mini|hochkant|Gaston Bachelard Gaston Bachelard (* 27. Juni 1884 in Bar-sur-Aube; † 16. Oktober 1962 in Paris) war ein französischer Philosoph, der sich mit Wissenschaftstheorie und Dichtung beschäftigte. In Wissenschaft wie künstlerischer Imagination sah Bachelard zwei unterschiedliche, aber gleichwertige Möglichkeiten, sich der Differenz des Neuen zu öffnen und als Mensch zu wachsen. Im Bereich der Wissenschaftstheorie sind seine Begriffe Erkenntnishindernis und epistemologisches Profil von Bedeutung.
Leben Gaston Louis Bachelard war Sohn eines Tabakhändlers. In der Kleinstadt nahe Troyes, wo er geboren wurde, ging er auch auf das Gymnasium und machte Abitur. 1902 war er Tutor (répétiteur) am Collège in Sézanne. Seinen Militärdienst leistete er von 1903 bis 1905 im zwölften Dragonerregiment von Pont-à-Mousson.
Ab 1907 verdiente er sich als Postbeamter in Paris seinen Lebensunterhalt. In seiner Freizeit studierte er unter schwierigen finanziellen Bedingungen Mathematik, Physik und Chemie an der naturwissenschaftlichen Fakultät von Paris und bereitete sich auf die Aufnahmeprüfung für die École supérieure de télégraphie vor. Kurz vor seinem Examen musste er das Studium jedoch unterbrechen, da er zum Dienst im Ersten Weltkrieg eingezogen wurde. Er verbrachte 38 Monate in kämpfenden Einheiten und erhielt das Croix de guerre.
Nach dem Krieg holte er das Examen an der Sorbonne nach und unterrichtete von 1919 bis 1930 als Gymnasiallehrer an seiner alten Schule in Bar-sur-Aube die Fächer Physik und Chemie. In dieser Zeit galt sein Interesse den Problemen der Didaktik und er kritisierte die verschiedenen Formen der déformation professionelle – Verzerrungen, die sich durch die Art der Präsentation wissenschaftlicher Ergebnisse in den Schulbüchern seiner Zeit ergaben.
Parallel zu seiner Tätigkeit als Lehrer studierte er Philosophie und erlangte 1922 das doctorat d’état, das Staatsexamen in Philosophie. Seine Dissertation trägt den Titel Essai sur la connaissance approchée und enthält die Nebenthese Étude de l’evolution d’un problème de physique: la propagation thermique dans les solides. Seine eigentliche Universitätskarriere begann er erst im Alter von 46 Jahren an der Universität Dijon, von wo er 1940, im Alter von 56 Jahren, zur Sorbonne wechselte und den Lehrstuhl für Geschichte und Philosophie der Wissenschaften seines ehemaligen Lehrers Abel Rey übernahm sowie zum Direktor des Instituts für Wissenschaftsgeschichte (L’Institut d’Histoire des Sciences et des Techniques) ernannt wurde.
Von 1940 bis 1954 unterrichtete er an der Sorbonne Wissenschaftsgeschichte und -theorie. 1947 gründete er zusammen mit Paul Bernays und Ferdinand Gonseth die philosophische Fachzeitschrift Dialectica. 1951 wurde ihm die Medaille der Ehrenlegion zuerkannt (1959 folgte der Titel Commandeur de la Légion d’honneur). 1955 wurde Bachelard an die Académie des Sciences Morales et Politiques berufen. Bis zu seinem Tod am 16. Oktober 1962 schrieb Bachelard 24 Bücher und erhielt 1961 für sein Werk den Grand Prix National des Lettres.
Philosophie Dynamismus Die frühen Arbeiten (1928–1940) Gaston Bachelards sind wissenschaftstheoretischer Art. In ihnen versuchte er, die Philosophie zu dynamisieren. Was ist damit gemeint? Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam es in den Naturwissenschaften zu grundlegenden Veränderungen, die neue Formen der Wissenschaftsgeschichte erforderten. Innerhalb weniger Jahrzehnte sah man sich mit einer nicht-euklidischen Geometrie, einer nicht-aristotelischen Logik, einer nicht-newtonschen Mechanik konfrontiert. Bachelard meint, dass die mehrmalige Umorientierung der Vernunft, die die neue Physik mit sich brachte, die Physiker mit einer Flexibilität im Denken ausgestattet habe, die von der Philosophie eher verhindert als gefördert wurde. Bachelard versuchte, in Reflexionen über die Bedingungen und Möglichkeiten eines Erkennens des Neuen die Philosophie so beweglich zu machen wie die Wissenschaften selbst.
Wissenschaftlicher Materialismus Weil ein geschlossener philosophischer Materialismus die Materie abstrahiert, ihr einen Schematismus in Form von „alles ist Materie“ oder „Materie ist …“ aufzwingt, also rein metaphorisch von Materie spricht, erübrigt sich diese Art zu sprechen. Was von der Materie sinnvoll gesagt werden kann, sagt die Wissenschaft, weil sie von bestimmten materiellen Phänomenen spricht. Ein philosophischer Materialismus, unabhängig vom Tun des Wissenschaftlers, ist sinnlos: Wenn ein Philosoph etwas über Materie sagen will, muss er sich auf das Tun des Wissenschaftlers einlassen, es zu begreifen versuchen. Ein solcher – verbesserter – Materialismus ist der offene Materialismus: er steht in einem offenen Begründungszusammenhang.
Angewandter Rationalismus: Surrationalismus Die Wahrheit bietet weder nur die Materie (Empirismus) noch nur der Geist (Rationalismus), erst recht nicht eine idealistische Vermittlung, sondern das Zusammenspiel von Materie und Geist. Die Differenz muss erhalten bleiben. Bachelard argumentiert für einen Pluralismus philosophischer Haltungen: Jede Philosophie stellt nur einen Aspekt des Begriffsspektrums dar; will man das gesamte Begriffsspektrum einer partikulären Erkenntnis erreichen, kommt man nicht umhin, sich mit dem philosophischen Leben der Begriffe in der Entwicklung des wissenschaftlichen Denkens zu beschäftigen. Eine Philosophie, die als Statthalter des Allgemeinen oder gar der Wahrheit auftritt, ist für Bachelard endgültig überholt.
Weil die Ratio stets nur in der Anwendung, in ihrer eigenen Überschreitung, real ist, bilden angewandter Rationalismus und rationaler Materialismus die beiden Aspekte einer Philosophie, die auf die Wissenschaft angewandt wird, und einer Wissenschaft, die auf Philosophie angewiesen ist. Für Bachelard ist es keine Übertreibung, „die mit Instrumenten arbeitende Wissenschaft als ein Transzendieren der auf der natürlichen Beobachtung beruhenden Wissenschaft [zu] definieren […]. Es besteht nämlich ein Bruch zwischen der sinnlichen und der wissenschaftlichen Erkenntnis. Man sieht die Temperatur auf einem Thermometer; aber man empfindet sie nicht. Ohne eine Theorie wüsste man nie, ob das, was man sieht, und das, was man empfindet, demselben Phänomen entspricht.“Die Philosophie des Nein. Versuch einer Philosophie des neuen wissenschaftlichen Geistes. Übers. von Gerhard Schmidt u. Manfred Tietz. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1980, S. 24. Mit anderen Worten: Wissenschaftliche Tätigkeit muss, wenn sie experimentiert, auf Vernunftgründe zurückgreifen; geht sie von Vernunftgründen aus, muss sie experimentieren.
Gegen Descartes Bachelard kritisiert die Vorstellung der Unveränderlichkeit in Descartes’ cogito: Nicht „Ich denke, also bin ich“, sondern „Ich denke Differenz, also ändert sich mein Ich“: Das Denken verändert sich in seiner Form, wenn es sich im Umgang mit seinem Objekt verändert. René Descartes beging, laut Bachelard, den prinzipiellen Fehler, eine Methode zu propagieren, die für sich den Anspruch erhebt, aus skeptischer Distanz möglichst einfache Aussagen über reales Erfahrungsgeschehen machen zu können: „Die cartesische Methode ist reduktiv und nicht induktiv. Eine solche Reduktion verfälscht die Analyse und beeinträchtigt die Ausdehnung des objektiven Denkens. Ohne eine solche Erweiterung gibt es jedoch kein objektives Denken und keine Objektivierung.“Der neue wissenschaftliche Geist. Übers. von Michael Bischoff. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988, S. 137. Die eigentliche Aufgabe objektiver Forschung besteht nicht nur darin, die Welt zu explizieren, sondern darin, die Erfahrung zu komplizieren.
Descartes wollte von klaren und einfachen Ideen ausgehen, Bachelard meint, dass es keine „einfachen“, sondern nur komplexe Ideen gibt. Nicht jene Theorie ist die beste, die die Realität auf die einfachste Weise zu erklären versucht, sondern jene, die versucht, den Phänomenen in ihrer tatsächlichen Komplexität gerecht zu werden. Eine Theorie also, die surrational ist und das Relationengeflecht der materialen Welt berücksichtigt.
Gegen Bergson Henri Bergsons Begriff des élan vital, der Lebenskraft, wird von Bachelard in Form eines élan intellectuel umgemünzt: Weil die Wissenschaft neue Denkmodelle erzeugt, sind wir mit profunder Flexibilität begabte Wesen: Geistige Revolutionen sind Diskontinuitäten des Denkens, sie erzeugen Mutationen. Der Mensch ist eine Spezies, die diese Mutationen braucht, die leidet, wenn sie sich nicht verändert. In den beiden Schriften L’intuition de l’instant (1932) und La dialectique de la durée (1936) wendet sich Bachelard gegen Bergson und polemisiert sowohl gegen dessen Annahme von zwei Ich-Begriffen (Oberflächen-Ich und konkretes Ich) als auch gegen Bergsons Begriff der Dauer (durée) als Kontinuität. (Für eine gegenteilige Auffassung zum Verhältnis Bachelard-Bergson vgl. den Wikipedia-Artikel Épistémologie.)
Dreistadiengesetz des wissenschaftlichen Geistes Bachelard präzisiert das Dreistadiengesetz von Auguste Comte, um deutlich zu machen, welche Phasen der wissenschaftliche Geist in seiner Bildung durchmacht:Die Bildung des wissenschaftlichen Geistes. Beitrag zu einer Psychoanalyse der objektiven Erkenntnis. Übers. von Michael Bischoff. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1978, S. 39–43. Die konkrete Stufe: Der Geist erfreut sich hier der ersten Bilder der Erscheinungen und stützt sich auf eine philosophische Literatur, die die Natur verherrlicht und auf wundersame Weise zugleich die Einheit der Welt und ihre reiche Vielfalt besingt. Die konkret-abstrakte Stufe: Der Geist trägt hier geometrische Schemata an die physikalische Erfahrung heran und stützt sich auf eine Philosophie der Einfachheit. Der Geist befindet sich noch in einer paradoxen Lage: er ist sich seiner Abstraktion umso sicherer, je deutlicher diese Abstraktion sich ihm in einer sinnlichen Anschauung darstellt. Die abstrakte Stufe: Der Geist unternimmt hier Erkundungen, die sich der Anschauung des realen Raumes eigenwillig entziehen, die sich eigenwillig von der unmittelbaren Erfahrung lösen und sogar in offenem Widerspruch zur stets unsauberen, immer gestaltlosen primären Realität stehen.
Diesem Dreistadiengesetz fügt Bachelard eine Art Gesetz der drei Gemütszustände hinzu, die durch Interessen gekennzeichnet sind: Das kindliche oder mondäne Gemüt: es ist von naiver Neugier beherrscht, steht mit dem größten Erstaunen vor der geringsten instrumentierten Erscheinung, spielt mit der Physik zu seiner Zerstreuung, um einen Vorwand für einen seriöse Attitüde zu haben, es nimmt die Gelegenheit wie ein Sammler, ist passiv bis ins Glück des Denkens. Das professorale Gemüt: es ist stolz auf seinen Dogmatismus, verharrt unbeweglich in seiner ersten Abstraktion, beruft sich sein Leben lang auf die Schulerfolge seiner Jugend, redet jedes Jahr von seinem Wissen, setzt seine Beweise ganz im deduktiven Interesse, dieser so bequemen Sätze der Autorität, es unterrichtet den Dienstboten, wie es Descartes tat, oder jeden beliebigen Bourgeois wie der außerordentliche Professor. Das an Abstraktion und Überfeinerung krankende Gemüt (unglückliches wissenschaftliches Bewusstsein): es ist stets unvollkommenen induktiven Interessen ausgeliefert, es spielt das gefährliche Spiel eines Denkens ohne stabilen Rückhalt im Experiment; ständig wird es von den Einwänden der Vernunft verwirrt, unablässig zieht es ein besonderes Recht zur Abstraktion in Zweifel, ist sich jedoch sicher, dass die Abstraktion eine Pflicht ist, die Pflicht der Wissenschaft, der endlich geläuterte Besitz des Denkens der Welt.
Diese Interessen gilt es, laut Bachelard, einer Psychoanalyse zu unterziehen, da sie die Basis für „Wertgebungen“ darstellen, die die objektive Erkenntnis entwerten.
Erkenntnishindernis (obstacle épistémologique) Im Unbewussten des Erkenntnisakts selbst finden sich Erkenntnishindernisse, bestimmte Wertgebungen und Annahmen, die sich dem Streben nach immer größerer Abstraktion entgegenstellen.