Show Boat ist ein auf dem gleichnamigen Roman von Edna Ferber basierendes Musical in zwei Akten mit Musik von Jerome Kern und Text und Buch von Oscar Hammerstein II.Siedhoff, Das Handbuch des Musicals, 552 Show Boat wurde seit der Premiere 1927 fast jede Dekade neu inszeniert. Die Versionen der ersten zwei Dekaden haben den größten Einfluss auf nachfolgende Inszenierungen genommen.Acton, Can’t Help Lovin’ Dat Musical: Show Boat in Films and Revivals, 1
Geschichte Entstehungsgeschichte Edna Ferber war zunächst skeptisch, als Jerome Kern mit seinem Vorhaben, Show Boat in ein Musical zu verwandeln, an sie herantrat. Sie fürchtete eine Reduzierung und humoristische Wandlung des Plots und konnte, so schließt Lauren Acton aus Ferbers Autobiographie, erst vollständig überzeugt werden, als sie den Song Ol’ Man River hörte und davon tief berührt wurde.Acton, Can’t Help Lovin’ Dat Musical: Show Boat in Films and Revivals, 2. Ferbers Roman beschäftigt sich mit ernsthaften Themen wie Rassismus, Eheproblemen und Alkoholismus, was in den 1920er Jahren keinesfalls als musicaltauglich angesehen wurde.Furia, Lasser, America’s songs, 57. Auch der Produzent, Florenz Ziegfeld, hatte anfangs große Bedenken, Show Boat auf die Bühne zu bringen, obwohl das Textbuch ihn begeisterte. Noch während der Premiere war er fest davon überzeugt, das Musical sei eine Fehlinvestition gewesen. Letztlich jedoch wurde Show Boat zur erfolgreichsten Produktion seiner Karriere.Furia, Lasser, America’s songs, 59.
Show Boat war der Wegbereiter für das Goldene Zeitalter des Broadway-Musicals. In dieser Zeit festigte sich, was das amerikanische Musicaltheater von anderen Formen des Musicaltheaters abhebt: die Integration von Tanz, Gesang, Text, Gestaltung und Schauspiel zugunsten der Entfaltung der erzählten Geschichte.Kowalke, Das Goldene Zeitalter des Musicals, 137ff.
Rezeption Kritiker waren sich von Anfang an einig, dass Show Boat ein Meilenstein in der Musicalgeschichte sei.Bering, Musical, 51. Als besonders werden die Gestaltung des Musicals als Drama und seine ernsthafte Thematik sowie die Zusammenführung von Musical Comedy und Operette erachtet. Diese Verschmelzung ist der Grund, warum Show Boat oft als erstes Musical Play bezeichnet wird.Stempel, Showtime, 201.Siedhoff, Das Handbuch des Musicals, 554 Das Musical Play zeichnet sich dadurch aus, dass es ein ernstes Thema im Alltag gewöhnlicher Menschen behandelt und das Publikum dazu ermutigt, sich in die Thematik hineinzuversetzen. Es entfaltet sich in einem Dialog, welcher der natürlichen Art und Weise zu sprechen sehr nahe kommt. Alle Elemente tragen dazu bei, die Entwicklung der Geschichte in interessanter und steigender Dramatik vorwärts zu bringen.Kislan, The musical, 123. Dazu wird Musik komponiert, die weder den üblichen Kompositionsregeln der ariosen Operette noch der kurzgefassten, zumeist nur auf Hits, Amüsement und Stars ausgelegten Musical Comedy entspricht.Bordman, American musical theatre, 435.
Show Boat wird nach Siedhoff als erstes Book Musical bezeichnet, da es, obwohl 1927 bereits George Gershwins Book Musical Lady, Be Good existierte, das erste Musical war, das sich intensiv mit der Theaterwelt beschäftigte und diese dem Publikum mit ihren schönen und hässlichen Seiten präsentierte.Siedhoff, Das Handbuch des Musicals, 555–556 Damit setzte es den für das Book Musical charakteristischen Fokus auf die Charaktere, deren Gemütslage und die Situationen, in denen sie sich befinden.Kislan, The musical, 117.
Obwohl Show Boat nicht die erste Musicalproduktion war, die eine gemischte Besetzung mit schwarzen und weißen Künstlern hatte, wurden dem Musical aufgrund seiner Popularität und seines Bekanntheitsgrads seit seiner Premiere Vorwürfe des Rassismus und der Verstärkung von Stereotypen gemacht.Graziano, Images of African Americans: African-American musical theatre, Show Boat and Porgy and Bess, 74. Folglich muss sich jede neue Inszenierung erneut der zeitgemäßen Umsetzung der fragwürdigen Szenen in dem Musical stellen (siehe Abschnitt „Kritik: Rassismus“).
Ein weiterer fortwährender Kritikpunkt richtet sich gegen den zweiten Akt des Musicals, denn dieser wirkt neben dem detailreichen und musikalisch brillanten ersten Akt farblos. Zu lange Zeiträume müssen im zweiten Akt zusammengefasst werden (1893–1927); die unrealistischen Aufeinandertreffen der Hauptcharaktere und das Happy End, bei dem alle Hauptcharaktere noch leben und – ganz im Gegensatz zur Romanvorlage – wiedervereint werden, wirken herbeigezwungen. Die Rolle von Kim, der Tochter von Gaylord (und Magnolia) Ravenal, bleibt unklar, ihre musikalischen Nummern werden über die Jahre immer wieder verändert oder gar komplett gestrichen.Banfield, Jerome Kern, 176ff
Trotz des wegweisenden Charakters von Show Boat herrschte anschließend fast zehn Jahre lang „Funkstille“ und die Entwicklungen auf dem Gebiet des Musicals gingen zurück in Richtung Operette und Musical Comedy. Erst Gershwins Broadway-Oper Porgy and Bess trat wieder in die Fußstapfen von Show Boat.Bering, Musical, 56ff
Aufführungsgeschichte Show Boat hat die am längsten anhaltende Aufführungsgeschichte in der Geschichte des Broadway-Musicals. Von großen Broadway-Revivals in fast jedem Jahrzehnt seit seiner Premiere bis hin zu kleinen Aufführungen überall in den USA hat Show Boat trotz seines fast 90-jährigen Bestehens offensichtlich nichts an seiner Faszination eingebüßt.Stempel, Showtime, 200 In Deutschland wurde Show Boat unter dem Titel Das Komödiantenschiff (Übersetzung: Janne Furch) zum ersten Mal 1970 in Freiburg im Breisgau aufgeführt.Siedhoff, Das Handbuch des Musicals, 552 Die erste eng an das Original von 1927 angelehnte deutschsprachige Fassung stammt von Marcel Prawy; sie wurde am 1. März 1971 in der Volksoper Wien uraufgeführt.
Wichtige Inszenierungen von Show Boat sind neben der Broadway-Premiere 1927 die erste Inszenierung in London im Theatre Royal Drury Lane 1928, die Inszenierung von 1946, wie bei der Premiere ebenfalls im Ziegfeld Theatre in New York, mit Kern und Hammerstein II als Produzenten sowie die Broadway-Inszenierung von 1994 unter Harold Prince.Block, Enchanted evenings, 26ff.Acton, Can’t Help Lovin’ Dat Musical: Show Boat in Films and Revivals, 3.
Handlung Show Boat deckt nicht nur eine Zeitspanne von 40 Jahren an unterschiedlichen Orten ab, es befasst sich außerdem mit ethnischen Konflikten, zerbrochenen Ehen und Selbstreflexionen über das Theaterleben.Bering, Musical, 53 Es spielt entlang des Flusses Mississippi sowie in Chicago und behandelt sowohl das Leben der armen schwarzen Schiffsarbeiter als auch das der weißen Künstlertruppe.
Alles beginnt im Jahr 1880 mit einer Szene an Deck der Cotton Blossom, eines Theaterschiffs, wie es zu dieser Zeit in den USA viele gab. Mit großem Schauspiel und Glamour kündigt die Cotton Blossom die Aufführungen der nächsten Tage für die Bewohner von Natchez an. Als der Sheriff von Natchez herausfindet, dass Julie LaVerne, der Star des Schiffs, einen schwarzen und einen weißen Elternteil hat, sind Cap’n Andy und seine Frau Parthy dazu gezwungen, sie des Schiffes zu verweisen. Es kommt zur ersten ethnischen Fragestellung, als Julies Ehemann Steve ihr in den Finger schneidet und das Blut ableckt als Zeichen, dass er nun auch schwarzes Blut in sich habe und die Ehe somit nicht unrechtmäßig sei. Um die Aufführungen zu retten, ersetzt die Tochter des Kapitäns, Magnolia, die Rolle von Julie zusammen mit dem attraktiven Glücksspieler Gaylord Ravenal, der Steves Part einnimmt. Die beiden verlieben sich ineinander, heiraten und verlassen schließlich die Cotton Blossom, um in Chicago zu leben.
Andy und Parthy besuchen Magnolia und Gaylord anlässlich der Weltausstellung 1893. Parthy ist immer noch skeptisch Gaylord gegenüber – zu Recht, denn Gaylords Spielsucht nimmt kein Ende, und als seine Schulden zu groß werden, verlässt er Magnolia und deren gemeinsame Tochter Kim. Zwei alte Freunde aus der Künstlergruppe der Cotton Blossom, Frank und Ellie, die das typische amüsante secondary couple darstellen,Banfield, Jerome Kern, 170 sind erfolgreiche Vaudeville-Stars geworden und treffen zu dem Zeitpunkt bei Magnolia ein, als diese von Gaylord verlassen wurde. Sie helfen ihr in ihrer Not, indem sie Kontakt zum Trocadero herstellen, wo sie sich um die Anstellung als Sängerin bewirbt, welche die zur Alkoholikerin gewordene Julie LaVerne innehat. Diese verschwindet Magnolia zuliebe, als sie sie beim Vorsingen erkennt. Am Silvesterabend gibt Magnolia ihr Debüt im Trocadero, wo sich auch Captain Andy im Publikum befindet und den Auftritt durch sein Vertrauen in seine Tochter rettet.
1927 sind Magnolia und Kim erfolgreiche Sängerinnen. Andy trifft zufällig auf Gaylord Ravenal und lädt diesen zur großen Reunion der alten Cotton-Blossom-Künstlertruppe ein. Als Magnolia und Gaylord sich sehen, scheint für beide die jahrelange Trennung vergessen. Im Hintergrund der Haupthandlung verläuft die Geschichte von Joe, dem farbigen Schiffsarbeiter, und seiner Frau Queenie, der Köchin der Cotton Blossom, die sich in der von Weißen dominierten (Theater-)Welt abschuften und dennoch kaum Beachtung finden und wie der Fluss Mississippi alles erdulden und einen Tag nach dem anderen verleben.The Guide to Musical Theatre 2015, Show BoatBordman, American musical theatre, 434
Szenen und Nummern Folgende Szenen finden sich in der Fassung von 1946:Siedhoff, Das Handbuch des Musicals, 552–554 Szene Nummer Besetzung 1. Akt, Szene 1: 1880 – Uferdamm des Mississippi von Natchez, Show Boat Cotton Blossom Cotton Blossom, Where’s the Mate for Me?, Make Believe, Ol’ Man River Chor, Gaylord Ravenal, Magnolia und Gaylord, Joe 2. Szene – Küche der Cotton Blossom Can’t Help Lovin’ Dat Man Julie LaVerne 3. Szene – Spielsalon in Flussnähe Till Good Luck Comes My Way Gaylord 4. Szene – Zuschauerraum der Cotton Blossom Mis’ry’s Comin’ Aroun’ Queenie 5. Szene – Theaterkasse auf dem Vordeck Life on the Wicked Stage, Queenie’s Ballyhoo Ellie May Chipley, Queenie 6. Szene – Zuschauerraum und Bühne während des III. Aktes von The Parson’s Bride 7. Szene – Oberdeck You Are Love Magnolia und Gaylord 8. Szene – Uferdamm des Mississippi von Natchez, Show Boat Cotton Blossom Finale I Chor 2. Akt, Szene 1, 1893 – Vergnügungspark der Expo Chicago At the Fair, Why Do I Love You?, In Dahomey Chor, Magnolia und Gaylord, Chor 2. Szene, 1904 – Vergnügungspark der Expo Chicago 3. Szene – St. Agatha Kloster, Chicago Convent Scene Chor 4. Szene – Proberaum des Trocadero Bill, Reprise: Can’t Help Lovin’ Dat Man Julie, Magnolia 5. Szene – Ecke im Foyer des Sherman House 6. Szene – Trocadero für den Neujahrsabend dekoriert Trocadero Opening Chorus, After the Ball, Goodbye, My Lady Love Chor, Magnolia, Ellie und Frank 7. Szene – Straße vor dem Zeitungsbüro des Natchez, Evening Bulletin Reprise: Ol’ Man River, Hey, Feller! Joe, Queenie und Chor 8. Szene – Oberdeck Reprise: You Are Love Gaylord 9. Szene, 1927 – Uferdamm von Natchez, mit der modernisierten Cotton Blossom Reprise: Cotton Blossom, Nobody Else But Me, Finale Ultimo Chor, Kim, Joe und Chor
Gestaltung
Buch