mini|Genrich Grigorjewitsch Jagoda 1936 Genrich Grigorjewitsch Jagoda (, wiss. Transliteration , ursprünglich Jenoch Gerschenowitsch Jehuda; * in Rybinsk; † um den 15. März 1938 [vermutlich] in Moskau) war der Chef des sowjetischen Innenministeriums NKWD von 1934 bis 1936, das unter seiner Leitung aus der Zusammenlegung der Geheimpolizei OGPU mit dem bisherigen Volkskommissariat des Inneren NKWD gebildet wurde.
Leben Vorrevolutionäres Leben mini|Genrich Jagodas Karteikarte aus dem Bestand der zaristischen Geheimpolizei Ochrana (1912, Russisches Staatsarchiv) Genrich Grigorjewitsch Jagoda war der Sohn eines jüdischen Druckers, der erst kurz zuvor aus dem Ansiedlungsrayon in das Kernland des Russischen Reiches gezogen war und der auch gefälschte Dokumente für russische Revolutionäre herstellte. Jagoda begann vor der Oktoberrevolution in Nischni Nowgorod eine Lehre als Apotheker und wurde dort Mitglied einer anarchistischen Gruppe. Als er für diese Sprengstoff besorgen wollte, wurde er 1912 verhaftet und für zwei Jahre nach Sibirien verbannt, jedoch bereits 1913 amnestiert. Danach ging er nach St. Petersburg und arbeitete dort in den Putilow-Werken. 1915 wurde er in die russische Armee eingezogen und nahm als Soldat am Ersten Weltkrieg teil, wobei er sich eine Verwundung zuzog.
Revolution und Aufstieg mini|Jagoda (3. v. l., mit Mütze) als Sargträger für Feliks Dzierżyński, 1926 1917 kehrte er nach der Februarrevolution nach Sankt Petersburg zurück, trat den Bolschewiki bei (später wurde sein Beitrittsdatum auf 1907 zurückdatiert) und beteiligte sich an der Oktoberrevolution. Der einflussreiche Revolutionär Jakow Swerdlow wurde zu seinem Förderer und empfahl ihn für die Arbeit in der Tscheka und der Obersten Militärinspektion, wo er erste Kontakte zu Lenin und Stalin schloss. Jagoda wurde unter Felix Dserschinski Mitglied dieser Geheimpolizei. Er stieg schnell in der Hierarchie auf und war am 6. September 1923 bereits nach Wjatscheslaw Menschinski zweiter stellvertretender Vorsitzender der mittlerweile in OGPU benannten und für die gesamte Sowjetunion zuständigen Organisation.В.Н. Хаустов, В.П. Наумов, Н.С. Плотникова: Лубянка. Сталин и ВЧК—ГПУ—ОГПУ—НКВД. Архив Сталина. Документы высших органов партийной и государственной власти. Январь 1922 — декабрь 1936. (dt. etwa: Lubjanka. Stalin und die [sowjetische Staatsicherheit] (WeTscheKa-GPU-OGPU-NKWD). Stalins [persönliches] Archiv. Dokumente der höchsten Parteiorgane und Staatsbehörden. Januar 1922 — Dezember 1936.), Internationale Stiftung „Demokratie“ (Fond Alexander N. Jakowlew), Moskau 2003, ISBN 5-85646-087-1, S. 81. Nach dem Tod Dserschinskis im Juli 1926 wurde er stellvertretender OGPU-Vorsitzender.
Leitung der OGPU mini|Häftlinge beim Bau des Weißmeer-Ostsee-Kanals (1931–1933). (Foto aus der Sammlung des Regionalmuseums der Republik Karelien, Petrosawodsk) Als Menschinski Ende der 1920er-Jahre schwer erkrankte, war Jagoda de facto Leiter der OGPU. Jagoda, der sich für Literatur interessierte, half Stalin, den Schriftsteller Maxim Gorki aus dem italienischen Exil zurückzuholen. Dies wiederum ermöglichte ihm und der OGPU, die verbliebenen Schriftsteller in der Sowjetunion besser zu kontrollieren, welche nun ganz auf Linie mit der Parteiführung waren.
Jagoda war für den Aufbau des sowjetischen Straflagersystems GULAG mitverantwortlich, welches vor allem zu Beginn der 1930er-Jahre für große Bauvorhaben herangezogen wurde. Er war auch an der als Entkulakisierung bezeichneten Vernichtung der wohlhabenderen Landbevölkerung ab 1929 beteiligt. 1931 verlor er einen Machtkampf gegen andere stv. OGPU-Vorsitzende und wurde zum zweiten Stellvertreter Menschinskis degradiert. Von 1931 bis 1933 war er für den Bau des Weißmeer-Ostsee-Kanals verantwortlich und anschließend bis 1934 für den Bau des Moskau-Wolga-Kanals. Bei beiden Projekten starben jeweils aufgrund schlechter Arbeitsbedingungen zehntausende Häftlinge. Für seine Leistungen beim Bau des Weißmeer-Ostsee-Kanals erhielt er den Leninorden. Er gehörte zusammen mit Maxim Gorki zu den Koautoren eines Buches über den Kanalbau, in dem die Arbeiten erheblich geschönt dargestellt wurden.
Im Februar 1933 entwickelte Jagoda zusammen mit dem Chef des Gulag Matwei Berman einen Plan zur Deportation von je einer Million Menschen nach Westsibirien und Kasachstan. Die Deportierten, als „sozial schädliche und deklassierte Elemente“ bezeichnet, sollten dort kaum besiedelte Landstriche erschließen. Der sogenannte „großartige Plan“ scheiterte bereits nach wenigen Monaten mit der Tragödie von Nasino, bei der aufgrund der unzureichenden und schlecht organisierten Versorgung der Deportierten sogar Fälle von Kannibalismus registriert wurden.
Führung des NKWD mini|Maxim Gorki und Genrich Jagoda (nach dem November 1935, Foto russ. Staatsarchiv) Im Juli 1934 wurde Jagoda zwei Monate nach dem Tod Menschinskis zum Chef der OGPU, die er bald darauf dem NKWD angliederte. Nach seiner Beförderung zum Chef des NKWD verlor Jagoda in großem Maß den Bezug zur Realität; er wurde immer anmaßender und brutaler.Norman Polmar, Thomas B. Allen: Spy Book – The Encyclopedia of Espionage. Greenhill Books, London 1997, ISBN 1-85367-278-5.
Nach der Ermordung Sergej Kirows, eines engen Vertrauten Stalins, im Dezember 1934, war er in der Anfangsphase der stalinistischen Säuberungen für die Untersuchung des Mordfalls und die Verhaftung und Anklage von Lew Kamenew, Grigori Sinowjew, Iwan Smirnow und Grigori Jewdokimow als Exponenten der „Verschwörung der linken Opposition“ verantwortlich. Im Januar 1935 wurden die vier wegen dieses Mordes zu Zuchthausstrafen verurteilt. Die kommunistische Presse, hier die Rundschau schrieb, „daß das sogenannte ‚Moskauer Zentrum‘ […] die konterrevolutionäre Tätigkeit […] illegaler Gruppen von Sinowjew-Leuten geleitet hatte“.Rundschau über Politik, Wirtschaft und Arbeiterbewegung, Jg. 1936, S. 1589.
Er war für die Abhaltung des ersten der Moskauer Schauprozesse verantwortlich, der vom 19. bis 24. August 1936 dauerte und mit der Hinrichtung Kamenews, Sinowjews, Smirnows, Jewdokimows und zwölf weiterer Angeklagter endete. Die Rundschau führte aus: Sie seien ebenso „Initiatoren und Organisatoren von Anschlägen, die […] auf das Leben anderer Führer der KPdSU und der Sowjetregierung vorbereitet wurden.“ Nach der Ermordung Kirows nahm der Druck auf Jagoda zu, Verschwörungen innerhalb von Partei und Gesellschaft aufzudecken.
Um Auslandseinsätze des NKWD zu finanzieren, initiierte Jagoda die massenhafte Fälschung von US-Dollar-Scheinen.Vronskaya, Chuguev: A Biographical Dictionary of the Soviet Union. Verlag K.G. Saur, London 1989, ISBN 0-86291-470-1.
Abstieg und Tod mini|Unperson Genrich Jagoda: Auf dem Foto des Eingangsbereiches des Weißmeerkanals wurde das übergroße Porträt Jagodas auf der rechten Seite nachträglich durch sowjetische Zensoren unkenntlich gemacht (→Zensur in der Sowjetunion) Jagoda wurde am 26. September 1936 durch Nikolai Jeschow ersetzt, der ihm schon während des Prozesses als Assistent zur Seite gestellt worden war und während dieser Zeit belastendes Material gegen ihn gesammelt hatte. Im März 1937 wurde Jagoda verhaftet, anschließend auch NKWD-Mitarbeiter wie Wsewolod Balyzkyj, die ihm nahegestanden hatten. Nachdem er monatelang unter Anleitung seines Nachfolgers Jeschow im Rahmen des „Großen Terrors“ brutal gefoltert worden war und dabei unter anderem Stalins Leibwächter Karl Pauker belastet hatte,Simon Sebag Montefiore: Stalin – Am Hof des Roten Zaren. 2. Auflage. Frankfurt 2007, S. 252. gehörte er zu den Hauptangeklagten des dritten Schauprozesses vom 2. bis zum 13. März 1938. Er unterschied sich von seinen Mitangeklagten dahingehend, dass er von diesen abgesondert gefangengehalten wurde. Zusätzlich beschuldigte man ihn, seinen Vorgänger Menschinski sowie Maxim Gorki vergiftet zu haben. Auch das gegen ihn verhängte Todesurteil wurde getrennt von den anderen Angeklagten in der Lubjanka vollstreckt, weshalb weder der 15. März sicher als sein Todesdatum gelten kann, noch etwas über den Verbleib des Leichnams bekannt ist. Eine große Statue Jagodas an der Einfahrt des Weißmeerkanals wurde nach seiner Hinrichtung gesprengt.
Siehe auch
Ida Leonidowna Awerbach (1905–1938), Ehefrau Jagodas
Zitate
Literatur Simon Sebag-Montefiore: Stalin: The Court of the Red Tsar. Knopf 2004, ISBN 1-4000-4230-5. Alexander Michailowitsch Orlow: The Secret History of Stalin’s Crimes. Random House 1953. Donald Rayfield: Stalin und seine Henker. Blessing, München 2004, ISBN 3-89667-181-2. Dagobert D. Runes: Despotism, a pictorial history of tyranny. Philosophical Library 1963. Alexander Solschenizyn: Der Archipel Gulag. Rowohlt-Verlag 1978. Н. В. Петров, К. В. Скоркин (N. W. Petrow, K.W. Skorkin): Кто руководил НКВД, 1934–1941 – Справочник. (Wer hatte die Regie im NKWD, 1934 bis 1941 – Verzeichnis); Swenja-Verlag 1999, ISBN 5-7870-0032-3 (online). А.Л. Литвин (A. L. Litwin): От анархо-коммунизма к ГУЛАГу: к биографии Генриха Ягоды (Vom Anarchokommunismus zum Gulag: Mit einer Biografie von Genrich Jagoda) in 1917 год в судьбах России и мира. Октябрьская революция. (Das Jahr 1917 und die Schicksale Russlands und der Welt) S. 299–314, Institut für russische Geschichte РАН, Moskau 1998, ISBN 5-8055-0007-8.
Dokumentarfilme Folge 1933 – Genrich Jagoda der Dokumentarreihe Historische Chroniken von Nikolai Swanidse, Produktion des Fernsehkanals Rossija 1, 2006, Hauptseite der Dokumentationen (russisch).
Weblinks
Kurze biografische Notiz auf der Seite des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB (russisch) Jagodas Order Nr. 6123 vom 1. März 1929 zur Verhaftung von Warlam Tichonowitsch Schalamow (russisch)
Auszüge aus dem Buch über den Bau des Weißmeerkanals auf der Seite des niederländischen Internationalen Instituts für Sozialgeschichte (IISG) Lebenslauf, AZ-Library (russisch)
Steffen Dietzsch: Bucharin, Nikolai Iwanowitsch, Karl Radek et al. In: Kurt Groenewold, Alexander Ignor, Arnd Koch (Hrsg.): Lexikon der Politischen Strafprozesse, Online, Stand September 2015.
Einzelnachweise
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