mini|hochkant=1.5|St. Marien am Behnitz
St. Marien am Behnitz ist die zweitälteste der nach der Reformation gebauten römisch-katholischen Kirchen im Großraum Berlin (nach der Sankt-Hedwigs-Kathedrale). Sie befindet sich in Berlin-Spandau, wurde 1847/1848 erbaut, im Inneren mehrmals umgestaltet und in den Jahren 2002/2003 im Auftrag und auf Kosten privater Besitzer aufwendig nach dem rekonstruierten Zustand der Jahre 1894/1895 restauriert. Die Kirche und das Pfarrhaus stehen unter Denkmalschutz (Denkmalliste Berlin Nr. 09085465). Ihr Architekt ist August Soller aus der Schinkelschule.
Lage Die Kirche liegt in Spandau an der Straße Behnitz 9 / Ecke Am Juliusturm in der Ortslage Behnitz oder Kolk, unweit der Havel und der Schleuse Spandau, gegenüber der Zitadelle Spandau. Die Insel Behnitz mit dem ältesten Siedlungsgebiet Spandaus war durch einen Havelarm, „Deutscher Rhein“ genannt, von der südlicher gelegenen Altstadt Spandau getrennt, bis dieser 1912 zugeschüttet und mit der Straße Am Juliusturm überbaut wurde, die unmittelbar an der St.-Marien-Kirche vorbei zur Juliusturmbrücke führt. Behnitz/Kolk und Altstadt liegen auf einer vom Mühlengraben und der Havel umflossenen Insel und lagen innerhalb der im 14. Jahrhundert gebauten Stadtmauern. Die Ortslage Behnitz/Kolk ist heute durch die westliche Rampe zur Juliusturmbrücke im Zuge der sechsspurigen Straße Am Juliusturm vom Spandauer Altstadtkern abgetrennt. Die Straße ist von der Kirche über eine Treppe zu erreichen.
Geschichte 1722–1850 Anfänge auf dem Gewehrplan Die Geschichte der ersten römisch-katholischen Kirche in Spandau nach der Reformation – die mittelalterliche Pfarrkirche St. Nikolai war 1539 protestantisch geworden – begann mit der Gründung der königlichen Gewehrfabrik. Nach dem Willen des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I. (im Volksmund „Soldatenkönig“ genannt) sollte die preußische Armee mit Waffen aus Landesproduktion ausgerüstet werden, damit das Geld nicht für Importe ins Ausland fließen sollte, sondern „im Lande bleibt“. Östlich der Zitadelle Spandau auf der Gemarkung Plan (später: Gemarkung Gewehrplan und Pulverfabrik) außerhalb der Spandauer Stadtmauern entstanden Werkstätten und Wohnhäuser für die Arbeiter und ihre Familien.
Die fehlenden Facharbeiter, die hauptsächlich in den Waffenfabriken der vornehmlich römisch-katholischen Stadt Lüttich in Belgien angeworben wurden, wollten aber nur dann ins protestantische Preußen übersiedeln, wenn ihnen freie Religionsausübung garantiert würde, einschließlich eines Seelsorgers in ihrer Sprache und dessen Versorgung. Durch königliches Dekret von 1722 wurde ihnen dies zugesichert, ebenfalls das Recht, ein paar Kühe zu halten. Die Forderung, eigenes Bier brauen zu dürfen, hatte der König allerdings abgelehnt.König Friedrich Wilhelm I., 2. September 1722, zitiert bei: Franz Kohstall: Geschichte der katholischen Pfarrgemeinde Spandau. Spandau 1924, S. 28 f. Rund 200 Personen – etwa 26 Meister und mehrere Gesellen mit ihren Familien – reisten schließlich an, begleitet von dem Dominikanerpater Ludovicus Belo (Belau) OP aus dem Konvent in Wesel, der auch Seelsorger für die römisch-katholischen Arbeiter des Potsdamer Standorts der Gewehrfabrik war. Die Rüstungsarbeiter und ihre Familien in der Siedlung auf dem Gewehrplan gehörten nicht zur Stadt Spandau, sondern bildeten in politischer und in kirchlicher Hinsicht eine eigene Gemeinde, die nicht der städtischen Gerichtsbarkeit, dem „ordinären Stadtmagistrat“ unterlag, sondern „immediate“ (unmittelbar) dem königlichen Hofgericht, so die Anordnung des Königs vom 2. September 1722. Kirchlich standen sie außerhalb der Reichweite der evangelischen Pastoren an St. Nikolai und bildeten eine Missionsstation, die dem Apostolischen Vikariat des Nordens unterstand.Franz Kohstall: Geschichte der katholischen Pfarrgemeinde Spandau. Spandau 1924, S. 29.33.
mini|1766/1767 erbaute zweite Kirche auf dem Gewehrplan
Im Jahr 1723 entstand auf dem Gewehrplan die erste römisch-katholische Kirche, ein kleiner einfacher Fachwerkbau, der wahrscheinlich dem Doppelpatrozinium der Apostel Petrus und Paulus unterstellt war.Gunther Jahn: Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin. Stadt und Bezirk Spandau. Berlin 1971, S. 142–145, hier S. 143. Es war die erste neu entstandene römisch-katholische Kirche in Preußen nach der Reformation, der Bau der Hedwigskirche in Berlin begann erst 1747. Schon 1735 musste das Kirchlein restauriert werden. 1742 war es so baufällig, dass König Friedrich der Große den Abriss und einen Neubau verfügte. Durch die Schlesischen Kriege verzögerte sich das Vorhaben. Erst 1767 war der Neubau fertig, eher ein schlichtes Bethaus als eine Kirche. Auch hier ließ die Bauqualität offenbar zu wünschen übrig – nur 17 Jahre später klagte der damalige Seelsorger Joseph Groß OP in einem Brief an den König, dass die Kirche „jetzo einer Wüsteney viel mehr als einem Gotteshause ähnlich sei“. Eine größere Reparatur erfolgte dann im Jahr 1803.Gunther Jahn: Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin. Stadt und Bezirk Spandau. Berlin 1971, S. 142–145.
Durch die Bulle De salute animarum nahm Papst Pius VII. 1821 im Rahmen der Neuumschreibung der katholischen Diözesen in Deutschland nach dem Wiener Kongress eine Neuordnung der Diözesen und Kirchenprovinzen in Preußen vor; Spandau ging vom Apostolischen Vikariat des Nordens in die Fürstbischöfliche Delegatur für Brandenburg und Pommern des Bistums Breslau über und wurde Pfarrei; seit den 1820er Jahren amtierte ein Kirchenvorstand.Franz Kohstall: Geschichte der katholischen Pfarrgemeinde Spandau. Spandau 1924, S. 46.
Planung und Bau der Kirche am Behnitz Seit etwa 1825 wurde abermals über einen Neubau nachgedacht, auch darüber, ihn an anderer Stelle zu errichten. Die römisch-katholische Gemeinde der Militärstadt Spandau war inzwischen sehr viel größer geworden, in erster Linie durch den Zuzug von Soldaten, die in römisch-katholischen Landesteilen angeworben worden waren. Die alte Kirche war also nicht nur baufällig, sondern am alten Standort auch fehl am Platze, da es kaum noch römisch-katholische Arbeiter in der Gewehrfabrik gab. In der Stadt Spandau lebten zu der Zeit dreimal so viele Katholiken wie auf dem Gewehrplan. Von den ursprünglichen Siedlern waren etliche in die Heimat zurückgekehrt, in andere Gewerbezweige und Regionen gewechselt oder in die Stadt Spandau gezogen. Die Wohnbedingungen auf dem von Wassergräben durchzogenen, feuchten Gewehrplan waren ungünstig und förderten Rheuma, Gicht und Erkältungskrankheiten. Eine weitere Ursache für die Verkleinerung der katholischen Gemeinde auf dem Gewehrplan war, dass viele Mitglieder Ehen mit protestantischen Partnern eingingen und in die evangelische Erziehung der Kinder einwilligten. Zudem war die Fußgängerbrücke als direkter Weg zwischen Stadt und Gewehrplan gesperrt worden, da sie baufällig war und die Regierung und die Eigentümer der Fabrik sich nicht einigen konnten, wer für die Reparatur aufkommen sollte. Um die Kirche zu erreichen, war ein Umweg von fünf Kilometern notwendig.Helmut Kißner, Cordia Schlegelmilch: Die Vorgeschichte. In: Helmut Kißner, Cordia Schlegelmilch: Die Kirche St. Marien am Behnitz in Spandau. Berlin 2004, S. 23–38, hier S. 33 f. Ein Antrag der katholischen Gemeinde, die evangelische Moritzkirche zu kaufen, die seit 1806 nicht mehr als Kirche genutzt wurde, wurde zwar von der Regierung in Potsdam befürwortet, jedoch 1826 vom Spandauer Magistrat nicht genehmigt.Franz Kohstall: Geschichte der katholischen Pfarrgemeinde Spandau. Spandau 1924, S. 47. Gegen eine Verlegung der Kirche vom Gewehrplan nach Spandau richtete sich eine Bittschrift mehrerer auf dem Plan wohnhafter Arbeiter vom 31. Mai 1836 sowie des Küsters und des Organisten, die um ihre Stellung fürchteten; dies wurde jedoch mit Rücksicht auf wehrstrategische Gründe abgelehnt. In den 1840er-Jahren schlossen sich 19 Männer der Gemeinde, die mit protestantischen Frauen verheiratet waren und ihre Kinder protestantisch erzogen, der von Johannes Ronge initiierten deutschkatholischen Bewegung an, jedoch blieb es bei dieser Gruppe.Franz Kohstall: Geschichte der katholischen Pfarrgemeinde Spandau. Spandau 1924, S. 48.50.
Nach langen Verhandlungen und nach Klärung der Kosten begann man am 7. Juli 1847 mit dem Abbruch eines Hauses am vorgesehenen Bauplatz innerhalb der Stadtmauern, am sogenannten „Behnitz“, einem der beiden ältesten Siedlungsgebiete in Spandau. Am 8. September 1847 konnte dort der Grundstein für ein neues Kirchengebäude gelegt werden, das das Patrozinium der heiligen Maria tragen sollte. Dieses Patrozinium erinnert an das 1239 von den askanischen Markgrafen gestiftete Benediktinerinnenkloster St. Marien südlich der Stadt Spandau, das 1558 infolge der Reformation aufgehoben worden war.Gebhard Streicher, Erika Drave: Berlin Stadt und Kirche. Morus-Verlag, Berlin 1980, ISBN 3-87554-189-8, S. 240. Die Kirche am Behnitz ist die zweitälteste der bestehenden römisch-katholischen Kirchen Berlins und älteste nach der Reformation entstandene Marienkirche in der Mark.Christine Goetz: Kunst und Kirche. In: Kath. Kirchengemeinde Maria, Hilfe der Christen (Hrsg.): Festschrift 100 Jahre Maria, Hilfe der Christen Berlin-Spandau 1910–2010. Oranienburg (WMK-Druck) o. J. , S. 15–19, hier S. 15. Die Inschrift auf einer Bleiplatte im Grundstein lautete:
Die Weihe erfolgte am 21. November 1848 durch den Breslauer Weihbischof Daniel Latussek, da Fürstbischof von Diepenbrock aus gesundheitlichen Gründen nicht anreisen konnte.Franz Kohstall: Geschichte der katholischen Pfarrgemeinde Spandau. Spandau 1924, S. 54 f. Nach Fertigstellung der Kirche fanden die Sonntagsgottesdienste in der neuen Kirche statt, einige Werktagsmessen weiterhin in der Kirche am Gewehrplan. Der Pfarrer blieb zunächst bei der alten Kirche wohnhaft, da sich der Bau eines neuen Pfarrhauses auf dem Behnitz aus finanziellen Gründen verzögerte. Als die Wohnbedingungen immer unzumutbarer wurden und Pfarrer Theodor Warnatsch deshalb sogar erkrankte, bezog er eine Mietwohnung in der Stadt, nach ihm auch Pfarrer Hanel. Erst im Juni 1852 wurden Kirche, Pfarrhaus und Garten auf dem Gewehrplan für 1.560 Reichstaler – weniger als die von Regierungsinspektor Friedrich Wilhelm Butzke veranschlagten 2000 Taler – dem Militärfiskus überschrieben. Von dem Erlös wurde 1852–1854 das Pfarrhaus hinter der Kirche auf dem Behnitz fertiggestellt. Die Gebäude auf dem Gewehrplan wurden anschließend abgetragen.Franz Kohstall: Geschichte der katholischen Pfarrgemeinde Spandau. Spandau 1924, S. 57.Helmut Kißner, Cordia Schlegelmilch: Die Vorgeschichte. In: Helmut Kißner, Cordia Schlegelmilch: Die Kirche St. Marien am Behnitz in Spandau. Berlin 2004, S. 23–38, hier S. 38.
Kirchenbau Vorbereitungen mini|hochkant|St. Marien am Behnitz, 1848