Cynthia „Cindy“ Nicole Klassen, OM (* 12. August 1979 in Winnipeg, Manitoba) ist eine kanadische Eisschnellläuferin. Sie wurde 2006 Olympiasiegerin über 1500 Meter und gewann in ihrer Laufbahn insgesamt sechs olympische Medaillen sowie fünf Weltmeistertitel.

Klassen begann ihre Laufbahn als Eishockeyspielerin. Nachdem sie sich nicht für das kanadische Olympiateam 1998 qualifiziert hatte, wechselte sie zum Eisschnelllauf. Sie stieg innerhalb weniger Jahre in die Weltspitze auf und gewann 2002 ihre erste olympische Bronzemedaille über 3000 Meter, der vier Jahre später bei den Winterspielen 2006 in Turin fünf weitere Olympiamedaillen folgten, darunter Gold über 1500 Meter. Unter allen Olympiateilnehmern war sie damit in Turin die Athletin mit den meisten gewonnenen Medaillen. 2005 und 2006 lief Klassen auf mehreren Strecken Eisschnelllaufweltrekorde, 2006 wurde sie als kanadische Sportlerin des Jahres mit der Lou Marsh Trophy ausgezeichnet und erhielt außerdem die Oscar Mathisen Memorial Trophy. Ab den späten 2000er-Jahren hatte Klassen starke Knieprobleme. Nach einer beidseitigen Knieoperation im Sommer 2008 und einer einjährigen Rennpause konnte sie bei ihrer Rückkehr ins internationale Wettkampfgeschehen ab dem Winter 2009/10 nur noch eingeschränkt an ihre früheren Erfolge anknüpfen. Im Juni 2015 erklärte sie das Ende ihrer aktiven Sportkarriere. Sie ist seit 2017 Teil der Hall of Fame des kanadischen Sports.

Werdegang Frühe Jahre (bis 2000) Cindy Klassen stammt von mennonitischen Einwanderern in Manitoba ab.James Christie: Queen of Canadian sport. In: The Globe and Mail. 12. Dezember 2006, S. 1. Abgerufen am 25. November 2023 via ProQuest. Sie wuchs als ältestes von vier Geschwisterkindern mit zwei Schwestern und einem Bruder im Bezirk North Kildonan im Norden der Provinzhauptstadt Winnipeg auf. Klassens Erziehung war christlich geprägt:Valerie Fortney: The making of a champion. In: Calgary Herald. 17. März 2006, S. E1. Abgerufen am 4. Dezember 2023 via ProQuest. Als Mitglied der mennonitischen Brüdergemeinde in Winnipeg besuchte sie das private Mennonite Brethren Collegiate Institute und machte dort 1997 ihren Schulabschluss.The Canadian Press: Winnipeg celebrates after Cindy Klassen races to gold at Olympics. In: Whitehorse Star. 23. Februar 2006, S. 21. Abgerufen am 25. November 2023 via ProQuest.

In ihrer Kindheit und Jugend übte Klassen eine Vielzahl an Sportarten aus, darunter Rugby, Volleyball und Basketball. 1994 gehörte sie zum kanadischen Lacrosse-Team bei den Commonwealth Games in Victoria. Ihren Trainingsschwerpunkt legte sie auf den Eishockeysport, mit dem sie spielerisch bereits im Alter von zwei Jahren begonnen hatte. Weil Fraueneishockey in den 1980er- und frühen 1990er-Jahren kaum eigenständige Strukturen aufwies, spielte Klassen anfangs in den Ligen der Jungen.Tabitha Marshall: Cindy Klassen. In: The Canadian Encyclopedia. Veröffentlicht am 6. Juni 2010, zuletzt bearbeitet am 26. Juli 2019. Abgerufen am 4. Dezember 2023 via thecanadianencyclopedia.ca. 1996 wurde sie als Abwehrspielerin in das neugegründete kanadische U19-Frauennationalteam aufgenommen und trainierte unter anderem gemeinsam mit der späteren vierfachen Olympiasiegerin Caroline Ouellette. Im Vorfeld des erstmals ausgetragenen olympischen Eishockeyturniers der Frauen 1998 in Nagano fand Klassen keine Berücksichtigung für die kanadische Auswahl. Sie fing in der Folge – dem Vorschlag ihrer Eltern folgend – mit Eisschnelllaufen an, weil sie eine Ergänzung zum Eishockey suchte („[A]ll I had was hockey. I needed something else to keep me busy“).Ian Kennedy: Cindy Klassen Went From Budding Hockey Star To Speed Skating Legend auf thehockeynews.com. 16. September 2023. Abgerufen am 25. November 2023. Rückblickend auf ihre Laufbahn sagte Klassen, sie habe zunächst Widerwillen vor allem gegenüber den Rennanzügen beim Eisschnelllauf empfunden, dann aber eine Leidenschaft für die Sportart entwickelt. An die Stelle ihrer früheren Idole aus der National Hockey League seien Catriona LeMay Doan und die wie Klassen aus Winnipeg stammende Susan Auch getreten, die beide bei den Winterspielen 1998 olympische Medaillen im Eisschnelllauf holten.

In ihrer Anfangszeit als Eisschnellläuferin profitierte Klassen von der Kraft und der Schnelligkeit, die sie im Eishockey gelernt hatte, musste aber die im Eisschnelllauf benötigte Technik und Laufhaltung von Grund auf neu lernen. Anne Mushumanski, Klassens erste Trainerin beim Eislaufklub in Winnipeg, überzeugte die Athletin, das Eishockeytraining (das sie zunächst weiterverfolgt hatte) auszusetzen, um sich ganz auf den Eisschnelllauf zu konzentrieren. Laut Mushumanski eignete sich Klassen innerhalb der ungewöhnlich kurzen Zeit von weniger als zwei Jahren nach ihrem Eisschnelllauf-Trainingsbeginn im Herbst 1997 die Technik an, um in die Weltspitze vorzustoßen. Die Trainerin hob vor allem Klassens Fähigkeit hervor, genau das zu tun, was von ihr gefordert wurde, etwa wenn es darum ging, Zeitvorgaben einzuhalten.The Cindy Syndrome. In: Winnipeg Free Press (Online). 9. April 2006. Abgerufen am 26. November 2023 via ProQuest. „She's got that drive, that -- how do you say it? -- that uncanny ability that if you tell her what she needs to do, she does it.“

Als weitgehend unbekannte Sportlerin lief Klassen im Februar 1999 bei der Juniorenweltmeisterschaft im norwegischen Geithus die schnellste Zeit über 1000 Meter und die drittschnellste Zeit über 500 Meter.Jim Morris: Salt Lake Olympics learning experience for Cindy Klassen; Speed skater has a promising career in sport. In: The Spectator, 20. Dezember 2001, S. E06. Abgerufen am 26. November 2023 via ProQuest. Ein halbes Jahr später startete sie bei den Panamerikanischen Spielen 1999 in ihrer Heimatstadt Winnipeg im Inline-Speedskating, das sie gleichzeitig mit dem Eisschnelllauf als Trainingsmöglichkeit im Sommer angefangen hatte. Sie belegte dort den fünften Rang in der Sprintkombination.Glen Colbourn: Renaissance Woman: Canada’s Cindy Klassen does it all on the Rollerblade Track. In: The Spectator, 28. Juli 1999, S. F6. Abgerufen am 26. November 2023 via ProQuest. Klassen zog 1999 nach Calgary, wo sie im überdachten Olympic Oval bessere Trainingsbedingungen vorfand als auf ihrer Heimeisbahn in Winnipeg, die nur wenige Monate im Jahr genutzt werden konnte.Pan American Notebook. In: The Globe and Mail, 28. Juli 1999, S. 4. Abgerufen am 4. Dezember 2023 via ProQuest. In Calgary belegte sie im Dezember 1999 den zweiten Platz hinter Cindy Overland bei der nationalen Mehrkampfmeisterschaft und gab im Folgemonat (ebenfalls auf dem Olympic Oval) ihr Debüt im Eisschnelllauf-Weltcup. Als bestes Saisonergebnis erreichte Klassen im Februar 2000 einen siebten Rang im Weltcuprennen über 1500 Meter in Baselga di Piné. Außerdem nahm sie zum ersten Mal an Weltmeisterschaften der Erwachsenen teil: Bei der Mehrkampf-WM in Milwaukee platzierte sie sich auf Position 13, bei den Welttitelkämpfen auf Einzelstrecken in Nagano war ihr vorderstes Resultat ein zehnter Platz über 3000 Meter.

Weltspitze (2000 bis 2008) mini|links|Klassen während der Mehrkampfweltmeisterschaft 2007 in Heerenveen Ab 2000 war Cindy Klassen fester Bestandteil des kanadischen Eisschnelllauf-Nationalteams,Michael Petrie: Cindy Klassen's winning way. In: Calgary Herald, 23. Februar 2006, S. D4. Abgerufen am 26. November 2023 via ProQuest. nachdem sie im Jahr zuvor der kanadischen Juniorenauswahl angehört hatte. Sie feierte schnell nationale und internationale Erfolge: Im Januar 2001 errang sie ihren ersten kanadischen Meistertitel im Allround-Mehrkampf, dem in den folgenden Jahren acht weitere nationale Titel in Mehrkämpfen und auf Einzelstrecken folgten (2002: über 3000 sowie 5000 Meter, 2003 und 2005: im Sprint-Vierkampf, 2007: über 1000 sowie 1500 Meter, 2012 und 2013: über 5000 Meter). Ihre erste Weltmeisterschaftsmedaille gewann sie im März 2001, als sie bei der Einzelstrecken-WM in Salt Lake City Dritte über 1500 Meter wurde. Im Dezember 2001 stellte sie in Calgary einen kanadischen Rekord über 5000 Meter auf. Mit einer Zeit von 6:59,24 Minuten war sie (nach den Deutschen Gunda Niemann-Stirnemann sowie Claudia Pechstein) die dritte Eisschnellläuferin, die auf dieser Distanz unter der Sieben-Minute-Marke blieb.Winnipeg's Klassen shatters national record auf cbc.ca. 21. Dezember 2001. Abgerufen am 28. November 2023.

Klassen zählte in den 2000er-Jahren sowohl auf den Sprintstrecken als auch auf den Langdistanzen zu den weltweit führenden Eisschnellläuferinnen. Diese Vielseitigkeit galt als ungewöhnlich, weil viele ihrer Konkurrentinnen stärker spezialisiert waren.Destiny’s child. In: Winnipeg Free Press (online), 8. Februar 2002. Abgerufen am 26. November 2023 via ProQuest. 2002 qualifizierte sie sich auf allen fünf Einzelstrecken (500 Meter, 1000 Meter, 1500 Meter, 3000 Meter und 5000 Meter) für das kanadische Olympiateam bei den Winterspielen in Salt Lake City, verzichtete aber auf den Start im 500-Meter-Rennen, um sich auf die längeren Distanzen zu konzentrieren – über 3000 Meter gewann sie letztlich mit Bronze ihre erste olympische Medaille. Vier Jahre später holte Klassen bei den Olympischen Winterspielen 2006 in Turin fünf weitere Medaillen: Gold über 1500 Meter vor ihrer Teamkollegin Kristina Groves, Silber über 1000 Meter und in der erstmalig ausgetragenen Teamverfolgung sowie Bronze über 3000 Meter und über 5000 Meter. In der Teamverfolgung kam sie nur im Viertel- und im Halbfinale, nicht aber im Endlauf zum Einsatz, um sich für die später angesetzten Einzelrennen zu schonen.Ken MacQueen: Speed queen: Cindy Klassen, hockey team castoff, is now our greatest Olympian. In: Maclean’s. 6. März 2006, S. 34–38. Abgerufen am 4. Dezember 2023 via ProQuest. Klassen war die erste kanadische Sportlerin, die in ihrer Karriere sechs olympische Medaillen gewann.Klassens kanadischer Rekord von sechs olympischen Medaillen wurde 2010 von Clara Hughes eingestellt und 2021 von der Schwimmerin Penny Oleksiak übertroffen, vgl. Ben Dornan: Oleksiak Wins 7th Olympic Medal, Becomes Most Decorated Canadian In History auf swimswam.com. 31. Juli 2021. Abgerufen am 27. November 2023. Bei der Schlussfeier der Olympischen Winterspiele 2006 trug sie die kanadische Fahne.Cindy Klassen Named Canada’s Flag Bearer for 2006 Olympic Winter Games Closing Ceremony auf olympic.ca. 26. Februar 2006. Abgerufen am 27. November 2023. Nach Olympia schloss Klassen einen mehrjährigen Sponsorenvertrag mit dem Telekommunikationsunternehmen Manitoba Telecom Services ab, dessen Gesamthöhe auf mehr als eine Million kanadische Dollar geschätzt wurde. Bereits vor den Winterspielen war sie eine Werbepartnerschaft mit dem Fast-Food-Konzern McDonald’s eingegangen.Rick Westhead: Olympian may have struck gold again; Speed skater wins deal after triumphs Canada's Klassen endorses phone firm. In: Toronto Star, 28. Februar 2006, S. C03. Abgerufen am 30. November 2023 via ProQuest; Randy Starkman: Klassen life after Games; Skater copes with new-found fame Medallist signs $1 million deal. In: Toronto Star, 18. März 2006, S. C01. Abgerufen am 30. November 2023 via ProQuest.