glauben so ermöglicht. Der Glaube ist demnach sowohl Gottes Werk im Menschen als auch Entscheidung des Menschen. die wesleyanische Sicht der Heiligung, die weit über den Begriff der Erlösung hinausgeht und eine Erneuerung des ganzen Menschen nach dem Bild Gottes beinhaltet. Die vollständige Erlösung ist nach Wesley nicht nur das, was Gott durch Christus „für uns getan hat“, sondern auch das, was Gott durch Christus „in uns tut“. Biblisches Christentum findet nach Wesley seinen höchsten Ausdruck im praktischen Handeln und der ethischen Haltung des einzelnen Christen sowie der Kirche und erst in zweiter Linie in theologischer Doktrin. die wesleyanische „Quadrilateral“ von vier Kriterien,Oder „an der Bibel-Auslegung beteiligte Faktoren“, so bei Franz Graf-Stuhlhofer: Der Weg vom Bibellesen zu dogmatischen und ethischen Einsichten. In: Paul R. Tarmann (Hrsg.): Wort und Schrift. Christliche Perspektiven. plattform Johannes Martinek Verlag, Perchtoldsdorf 2020, ISBN 978-3-9519838-1-3, S. 97–128, dort 123 f. die „bei der Auslegung der Heiligen Schrift“ mitwirken,So dargelegt in der Vorstellungsbroschüre der Methodistenkirche in Österreich: In Gemeinschaft mit dem Heiligen Geist leben. Wien 1982, S. 25 f. nämlich die Bibel (d. h. das Mitbedenken anderer Bibelstellen, letztlich das aus dem bisherigen Bibellesen gewonnene dogmatische Bild), die Tradition (d. h. die bisherige Auslegung der Christenheit, wie sie sich etwa in Bibelkommentaren niederschlägt) und die (Lebens-)Erfahrung (wer z. B. persönlich Heilungswunder erlebt hat, wird eher dazu neigen, Erzählungen über Heilungen in der Bibel für historisch zu halten); das Mitwirken der Vernunft als Hilfsmittel beim „Verarbeiten“ betrifft alle diese Faktoren.Franz Graf-Stuhlhofer im Vorwort: Warum Christen verschiedener Meinung sind zu Peter Streitenberger: Die fünf Punkte des Calvinismus aus biblischer Perspektive. VTR, Nürnberg 2011, S. 7–10. Dort wird als weiteres Kriterium die psychische Veranlagung (z. B. Neigung zur Ängstlichkeit) des Bibellesers genannt.
Frömmigkeit Auch wenn die theologische Dogmatik des Methodismus sich nicht wesentlich von derjenigen anderer evangelischer Glaubensrichtungen unterscheidet, weist doch die Frömmigkeit der sich zum Methodismus Bekennenden in Geschichte und Gegenwart einige charakteristische Züge auf. Sie ist von den Traditionen des Puritanismus und des Pietismus beeinflusst, die beide in Wesleys Biografie eine wesentliche Rolle spielten. Eine zentrale Rolle der methodistischen Frömmigkeit spielt danach die Idee der individuellen Bekehrung als eines spezifischen und in der Tradition oft mit Tag und Stunde zu präzisierenden Erlebnisses, wie es auch von Wesley selber bezeugt ist. Er führte auch neue Formen geistlicher Gemeinschaft in kleinen Gruppen, den sogenannten Klassen (englisch: class meetings) ein. Dabei waren Bibelstudium, Gebet, Einzelseelsorge und gegenseitige Rechenschaftspflicht wichtige Elemente, um im Glauben, in der Nachfolge Christi und in der Heiligung zu wachsen.Urs Schmid: Amerikanische Heiligungsbewegung und Gemeinschaftsbewegung in Deutschland, Dissertation, Theologische Fakultät Universität Basel, Basel 2002; Fromm Verlag, 2018, ISBN 978-620-2-44298-5, S. 61–82
Wesentlich sind neben der Bekehrung die Vollkommenheit, also die persönliche Beziehung zu Christus, durch die der Mensch nicht dauernd ein der Sünde verhaftetes Wesen bleiben muss,Evangelisch-methodistische Kirche. In: Georg Schmid, Georg Otto Schmid (Hrsg.): Kirchen, Sekten, Religionen. Religiöse Gemeinschaften, weltanschauliche Gruppierungen und Psycho-Organisationen im deutschen Sprachraum. Ein Handbuch. Begr. von Oswald Eggenberger. 7., überarb. und erg. Auflage. TVZ, Theologischer Verlag, Zürich 2003, ISBN 3-290-17215-5, S. 97 f., hier S. 98 (). die persönliche Heiligung aufgrund der lebensverändernden Erfahrung der Gnade Gottes und das Wachsen in der Liebe.Evangelisch-methodistische Kirche (EmK). In: Handbuch Religiöse Gemeinschaften und Weltanschauungen. Freikirchen, pfingstlich-charismatische Bewegungen und weitere unabhängige Gemeinden, christliche Sekten, Neuoffenbarer, Neuoffenbarungsbewegungen und Neureligionen, esoterische und neugnostische Weltanschauungen und Bewegungen, religiöse Gruppen und Strömungen aus Asien, Anbieter von Lebenshilfen und Psycho-Organisationen. Im Auftrag der Kirchenleitung der VELKD hrsg. von Hans Krech, Matthias Kleiminger. 6., neu bearb. und erw. Auflage. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2006, ISBN 3-579-03585-1, S. 103–118, hier S. 108.Handbuch religiöse Gemeinschaften. Freikirchen, Sondergemeinschaften, Sekten, Weltanschauungen, missionierende Religionen des Ostens, Neureligionen. 3. Neuauflage. Hrsg.: Horst Reller, Manfred Kiessig. Gütersloher Verlagshaus Mohn, Gütersloh 1985, ISBN 3-579-03585-1, S. 80 (). Daher rührt sowohl die starke Betonung der Diakonie als auch die skeptische Auffassung gegenüber als weltlich deklarierten Vergnügungen (Glücksspiel, Theater, Tanz, Alkoholkonsum etc.).
Kirchenstruktur Die Kirchen der wesleyanischen Tradition haben eine distinktive Kirchenstruktur, die sowohl Elemente des Kongregationalismus, des Presbyterianismus als auch des Episkopalismus enthält. Ein besonderes Kennzeichen ist ihr Verbundsystem, in dem sich alle Einheiten regional und international gegenseitig sowohl finanziell als auch geistlich unterstützen.
Die oberste Entscheidungsgewalt über Bekenntnis und Kirchenordnung steht gewöhnlich bei einer Generalkonferenz, die sich paritätisch aus Geistlichen und gewählten Laien zusammensetzt. Die Beschlüsse der Generalkonferenz sind für alle Bischöfe, Pfarrer (in Deutschland: Pastoren) und Gemeinden verbindlich. Unter der Generalkonferenz gibt es ebenfalls paritätisch zusammengesetzte regionale und lokale Konferenzen. In manchen methodistischen/wesleyanischen Kirchen heißt das oberste Kirchenparlament anders und es gibt auch keine weiteren Konferenzen.
Es gibt eine geistliche Hierarchie von Bischöfen, ordinierten Ältesten und ordinierte Diakonen, die ordinierten Ältesten werden auch als Pfarrer, Pastoren oder Prediger bezeichnet. In den meisten wesleyanischen Kirchen können Frauen jedes Amt übernehmen, und die Laienmitarbeiter haben einen großen Stellenwert. Neben den ordinierten Geistlichen gibt es auch zahlreiche qualifizierte und berufene Laienprediger. Bereits 1761 gewährte der Gründer John Wesley Sarah Crosby als erster Frau eine Genehmigung fürs Predigen.Die Frauenordination in den Mitgliedkirchen der AGCK Schweiz, Website agck.ch (4. Oktober 2023, abgerufen am 4. September 2024)
Mitglied einer methodistischen Kirche ist nur, wer sich als Religionsmündiger bewusst dafür entscheidet, dieser methodistischen Kirche beizutreten und aktiv am Gemeindeleben teilzunehmen. Bei der Mitgliederaufnahme, die gewöhnlich im Rahmen eines Gottesdienstes stattfindet, wird ein persönliches Bekenntnis zum auf der Bibel basierenden christlichen Glauben erwartet. Die Mitgliedschaft in einer methodistischen Kirche wird nicht als heilsnotwendig angesehen und daher kein Druck ausgeübt, Mitglied zu werden.
Die Gemeinschaft in der lokalen Gemeinde hat bei den Methodisten einen großen Stellenwert. Methodistische Kirchen schließen sich dabei nicht gegen außen ab; sowohl in den Gottesdiensten als auch im Gemeindeleben ist jeder willkommen. Es gibt in jeder methodistischen Kirche auch mehr oder weniger zahlreiche Freunde, die keine offiziellen Mitglieder sind, aber ebenfalls am Gemeindeleben teilnehmen.
Sakramente Wesleyanische Kirchen kennen als Sakramente die Taufe und das Abendmahl.
Kindertaufe ist in vielen Kirchen die Regel, führt aber nicht automatisch zur Mitgliedschaft. Wer nicht getauft ist, wird anlässlich seiner Aufnahme in die Kirche getauft. Die Kirchen der wesleyanischen Tradition erkennen alle trinitarischen Taufen anderer Kirchen an (siehe hierzu auch: Magdeburger Erklärung).
Das Abendmahl ist in den methodistischen und wesleyanischen Kirchen eine liturgische Feier, bei der ein ordinierter Geistlicher präsidiert. Die Liturgie hat ihre Wurzeln in der anglikanischen Tradition.
Beim Abendmahl gehen die methodistischen Kirchen von der wirklichen, persönlichen und lebendigen Gegenwart Jesu Christi im Abendmahl aus, ohne diese vollständig erklären zu wollen. Sowohl die reine Erinnerungsfeier als auch die Lehre von der Transsubstantiation werden abgelehnt. Das Abendmahl ist Sakrament, Eucharistie (Dank), Gemeinschaft der (umfassenden) Kirche, Erinnerung und Gnadenmittel. Es ist auch ein Opfer, allerdings nicht als Wiederholung des Opfers Christi, sondern als Wieder-Darstellung, wobei sich die Kirche in Einheit mit Christus als Opfer gibt .
Das Abendmahl ist für die Methodisten eine Feier der ganzen Kirche – alle Menschen sind willkommen, auch nicht getaufte, die im Glauben daran teilnehmen wollen. Niemand darf wegen Alters oder mangelnden Verständnisses abgelehnt werden.