mini|Andreas Hillgruber (1969) Andreas Fritz Hillgruber (* 18. Januar 1925 in Angerburg, Ostpreußen; † 8. Mai 1989 in Köln) war ein deutscher Historiker und Spezialist für die militärische, politische und diplomatische deutsche Geschichte zwischen 1871 und 1945.

Leben Andreas Hillgruber wurde als erster von zwei Söhnen des aus Groß Warningken in Ostpreußen stammenden Gymnasiallehrers Andreas Hillgruber und dessen Frau Irmgard, geb. Schilling, in Angerburg geboren.Klaus-Peter Friedrich: Der junge Andreas Hillgruber und die Last der (aller)jüngsten deutschen Vergangenheit. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Jg. 67, 2019, Heft 9, S. 697–719, hier S. 699 (online; PDF; 0,6 MB). Er wuchs in Ostpreußen auf und legte am 3. März 1943 an der Staatlichen Hufenschule in Königsberg, einer Oberschule für Jungen, das Abitur ab. Von Juni 1943 bis April 1945 diente er als Soldat in der Wehrmacht, zuletzt als Unteroffizier. Er kam 1945 zunächst in amerikanische und anschließend bis März 1948 in französische Kriegsgefangenschaft.

Nach seiner Freilassung studierte er von 1948 bis 1952 Geschichte, Germanistik und Pädagogik unter anderen bei Percy Ernst Schramm an der Georg-August-Universität Göttingen. 1952 wurde er dort bei Schramm mit einer Arbeit über die deutsch-rumänischen Beziehungen im Zweiten Weltkrieg promoviert. Von 1954 bis 1964 arbeitete er im höheren Schuldienst, unter anderem am Justus-Liebig-Gymnasium in Darmstadt. Von 1962 bis 1964 war er Oberstudiendirektor an der Marburger Elisabethschule.Die Schulleiter/innen der Elisabethschule. Nach einem Lehrauftrag an der Philipps-Universität Marburg erfolgte dort seine Habilitation mit der Studie Hitlers Strategie. Politik und Kriegführung 1940/1941 (Betreuer: Peter Scheibert und Wolfgang Abendroth). 1967 wurde er Wissenschaftlicher Rat und Professor an der Universität Marburg. Von 1968 bis 1972 war er ordentlicher Professor für neuere und neueste Geschichte an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und zugleich von 1968 bis 1970 Leitender Historiker des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes (MGFA) in Freiburg im Breisgau. Von 1972 bis zu seinem Tod 1989 war er Ordinarius für mittlere und neuere Geschichte an der Universität zu Köln.

Hillgruber betreute laut einer ihm zu Ehren herausgegebenen GedenkschriftReiner Marcowitz: Verzeichnis der von Andreas Hillgruber betreuten Dissertationen und Habilitationen. In: Jost Dülffer, Bernd Martin, Günter Wollstein (Hrsg.): Deutschland in Europa. Kontinuität und Bruch. Gedenkschrift für Andreas Hillgruber. Propyläen, Frankfurt am Main/Berlin 1990, ISBN 3-549-07654-1, S. 416–425. 55 Doktoranden und vier Habilitanden u. a. Jürgen Arne Bach, Rainer Blasius, Gotthard Breit, Jost Dülffer, Jürgen Förster, Friedrich Forstmeier, Günther W. Gellermann, Michael Geyer, Emily Haber, Christian Hartmann, Hans-Georg Kraume, Frank-Lothar Kroll, Bernd Martin, Nikolaus Meyer-Landrut, Horst Mühleisen, Manfred Nebelin, Karl-Volker Neugebauer, Klaus Olshausen, Reiner Pommerin, Klaus Reinhardt, Ralf Georg Reuth, Klaus-Jörg Ruhl, Marion Thielenhaus, Jochen Thies, Vera Torunsky und Günter Wollstein. Wesentlichen Einfluss nahm er darüber hinaus auf Klaus Hildebrand, der bei ihm in Marburg hörte, und auf Reiner Marcowitz, der seine Dissertation in Köln begann; bei Rolf Elble war er Zweitgutachter.

mini|Grab auf dem Friedhof Melaten in Köln Hillgruber war langjähriger Rezensent geschichtswissenschaftlicher Neuerscheinungen für die Historische Zeitschrift (HZ). Zwischen 1965 und 1977 schrieb Hillgruber 197 Rezensionen in der HZ unter dem damaligen Herausgeber Theodor Schieder.

1969 wurde Hillgruber Mitglied der CDU.

Hillgruber heiratete am 9. April 1949 seine Verlobte Martha Czymoch. Die Ehe blieb kinderlos und wurde 1959 geschieden.Klaus-Peter Friedrich: Der junge Andreas Hillgruber und die Last der (aller)jüngsten deutschen Vergangenheit. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Jg. 67, 2019, Heft 9, S. 697–719, hier S. 709 (online; PDF; 0,6 MB). 1960 heirateten Hillgruber (evangelisch) und Karin Zierau. Sie hatten eine Tochter und zwei Söhne: Michael Hillgruber (* 1961) wurde Gräzist und Christian Hillgruber (* 1963) Staatsrechtler.

Hillgruber starb nach langer schwerer Krankheit.Jost Dülffer, Bernd Martin und Günter Wollstein (Hrsg.): Deutschland, in Europa. Kontinuität und Bruch. Gedenkschrift für Andreas Hillgruber. Propyläen Verlag, Frankfurt am Main/Berlin 1990. Seine Grabstätte befindet sich auf dem Friedhof Melaten, Flur 12 (G), in Köln-Lindenthal.

Werk Positionen Hillgrubers Spezialgebiet war die deutsche Geschichte zwischen 1871 und 1945, dabei insbesondere die politischen, diplomatischen und militärischen Aspekte, wobei er Militärgeschichte nicht um ihrer selbst Willen betrieb, sondern im Wechselspiel mit der politischen Geschichte betrachtete. Letzteres lässt die zuweilen abwertend gemeinte Bezeichnung Hillgrubers als Militärhistoriker außer Acht. Für Hillgruber gab es viele Elemente der Kontinuität in der deutschen Außenpolitik zwischen 1871 und 1945, ganz besonders im Verhältnis zu Osteuropa.

Im Rahmen der Fischer-Kontroverse stimmte Hillgruber der These von Fritz Fischer teilweise zu, die besagte, dass Deutschland für den Ersten Weltkrieg die Hauptverantwortung trage. Allerdings lehnte Hillgruber die These von Fischer ab, dass der Erste Weltkrieg aufgrund der imperialistischen Weltmachtbestrebungen des Deutschen Reiches ausgelöst worden sei.

Hillgruber vertrat dazu die Auffassung, die Unterschiede zwischen der Außenpolitik des deutschen Kaiserreiches, der Weimarer Republik und der nationalsozialistischen Außenpolitik seien nur geringfügig gewesen. Er argumentierte, die Außenpolitik im Dritten Reich sei eine extrem radikalisierte Version der traditionellen deutschen Außenpolitik gewesen. Während die Weimarer Republik ein Hauptziel ihrer Außenpolitik darin sah, den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich sowie die Re-Militarisierung des Rheinlandes zu erreichen, sei dies für die Nationalsozialisten nur der Anfang ihrer Bestrebungen gewesen, ganz Europa zu beherrschen.

Anfang 1950 betrachtete Hillgruber den Zweiten Weltkrieg als einen konventionellen Krieg und meinte, dass der Deutsch-Sowjetische Krieg auch durch die sowjetische Expansion provoziert worden sei. Diese Auffassung änderte sich im Laufe seiner Forschungen, und 1965 argumentierte Hillgruber, der Krieg sei für Adolf Hitler ein erbarmungsloser, rassischer Überlebenskampf gewesen, der zur Erschaffung eines deutschen Ostimperiums und zur Durchführung des Holocaust gedient habe und in dem dem Gegner keine Gnade gezeigt werden sollte. Damit gehört Hillgruber zu den von Historikern, die ihre grundlegenden Überzeugungen im Verlauf des wissenschaftlichen Prozesses revidiert haben. Bei den allermeisten wird ihr wissenschaftlicher Rang danach bemessen, wie gut ihnen der Beweis ihrer ursprünglichen, vorgefassten Überzeugungen gelungen ist.Eberhard Jäckel: Vom Kampf des Urteils gegen das Vorurteil. Andreas Hillgruber zu Ehren. In: Jost Dülffer, Bernd Martin, Günter Wollstein (Hrsg.): Deutschland in Europa. Kontinuität und Bruch. Gedenkschrift für Andreas Hillgruber. Propyläen, Frankfurt am Main/Berlin 1990, S. 13.

Hillgruber war der Ansicht, dass Hitler die treibende Kraft hinter dem Holocaust gewesen sei. Diese Theorie widerspricht der als „funktionalistische Schule“ bezeichneten Lehre, die Historiker wie Hans Mommsen vertraten. Schon in seiner Habilitationsschrift äußerte Hillgruber die These, dass Hitlers Entscheidung zum Überfall auf die Sowjetunion 1941 rassenideologische Gründe gehabt habe, da Hitler unter dem Einfluss des Sozialdarwinismus Land für die seiner Ansicht nach „höherwertige Rasse“ der Arier gewinnen wollte. Eng verknüpft war hiermit auch die Entscheidung, Menschen „minderer Rasse“ als Sklavenvölker auszubeuten oder auszurotten.

Hillgruber sah Hitler als fanatischen Ideologen, der einen Stufenplan mit folgenden Zielsetzungen verfolgte: (1.) Die Ausrottung der angeblich „jüdisch-bolschewistischen“ Führungsschicht sowie der Juden in Ostmitteleuropa, (2.) die Gewinnung von Kolonial- und „Lebensraum“ für das Dritte Reich sowie (3.) die Dezimierung und Unterwerfung der slawischen Bevölkerung unter deutsche Herrschaft in neu zu errichtenden sogenannten „Reichskommissariaten“. Weiterhin sei geplant gewesen: (4.) die Errichtung eines autarken, blockadefesten „Großraumes“ Kontinentaleuropa unter Hitlers Herrschaft, wobei die eroberten sowjetischen Gebiete die ökonomischen Ergänzungsräume bilden und die kontinentale Vorherrschaft gewährleisten sollten, um das Fernziel einer „Weltmachtstellung“ erreichen zu können. Bereits 1985 kritisierte Hillgruber, dass die deutsche Militärgeschichtsforschung den Zweiten Weltkrieg losgelöst von der Ausrottung der Juden beschreibe. Der Holocaust müsse als genuiner Bestandteil des Weltkrieges betrachtet werden.Andreas Hillgruber: Der geschichtliche Ort der Judenvernichtung. Eine Zusammenfassung. In: Eberhard Jäckel, Jürgen Rohwer (Hrsg.): Der Mord an den Juden im Zweiten Weltkrieg. Frankfurt/M. 1987, S. 213–224.

Hillgruber sah den Zweiten Weltkrieg in Europa als Abfolge zweier verschiedener Kriege an, nämlich erstens eines normalen Krieges zwischen den westlichen Mächten und dem nationalsozialistischen Deutschland, den Hitler zwar verursacht, aber nicht beabsichtigt habe, und zweitens des Vernichtungskrieges Deutschlands gegen die Sowjetunion, der gnadenlos und brutal mit dem Ziel der rassischen und ideologischen Ausrottung geführt wurde. Dieser Krieg sei das eigentliche Ziel Hitlers gewesen.

Hillgruber-Komitee Als Hillgruber 1972 an die Universität Köln wechselte, bildete der Marxistische Studentenbund Spartakus ein sogenanntes Hillgruber-Komitee, das sich das Stören seiner Vorlesungen zur Aufgabe machte. Begründet wurden die Aktionen damit, dass Hillgruber „eine große Gefahr“ darstelle und seine Berufung in „Zusammenhang mit den Versuchen der Ministerialbürokratie und des westdeutschen Monopolkapitals“ stehe, „durch Wehrkundeerlasse den Hochschulunterricht zu militarisieren und durch Scheinreformen die Verwertbarkeit der Schüler im kapitalistischen Gesellschaftsystem zu erhöhen“.Klaus Große Kracht: Die zankende Zunft. Historische Kontroversen in Deutschland nach 1945. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2005, ISBN 3-525-36280-3, S. 73.

Hillgruber und die Hitler-Tagebücher Als der Stern im April 1983 mit der Behauptung, die „verschollenen“ Tagebücher Adolf Hitlers über Mittelsmänner aufgestöbert zu haben, an die Öffentlichkeit trat und deren Veröffentlichung ankündigte, erklärte Hillgruber, dass es sich nur um Fälschungen handeln könne. Zusammen mit anderen Historikern setzte er durch, dass die Kladden einer chemisch-physikalischen Untersuchung durch kriminaltechnische Labore beim Bundesarchiv in Koblenz, beim Bundeskriminalamt und bei der Bundesanstalt für Materialprüfung unterzogen wurden, um die tatsächliche Entstehungszeit der Dokumente zu klären. Daraufhin wurde Hillgruber in einem Leitartikel des Stern namentlich als „Archivayatollah“ bezeichnet, der vor lauter Staub keinen Blick mehr für die Wahrheit habe. Am 23. April 1983 ließ die Chefredaktion des „Stern“ sogar verkünden, dass die Geschichte des Dritten Reiches nun neu geschrieben werden müsse. Doch kurz nach der Veröffentlichung der ersten Auszüge, die von einer ans Absurde grenzenden Hintergrundstory begleitet waren, wurden die Ergebnisse der technischen Untersuchungen veröffentlicht, die die angeblichen Tagebücher als eine nicht sonderlich geschickte Fälschung erwiesen hatten.

Kritik und Würdigung Rudolf Augstein, Herausgeber des Magazins Der Spiegel, nannte Hillgruber 1986 im Kontext des Historikerstreits – und in Anspielung auf Betitelung sowie Klappentext seines Buches Zweierlei Untergang. Die Zerschlagung des Deutschen Reiches und das Ende des europäischen Judentums – einen „konstitutionelle[n] Nazi“.