Das Fähnlein der sieben Aufrechten ist eine Novelle des Schweizer Dichters Gottfried Keller.

miniatur|Titelblatt von Berthold Auerbachs Volkskalender 1861 Geschrieben 1860 für Berthold Auerbachs Deutschen Volkskalender erschien sie 1861 in Leipzig, wurde sofort von der Berner Tageszeitung Der Bund nachgedruckt und begründete Kellers Ruhm als Nationaldichter der Schweiz.

Die Erzählung im Ton von Volksstück und Kalendergeschichte spielt in Zürich, Schauplatz des Happy End ist jedoch Aarau, wo 1849, im Jahr nach der Gründung des modernen Schweizer Bundesstaates, das „Eidgenössische Freischießen“ stattfand, auf dem die Liberalen den Sieg ihrer Sache feierten. Die „Aufrechten“, ein Freundesbund von sieben Zürcher Handwerkern und Gastwirten, alles altgediente Freiheitskämpfer, beschließen mitzufeiern, und zwar erstmals unter eigenem Fähnlein. Die beiden Wortführer des Vereins, der reiche Zimmermeister Frymann und der arme Schneider Hediger, geraten dadurch in schwere Bedrängnis: keinem fallen die passenden Grußworte für die tausendköpfige Versammlung ein. In letzter Minute rettet sie Karl, jüngster Sohn des Schneiders, mit einer schwungvoll-heiteren Rede, die im Nu die Herzen der Menge gewinnt. Was ihn dabei inspiriert, ist seine Liebe zu Hermine, einziger Tochter des Zimmermanns. Die beiden möchten gerne heiraten, aber ihre Väter sind dagegen, der reiche aus Geschäftsinteresse, der arme aus Stolz. Als sich Karl, angefeuert von Hermine, im Laufe des Festes weitere Lorbeeren erwirbt, schmilzt der Widerstand der Alten und die Geschichte endet mit einer Verlobung.

Keller hat das Fähnlein 1877 in seine Züricher Novellen aufgenommen. Es zählt zu seinen bekanntesten Werken und gilt als Beispiel für die Stilrichtung des poetischen Realismus.

Handlung Fast wie ein Theaterstück lässt sich die Erzählung in Akte und Szenen gliedern. Sie enthält mehrere bemerkenswerte Reden (Monologe) und im Vergleich zu anderen Kellerschen Novellen viel Dialog.

Erster Akt miniatur|Schweizerischer Republikaner, Titelseite 1836 von Martin Disteli In Hedigers Studierzimmer an einem Nachmittag im März: Als einzigen Luxus gönnt sich der Schneider dieses Extra-Stübchen für seine Sammlung politischer Bücher. Hier hängt unter Bildnissen Washingtons und Robespierres auch sein Gewehr. Mit diesem ist er schon öfters ausgerückt, als Revolutionär gegen Aristokraten, Jesuiten und Sonderbündler. Eben will sich der Meister in die neuste Nummer des Schweizerischen Republikaners vertiefen, als sein Jüngster eintritt und ihn um das Gewehr bittet. Karls militärische Ausbildung hat begonnen, und wenn er ohne Waffe zum Exerzierplatz kommt, wird er bestraft. „Ich gebe“, versetzte der Meister, „meine Waffe niemand, der nicht damit umgehen kann.“Alle wörtlichen Zitate nach dem Text der Fränkelschen Ausgabe von Kellers Werken, Bd. 10, S. 3–90; S. 6. Um Karl zu prüfen, nimmt er das Flintenschloss auseinander. Karl kann es nicht wieder zusammensetzen. Doch seine Mutter weiß Rat: sie richtet ihrem Mann die Einladung der Siebenmännergesellschaft aus, worauf der Alte eilends das Haus verlässt: „So! nun kommt er vor zehn Uhr nachts nicht mehr!“ Dann setzt sie mit geübten Griffen das Schloss wieder zusammen. „Wo zum Teufel habt Ihr das gelernt, Mutter?“ Frau Hediger erzählt, wie ihr Vater und ihre Brüder als leidenschaftliche Schützen Haus und Hof verpulverten. Schon als Kind wurde sie dazu abgerichtet, ihnen die luxuriösen Waffen instand zu halten.

Am Abend desselben Tages: Karl hat das Gewehr zurückgehängt und das Schloss wieder zerlegt. Nun rudert er bei Vollmond auf dem Zürichsee, neben ihm in einem anderen Boot Hermine. Weit draußen entspinnt sich ein Gespräch von Bord zu Bord: „Als ich zehn Jahre alt war und du sieben“, hält er ihr vor, „wie oft haben wir uns da geküßt, und nun ich zwanzig bin, bekomme ich nicht einmal deine Fingerspitzen zu küssen“. Doch Fräulein Frymann will von solchen Kindereien nichts mehr wissen, zumal der Vater ihr den weiteren Umgang mit Karl verbietet. Der Zimmermann ist Witwer und hat seiner Tochter zuliebe nicht mehr geheiratet. Hermine möchte sich seinen Wünschen daher nicht offen widersetzen. Höchstens jeden Monat, kündigt sie an, wird sie in Zukunft zum Rendezvous erscheinen. Karl fühlt sich herausgefordert und mänovriert sein Boot so geschickt, dass Hermine aus Angst, ins Wasser zu fallen, doch noch ein paar Küsse über sich ergehen lassen muss. Zornig rudert sie zurück ans Ufer: „Wart nur, du Schlingel, bis ich dich unter dem Pantoffel habe!“

miniatur|Gelände des Eidgenössischen Freischießen in Aarau (1849) Währenddessen fassen die Aufrechten an ihrem Stammtisch den Beschluss, ihr politisches Lebenswerk durch den gemeinsamen Auftritt beim Aarauer Freischießen zu krönen. Über Fahnentuch und Aufschrift – Freundschaft in der Freiheit – sind sie sich schnell einig, über die angemessene Festgabe gibt es eine hitzige Debatte. Fünf der sieben wittern die Gelegenheit, Ladenhüter loszuwerden, der Silberschmied einen altmodischen Pokal, der Grobschmied einen Pflug, der Schreiner ein Himmelbett. Der eine Wirt möchte ein Fässchen Wein an den Mann bringen, der andere sogar eine Kuh. Hediger nimmt ihre Vorschläge unter die Lupe und spart nicht mit sarkastischen Bemerkungen: Der Kuh „ist nichts nachzusagen, als daß sie beim Melken regelmäßig den Kübel umschlägt!“ Beschämt geben die fünf ihm recht.

Frymann schlägt vor, den Silberschmied einen modernen Becher anfertigen zu lassen, von edler Form ohne überflüssigen Zierrat (wie die neue Bundesverfassung). Als das einstimmig angenommen wird, bringt er noch seine private Sorge zur Sprache: Er besitzt viel Bauland und wünscht sich einen Schwiegersohn mit Kapital und Geschäftsideen. Karl, der seiner Tochter den Kopf verdreht hat, verdient als Schreiber gerade sein erstes Brot und ist ihm unwillkommen. Abgesehen davon gelte es, die Freundschaft von Familienbanden frei zu halten. Der Schneider sieht das ebenso. Ihn plagt die Sorge, dass keiner seiner vier Söhne bei dem Handwerk geblieben ist, das er sie – nach ihren Wünschen – hat lernen lassen. Alle wollen höher hinaus. Was, wenn angeheirateter Reichtum sie zu Luxus und Verschwendung verführt? Allen hat er eine gute Schulbildung ermöglicht. So sind sie nacheinander abgeschwenkt und in den neuen Staatsbetrieben und Behörden untergekommen. Die nötigen Amtsbürgschaften haben die Aufrechten unterschrieben. Wie steht er vor den Freunden da, wenn sich ein Sohn etwas zuschulden kommen lässt? „Papperlapapp!“ tönt es in der Runde. Doch die beiden Väter bleiben fest und geloben sich feierlich: „Nichts von Schwäherschaft, fort mit dem Gegenschwäher!“ Dieser Eid erregt bei den Genossen Heiterkeit: „Wer würde nun glauben, daß ihr zwei, die in der Vaterlandssache erst so weise Worte geredet und uns die Köpfe gewaschen habt, nun im Umsehen so törichtes Zeug beginnen würdet!“ Die Sitzung schließt mit einer Wette: Wenn Karl und Hermine sich kriegen, gibt der Brautvater dem Verein das Fässchen Schweizerblut aus, dann hat auch der Wirt einen Vorteil. Die Alten aber schenken den Jungen das zweischläfige Himmelbett, das dem Schreiner stehen geblieben ist.

Zweiter Akt Tags darauf nach Tisch eröffnet Hediger den Seinen, was er mit Frymann beschlossen hat: „Freilich sind wir politische Freunde; aber um es zu bleiben, wollen wir nicht die Familien durcheinanderwerfen und Kommunismus treiben mit dem Reichtum des einen. Ich bin arm und Frymann ist reich und so soll es bleiben; umso mehr gereicht uns die innere Gleichheit zur Freude“. Frau Hediger findet diesen Grundsatz lächerlich: „schöne Freundschaft, wenn ein Freund dem Sohne des andern seine Tochter nicht geben mag! Und seit wann heißt es denn Kommunismus, wenn durch Heirat Wohlhabenheit in eine Familie gebracht wird?“ Beredt schildert sie die Chancen, die ihr Mann zu vertun im Begriff ist: vielleicht hat einer der Söhne selber einen begabten Sohn, „der sich in die Höhe schwingen würde, wenn das Vermögen da wäre, ihn studieren zu lassen“. „Luftschlösser!“ ärgert sich Hediger und kontert mit einer saftigen Satire auf den neureichen Vetter im Kreise seiner arm gebliebenen Verwandten. Gegen Reichtum hat er nichts, sofern er wie bei seinem Freund durch Fleiß erworben und in rechten Händen ist – „laß aber einmal Kerle mit vielen Millionen entstehen, die politische Herrschsucht besitzen, und du wirst sehen, was sie für Unfug treiben!“ Zum Schluss prophezeit er: „Es wird eine Zeit kommen, wo in unserm Lande, wie anderwärts, sich große Massen Geldes zusammenhängen, ohne auf tüchtige Weise erarbeitet und erspart worden zu sein; dann wird es gelten, dem Teufel die Zähne zu weisen; dann wird es sich zeigen, ob der Faden und die Farbe gut sind an unserem Fahnentuch!“. Auf Frau Hediger macht das keinen Eindruck. Für sie ist klar, dass der Grundsatz der Trennung von Freundschaft und Familie ein Vorwand ist, hinter dem Frymann seinen Eigennutz versteckt. Sieht ihr Mann denn nicht, dass er der Narr im Spiel ist? Karl, dem der Disput peinlich wurde, hat sich still entfernt. Abends auf dem See wartet er vergeblich auf Hermine.

Die nächsten Tage und Wochen bringen Veränderungen, die den Schneidermeister mit heimlichem Stolz, aber auch mit Besorgnis erfüllen. Karl, offenbar ein Naturtalent, ist zur Scharfschützenausbildung zugelassen worden und in die Kaserne umgezogen. Frau Hediger nimmt sich jetzt Hermines an, berät sie mütterlich auf Marktgängen. Einmal überrascht Hediger die beiden in der Wohnstube mit ihrem Strickzeug bei Kaffee und Selbstgebackenem. Er macht ein strenges Gesicht, allein Hermine war so holdselig und dabei resolut, daß er wie aufs Maul geschlagen da saß und damit endigte, daß er selbst ein ‚Glas Wein‘ aus dem Keller holte und sogar aus dem kleinen Fäßchen. Alarmiert rennt er zu Frymann: „Wir müssen aufpassen! Deine Tochter sitzt in dickster Freundschaft bei meiner Alten, und es ist ein sehr verdächtiges Getue. Du weißt, die Weiber sind des Teufels.“ „Warum jagst du den Aff nicht fort?“ sagte Frymann ärgerlich. „Ich fortjagen? das werd’ ich bleiben lassen, das ist ja eine Staatshexe! Komm du selbst und sieh nach!“ Die Verschworenen treffen nur noch Karl an, der den Rest des Gebäcks verzehrt. Hermine hat es liebevoll für ihn aufgehoben und ihm dazu eine Einladung zum Rendezvous ausrichten lassen.

Abends auf dem See: Karl stellt Hermine zur Rede: In der Kaserne brüstet sich ein gewisser Rekrut Ruckstuhl damit, in Kürze eine reiche Frau zu bekommen, nämlich die Zimmermannstochter. Ruckstuhl ist ein Angeber, durch Häuserspekulation und überhöhte Mieten reich geworden; man lacht über ihn, doch hinter seinem Rücken, denn sein vieles Geld verschafft ihm Einfluss. „Ich weiß,“ antwortete sie, „daß dieser Monsieur mich zur Frau begehrt und daß mein Vater sogar nicht abgeneigt ist; er hat schon davon gesprochen.“ – „Reitet ihn denn der Teufel, dich diesem Strolch und Tagdieb zu geben? Wo bleiben denn seine gravitätischen Grundsätze?“ Der Vater ist nun einmal auf einen Jungunternehmer als Schwiegersohn versessen und hat Ruckstuhl bereits für morgen, Sonntag, zum Mittagsmahl gebeten. Selbstverständlich wird Hermine ihn abblitzen lassen, aber noch besser wäre es, wenn er ihr gar nicht erst ins Haus käme. Sie hat auch schon einen Plan. Ob Karl ihn nicht zu einer Dummheit verführen könnte, „daß ihr miteinander Arrest erhieltet für vierundzwanzig oder achtundvierzig Stunden?“ – „Du bist sehr gütig, mich zwei Tage ins Loch zu schicken, um dir ein Nein zu ersparen! Tust du’s nicht billiger?“ Der moralischen Symmetrie wegen, meint sie, müsse es so sein, und als Karl Miene macht, näher zu rücken, gibt sie ihm klar zu verstehen, dass sie diesmal ungeküsst von Bord gehen wird.