mini|Hypothetische geografische Lage von Atlantis auf der Weltkarte (laut Athanasius Kirchers Mundus Subterraneus) mini|Konkurrierende hypothetische geografische Standorte weltweit für das legendäre Atlantis mini|Konkurrierende hypothetische geografische Standorte von Atlantis im Mittelmeer
Als Lokalisierungshypothesen zu Atlantis bezeichnet man argumentativ begründete Vermutungen über die genaue geografische Örtlichkeit, an der Platons Atlantis existiert haben soll. Hierbei wird vorausgesetzt, dass die überlieferte Beschreibung dieser Kultur als vor ihrem Untergang irgendwo jenseits der Straße von Gibraltar gelegenes Inselreich keine bloße Erfindung Platons sei, sondern einen realen Hintergrund habe. Erste Hypothesen dieser Art entstanden bereits in der Antike. In wieder zunehmendem Maße wurden sie seit der Renaissance entwickelt und diskutiert, begünstigt durch die Entdeckung Amerikas, in dem man aufgrund seiner Lage am Atlantik eine Parallele zum Atlantis-Motiv zu erkennen glaubte. Die akademische Fachwelt beteiligt sich nach wie vor an diesen Versuchen, soweit ihre Vertreter davon ausgehen, dass dem Mythos eine historische Begebenheit zugrunde liegt. Die Mehrzahl der Akademiker indes erachtet Atlantis als einen bemerkenswert intelligenten Kunstgriff Platons, dessen Zweck – wie bei allen anderen Mythen des Autors – vor allem darin bestanden habe, eine stringente Verbindung zwischen seiner Ideenlehre und der aus diesen noumenalen Ureinheiten des Erkenntnisvermögens metaphysisch zusammengesetzten Phänomenalität plausibel darzulegen: ein nach Auffassung mancher Kritiker schon von diesem Aspekt her gänzlich abwegiges Vorhaben.
Grundlagen Angaben zu Standort und Merkmalen von Atlantis Platon beschrieb in seinen um 360 v. Chr. verfassten Dialogen Timaios und Kritias die Stadt genau und liefert somit viele Anhaltspunkte für eine Lokalisierung. In diesen Dialogen wird Atlantis Nesos (etwa Die Insel des Atlas) als ein Inselreich beschrieben, das größer als Libyen (Λιβύη) und Asien (Ασία) zusammen war (Tim. 24e) und wie Athen schon 1000 Jahre vor der Gründung Ägyptens existiert habe. Die Hauptinsel lag außerhalb der „Säulen des Herakles“ im/am Atlantìs thálassa, wie schon Herodot den Atlantik nennt (Hdt. I 202,4). Atlantis war laut Platon reich an Rohstoffen aller Art, insbesondere an Gold, Silber und „Oreichalkos“, einer Metalllegierung, die Platon als „feurig schimmernd“ beschreibt (Kritias 114e) und die heute als Messing bekannt ist. Nach einem Hesiod zugeschriebenen Kleinepos (Epyllion) gleichen Namens nannte man es auch den „Schild des Herakles“. Weiter erwähnt Platon verschiedene Arten von Bäumen, Pflanzen, Früchten und Tieren, darunter auch das „größte und gefräßigste Tier von allen“, den Elefanten (Kritias 115a). Die weiten Ebenen der großen Inseln waren laut Platos Beschreibung äußerst fruchtbar, exakt parzelliert und durch künstliche Kanäle mit ausreichend Wasser versorgt. Durch Ausnutzung des Regens im Winter und des Wassers aus den Kanälen im Sommer seien zwei Ernten jährlich möglich gewesen (Kritias 118c-e). Die Mitte der Hauptinsel bildete gemäß Platon eine 3000 mal 2000 Stadien große Ebene, wobei ein griechisches „Stadion“ etwa 180 Metern entspricht. (Es ist indes ungeklärt, ob sich Platon hier nicht auf das ägyptische „Stadion“, etwa 211 Meter, bezieht.) Diese Ebene sei von rechtwinklig angelegten Kanälen umgeben und durchzogen gewesen, woraus eine Vielzahl kleiner Binneninseln resultierten. Um die Akropolis der Hauptstadt hätten sich drei ringförmige, konzentrisch angelegte Kanäle befunden, die durch einen weiteren Kanal mit dem Meer verbunden gewesen sein sollen. Für die Wettkämpfe soll es eine Rennstrecke gegeben haben, die in ihrer Länge veränderbar war – gemeint sein könnten: mehrere von verschiedener Länge und für je eigene Zwecke: Wettläufe und Rennen in Streitwagen wie jenem des Poseidons (s. u.). Die Akropolis selbst soll auf einem Berg im Zentrum der Hauptinsel gelegen haben und eine Breite von fünf Stadien gehabt haben. Der innerste der künstlichen Wassergürtel hätte eine Breite von einem Stadion, die zwei darauf folgenden – untereinander durch Landgürtel getrennt – eine von jeweils zwei und drei Stadien gehabt haben (Kritias 115d–116a). Letztere Wassergürtel schildert Platon als schiffbar und über den o. g. Kanal verbunden mit einem an der Südküste der Hauptinsel gelegenen Hafen, durch den es den Atlantern gelungen sei, sich den Zugang zum Meer zu erschließen und ihr Reich nach und nach immer weiter auszudehnen.
Hinsichtlich personaler Symbole nennt Platon einen auf der Akropolis errichteten Poseidon-Tempel. Ein darin aufgestelltes Kultbild zeigte, so der Autor, diesen Meeresgott als Lenker eines sechsspännigen Streitwagens (Kritias 116d–e). Weiterhin war er der Vater von fünf männlichen Zwillingspaaren, darunter ein Mann namens Atlas, dem der Gott die Macht über das Inselreich übertrug (Kritias 114a–c).
Problematik der wissenschaftlich zu klärenden Existenz
Die weit überwiegende Mehrheit der zuständigen Fachwissenschaftler wie Philologen, Philosophen, Archäologen und Historiker hält Platons Atlantis für eine reine Fiktion oder einen Irrtum des Autors, auch stimmen sie oft bereits den metaphysischen Argumenten seiner Philosophie nicht zu. Unter diesen Umständen einen Konsens anzustreben, der die Notwendigkeit eines wissenschaftlichen Forschungsprojekts zur empirischen Ortung dieses mythischen Inselreiches geschlossen bejahen würde, stellt keinen geringen Anspruch dar. Dazu schrieb John V. Luce: „Die Skeptiker haben starke Argumente, trotzdem gab es jedoch immer eine Minderheit von Gelehrten, die bereit waren, die Möglichkeit zuzugeben, dass Platon in seiner Atlantis-Erzählung Material verwendet habe, das nicht völlig ohne historisches Gewicht war.“Ramage 1979, S. 65 ff. In diesen Überlegungen spielen vor allem die minoische Kultur und der Angriff der Seevölker auf Ägypten eine Rolle. Allerdings wird die vielfach vertretene Hypothese einer Gleichsetzung von Atlantis mit Kreta – das Reich des Minos –, des Weiteren auch mit der infolge ihres explodierten Vulkans zerstörten Insel Santorin, durch das von Seiten der Minderheit immer wieder angeführte Argument entkräftet, dass diese Inseln nicht außerhalb der Säulen des Herakles liegen – im Ozean des Atlas –, sondern im Mittelmeer.
Kriterien bisheriger Atlantiskonferenzen Griechische Wissenschaftler initiieren seit 2005 internationale Konferenzen zur Atlantis-Thematik. Am Ende der ersten Konferenz im Juli 2005 auf der griechischen Insel Milos stellte ein Teil der Konferenzteilnehmer durch Zuruf eine Liste von Kriterien auf, die ein möglicher Atlantis-Fundort erfüllen müsse, um als real-historisches „Atlantis“ bezeichnet werden zu dürfen. Diese Liste wurde von Antonis Kontaratos in einem Artikel der Konferenz-Proceedings zusammengefasst, erweitert und schließlich dahin gehend relativiert, dass sie der Forschung allenfalls als Orientierungshilfe dienen könne. Weder sei es möglich, jeden der von Platon genannten Hinweise wissenschaftlich eindeutig zu interpretieren, noch bestehe Aussicht, die bautechnischen unter ihnen (u. a. die Strukturen der konzentrischen Ringwälle und -gräben) ohne weiteres entdecken zu können, da es unwahrscheinlich sei, dass sie jene massiven geologischen Veränderungen, die der mythische Untergang von Atlantis im Meer suggeriert, unbeschadet überstanden hätten.Antonis Kontaratos: Criteria for the Search of Atlantis. In: Stavros P. Papamarinopoulos (Hrsg.): Proceedings of the 1st International Conference on “The Atlantis Hypothesis” (Atlantis 2005), 11–13 July 2005 Milos/Greece. Heliotopos Publications, Athen 2007, S. 573–576.
Ob dieses Szenario wortwörtlich als geologische Katastrophe zu verstehen sei, oder eben im Sinne eines nur die Kultur der Atlanter anbetreffenden Unterganges, blieb indes ebenso umstritten, wie viele weitere der Merkmale, die auf o. g. Liste zusammengefasst wurden. Diese Schwierigkeiten mögen dazu beigetragen haben, dass die meisten der bislang publizierten Hypothesen etliche der von Platon gegebenen Hinweise entweder ganz außen vor ließen, oder in den Argumentationsketten der Autoren des Sinnes uminterpretiert wurden, dass der Eindruck entsteht, als bestünde eine Übereinstimmung mit markanten Einzelheiten der jeweils untersuchten Lokalitäten. Hierbei wird gelegentlich auch das Leistungsvermögen der damaligen Schiffsbautechnik (eher für Fahrten nahe den Küsten ausgelegt) überschätzt, oder blieben umgekehrt Annahmen unberücksichtigt, die das diesbezüglich Plausible mit anderen Erkenntnissen kombinieren.
Eine zweite Konferenz zur Klärung des damaligen Kenntnis- sowie Standes der Diskussion fand im November 2008 in Athen statt. Die dritte im Juni 2011 auf der Insel Santorin.Heliotopos Ltd: The Atlantis Hypothesis. 25./26. Juni 2011. Die Mehrzahl der Teilnehmer der Atlantiskonferenzen sind Privatforscher oder fachfremde Wissenschaftler, jedoch nahmen auch ausgewiesene Spezialisten und Atlantisskeptiker wie z. B. der Historiker und Archäologe Christos Doumas teil.
Unabhängig von diesen Zusammenkünften gibt es universitäre Anstrengungen, die Konstruktion und Dekonstruktion des hier behandelten Mythos zu vermitteln, u. a. indem die Vereinnahmung der west-europäischen Megalithkulturen als „germanisches Atlantis“ durch die NS-Ideologie aufgearbeitet wird. Eine solche Gleichsetzung der Atlanter mit Germanen vertrat beispielsweise Jürgen Spanuth bis in neuerer Zeit.
Ortsübergreifende Untersuchungen Neben einer Vielzahl von Publikationen, die Atlantis versuchsweise in der geografischen Begebenheit des Planeten lokalisieren, gibt es Untersuchungen, die die Frage nach der historischen örtlichen Existenz von Atlantis generell aufgreifen, ohne eine bestimmte Lokalisierung ins Auge zu fassen. Sie versuchen zu begründen, warum Atlantis eine reale Zivilisation gewesen sein könnte und formulieren Argumente zugunsten einer Entkräftung der These, der platonische Mythos sei rein fiktiv. Sie definieren Kriterien für die Suche nach Atlantis und engen dadurch die Möglichkeiten für die Lokalisierung von Atlantis in Zeit und Raum ein. Und sie verschaffen einen Überblick über die Vielzahl der Lokalisierungsthesen, auch in Hinblick auf die dahinter stehenden Motivationen der verschiedenen Autoren, einschließlich derer von Platon selbst sowie der von ihm seinerseits genannten Quellen.
Mit Atlantis – Geschichte eines Traums hat Pierre Vidal-Naquet nicht nur ein Hauptwerk der Atlantisskepsis, sondern auch eine ausführliche Untersuchung darüber vorgelegt, welche geschichtlichen Situationen und Entwicklungen zu welchen Lokalisierungen von Atlantis geführt haben. In dem vielbeachteten Sammelband Atlantis – Mythos oder Wirklichkeit? hat Edwin S. Ramage Beiträge von Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen zusammengestellt, die der Existenzfrage sehr grundsätzlich und ohne eine nähere Lokalisierungsabsicht nachgehen. Während die meisten zu dem Schluss kommen, dass Atlantis eine Erfindung ist, sieht John V. Luce die Möglichkeit für historische Gehalte.
In Atlantis in the Light of Modern Research untersucht Zdenek Kukal die Geologie des gesamten Globus, ob sich Spuren des untergegangenen Atlantis finden lassen. In Mit Herodot auf den Spuren von Atlantis geht Thorwald C. Franke der Frage nach, ob Atlantis nicht doch ein realer Ort gewesen sein könnte, indem das Geschichtswerk des Herodot konsequent als historischer Kontext von Platons Atlantiserzählung erschlossen wird.