mini|Aus Beton nachgebildete Bahnschwellen erinnern an das einstige Bahngleis, das durch ein dichtes Waldstück in das Vernichtungslager führte
Das Vernichtungslager Treblinka [] (zur Unterscheidung vom Arbeitslager Treblinka I auch Treblinka II genannt) war im Zweiten Weltkrieg das zuletzt errichtete und größte nationalsozialistische Vernichtungslager im Rahmen der Aktion Reinhardt im Generalgouvernement des deutsch besetzten Polen. Die Gesamtzahl der Menschen, die die SS dort zwischen dem 22. Juli 1942 und dem 21. August 1943 im Zuge des Holocaust ermordet hat, liegt bei deutlich über 700.000 und wird sogar auf über 1 Million geschätzt.Frank Golczewski In: Wolfgang Benz: Dimension des Völkermordes. Deutscher Taschenbuch Verlag, 1996, ISBN 3-423-04690-2, S. 468. Angabe im sogenannten Höfle-Telegramm schon über 700.000 / Schätzung nach Rachel Auerbach 1.074.000, diese wird von Golczewski als wahrscheinlich angesehen. Das Lager befand sich bei dem Dorf Treblinka in der Gemeinde Małkinia Górna in der Woiwodschaft Masowien, nordöstlich von Warschau.
Geschichte mini|Stationsschild des Bahnhofs des nahegelegenen Dorfes Treblinka Den Baubefehl zur Errichtung des Vernichtungslagers erteilte der Reichsführer SS, Heinrich Himmler, dem SS- und Polizeiführer im Distrikt Warschau, SS-Oberführer Arpad Wigand, in einer mündlichen Besprechung in Warschau am 17. April 1942.
Seine Errichtung war Teil der Aktion Reinhardt zur systematischen Ermordung aller Juden im deutsch besetzten Polen zwischen Juli 1942 und Oktober 1943. Dabei kam es auch zur Ermordung von Menschen aus anderen europäischen Ländern. Die Bauarbeiten begannen Ende Mai 1942 mit jüdischen KZ-Häftlingen aus der Umgebung, aus Warschau sowie aus dem Arbeitslager Treblinka I. Bauaufsicht hatte der SS-Hauptsturmführer Richard Thomalla. Es wurde zusätzlich ein Nebengleis vom Bahnhof Treblinka zum Vernichtungslager gelegt. Das Baumaterial stammte zum Teil aus dem Warschauer Ghetto und wurde über dieses Gleis herangeschafft.
Die zunächst drei Gaskammern mit einer Fläche von 48 m² wurden von „Spezialisten“ der Aktion T4Im Zeitraum des Bestehens von Treblinka waren dort insgesamt 56 „T4-Männer“ tätig. Siehe: Sara Berger: Experten der Vernichtung. Das T4-Reinhardt-Netzwerk in den Lagern Belzec, Sobibor und Treblinka. Hamburg 2013, ISBN 978-3-86854-268-4, S. 214. nach dem Muster des Vernichtungslagers Sobibor eingerichtet. Anfänglich umgab nur ein Stacheldrahtzaun das Lager. In den Zaun eingeflochtene Kiefernzweige sollten den Einblick verhindern. Später kam ein äußerer Bereich aus eisernen, mit Stacheldraht bewehrten Panzersperren hinzu. An den Ecken des Lagers und im eigentlichen Vernichtungsbereich waren hölzerne, ca. acht Meter hohe Wachtürme errichtet worden. Das Lagertor bestand aus zwei hohen Säulen und einem schmalen Dach. Die Säulen waren jeweils mit einer Blume aus Metall verziert. Ein daran befestigtes Schild trug die Aufschrift „SS Sonderkommando Treblinka“. Die daneben befindliche Wachstube war im Stil eines Tiroler Bauernhauses errichtet worden.
Das ganze Lager war in drei etwa gleich große Bereiche unterteilt: das sogenannte Wohngebiet für die Wachmannschaften („Max-Biala-Kaserne“) und die Häftlingsbaracken, das Auffanglager und das Todeslager oder „Obere Lager“, das auf dem ansteigenden Gelände lag.Kartierungen bei Annika Wienert: Das Lager vorstellen – Die Architektur der nationalsozialistischen Vernichtungslager. Berlin 2015, ISBN 978-3-95808-013-3, S. 72–81. Die einzelnen Bereiche sind auf dieser Karte (deathcamps.org) dargestellt.
Ein 100 × 100 m großer Bereich im Wohngebiet war das eigentliche Gefangenenlager mit drei großen Schlafbaracken und Werkstätten; daneben lag der Appellplatz und die Latrine. Alles war separat mit Stacheldraht eingezäunt.
Ins Auffanglager konnten die Transportzüge durch ein mit einem kleinen Wäldchen getarntes Tor im Lagerzaun hineinfahren und an der ca. 200 m langen Rampe halten. Es gab ein Gebäude, das einen Bahnhof mit dem von der SS erfundenen Namen „Obermajdan“ vortäuschte. Daneben befand sich eine kleinere Baracke, in der sich die Frauen ausziehen mussten. Eine weitere Baracke diente hier als Lagerraum für das geraubte Gepäck. In der Anfangsphase der Vernichtungsaktionen schlief das jüdische Arbeitskommando in dieser Baracke.
mini|Fahrplananordnung zur sogenannten Umsiedlung nach dem Osten vom 25. August 1942
Im Todeslager fand der eigentliche Massenmord auf einer Fläche von ca. 200 m × 250 m, umgeben von hohen Erdwällen statt. Hier standen die Gaskammern, wurden die Massengräber angelegt und später die Verbrennungsroste installiert. In zwei später zusätzlich eingezäunten Baracken war das jüdische Sonderkommando mit Küche, Toilette und Wäscherei untergebracht. Ein zusätzlicher Wachturm und ein Wachhäuschen standen in der Mitte.
Treblinka war nach einer Meldung am 22. Juli 1942 bereit, Deportationstransporte zu empfangen. Damit konnte die „Große Aussiedlung“ aus dem Warschauer Ghetto und den östlichen Teilen des Distrikts Warschau beginnen. Der erste Transport mit Juden aus dem Warschauer Ghetto kam am 23. Juli an. Zwischen August und Oktober 1942 ließ die SS zehn weitere Gaskammern mit insgesamt 320 m² Grundfläche errichten. Damit konnte die Anzahl von Menschen aus 20 Eisenbahnwaggons gleichzeitig ermordet werden. Die Hauptvernichtungszeiten in Treblinka erstreckten sich von Juli 1942 bis Januar 1943 mit Transporten aus Stadt und Distrikt Warschau, aus den Distrikten Radom und Lublin, dem Bezirk Białystok und dem böhmischen Theresienstadt, Februar bis Mitte März 1943 aus Bezirk und Stadt Białystok, Ende März bis Anfang April 1943 mit Transporten aus dem von Bulgarien besetzten, zuvor griechischen Teil Thrakiens (Westthrakien)Gabriele Nissim: Der Mann, der Hitler stoppte. Dimitar Pesev und die Rettung der bulgarischen Juden, Verlag Siedler, 2000. und Griechenland und Mitte August 1943 aus der Stadt Białystok.
Nach dem Aufstand am 2. August 1943 vergaste die SS am 21. August 1943 noch Häftlinge aus zwei Zügen aus Białystok (mit den Nrn. PJ 207 und PJ 208). Danach wurde das Lager abgebaut. Teile der Baracken ließ man per Bahn zum SS-Arbeitslager Dorohucza bei Trawniki transportieren. Am 17. November 1943 verließ der letzte Transport mit Restmaterialien das Gelände. In der Folgezeit entstand auf dem Gelände zur Tarnung ein Bauernhof.Ino Arndt, Wolfgang Scheffler: Organisierter Massenmord an Juden in nationalsozialistischen Vernichtungslagern. Ein Beitrag zur Richtigstellung apologetischer Literatur. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. 2/1976, S. 105–135. Deutsche Verlags-Anstalt GmbH, Stuttgart.
Vernichtungsprozess Im unteren Lager mini|Übersichtskarte des Lagers (2009 erstellt) Die meist aus den Ghettos des Generalgouvernements kommenden Züge mit den Deportierten warteten im Bahnhof Treblinka, bis die Rampe im Lager frei war und weitere Opfer ins Lager gebracht werden konnten. Dann wurden bis zu 20 Waggons vom Zug abgekoppelt und bis an die Rampe geschoben.Yitzhak Arad: Belzec, Sobibor, Treblinka. S. 81. Trawniki- und SS-Männer drängten die Angekommenen zu zügigem Aussteigen, wobei das Ziel weiterhin – verfolgt bspw. durch entsprechende Anweisungen und Ansprachen – in der Aufrechterhaltung der Illusion einer Ankunft in einem Durchgangslager bestand.Wolfgang Benz: Vernichtungslager Treblinka. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Band 8, S. 415. In den ersten Wochen des Lagers gelang dies nahezu vollständig. Allerdings stieg ab Mitte August 1942 die Zahl der pro Tag in Treblinka ankommenden Opfer deutlich, so dass SS und Trawniki-Männer auch regelmäßig Peitschenhiebe, Schläge mit Gewehrkolben und Schüsse einsetzten, um das Aussteigen aus den Zügen und das Leeren der Rampe zu beschleunigen.Yitzhak Arad: Belzec, Sobibor, Treblinka. S. 83 f.
Personen, die aufgrund von Alter, Verletzungen oder sonstiger körperlicher Schwäche erkennbar nicht in der Lage waren, den Weg bis in die Gaskammern zurückzulegen, wurden an der Rampe ausgesondert und von Arbeitshäftlingen zum „Lazarett“ gebracht.Yitzhak Arad: Belzec, Sobibor, Treblinka. S. 97, S. 121 f. Dort warteten sie auf Bänken neben dem Eingang, bis einer der dort eingesetzten Häftlinge sie mit Verweis auf eine bevorstehende Untersuchung durch einen Arzt dazu brachte, sich auszuziehen.Wolfgang Benz: Vernichtungslager Treblinka. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Band 8, S. 411.Samuel Willenberg: Treblinka. Lager, Revolte, Flucht, Warschauer Aufstand. Unrast, Münster 2009, ISBN 978-3-89771-820-3, S. 26. In der Anfangszeit des Lagers wurden die Opfer in die Grube geworfen und dort solange beschossen, bis sie sich nicht mehr bewegten. Mit der Ablösung des Lagerkommandanten Eberl durch Stangl wurde durch Christian Wirth auch die Hinrichtungsmethode im „Lazarett“ modifiziert:Urteil des Landgerichts Düsseldorf, 3. September 1965 (8 I Ks 2/64), Zweiter Teil, Abschnitt D II. Das Opfer musste sich nun mit dem Gesicht in Richtung der zuvor Erschossenen auf den am Rand der Grube befindlichen Erdwall setzen oder wurde, sofern es nicht mehr zum Laufen fähig war, dorthin gelegt. Ein SS-Mann – seltener Trawniki-Mann – tötete es dann mit einem Genickschuss. Ab etwa Ende 1942 brannte in der Grube des „Lazaretts“ zudem ständig ein Feuer, so dass die neu hinzugekommenen Leichen sofort verbrannten.Yitzhak Arad: Belzec, Sobibor, Treblinka. S. 122 f.Urteil des Landgerichts Düsseldorf, 3. September 1965 (8 I Ks 2/64), Erster Teil, Abschnitt E (, abgerufen am 22. März 2013). Zu den Tätern im „Lazarett“ gehörten u. a. der SS-Unterscharführer Willi Mentz, August Wilhelm Miete und der SS-Unterscharführer Möller, die abwechselnd dort tätig waren. Wurde die Zahl der zu erschießenden Individuen zu groß, zogen sie zusätzlich Trawniki-Männer für die Erschießungen hinzu.
Die Bewacher trieben die noch zum Laufen fähigen Opfer durch eine Lücke in dem Bretterzaun, der die Rampe vom übrigen Lager abschirmte, auf den Platz zwischen den Auskleidebaracken („Umschlagplatz“).Yitzhak Arad: Belzec, Sobibor, Treblinka. S. 83. Ein Schild informierte die Ankommenden auf Polnisch und Deutsch über den angeblichen Zweck des Aufenthalts:
Auf dem „Umschlagplatz“ wurden Männer und Frauen getrennt: Frauen und Kinder zogen sich in der linken (nördlichen) der beiden Baracken nackt aus, Männer unter freiem Himmel. In der Anfangszeit des Lagers konnten die Männer die rechte (südliche) der beiden Baracken zum Auskleiden nutzen; später diente diese nur noch zum Sortieren und Lagern der Habseligkeiten der Ermordeten.Wolfgang Benz: Vernichtungslager Treblinka. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Band 8, S. 416. In einem Raum am hinteren Ende der Auskleidebaracke der Frauen arbeitete das „Friseurkommando“, das den Frauen die Haare abschnitt und dieses in bereitgestellten Koffern und Taschen sammelte. In den ersten Tagen, nachdem im September oder Oktober 1942 mit dem Schneiden der Haare begonnen wurde,Yitzhak Arad: Belzec, Sobibor, Treblinka. S. 109. arbeitete das Friseurkommando noch im Gebäude der Gaskammern.Chil Raijchman: Ich bin der letzte Jude. Treblinka 1942/43. Piper Verlag, München 2009, ISBN 978-3-492-05335-8, S. 45 f., 55–64.
Im oberen Lager Vom Platz zwischen den Sortierbaracken trieben Trawniki- und SS-Männer die Opfer in Vierer- und Fünferreihen mit erhobenen Händen durch den „Schlauch“ zu den Gaskammern. An der „kleinen Kasse“ im „Schlauch“, auf dem Weg zu den Gaskammern an der Grenze zwischen unterem und oberem Lager gelegen, mussten die Opfer alle Wertgegenstände und Dokumente abgeben. Aufgrund der geringen Breite des „Schlauchs“ hatten die Opfer keine Chance, den Schlägen der Wachmannschaften auszuweichen, so dass sie versuchten, den Weg zu den Gaskammern möglichst schnell zurückzulegen.Yitzhak Arad: Belzec, Sobibor, Treblinka. S. 86.Wolfgang Benz: Vernichtungslager Treblinka. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Band 8, S. 417.