Die Edelherren (nobiles) und späteren Grafen von Stotel hatten ihren Sitz bis zu deren Zerstörung durch die Stedinger 1214 auf einer Turmhügelburg in einer Flussschleife der Lune, eines Nebenflusses der Weser, nahe der Stoteler Kirche. Der mehrwällige Neubau der Burg wurde dann an den nordöstlichen Ortsrand verlegt. An der Mündung der Lune in die Weser dagegen haben Siedlung und Burg Stotel sich niemals befunden. Ebenfalls eine Legende (zum Teil von Hermann Allmers propagiert) ist die Ansicht, die Grafen von Stotel seien von Karl dem Großen eingesetzt worden oder hätten die Grenzhut gegen die Normanneneinfälle gebildet. Ebenso wenig waren sie Nachfolger der Grafen von Lesum oder sind in eine „ältere“ und eine „jüngere“ Dynastie zu scheiden. Die bezeugbare Dynastie lässt sich nur bis in das 12. Jahrhundert zurückverfolgen. miniatur|Ringmauerreste der ab 2013 ausgegrabenen Burg Stotel

Gevehard (1171–1202) Biographien rekonstruieren lassen sich zuerst von den beiden Edelherren Gevehard (1171–1202) und Rudolf I. (1202–1228/29), Vater und Sohn. Doch werden in der Tradition die Klostergründer von St. Paul vor Bremen (1131) und von Osterholz (1182), Trutbert und Eylhard, für Edelherren von Stotel gehalten. Über Trutbert wissen wir verlässlich nur, dass er ein Verwandter des Grafen Gerbert I. von Versfleth war und sein wichtigstes Erbgut in Driftsethe hatte. Gerbert übernahm auch die Klostervogtei von St. Paul. Eylhard, zuvor Mönch aus St. Paul, dann erster Propst seiner eigenen Gründung, könnte der letzte Graf von Versfleth gewesen sein. Auch erscheinen schon früher – 1101 und 1146/54 – nobiles mit den Namen Truotpreth und Givehartus, die durchaus der Familie angehört haben können. Sie haben möglicherweise noch nicht in der Wesermarsch gesessen, da die Stoteler auf der hohen Geest zwei weitere Besitz- und Herrschaftsschwerpunkte hatten: einen am Oberlauf der Lune mit der Eigenkirche in Kirchwistedt und vielleicht mit Sitz auf der „Monsilienburg“, den anderen am Oberlauf der Hamme mit der Eigenkirche Wulsbüttel und der Mühle Bullwinkel bei Hambergen.

Noch Gevehard war 1171 Gefolgsmann Heinrichs des Löwen, wie auch seine Nachfolger Einzellehen vom sächsischen Herzogtum trugen. Insbesondere nach dem Sturz Heinrichs als Sachsenherzog lehnen sich die Stoteler jedoch stark an die Bremer Kirche an. Sie gehörten zu den vier gräflichen bzw. edelfreien Hofamtsträgern des Erzbischofs (deren Schenken) und erhielten Lehen in den Kolonisationsgebieten an der Niederweser. Der Teilnahme der Dynasten an der Kolonisation schuldet die Siedlung Stotel (Stotle) wohl auch ihren Aufstieg zum Grafensitz mit präurbanem Charakter (Pfarrkirche St. Margaretha). Wie die Marschen Landwürden, Vieland, Osterstade und das Kirchspiel Lehe war das Kirchspiel Stotel im Mittelalter friesisch besiedelt. Das Güterregister der Herrschaft Stotel von etwa 1363/65 nennt zahlreiche friesische Namen, und die Einwohner des Kirchspiels waren als eigene Landesgemeinde organisiert, die sich das „Land“ Vresekenstotele, also „Stotel der Friesen“ nannte.

Gevehard (mittelniederdt. Geverde) verheiratete seine Tochter einer apokryphen Tradition zufolge mit einem Grafen von Oldenburg und hat dabei Landwürden „dem greven van Oldenborch mit to bruthschatte gegeven ... und jarlichs darto 60 molt roggen, 7 Bremer marck und 7 punt botter, alles to Lee, de botter van wegen des veers. Item 70 molt havern to Santstede, de de Oldenborger hern noch huitiges dages upboeren“. Tatsächlich erscheinen Landwürden samt den Einnahmen aus Lehe, der dortigen Fähre und aus Sandstedt schon 1273/78 als externer Besitz der Grafen von Oldenburg. Für eine ehemalige Zugehörigkeit der Landwürder Wesermarsch spricht deren Zuschnitt innerhalb des gesamten Marschstrichs westlich Stotels und die Tatsache, dass das Kloster Osterholz die Zehnten von Wiemsdorf und Wührden den Stotelern und nicht den Oldenburgern zu Lehen gegeben hat.

Der spätmittelalterliche Chronist Heinrich Wolters notierte, dass die Grafen von Stotel mit denen von Oldenburg und den Herren von Bederkesa MCXI an einem Kreuzzug teilgenommen hätten. Wie Hans G. Trüper festgestellt hat, weist die Namensliste Bremer Bürger, die Wolters bei dieser Gelegenheit mitteilt, auf den Kreuzzug Kaiser Friedrichs I., so dürfte diese Überlieferung auf einer Verschreibung für MIXC beruhen und auf Gevehard gehen. Möglicherweise hat er als Stauferanhänger am Dritten Kreuzzug 1189/90 teilgenommen.

Rudolf I. (1202–1228/29) Gevehards Sohn Rudolf I. hat wohl schon 1197 am Kreuzzug Kaiser Heinrichs VI. teilgenommen, da er sich im Gefolge Adolfs III. von Holstein befand, und gehörte 1219/20 noch einmal zu einem Kreuzfahrerheer, nämlich dem des Herzogs Albrecht von Sachsen nach Livland. Beziehungen zu der überseeischen Expansion nach Livland ergaben sich dadurch, dass Rudolfs Altersgenossen, Bischof Albert von Riga und Bischof Hermann von Leal-Dorpat, die führend an der Eroberung Livlands beteiligt waren, aus der in der Nachbarschaft besitzenden Ministerialenfamilie von Bexhövede stammten. Hermann war überdies bis 1219 Abt des Paulsklosters vor Bremen.

Rudolfs Ehe kann erschlossen werden aus dem Namen seines Sohnes Gerbert, der eine Memorie für den Grafen Gerbert von Versfleth stiftete und im vierten Grade mit Salome von Oldenburg verwandt war. Rudolf hat also wohl wie ein Vorfahre der Salome eine Schwester oder Tochter Gerberts II. von Versfleth geheiratet. War es die Schwester, würde das erklären, warum die Memorienstiftung Gerbert II. nicht als Großvater Gerberts von Stotel führt, denn dann wäre jener nur dessen Onkel gewesen.

Der Aufstieg zu einer gräflichen Dynastie gelang der Familie nach dem Erlöschen der Grafschaft Versfleth; gewissermaßen im Zuge der Auseinandersetzungen mit den Stedinger und Osterstader Bauern, die sich um 1200 „gegen die Grafen von Oldenburg und ihre anderen Herren“ zu erheben begannen. Zwei erzbischöfliche Einfälle nach Stedingen (1207 und 1229), an denen sich die Stoteler zweifellos beteiligten, blieben erfolglos. Umso erfolgreicher waren die Bauern: Sie erreichten die Erhebung fast aller Bauern in den Marschen beiderseits der Niederweser. Außerdem verwüsteten sie die Besitzungen der umliegenden Adelsherrschaften und zielten insbesondere auf die Burgen ihrer adligen Gegner ab, wobei sie ab 1211 von Otto IV. und seinen Verbündeten, darunter Bremens Erzbischof Waldemar, unterstützt wurden. 1213 fielen die drei Burgen Munzowe, Seehausen und Hagen, im Jahre darauf Stotel selbst. Munzowe (wohl Monsilienburg) und Hagen können deshalb nicht erzbischöflich gewesen sein. Wenn sie nicht in der Hand der Stoteler waren, dann doch im Besitz ihrer Burgmannen bzw. Dienstleute. Das Vorgehen der Stedinger erweist die Edelherren als Hauptgegner der Bauern und als politische Parteigänger der antiwelfischen Opposition. Die geographische Lage ihrer Grund- und Herrschaftsrechte entlang dem Geestrand östlich der oststedingischen Marsch wies der Familie ohnehin eine Schlüsselstellung im Kampf um Stedingen zu.

Gerbert (1229–1267) Rudolfs I. überlebender Sohn Gerbert (1229–1267) wird gleich bei seiner ersten Erwähnung nach dem Tode seines Vaters als comes de Stotlo bezeugt. Das erklärt sich zwanglos aus der Tatsache, dass der Sohn eines Lehnsmannes nach dessen Tod um die erneute Belehnung nachzusuchen hatte. Nicht nur die Belehnung mit den schon früher von den Stotelern besessenen Kirchenlehen gewährte Erzbischof Gerhard II. von Bremen ihm, sondern erweiterte sie um ein oder mehrere Freigerichte oder -grafschaften. Dass der neue Rang des jungen Edelherren eben in dieser Vertragsurkunde aufscheint, ist natürlich kein Zufall, denn die Grafschaftsverleihung war offensichtlich erfolgt, um Gerbert fest in die Fronde der Stedingergegner einzubinden.

Die Stoteler besaßen einen bedeutenden Allodial- und Erbbesitz, geboten über Vasallen und Dienstmannen und hatten wichtige Plätze mit Burgen gesichert. Nun ging es darum, eine Landesherrschaft zu errichten. Die Spielräume der Stoteler waren von vornherein durch die Klostergründungen St. Paul und Osterholz eingeschränkt.

Gerbert wird in dem Vertrag des Erzbischofs von Bremen mit den Grafen von Oldenburg-Wildeshausen 1229 erstmals als Graf genannt. Er und seine ritterlichen Dienstleute nahmen 1233 und 1234 an den Unterwerfungskriegen gegen die Stedinger teil. Dadurch konnte er sich einen Teil des Versflether Erbes sichern, wozu er südlich von Stotel die Feste Stoltenbroke errichtete (mutmaßlicher Platz oberhalb der Osterstader Marsch zwischen Hagen und Driftsethe). Stoltenbroke (= „Stolzen-Bruch“, nicht etwa „Stotlenbroke“ als Ableitung von Stotle, wie lange angenommen wurde) wurde für ihn namengebend, nicht aber für seine Söhne und Enkel. Eine territorial geschlossene „Grafschaft Stotel“ (die womöglich noch Osterstade, das Vieland, Land Wührden, Lehe und die beiden Börden Bramstedt und Beverstedt umfasst hätte) gab es nicht. Es gelang den Grafen nur, ihr Territorium über das Kirchspiel Stotel zu sichern. Daraus ist die „Herrschaft Stotel“ erwachsen, die wiederum mit der Vogtei und dem späteren Amt weitgehend identisch gewesen sein dürfte. Das Botting zu Hagen 1248 # Das Amt Hagen wurde 1248 von der Grafschaft Stotel getrennt, der Bremer Kirche die Vogtei über die zum Haupthof Bramstedt gehörenden Kirchengüter verkauft. Diese Erwerbung bildete den Grundstock für die erzbischöfliche Vogtei und das spätere Amt Hagen (Allmers hat dieses Freigericht zum „Volksgericht“ stilisiert).

Dass die Grafen Zoll- und Münzrecht beansprucht haben, geht aus dem Bündnisvertrag gegen die Stedinger von 1233 hervor, in dem die Verbündeten in ihrer jeweiligen terra teilweise auf die Wahrnehmung verzichteten. Damals wurde nämlich bestimmt, dass iniusta theloniae und iniuste monetae zwischen Elbe, Weser und Hunte aufgehoben werden sollten. Dieser Vertrag war zwar vom Erzbischof aufgesetzt, doch geht aus den Bestätigungen des Domkapitels und des Minoritenkonvents hervor, dass er auch mit den nobiles terre, von denen die Grafen von Oldenburg, Oldenburg-Wildeshausen und Stotel in der Haupturkunde ausdrücklich genannt sind, geschlossen worden war. Als Ansatzpunkt für die Ausübung des Münzrechts müsste es aber auch einen Marktort gegeben haben. Dass nun die gräflichen und edelfreien Vasallen der Bremer Erzbischöfe ebenfalls Beischläge zu den Brakteaten Bremer Fabrik produzierten, ist seit langem bekannt. Von den welfischen Geprägen unterscheiden sie sich insoweit, als sie stumm sind und lediglich die heraldischen Beizeichen aufweisen. Namentlich hat man von den Grafen von Oldenburg Stücke bereits aus dem Fund von Brümmerloh (Erbstein) und von den Grafen von Hoya sowie von den Edelherren von Diepholz gekannt. Dass auch die Grafen von Stotel Münzen geprägt haben könnten, ist bereits 1906 von dem namhaften Numismatiker Heinrich Buchenau postuliert worden.

Verheiratet war Gerbert seit 1238 mit Salome, der Tochter des Grafen Otto I. von Oldenburg.

Johannes I. (1267–1306) Gerberts Söhne Johannes und Hildebold regierten zunächst (1267) gemeinschaftlich, bis der jüngere Bruder geistlich wurde.

Hildebold trat in das Bremer Domkapitel ein, amtierte 1280 bis 1282 als Kustos und starb am 30. November 1298 als Domscholastikus. Wenn er seit 1284 nicht mehr als Kustos, sondern als Scholastikus erscheint, so könnte Rangminderung mit seinem gewalttätigen Charakter zu tun haben: 1293 proskribierte ihn der Bremer Rat, weil er einen Schüler ohne Prozess drangsalierte und ein Bürgerhaus in Utbremen überfiel.