Tilithigau Ostfalen um das Jahr 1000 Die ungefähre Lage des Tilithigaus in der Provinz Engern (nicht in der Provinz Ostfalen!) mini|hochkant=1.5|Pagus Thiliti in der Gaukarte „TABULA ANGARIAE IN DIOECESI PATERBORNENSI“ des Christian Ulrich Grupen, 1740 mini|Der Tilithigau und die umgebenden Gaue im Stammesherzogtum Sachsen um 1000

Der Tilithigau (auch Gau Tilithi)Otto Curs, 1908, S. 22. war eine sächsische Gaugrafschaft und ein Teil der sächsischen Provinz Engern im Stammesherzogtum Sachsen.Mathias Becher, 1996.

Der in der Zeit der fränkischen Okkupation Sachsens bereits sehr viel ältere altsächsische Tilithigau (pagus, im Sinne von Siedlungsraum) wurde in seinen Grenzen unter Karl dem Großen im 8. Jahrhundert in das fränkische Grafschaftssystem eingegliedert. Man spricht vom Tilithigau als Raumeinheit vor allem in der Zeitstellung vom 8. bis 13. Jahrhundert.

Gegen Ende des Hochmittelalters geriet der Name des sächsischen Teilstamms der Engern in Vergessenheit und blieb ein Namensrelikt in fürstlichen Titulaturen.

Name Das Wort „Tilithi“ stammt aus einer Zeitstellung vor der fränkischen Okkupation Sachsens, von niederdeutsch „telgen“: „Zweig“, „Buschwerk“, „Niederwald“.Ludolf Fiesel: Franken im Ausbau altsächsischen Landes. In: Historische Kommission für Niedersachsen und Bremen (Hrsg.): Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte, Band 44, August Lax Verlagsbuchhandlung, Hildesheim, 1972, S. 83. Neben „Tilithi“ (u. a. 954, 1004 und 1025) und „Thilithi“ (1024) wurden als Namen benutzt:Jürgen Udolph, 1994. „Tilgethi“ (826–876) „Tilgidae“ (896) „Tilgithi“ „Thilethe“ „Tilitte“ und „Algide“ Ortsnamenforscher wie Jürgen Udolph (* 1943) führen den Namen „Tilithi“ auf vorgermanische oder germanische Flur- und Gewässernamen zurück.

Geografische Lage Der sächsische Teilstamm der Engern siedelte in der Zeit seiner größten räumlichen Ausdehnung um 1000 n. Chr. zwischen Meldorf und dem größten Teil des heutigen Schleswig-Holstein und Nordhessen sowie beiderseits der Weser zwischen der Ems und Hannover. Der Name dieses altsächsischen Teilstamms wurde nur in wenigen ausschließlich fränkischen Staatsurkunden dokumentiert:

den Fränkischen Reichsannalen 775, dem Capitulare Saxonum 797, dem Mainzer Geiselverzeichnis 803/804, der Poeta Saxo 889 (als das dritte sächsische Volk, „populus Saxonum tertius“) und der Gelnhäuser Urkunde 1180.

Westlich der Engern, die möglicherweise u. a. aus dem germanischen Stamm der Angrivarier (der bei Tacitus und Ptolemäus in den ersten Jahrhunderten n. Chr. etwa an der Mittelweser verortet wurde), hervorgegangen sind, siedelten die altsächsischen Westfalen, östlich von ihnen die altsächsischen Ostfalen.

Der Tilithigau war ein altsächsischer Gau im Teilstammesgebiet der Engern. Er lag im heutigen Niedersachsen, im Raum Leine/Oberweser-Schauenburg zwischen Polle, dem nordöstlichen Stadtgebiet von Pyrmont (Bad Pyrmont), Aerzen, Coppenbrügge, Lauenstein (Salzhemmendorf), Lauenau, Münder (Bad Münder), Hessisch Oldendorf und Hameln, beiderseits der Weser und zwischen dem Dorf Sonneborn im lippischen Raum im Westen und dem Ith im Osten.Norbert Humburg, Joachim Schween, 2000.Franz Anton Blum: Geschichte des Fürstenthums Hildesheim. Wolfenbüttel 1805, S. 72 f. Der Tilithigau erstreckte sich somit im Wesentlichen über den heutigen Landkreis Hameln-Pyrmont und den nördlichen Teil des heutigen Landkreises Holzminden und lag an der westlichen Grenze des Teilstammesgebiets der altsächsischen Ostfalen.Gudrun Pischke, 1989.Eberhard Tacke, 1951.Peter von Polenz, 1961. Benachbart waren der Huettagau im Südwesten, der Osterburg-Gau (Gau Osterpurge) im Westen, der Bucki-Gau im Nordwesten, der Marstem-Gau im Nordosten, der Gau Zigilde (die östliche Hälfte der Grafschaft Spiegelberg), der Gudingau bzw. Guotinga-Gau im Osten und der Augau und Suilbergau im Süden.Allgemeine Encyklopädie der Wissenschaften und Künste. Bd. 2, S. 185, zu Hanover. (books.google.de)Allgemeine Encyclopädie der Wissenschaften und Künste in alphabetischer… S. 9, zu Osterburggau. (books.google.de) Um 980 bestand bei Homburg (Stadtoldendorf) der Gau Wikanafeld als Untergau des Gudingaus, der dem Bistum Hildesheim zugeordnet war, während der Tilithigau dem Bistum Minden zugeordnet war.August Friedrich Gfrörer: Pabst Gregorius VII und sein Zeitalter. Erster Band, 1859, S. 166. (books.google.de) Laut Ludolf Fiesel lag der vorkarolingische Marstemgau am Oberlauf der Hamel und der Aue zwischen Bad Münder und Bad Nenndorf,Ludolf Fiesel, 1972, S. 83. ein Gebiet, das um 1300 jedoch zum Untergau „Goe auf der Hamel“ des Tilithigaus gehörte.Christina Ricke: Wehrbergen im Wandel der Zeit. Stadt Hameln (Hrsg.), Hameln, 1990, S. 11; zit. Spieß, 1933.

Es gibt in der Literatur einen konkreten Hinweis des Historikers Dietrich August Adolf von Wersebe darauf, dass das Kerngebiet der Stadt Pyrmont je zur Hälfte zum Tilithigau und zum Huettagau sowie je zur Hälfte zum Bistum Paderborn und zum Bistum Minden zählte. Die Gaugrenze zwischen dem Tilithigau und dem Huettagau verlief demnach entlang der Emmer mitten durch die Kernstadt von Pyrmont. Das Gebiet im Norden und Osten gehörte zum Tilithigau, das Gebiet im Süden und Westen zum Huettagau. Deshalb wird Pyrmont hier als (späterer) Adelssitz aufgeführt. Allerdings waren die Gaugrenzen seit dem Frühmittelalter fließend.Helmut Rein: Die Westgrenze des alten Amtes Aerzen zum westfälischen Lipperland. In: Museumsverein Hameln (Hrsg.): Jahrbuch 2005. S. 86 ff. Das Dorf Sonneborn lag noch im Tilithigau sowie im Archidiakonat Ohsen.LWL (Hrsg.): Westfälische Geschichte. S. 108 (lwl.org PDF, abgerufen am 22. Dezember 2025). Deshalb werden die Adelssitze, Gogerichtsstätten, Ortschaften und Wüstungen beiderseits der Emmer und östlich und nördlich des Gebiets von Pyrmont hier aufgeführt. Dagegen gehörten Lügde und die Goe Lügde wohl sicher zum Huettagau und zum Bistum Paderborn.

Das Gebiet mit den Ortschaften und verschwundenen Dörfern östlich des Ith gehörte im Hochmittelalter zum Gudingau in der sächsischen Provinz Ostfalen. Kirchlich lag es im Archidiakonat Wallensen des Bistums Hildesheim.

Die sich im Verlauf des Mittelalters verändernden Grafschaftsgrenzen, die oft zersplitterten Herrschaftsgebiete der Grafen und des niederen Adels, die veränderten weltlichen und geistlichen Herrschaftsgebiete veränderten auch die regionalen Zuschnitte der frühmittelalterlichen Gaue und Gogerichtsbezirke. Bereits im Frühmittelalter lagen viele Grafschaften im Oberweserraum in mehreren Gauen, bzw. nur in Teilgebieten eines oder mehrerer Gaue, und die Herrschaftsgebiete der Adelsdynastien zersplitterten zunehmend, lagen zum Teil räumlich weit auseinander und boten selten das Bild einer räumlichen Geschlossenheit.

Das kirchliche Archidiakonat Ohsen der Diözese Minden,Hans Berner, 1954. „bannus seu districtus vel Decanatus in Wesen“ (mit „Wesen“ ist der mittelalterliche und frühneuzeitliche Ort Osen/Ohsen, das heutige Kirchohsen gemeint),Robert Krumbholtz & Joseph Prinz, 1977. das sich im 11. Jahrhundert zum größten Unterbezirk des Bistums MindenLudwig August Theodor Holscher, 1877, S. 1–95.Wilfried Dammeyer, 1957. entwickelte, war mit dem altsächsischen Tilithigau räumlich weitgehend deckungsgleich.Dieter Scriverius, 1966. Von der vermuteten Urkirche des Tilithigaues in Osen ging in der fränkischen Okkupationszeit mutmaßlich die Missionierung der Einwohner des Tilithigaus aus.

Siedlungen im Tilithigau Nachdem es im 3. Jahrhundert in Mitteleuropa eine deutliche Klimaverschlechterung gab, waren weite Teile der späteren Saxonia vom frühen 6. Jahrhundert bis Mitte des 7. Jahrhunderts überwiegend entvölkert. Im 8. Jahrhundert erfolgte ein Bevölkerungsanstieg, so dass Wälder für Neuansiedlungen gerodet wurden. Ab dem 12. Jahrhundert gab es ein starkes Bevölkerungswachstum. Nach der Siedlungsforschung entstanden in einer ersten Siedlungsperiode von 500 bis 800 aus bäuerlichen Siedlungen Ortschaften mit der Namensendung „-dorf“ (wie Halvestorf) und „-hausen“ (wie Holthusen/Holtensen, erstmals 1237 urkundlich erwähnt).Helga Knoke, 1968. Das alte, wohl vor 800 gegründete Dorf Egestorf am Süntel lag z. B. genau auf der Grenze zwischen dem Bukkigau im Norden und dem Tilithigau im Süden; der Dorfbach bildete hier die Gaugrenze.

In einer zweiten Siedlungsperiode im 9. Jahrhundert entstanden Ortschaften mit der Namensendung „-ere“ (wie Othere/Ohr), „-ingen“ (wie Hemeringen) und „-heim“ (wie Lachem).Jürgen Udolph, 2000. Dabei soll Großenwieden, das direkt an der Weser liegt, ebenfalls eines der ältesten Dörfer im Weserraum, bzw. im Tilithigau gewesen sein; es wurde angeblich bereits im Jahr 825 urkundlich als „Widum“ erwähnt. Aber diese Information stellte sich, wie bei vielen mittelalterlichen, oftmals sehr viel später angefertigten Urkunden und Urkundenkopien, als eine Falschmeldung heraus. Die älteste urkundliche Erwähnung des Ortes Großenwieden stammt aus dem Jahr 1013.Großenwieden wurde im Jahr 1013 als „Widun“ (Ort bei den Weiden) urkundlich erwähnt.

Quellen:

a) Schaumburger Landschaft, https://spurensuche.schaumburgerlandschaft.de/ospaz_text.php?kategorie=63, abgerufen am 22. Juli 2026,

b) Stadt Hessisch Oldendorf, https://www.hessisch-oldendorf.de/portal/seiten/grossenwieden-900000113-33910.html, abgerufen am 22. Juli 2026. In der heimatkundlichen Literatur wird oft ein Datum im 9. Jahrhundert für die erste urkundliche Erwähnung des Dorfes Großenwieden genannt, was sich aber als fehlerhafte Mitteilung bzw. als Übertragungsfehler herausstellte.

Ab dem 11. Jahrhundert entstanden Rodungs-, Hagen- und Hägerdörfer mit der Namensendung „-hagen“ und „-rode“ und mit noch anderen Namensendungen. Im Hochmittelalter bestand im Tilithigau eine hohe, bis heute nie wieder erreichte Besiedlungsdichte. Die Dörfer und Bauerschaften waren in dieser Zeitstellung klein, lagen aber oft nur einen bis 1,5 Kilometer voneinander entfernt.Andreas Lilge, 1990.

In den Königs- und KaiserurkundenKarl Friedrich Stumpf-Brentano, 1964. sind 17 Siedlungen im Zusammenhang mit dem Tilithigau erwähnt: Bödexen/Bödesen, Barigi/Börrie (Börry), Daspe, Dassel, Dodonhusen (Dohnsen), Eilensen/Ellensen, Fischbeck,Hans-Walter Krumwiede, 1977. Haion/Hegen (Hajen oder Heyen), Heinsen, Keminetan (Kemnade), Lüerdissen, Markoldendorf, Oldendorf, Othere (Ohr), Relliehausen, Schieder, Tundinum (Tündern) und Wenzen, während Gotthard Wagner die beiden Siedlungen Bödexen und Heinsen zum Paderborner Herrschaftsgebiet zählt (vielleicht sind aber auch unterschiedliche Ortschaften mit gleichem Namen gemeint).Gotthold Wagner, Comitate im Bistum Paderborn, 1954, ebd.

Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) nennt 36 weitere Orte im Tilithigau: Ameleshusen/Amelgateshusen (Amelgatzen), Bedingtorp, Benneshusen (Bensen), Biaranhusen (Behrensen), Bittikahusen (Bessinghausen), Bredenbeke (Bremke), Cripan (Kreipke), Drespen (Daspe), Floscereshusen/Vledekessen (Flegessen südlich von Bad Münder), Franki (Frenke), Gellishusen (Gellersen), Graflingehusen (wird für Grave gehalten), Haddeshusen (Haddessen), Hallu (Halle), Hasperde, Heianhusen (Hohnsen), Heli/Heloon (Hehlen), Hilligesulde/Hilligesfelde (Groß Hilligsfeld und Klein Hilligsfeld), Hiriswitherothe (Harderode), Hochhameln (Hachmühlen), Holthusen (Holtensen bei Hameln), Homareshusen (a. Hommeren/Hemereu/Hemeringen oder b. Hämelschenburg?), Lofurdi (Latferde), Luidinghusen, Munnere/Munder (Bad Münder), Nettelrede, Osen (mutmaßlich fränkisches Königsgut mit mutmaßlich karolingischer Burg, die heutigen Dörfer Kirchohsen, Hagenohsen und Emmern), Osthoven (unbekannt), Perderestorpe (Pegestorf), Polle, Telmeri (Dölme), Tiadanhusen (Teinsen bei Bad Münder), Uualkiun (vielleicht Waaltzen?), Uuange, Valebroch (Vahlbruch) und Vuigbaldeshusen (Wickbolsen).Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL, Hrsg.): Westfälische Geschichte; zit. v. Spilcker: Geschichte der Grafen von Wölpe, S. 124 f., (lwl.org PDF abgerufen am 4. Dezember 2025).