mini|hochkant|Hans-Georg Gadamer um 2000 mini|hochkant|Hans-Georg Gadamer Hans-Georg Gadamer (* 11. Februar 1900 in Marburg; † 13. März 2002 in Heidelberg) war ein deutscher Philosoph. International bekannt wurde er durch sein für die philosophische Hermeneutik grundlegendes Werk Wahrheit und Methode (1960).
Leben und Wirken mini|
Familiärer Rahmen und Promotion Hans-Georg Gadamers Großvater Oskar Gadamer war Unternehmer in Dittersbach bei Waldenburg in Niederschlesien, sein Vater Johannes Gadamer war Pharmazeut und Chemiker. 1902 folgte Johannes Gadamer einem Ruf als Ordinarius für pharmazeutische Chemie an die Universität Breslau und blieb dort bis 1919. Er war in erster Ehe (1897–1904) verheiratet mit Johanna Gadamer, geborene Gewiese, Tochter des Maurer- und Zimmermeisters Hugo Gewiese und seiner Ehefrau Adele Becker. 1904 verstarb Johanna Gadamer, die Mutter Hans-Georg Gadamers. Ab 1905 war Johannes Gadamer in zweiter Ehe verheiratet mit Hedwig Gadamer, geb. Hellich, Tochter des Grubenbaudirektors Erich Hellich und seiner Ehefrau Ida Ehlert.Zitiert nach Neue deutsche Biographie. Band 6: Gaál–Grasmann. Berlin 1964. Hans-Georg Gadamers Onkel war der Landrat Georg Gewiese.
Hans-Georg Gadamer wuchs in Breslau auf und erlangte dort 1918 die Hochschulreife. Er nahm anschließend ein Studium der Germanistik, Geschichte, Kunstgeschichte, Philosophie und Pädagogik an den Universitäten Breslau, Marburg und München auf und studierte unter anderen bei Richard Hönigswald. 1919 setzte er sein Studium an der Universität Marburg fort. Dort wurde er 1922 bei Paul Natorp und Nicolai Hartmann mit seiner Dissertationsschrift über Das Wesen der Lust nach den platonischen Dialogen zum Dr. phil. promoviert.Professorenkatalog der Universität Leipzig
Edmund Husserl, Martin Heidegger, Paul Friedländer mini|Heideggers Hütte oberhalb von Todtnauberg Ab 1923 besuchte Gadamer Vorlesungen von Edmund Husserl und Martin Heidegger an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und während des Sommers in Heideggers „Hütte“ in Todtnauberg. Die Begegnung mit Heidegger wurde für Gadamer „eine völlige Erschütterung allzu früher Selbstsicherheit“.Philosophische Lehrjahre. S. 23. Ein Jahr später, 1924, nahm Gadamer sein Studium der klassischen Philologie bei Paul Friedländer auf, weil er „das Gefühl hatte, von der Überlegenheit dieses Denkers [Heidegger] einfach erdrückt zu werden, wenn ich nicht einen eigenen Boden gewann, auf dem ich vielleicht fester stünde als dieser gewaltige Denker selber“.Vernunft im Zeitalter der Wissenschaft. 1976, S. 159 ff. 1927 absolvierte Gadamer sein Staatsexamen für das Höhere Lehramt.
Habilitation an der Universität Marburg 1929 habilitierte sich Gadamer bei Heidegger und Friedländer in Marburg für Philosophie und wurde Privatdozent an der Universität Marburg. Der Titel seiner Habilitationsschrift lautet Platos dialektische Ethik. Interpretationen zum „Philebos“. Zwei Jahre später wurde seine Schrift Platos dialektische Ethik veröffentlicht, finanziert wurde der Druck durch die Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft. Nach einem Aufenthalt in Paris 1933 veröffentlichte er 1934 seine Schrift Plato und die Dichter, mit der ihm ein Durchbruch in der Auslegung von Platons Politeia gelang. Die Schrift zeigt erste, sehr deutliche Ansätze der Gadamerschen Hermeneutik und belegt seine unkritische, eher unpolitische Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus.Teresa Orozco: Platonische Gewalt. Gadamers Hermeneutik der NS-Zeit. Argument Verlag, 2. Auflage, Hamburg 2004.
Zeit des Nationalsozialismus Im August 1933 wurde Gadamer Mitglied des Nationalsozialistischen Lehrerbundes.Ideologische Mächte im deutschen Faschismus Band 5: Heidegger im Kontext: Gesamtüberblick zum NS-Engagement der Universitätsphilosophen, George Leaman, Rainer Alisch, Thomas Laugstien, Verlag: Argument Hamburg 1993, Seite 105, ISBN 3-88619-205-9. Am 11. November 1933 unterzeichnete er das Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat.Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Fischer Taschenbuch Verlag, Zweite aktualisierte Auflage, Frankfurt am Main 2005, S. 172. 1934/35 vertrat Gadamer an der Universität Kiel den vakanten Lehrstuhl von Richard Kroner, der wegen seiner jüdischen Abstammung von der Lehrbefugnis suspendiert worden war. Im Oktober 1935 nahm Gadamer freiwillig am Dozentenlager des NS-Dozentenbundes (NSDDB) in Weichselmünde bei Danzig teil. Daraufhin wurde ihm 1937 in Marburg der Titel eines nichtbeamteten außerordentlichen Professors verliehen, der ihm zuvor verweigert worden war, obwohl er die üblichen sechs Jahre einer Privatdozentur schon absolviert hatte. Gadamer erhielt weiterhin die Vertretung des vakanten Lehrstuhls von Erich Frank an der Universität Marburg, dem ebenfalls wegen seiner jüdischen Abstammung die Lehrbefugnis entzogen worden war. Zwei Jahre später erhielt Gadamer einen Ruf an die Universität Leipzig, wo er nach Lehrstuhlvertretungen 1938/39 als Nachfolger Arnold Gehlens 1939 zum ordentlichen Professor und Direktor des Philosophischen Instituts der Universität Leipzig berufen wurde.Vgl. Grondin: Hans Georg Gadamer. (siehe unten), S. 378–380. Vom Sicherheitsdienst des Reichsführers SS wurde Gadamer in der weltanschaulichen Beurteilung innerhalb der „SD-Dossiers über Philosophie-Professoren“ aus SS-Sicht in seiner Haltung zum Nationalsozialismus als „indifferent“ klassifiziert.Georg Leaman, Gerd Simon: Deutsche Philosophen aus der Sicht des Sicherheitsdienstes des Reichsführers SS. Jahrbuch für Soziologie-Geschichte 1992, S. 261–292. Während der Zeit des Zweiten Weltkriegs war Gadamer Mitarbeiter am NS-Projekt „Kriegseinsatz der Geisteswissenschaften“. Gadamer war zwar in den Nationalsozialismus verstrickt, vermied es jedoch, sich während der NS-Zeit zu stark zu exponieren.Richard Wolin: Nazism and the complicities of Hans-Georg Gadamer. Untruth and Method. In: The New Republic. 15. Mai 2000, S. 36–45. Kritisch zu Richard Wolin und Teresa Orozco: Richard E. Palmer: A Response to Richard Wolin on Gadamer and the Nazis. In: International Journal of Philosophical Studies. 10, 2002, S. 467–482.
Erste Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg Nach dem Krieg wurde Hans-Georg Gadamer 1945 Dekan der Philosophischen Fakultät und später bis 1947 Rektor der Universität Leipzig. Nachdem sich die Hoffnungen auf eine demokratische Entwicklung in der sowjetischen Besatzungszone zerschlagen hatten, bemühte sich Gadamer aktiv um eine Stelle in einer der Westzonen. Am 14. August 1947 erklärte er seinen Rücktritt vom Rektorat zum 1. Oktober und erhielt an diesem Tag eine Anstellung an der Universität Frankfurt am Main, zunächst vertretungsweise, vom 1. Juli 1948 an als ordentlicher Professor. Bei der Rückkehr nach Leipzig zur Amtsübergabe wurde er aufgrund einer Denunziation verhaftet und von einem sowjetischen Offizier verhört, aber wieder auf freien Fuß gesetzt. 1949 folgte er einer Berufung an die Universität Heidelberg als Nachfolger von Karl Jaspers.Vgl. Grondin: Hans Georg Gadamer. (s. unten), S. 383f.
Rückkehr von Helmut Kuhn und Karl Löwith nach Deutschland Gadamer begründete 1953 mit Helmut Kuhn die Philosophische Rundschau. Im selben Jahr kehrte Karl Löwith, der 1934 wegen seiner jüdischen Herkunft aus Deutschland emigriert war, durch Vermittlung Gadamers zurück und folgte einem Ruf der Universität Heidelberg. Im Jahr 1951 wurde Gadamer Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Im Jahr 1960 erfolgte die Veröffentlichung von „Wahrheit und Methode“, 1962 wurde Gadamer Präsident der Allgemeinen Gesellschaft für Philosophie in Deutschland. Eine Bewerbung auf das Rektorat der Universität Heidelberg scheiterte dagegen. Es folgte die Gründung der Internationalen Vereinigung zur Förderung der Hegel-Studien, deren Präsident er wurde. Im Jahr 1966 organisierte er als Präsident der Allgemeinen Gesellschaft für Philosophie in Heidelberg einen Kongress über Sprache.
Gadamer und Jürgen Habermas Von 1967 bis 1971 debattierten Gadamer und Habermas, bis 1977 schrieb er Kleine Schriften in vier Bänden. Im Jahr 1968 wurde er in Heidelberg emeritiert, lehrte jedoch weiter. Von 1969 bis 1972 war er Präsident der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Im Jahr 1971 wurde ihm der Orden Pour le Mérite verliehen, er erhielt den Reuchlin-Preis der Stadt Pforzheim und das Große Bundesverdienstkreuz. In den 1980er und 1990er Jahren lehrte er regelmäßig am Istituto Italiano per gli Studi Filosofici in Neapel.Vgl. Grondin: Hans-Georg Gadamer (s. unten), S. 386 f.
Späte Jahre mini|Hans-Georg Gadamer 1995: Handschriftlicher Dank für einen Glückwunsch zum 95. Geburtstag. Hans-Georg Gadamer lebte bis zu seinem Tod im 103. Lebensjahr in dem Heidelberger Stadtteil Ziegelhausen und fand auf dem dortigen Friedhof Köpfel, auf einer Anhöhe über dem Neckartal gelegen, seine letzte Ruhestätte.Landschafts- und Forstamt der Stadt Heidelberg: Neuer Friedhof Ziegelhausen Köpfel Hans-Georg Gadamer ist Ehrenbürger der Stadt Heidelberg sowie der Stadt Neapel.La Città di Napoli a Hans Georg Gadamer (Napoli, Castel Nuovo, Sala dei Baroni 27 novembre 1990). Istituto Italiano per gli Studi Filosofici, Neapel 2000. Sein Nachlass liegt im Deutschen Literaturarchiv Marbach.
Schüler Schüler von Gadamer sind unter anderen Wolfgang Bartuschat, Gottfried Boehm, Rüdiger Bubner, Donatella Di Cesare, Günter Figal, Manfred Frank, Hans Friedrich Fulda, Dieter Henrich, Robert Kirchhoff und Wolfgang Wieland.
Gadamers philosophischer Ansatz: Begründer der universalen Hermeneutik Hans-Georg Gadamer war einer der prominentesten deutschen Philosophen des 20. Jahrhunderts. Er gilt als Begründer einer universalen Hermeneutik, die sich in der Nachfolge Heideggers aus der Kritik am Methodologismus der traditionellen Hermeneutik von Friedrich Schleiermacher und Wilhelm Dilthey entwickelt.
Für Gadamer ist jegliches Verstehen, gleichgültig, ob es sich um Texte, Kunst- und Bauwerke oder das Verstehen in einem Gespräch handelt, an die Sprachlichkeit des Seins vor dem Horizont der Zeit gebunden. Das setzt beim Interpretieren von Werken Offenheit, das Bewusstmachen der eigenen Vorurteilsstruktur sowie die Bereitschaft zum Gespräch bzw. zu reflexivem Auseinandersetzen voraus. Es ging ihm weniger darum, eine Methode der Hermeneutik auszuarbeiten, als darum, zu beschreiben, wie Verstehen „immer geschieht“ (WM II 394). Verstehen ist für Gadamer nicht eine Erkenntnisart unter anderen, sondern universal. Hier schließt er an Heidegger an, der über das Subjekt („Dasein“) schreibt, dass es allein in der Weise in der Welt ist, „daß es je verstanden bzw. nicht verstanden hat“. (SZ 144) Das Sein des Menschen ist es also, sich in der Welt orientierend zu verstehen. Gadamer knüpft ausdrücklich daran an und versucht, die daraus folgenden Konsequenzen für die Geisteswissenschaften darzulegen (WM I, 269). Seine Kritik am Selbstverständnis der Geisteswissenschaften liegt folglich darin, dass aller Methodik immer schon uneinholbar ein Verstehen vorausgeht. Das Vertrauen auf die Methode überspielt lediglich die uneinholbare Vorurteilsstruktur, an die der Mensch in seiner Geschichtlichkeit gebunden bleibt.
Gadamers Zirkularität menschlicher Verstehensleistung