mini|hochkant=2|Korrekte (links) und zensierte (rechts) Wiedergabe eines Wandbildes in der Mastaba des Ti. Die Wiedergabe in einem ägyptologischen Werk von 1887 zeigt den ursprünglich nackten rechten Feldarbeiter im Lendenschurz

Selbstzensur (seltener auch Autozensur) ist Zensur, die sich Menschen oder Institutionen selbst auferlegen, z. B. hinsichtlich Meinungs- und Pressefreiheit. Sie tritt unter anderem bei Verlegern, Journalisten, Filmproduzenten, Wissenschaftlern, Künstlern sowie Medien aus vielfältigen Motiven auf.

Die Grenzen zwischen Freiwilligkeit und Zwang können bei der Selbstzensur verschwimmen: So kann ein investigativ arbeitender Journalist eine Enthüllung zurückhalten, da er sich des Wahrheitsgrades unsicher ist, oder aber, weil die von der Enthüllung betroffenen Personen die Macht haben, ihm im Falle der Veröffentlichung zu schaden. Man spricht in der Kritik an der Selbstzensur auch von „vorauseilendem Gehorsam“ und bildlich von der „Schere im Kopf“.Es bedarf einer gewissen „Schere im Kopf“, Der Spiegel 7/1984

Selbstzensur in Medien Es gibt unterschiedliche Motive für Selbstzensur in den Medien.

Selbstzensur als Akt der Mäßigung Um zu verhindern, dass eine öffentlich geführte Debatte in unangemessenem Tonfall geführt und die Menschenwürde gesellschaftlicher Gruppen infrage gestellt wird, lobt Daniel Bax die mäßigende Wirkung einer bewussten Selbstzensur. Eine zivilisierte Gesellschaft brauche Benimmregeln. Sein Plädoyer geht dahin, die Meinungsfreiheit im Diskurs durch eine Kultur der Verantwortung zu zähmen und auf das Narrativ „Das-wird-man-doch-mal-sagen-dürfen“ zu verzichten: „Ob man das Political Correctness oder Leitkultur nennt, ist zweitrangig. Wichtig ist nur: Nicht jedes Tabu ist falsch, manches Sprechverbot durchaus angebracht.“

Selbstkontrollen, um einer Nachzensur zuvorzukommen Vorzensur bzw. Präventivzensur darf in Deutschland gemäß Art. 5 Abs. 1 Satz 3 Grundgesetz von staatlicher Seite aus zwar nicht stattfinden. Nach erfolgter Veröffentlichung sind hingegen Einschnitte wie die Aufnahme in die Liste der jugendgefährdenden Medien (Indizierung) oder Verbote möglich. Dies kann z. B. bei Verletzungen gegen das Persönlichkeitsrecht, Volksverhetzungen, aber auch bei Behördenvorwürfen der Unzüglichkeit und Gewaltverherrlichung geschehen.

Deshalb versuchen Autoren, einer solchen Nachzensur bzw. Prohibitivzensur durch selbst auferlegte Beschränkungen zuvorzukommen. So haben sich Mechanismen der Selbstzensur entwickelt, meist freiwillige Selbstkontrolle oder freiwillige Selbstverpflichtung genannt, wie z. B. Richtlinien für zu veröffentlichende Inhalte durch den Pressekodex, die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft und die Selbstkontrolle der Unterhaltungssoftware.

Selbstzensur durch Einflussnahme staatlicher Organe Mit der Begründung, im Interesse der „nationalen Sicherheit“ zu handeln, kommt es bei geheimdienstlichen Aktionen zur Selbstzensur, wenn zwar das Vorhaben bereits bekannt und durch Journalisten recherchiert ist, aber durch Institutionen des Staates, wie etwa Nachrichtendienste, auf Herausgeber Einfluss genommen wird, die Erkenntnisse nicht an die Öffentlichkeit zu bringen. So etwa eine Zeit lang im Fall des Azorian-Projekts durch Einflussnahme des Geheimdienstes Central Intelligence Agency auf Zeitungen wie die New York Times geschehen. Kritiker sahen darin eine Verhöhnung des 1. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten. Das System der staatlich kontrollierten Medien in Russland beruht zu einem erheblichen Teil aus Selbstzensur ganzer Medienhäuser. Die ständige Drohung einer Schließung führt auch bei nicht im Staatsbesitz befindlichen Medien zu einem „Inneren Redaktor“, einer Selbstzensur.Russlands Sinn und Irrsinn, NZZ, 24. April 2017.Vera Slawtschewa-Petkowa: Russia’s Liberal Media: Handcuffed but Free. Verlag Routledge, 2018, ISBN 978-1-315-30017-7, EinleitungBoris Grigorjewitsch Jakemenko: „Wir müssen die Menschen davon überzeugen, dass Russlands Hauptproblem in ihnen liegt“, Nowaja Gaseta, 14. November 2017: „Putin sagt nirgendwo, dass etwas nicht geschrieben werden sollte, aber in den Medien selbst sagen sie: "Du musst das nicht schreiben, nur für den Fall."“Zu kritisch für Russland, NZZ, 17. Mai 2016; „Russlands Medienlandschaft ist von gleichgeschalteten Staats- und regierungsnahen Medien dominiert“Kreml auf allen Kanälen, SPON, 7. Oktober 2013. Schon 2011 hatte Aram Gabreljanow, der Boulevardpresse-Zar der 2000er Jahre, welcher 2011 die Leitung der Zeitung Iswestija übertragen bekam, wohl als Erster offen und laut die grundsätzlichen Beschränkungen umrissen, die für ein dem Kreml gegenüber loyales (oder sogar unter dessen Kontrolle stehendes) großes Medium bestehen. Seine Publikationen sind seiner Ansicht die einzigen, welche rasch berichten; die staatlichen Medien dächten „zu lange darüber nach, ob sie berichten sollen oder nicht“.Putins verlängerter Arm, Tages-Anzeiger, 20. Oktober 2013.

Flemming Splidsboel schreibt, russische Journalisten seien geradezu unfähig, echten Journalismus auszuüben angesichts zweier „Informationsräume“ und ihrer Trennung durch eine metaphorische „doppelte Sicherheitslinie“. Den Grund erklärt er anhand Igor Trosnikows Antwort auf die Frage von RBC-Journalisten beim Antritt seines Chefredakteurpostens bei RBK: „Unglücklicherweise weiß niemand, wo diese doppelte Sicherheitslinie liegt.“Flemming Splidsboel Hansen: Russian Hybrid Warfare: A Study of Disinformation, 22. August 2017; „The existence of the two information spaces and the risks associated with a trans-gression of the metaphorical solid double line marking their separation means that the Russian media, and in particular the state-controlled media, are currently over-whelmingly unable or unwilling to do the job which they are supposed to do.“ Auch die NZZ beschrieb 2016: „Nicht klare, scharfe Eingrenzung, sondern permanente Unsicherheit ist der Schlüssel zur Zensur.“Rote Linien für Journalisten, NZZ, 15. Juli 2016. Journalisten riskieren also „zu jeder Zeit staatliche Sanktionen, da die Aufsichtsbehörden bereits die Kritik am herrschenden Regime als Extremismus, respektive als Rechtfertigung von Extremismus bewerten könnten“ (Schmidt, 2006).Johannes Schuhmann: Governance-Strukturen in der regionalen Umweltpolitik Russlands: Verhandlungen zwischen Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Springer-Verlag, 2012, ISBN 978-3-531-19560-5, S. 60.

Selbstzensur auf Druck des Veröffentlichungspartners Auch Angst vor nachteiligen zivilrechtlichen, wirtschaftlichen, sozialen oder beruflichen Folgen kann zur Selbstzensur führen. Allgemein ist ein Journalist gezwungen, bei einer Veröffentlichung als Abhängiger (in einem Medium, das einem nicht selbst gehört oder das auf externe finanzielle Mittel angewiesen ist) auf die Vorlieben und Interessen des Veröffentlichers resp. Financiers Rücksicht zu nehmen. Dies kann bei einem großen Medienunternehmen z. B. Rücksicht auf dessen Geschäftsinteressen auch in anderen Bereichen sein (etwa keine Kritik an Unternehmen, die zum selben Konzern gehören).

Bedeutend kann auch der Einfluss der Werbenden in dem Medium sein. Werbung bildet bei den meisten Medien die Haupteinnahmequelle und kann bei Wegfallen zur Insolvenz führen (siehe auch: Werbung und Medien). In der Folge ist die Versuchung nicht zu vernachlässigen, problematische Aspekte der Produkte oder Dienstleistungen von guten Werbekunden nicht in redaktionellen Beiträgen zu thematisieren. Um die Unabhängigkeit zu gewährleisten, empfehlen daher Institutionen wie der Pressekodex oder der Medienkodex von Netzwerk Recherche eine klare Trennung zwischen Werbung und den Artikeln. Die Grenze zwischen Journalismus und PR verschwindet jedoch zunehmend.

Ein bedeutender werdendes Beispiel von Einschränkungen durch Veröffentlichungszusammenarbeiten ist der „eingebettete Journalismus“, bei dem der Journalist z. B. bei einer Militäreinheit selbst mitfährt und berichtet. Um einer Militärzensur zuvorzukommen, werden dabei sicherheitsrelevante Informationen (z. B. genaue Position) vermieden. Zugleich liegt eine günstige Berichterstattung im Sinne des Journalisten, damit er weiterhin in der genehmigungspflichtigen Position des eingebetteten Journalisten arbeiten darf. Auch andere Sicherheitsbedenken, z. B. beim Aufzeigen von Lücken in der Nahrungsmittelsicherheit wegen der Gefahr von Nachahmern, führen zur Forderung nach Selbstzensur in diesen Bereichen.

Eine Selbstzensur kann auch stattfinden, wenn ein Medium seinen Lesern, Hörern oder Zuschauern keine Akzeptanz von ungewohnten Ansichten bzw. zur bisherigen Berichterstattung entgegengesetzte Positionen zutraut. Gesellschaftlich umstrittene Themen finden auf diese Weise oft nur wenig Resonanz in der öffentlichen Diskussion, Tabuthemen werden oft gar nicht erst aufgegriffen. Deswegen kritisieren unabhängige Medien und Bürgerrechtsorganisationen (z. B. American Civil Liberties Union, Democracy Now) große Nachrichtenmedien oft, für kontroverse Beschreibungen nicht mutig genug zu sein, eher eine einheitliche Position zum Thema einzunehmen und für diese Position durchgehend zu werben.

In dem Buch Manufacturing consent kommen die Autoren Edward S. Herman und Noam Chomsky zu der Schlussfolgerung, dass allgemein die Eigentümerschaft von Medien durch Unternehmen zu mehr Selbstzensur und weniger Vielfalt führt.

Selbstzensur auf Druck von außen In nicht-autoritären Systemen sind physische Bedrohungen unüblich. Es kann jedoch durch Außeneinflüsse zu einer zukünftigen Karriereeinschränkung kommen sowie durch juristische Auseinandersetzungen – zum Beispiel Rechtsprozesse – zu schweren finanziellen Schäden.

Da z. B. der Axel Springer Verlag umfangreich gegen die kritischen Reportagen von Günter Wallraff über die Boulevardzeitung Bild vorging, war z. B. eine Dokumentation bereits vor rechtlichen Schritten aus Angst vor dem Verlag über 33 Jahre mit einem Sperrvermerk versehen. Erst als der Axel Springer Verlag 2010 ankündigte, keine rechtlichen Schritte zu unternehmen, gab der WDR den Film frei.WDR hebt Sperre für Wallraffs „Bild“-Film auf. auf: dwdl.de, 7. August 2010. Der Journalist Thomas Schuler bezweifelte 2000 die Seriosität von Guido Knopps Professorentitel, da er ihn von der Siewerth-Akademie hat, deren Führungspersonal laut Schuler unter anderem mit der rechtsgerichteten Organisation „Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis“ verbunden ist. Gegen den Artikel wurden zahlreiche Rechtsmaßnahmen seitens der Siewerth-Akademie ergriffen, und obwohl Schuler vor Gericht gewann, veröffentlichte die Berliner Zeitung den Artikel daraufhin vorsichtshalber nicht im öffentlich verfügbaren Archiv.Thomas Schuler: Eine Recherche vor Gericht wird zur Recherche fürs Gericht. In: Thomas Leif: Mehr Leidenschaft Recherche: Skandal-Geschichten und Enthüllungsberichte; ein Handbuch zur Recherche und Informationsbeschaffung. VS Verlag, 2003, S. 73–83. Google-Books-Ausschnitt; Ausschnitt des Buches mit komplettem Beitrag auf NetzwerkRecherche.de (PDF; 1,1 MB)