miniatur|Raschīd Ridā, vor 1935. Raschīd Ridā oder Raschid Rida (mit vollem Namen ; * 23. September 1865 im Dorf Qalamūn bei Tripoli im Libanon; † 22. August 1935 in Kairo) war ein libanesischer Publizist. Er war einer der einflussreichsten Denker und Autoren des Reformislam und des arabischen Nationalismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Als der prominenteste Schüler von Muhammad Abduh führte Raschid Rida die islamische Reformbewegung weiter und gab ihr eine neue Richtung. Er war ein muslimischer Intellektueller, der in einer Zeit des Umbruchs für die Bewahrung der eigenen Identität eintrat und zugleich den Fortschritt der islamischen Gemeinschaft vorantreiben wollte. Sein Name bleibt verbunden mit seinem Magazin al-Manar, einer der wichtigsten und einflussreichsten Publikationen zum Reformislam.W. Ende: Rashīd Riḍā. Encyclopaedia of Islam. Herausgeber: P. Bearman, Th. Bianquis, C. E. Bosworth, E. van Donzel und W. P. Heinrichs. Brill, 2008.
Jugendzeit und Einflüsse Raschid Rida stammte aus einer frommen Dorffamilie in der damaligen osmanischen Provinz Beirut, seine Abstammung soll auf den Propheten Mohammed zurückgehen. Anders als die früheren Reformdenker erhielt Raschid Rida bereits in seiner Schulzeit eine moderne Bildung. Besuchte er zunächst die Koranschule, wurde er später in der Nationalen Islamischen Schule in Tripoli unterrichtet.Sirriyeh S. 184 Weitere Kontakte mit westlichem Gedankengut erhielt er durch Gespräche mit christlichen Intellektuellen und Missionaren in Beirut.Shahin S. 113 Durch seine umfassende Bildung gelangte er daher früh in die Riege der Ulema.Muhammad Zaki Badawi: The reformers of Egypt. London: Croom Helm, c1978.
In seiner Jugend schloss sich Raschid Rida dem Sufismus an und beschäftigte sich mit al-Ghazālī sowie Askese.Adams S. 179 Er wurde auch Mitglied des Naqschbandi-Ordens. Doch als er einen Tanzauftritt von Mevlevi-Derwischen erlebte, brachte er lautstark sein Entsetzen über diese „verbotenen Handlungen“ zum Ausdruck.Hourani S. 225 Seine Beschäftigung mit rationalistischen Reformern und die spätere Hinwendung zum Salafismus brachten ihn dazu, Sufi-Praktiken strikt abzulehnen.
Unter dem Einfluss der Zeitschrift al-‘Urwa al-wuthqa („das festeste Band“) lernte er die Reformbewegung unter dem Gelehrten Dschamal ad-Din al-Afghani (wohl ein geborener Schiite) kennen, die ihn so sehr beeindruckte, dass er versuchte, sich al-Afghani als Schüler anzuschließen. Durch die Zeitschrift kam er zu der Erkenntnis, dass der Islam nicht nur das Individuum betreffe, sondern eine komplette, weltumspannende und universelle Lehre darstelle. Afghanis Ideen führten ihn zudem in die Idee des Pan-Islamismus ein.
Aus politischen Gründen wanderte er 1897 nach Ägypten aus, wo unter der britischen Besatzung größere Meinungsfreiheit herrschte als im osmanisch beherrschten Großsyrien des Sultans Abdülhamid II. In Kairo schloss er sich Muhammad Abduh als Schüler an, wobei das Lehrer-Schüler-Verhältnis zwischen ihnen dem innerhalb von Sufiorden ähnelte.Busool S. 279
Rida trennte sich von seiner ersten Ehefrau, die ihm nicht nach Ägypten folgen wollte, und heiratete nach einer weiteren erfolglosen Verbindung noch einmal. Mit seiner Ehefrau Su’ad hatte er mehrere Kinder, von denen fünf erwachsen wurden.asch-Scharabasi S. 220–224
Die frühen Jahre: Politische Visionen Zunächst begeisterte sich Rida für eine türkisch-arabische Einheit im Osmanischen Reich. In Istanbul versuchte er, eine Schule zu gründen, die religiösem Fanatismus entgegenwirken sollte. Sein Plan war es, moderne Bildungsmethoden und westliche Kultur zur Anwendung zu bringen, während die Religion intakt gehalten werden sollte.Tauber S. 105 Insgesamt war die Bildung für ihn der wichtigste einzelne Faktor, der die Vorherrschaft des Westens garantierte und auch politische Entwicklung ermöglichte.Shahin S. 116 Die Bildung hatte für Rida einen so großen Stellenwert, dass er die Gründung von Schulen für wichtiger befand als die Gründung von Moscheen.Adams S. 195 Auch begabte Mädchen sollten Zugang zu Bildung bekommen, auch wenn sie außer Allgemeinbildung hauptsächlich „weibliche“ Fähigkeiten erwerben sollten.Shahin S. 121 Als Rida jedoch bemerkte, dass sein Projekt von den Jungtürken kontrolliert und zur Türkisierung benutzt werden sollte, klagte er sie des Atheismus und der Freimaurerei an.
Eine weitere seiner Annahmen war, dass der Fortschritt im Westen durch politische Verbände katalysiert wurde, die die Stellung absolutistischer Herrscher angreifen konnten.Shahin S. 117 Im Orient waren derartige kollektive Bewegungen weitgehend unbekannt, weswegen Rida selbst insgesamt viermal als Initiator tätig wurde.Shahin S. 118
Die Zeitschrift al-Manār Raschid Rida gab von 1898 bis zu seinem Tode die Zeitschrift al-Manār („der Leuchtturm“) heraus, die als Sprachrohr der Reformbewegung diente und großen Einfluss auf die islamische Welt ausübte. Al-Manār erschien zunächst ohne große Resonanz wöchentlich, doch nach einigen Jahren etablierte sie sich als führende Monatszeitschrift. Der Druck fand in Ridas eigenem Haus statt, das er auch als Buchhandlung nutzte.Skovgaard-Petersen S. 96 Die Zeitschrift enthielt Analysen der Situation der damaligen muslimischen Welt und beschäftigte sich intensiv mit der Frage, weswegen der Westen dem Orient überlegen war. Aufgrund von Reformvorschlägen bezüglich des osmanischen Verwaltungssystems verbot Sultan Abdülhamid II. die Zeitschrift im Osmanischen Reich.Salem S. 38 Ein weiterer wichtiger Bestandteil der Zeitschrift waren die Rechtsgutachten, Fatwas, die der Herausgeber selber erteilte. Des Weiteren enthielt al-Manar Buchbesprechungen von europäischen Schriftstellern sowie Reiseberichte von Rida. Die intendierte Funktion der Zeitschrift war die Versorgung des Lesers „mit praktischer Munition gegen gewöhnlichen Sufismus, Volkspraxis und taqlid (Nachahmung) sowie vielleicht der Ermutigung, davon Gebrauch zu machen.“Vgl. Skovgaard-Petersen S. 103
Fast alle seiner Schriften veröffentlichte Ridā zuerst in dieser Zeitschrift. Allerdings publizierte er darin auch viele bedeutende Aufsätze seines Lehrers Muhammad Abduh, so den Essay „Islam und Christentum im Verhältnis zu Wissenschaft und Zivilisation“, den er 1902 noch einmal separat herausgab.Olaf H. Schumann: Der Christus der Muslime. Christologische Aspekte in der arabisch-islamischen Literatur. Gütersloh 1975. S. 115, 132. Zwischen 1912 und 1916 war Taufīq Sidqī ein wichtiger Beiträger der Zeitschrift. Er schrieb vor allem zu solchen Themen wie der Zuverlässigkeit der Sunna, das Christentum, und die Vereinbarkeit moderner medizinischer und wissenschaftlicher Entdeckung mit islamischen Konzepten.Riyad: Islamic Reformism and Christianity. 2009, S. 21. Durch al-Manār konnten ʿAbduhs Ideen überhaupt erst ihre weite Verbreitung erreichen, so dass sie sogar die gewichtige Rolle überstrahlten, die Rida selbst in der Reformbewegung einnahm.Busool S. 286 Ab 1900 veröffentlichte Rida in al-Manār einen modernistischen Korankommentar Muhammad ʿAbduhs, den „tafsir al-Manar“, beruhend auf seinen Aufzeichnungen von ʿAbduhs Vorlesung über Koranexegese an der al-Azhar-Universität. Nach ʿAbduhs Tod führte er diesen Tafsīr selbständig weiter, was sich in dessen Ausrichtung niederschlug.
In seiner Zeitschrift hat Rashid Rida mehrmals auch das Thema des Zionismus behandelt.Beška, Emanuel: Responses of prominent Arabs towards Zionist Aspirations and Colonization prior to 1908. In Asian and African Studies, 16, 1, 2007.
Islamische Theologie Ab 1901 veröffentlichte Rida in al-Manar in Anlehnung an Ibn Qaiyim al-Dschauzīya einen fiktiven Dialog zwischen einem jungen Reformer und einem traditionellen Scheich, „Muhawarat al-muslih wa-l-muqallid“, in dem sich viele seiner Argumentationsgänge bezüglich der Erneuerung des Islam finden. Die Imitation der traditionellen Auffassungen, „taqlid“, war demnach der wichtigste Grund für die Stagnation der Ulema, die den Fortschritt der islamischen Welt verhinderten. Der Gegensatz dessen ist „Idschtihād“, das selbständige Bemühen um Auslegung, das im Mittelalter aufgegeben worden war. Ein Grundsatz der Reformer war, sich nur direkt auf Koran und Sunna zu beziehen, wenn die Zitate eindeutig und die Überlieferung sicher waren (mehrfach überlieferte Tradition, Hadith mutawātir).Skovgaard-Petersen S. 97 Darum wurden auch die Unterschiede zwischen den vier großen Rechtsschulen und sogar zwischen den verschiedenen Gruppierungen von Sunniten und Schiiten zugunsten einer islamischen Einheit zu überwinden gesucht.Hourani S. 240 Im Gegenzug wurde die Schuld für die Fragmentierung der islamischen Gemeinschaft dem dogmatischen Sektierertum der Rechtsgelehrten zugeschrieben.
Als eine wichtige Rechtsquelle galt das Prinzip der „maslaha“, die Nützlichkeit für die islamische Gemeinschaft bzw. das Gemeinwohl, das bereits bei Ibn Taimīya prominent wurde.Hourani S. 233 Dieses Prinzip erhielt bei Rida eine so entscheidende Stellung, dass es den Analogieschluss (Qiyās) als Mittel zur Rechtsfindung verdrängte.Hourani S. 234 Insgesamt sehnte sich Rida nach einer neuen Generation von modernen Ulema, die ihrem Berufsstand gerecht würden und nicht in mittelalterlichen Traditionen verhaftet blieben.Hourani S. 239 Wie die anderen Modernisten auch sah Rida keinen Widerspruch zwischen Religion und Vernunft, weswegen er sich wissenschaftlichen Erkenntnisquellen nicht verschloss.Kerr S. 157
Rida befürwortete den defensiven Dschihad für den Fall, dass die friedliche Verbreitung des Islam nicht möglich ist oder wenn Muslime nicht gemäß ihrem religiösen Gesetz leben können.Hourani S. 237 Die Nichtanwendung der Scharia führt dazu, dass der Herrscher für ungläubig erklärt werden kann (Takfīr), dies gilt also etwa bei der Anwendung europäischen Rechts im Orient. Der Dschihad sollte auch im Falle fremder Aggression zulässig sein, so dass antikolonialer Widerstand dadurch gerechtfertigt war.Peters S. 126 Diese Einstellung stand in einem Spannungsverhältnis zu der Tatsache, dass Rida persönlich das Leben unter britischer Herrschaft in Ägypten dem im Osmanischen Reich vorzog. Von der gewaltsamen Verbreitung des Islam sah er ab wegen des Prinzips, dass kein Zwang in der Religion angewendet werden soll.
Bei der Frage des Abfalls vom Islam unterschied er zwischen denjenigen Apostaten, die dergestalt offen vom Islam abfallen, dass sie eine Gefahr für die islamische Glaubensgemeinschaft darstellen, und solchen, die nur insgeheim den Glauben verlassen. Nur Angehörige der ersten Gruppe sollten getötet werden.
Sicht auf den Westen Der Niedergang der islamischen Welt nach dem goldenen Zeitalter der vier rechtgeleiteten Kalifen war ein zentrales Thema bei der Frage nach dem heutigen Verhältnis zwischen ersterer und dem Westen. Bei den historischen Gründen für die Dekadenztheorie führte Rida in der apologetischen Tradition Ibn Taimīyas Verschwörungen von Feinden des Islams sowie Pseudo-Konvertiten an, die menschliche Schwächen gegenüber den islamischen Prinzipien Oberhand gewinnen ließen.Kerr S. 173 Darüber hinaus behauptete Rida, das Prinzip der Gewalt habe erst durch Muʿāwiyas Vorbild Eingang in den Islam gefunden.Kerr S. 173f. Diese Aussage verklärt die zuvor herrschenden rechtgeleiteten Kalifen, unter denen die rasche Expansion des Islam erfolgte, andererseits zeigt sie, wie früh bereits der fiktive Niedergang des Islam nach Meinung der Salafiten eintrat.