Das auf einer sich von Osten nach Westen erstreckenden schroffen Anhöhe liegende ehemalige Oppidum d'Ensérune ist ein Beispiel für einen in der Eisenzeit in Südfrankreich bevorzugten Siedlungstyp, das Oppidum. Der Ort wurde von den Elisykern erbaut und später von den Tektosagen übernommen, einem zu den keltischen Volcae gehördenden Teilstamm.Alix Sallé: Ensérune – eine gallische Siedlung. Édition du patrimoine Centre des monuments nationaux, Paris 2007, ISBN 978-2-85822-963-5, S. 1–55.

Die älteste Besiedlung (Ensérune I) bestand aus auf dem Hügel verstreuten Behausungen, die auf die Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr. datiert werden. Gegen Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr. wurden diese bescheidenen Wohnstätten von an langen Straßen in Reihen errichteten Häusern ersetzt, die überwiegend aus nur einem rechteckigen Raum bestanden, der mit einem unterirdischen Silo oder Dolium ausgestattet war. Diese erste befestigte Stadt (Ensérune II) lag an höchster Stelle des Hügels, während sich an ihrem tieferen Westende ihre Nekropole mit Brandgräbern erstreckte. Zwei Jahrhunderte später hatte sich die Stadt bis auf die Südflanke ausgedehnt, wo ursprünglich ihr Friedhof lag. mini|Im Boden eingelassene Vorratsgefäße aus Steingut für Getreide und andere landwirtschaftliche Erzeugnisse Im 2. Jahrhundert v. Chr. breitete sich die Stadt mit ihrer Befestigung weiter nach Westen hin aus (Ensérune III), bis im 1. Jahrhundert sogar die ehemalige Nekropole auf der Südflanke mit einem neuen Viertel überbaut worden ist, bei dem man die Einflüsse der griechisch-römischen Tradition feststellen kann. Ihre Häuser waren deutlich größer und bestanden damals häufig – nach römischem Vorbild – aus um einen zentralen Innenhof, das Atrium, gruppierten Räumen, die mit Mosaiken und Putzmalereien dekoriert waren.

Ensérune wusste die kulturellen Einflüsse der Region zu nutzen und profitierte als aktiver Handelsplatz vom zunehmenden Handelsaufkommen im ganzen Mittelmeerraum.

mini|Etang de Montady, gesehen vom Oppidum d'Ensérune. mini|Hügel von Ensérune, von Süden Erst im ersten Jahrhundert n. Chr. verließen die Menschen allmählich das Oppidum, um sich in den Villen des Tieflandes niederzulassen.

Das zentral gelegene archäologische Museum birgt eine der bedeutendsten Sammlungen attischer Vasen Südfrankreichs und die größte Sammlung eisenzeitlicher Grabbeigaben des Languedoc.

Eine außergewöhnliche Lage mini|Lageplan, HandskizzeAlix Sallé: Ensérune – eine gallische Siedlung. 2007, S. 4–7. Die Überreste des ehemaligen Oppidum d’Ensérune bekrönen ein gut 650 Meter lang gestrecktes Plateau in etwa 120 Meter Höhe über der umgebenden flachen Ebene. Es liegt etwa 9 Kilometer südwestlich des Stadtkerns von Béziers, 17 Kilometer nordöstlich von Narbonne, und 3 Kilometer nördlich von Nissan-lez-Enserune. Der Mittelmeerstrand erstreckt sich 15 Kilometer südöstlich der Ortschaft.

Die Straße, die heute von Nissan-Lez-Ensérune auf das Plateau führt, windet sich im Osten an seiner steilsten Flanke empor. Sie liegt vermutlich, zumindest in ihrem letzten Abschnitt, auf der ursprünglichen Trasse des Erschließungsweges zum Oppidum. Davon zeugt die gut 200 Meter vor dem östlichen Eingang zur Siedlung nördlich dieser Straße gelegene alte Siloterrasse, die wahrscheinlich bis zum Verlassen der Siedlungsstätte zur Getreidelagerung in Silos und/oder Dolias genutzt worden ist.

Kaum einen Kilometer weiter abwärts kreuzt die Zufahrt die antike Römerstraße Via Domitia, die von Nordosten nach Südwesten an der Ostflanke des Hügels vorbei und dort ein kurzes Stück über einen kleinen Pass führte.

Im Süden wurden am ursprünglich etwas sanfter abfallenden Hang Terrassen angelegt, die heute teils brach liegen, aber auch mit Weingärten und Olivenhainen kultiviert sind. Im Westen geht der von Zypressen gesäumte Felskamm in das sanft zu den Hügeln von Poilhes abfallende Plateau über.

Von dieser Höhe genießt man eine wunderbare Aussicht im Norden auf den Étang de Montady, der bis zu seiner Trockenlegung im Mittelalter eine flache Lagune des Mittelmeers war und zur Salzgewinnung gedient hat, und im Süden auf den Canal du Midi und die Weingärten.

Diese seit Jahrhunderten von Menschenhand geprägte Landschaft hat sich seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. deutlich gewandelt. Die Ebene, die von mit Ablaufrinnen mit dem Meer verbundenen Lagunen übersät und von den Deltas der Küstenflüsse durchzogen war, bot den das Mittelmeer durchkreuzenden Seeleuten den nötigen Schutz. Als Vorposten der Cevennen, am Kreuzungspunkt der großen See- und Landwege bot Ensérune drei wichtige Vorteile: Der Ort war trotz des umliegenden Moorlandes trocken, durch seine erhöhte Lage strategisch geschützt und konnte dadurch vom regen Handelsaufkommen profitieren. Allerdings mangelte es an Trinkwasser, da nur eine Quelle, die Agoutis-Quelle, am Fuß des Nordhangs Wasser führte. Man half sich dabei auch mit zahlreichen Zisternen und anderen Vorratsbehältern, die teilweise heute noch erhalten sind.

mini|Etang de Montady Das Gebiet des ehemaligen Teichs, des Etang de Montady, das seit 1974 unter Landschaftsschutz steht, erstreckt sich über eine 430 Hektar große natürliche Senke. Eindrucksvoll ist die perfekte geometrische Gliederung, die an die Speichen und die Nabe eines riesigen Rades erinnert. Zehn radial angeordnete Gräben, von denen die drei größten „Maires“ genannt werden, münden in das „Redondel“, einen kreisringförmigen zentralen Graben, in dem das gesamte Wasser gesammelt wurde und heute noch wird und dann über den Hauptgraben, die „Grande Maire“ in den zirka 400 Meter langen Kanaltunnel von „Le Malpas“ abfloss. Dieses unterirdische Aquädukt, das Herzstück des Entwässerungssystems, unterquert den Hügel von Ensérune bis zu dessen Südflanke. Von dort fließt das Wasser über verschiedene Rinnen, Bäche und Etangs bis in das Meer.

Im 18. Jahrhundert war der Ursprung dieses Bauwerks noch unklar. Es wurde sowohl in die Zeit der Herrschaft Heinrichs IV. datiert, wie auch in die römische Antike. Die Wahrheit brachten schließlich General Andreossy (1804) und vor allem der Abbé Gineis, der „Entdecker“ der Ortschaft Ensérune (1860) ans Tageslicht:

Am 13. Februar 1247 gab Guillaume de Broue, Abt von Saint-Aprodise de Béziers und Erzbischof von Narbonne einem Notar von Béziers und drei Grundherren von Montady die Erlaubnis, den Teich trockenzulegen und das Wasser in den Teich von Capestang, dessen Besitzer er war, abzuleiten. Die Realisierung des Bauwerks nahm über 20 Jahre in Anspruch. Von Beginn an waren die Besitzer und Bauern der Parzellen für die Instandhaltung verantwortlich. Heute wird das 10 Kilometer lange Kanalnetz vom Verband der Grundeigentümer verwaltet.

mini|Via Domitia bei Ambrussum Die Via Domitia, war die erste Römerstraße in Gallien und verband auf kürzestem Landweg das Römische Reich mit der iberischen Halbinsel. Sie wurde zwischen 120 und 115 v. Chr. erbaut, das heißt auf dem wirtschaftlichen Höhepunkt und der größten Ausdehnung, des Oppidums, nämlich Ensérune III. Sie entwickelte sich rasch zu einer bedeutenden Handelsroute, die dann noch 150 bis 200 Jahre dem Handel von und mit Ensérune zur Verfügung stand, ehe es aufgegeben worden ist.

mini|rechts|Tunnel von Malpas Der Canal du Midi verbindet, nach 15-jähriger Bauzeit, seit seiner Eröffnung am 17. Mai 1681 zwei Weltmeere, das Mittelmeer mit dem Atlantischen Ozean. Er ist 254 Kilometer lang und weist 63 Schleusen auf. Der Kanaltunnel von Le Malpas, unter dem unteren Ende der Ostflanke des Hügels von Ensérune, in 173 Meter Länge, ist ein „technisches Wunderwerk“ der damaligen Zeit. Es handelt sich bei ihm um den ersten schiffbaren Kanal in einem Tunnel.

Zwischen dem mittelalterlichen Abflusskanal und dem königlichen Kanal aus dem 17. Jahrhundert wurde im Jahr 1854 ein Eisenbahntunnel durch den Hügel getrieben, der Sète mit Bordeaux verbindet.

Entdeckungsgeschichte Die unter Sedimenten und Dickicht verborgenen Ruinen des Oppidum d'Ensérune gerieten nach dem Verlassen der Ortschaft im 1. Jahrhundert n. Chr. gänzlich in Vergessenheit. Der Ort fand erstaunlicherweise in keinem einzigen lateinischen Text Erwähnung. Allerdings ist sein antiker Ortsname nicht bekannt. Die Namen Anseduna und Amseduna tauchen im 9. und 10. Jahrhundert auf und Ensérune und Anseüne kommen in einem Gedicht des 13. Jahrhunderts vor. Mit der Endsilbe -duna, die in den ältesten Formen präsent ist, bezeichneten die Kelten eine erhöhte Lage. Manche Forscher verweisen auch auf das von an-t abgeleitete Präfix Anse, das häufig für auf steilen Anhöhen thronende Orte im Mittelmeerraum steht. Im 16. Jahrhundert fand der Begriff Puech d'Ensérune Erwähnung, der dann aber bis zur Revolution durch Puéch de Saint-Loup ersetzt werden sollte, benannt nach dem Schutzpatron der im 5. Jahrhundert erbauten kleinen Kapelle, deren Überreste auf dem Weingut Regismont zu finden sind.

Als erster entdeckte Abbé A. Gineis Ensérune, der Pfarrer des Dorfes Montady, am Nordrand des gleichnamigen Entangs. In Montady et ses environs (1860) berichtete er von Mauern, die er als Befestigung deutete, von Silos und verschiedenen anderen baulichen Fragmenten, die er zwischen 1843 und 1860 entdeckt hatte.

Quelle Alix Sallé:Alix Sallé: Ensérune – eine gallische Siedlung. 2007, S. 8–12.

mini|hochkant=0.6|Büste von Felix Mouret, im Museum

Der 1861 geborene Großgrundbesitzer und Jurist Félix Mouret war ein aufgeschlossener und wissbegieriger Mann. 1915 erwarb er ein Stück Land am Westende des Hügels und entdeckte bald darauf die ehemalige Nekropole mit ihren Brandgräbern, wo er gemeinsam mit Arbeitern Ausgrabungen durchführte. Er beschränkte sich dabei jedoch auf die Suche nach gefälligen Fundstücken, anstatt sich für die frühere Nutzung der Stätte zu interessieren. 1916 widmete die Akademie der Inschriften und schönen Künste seinen Funden ein Protokoll. Bis 1922 legte er 300 Gräber frei und veröffentlichte 1928 das Corpus des vases antiques über die von ihm gefundenen antiken Vasen.

Am 11. August 1922 übertrug Félix Mouret seinen Weingarten dem Staat, wobei er darauf bestand, dass das gesamte Grundstück unter Denkmalschutz gestellt wurde. Erst 1928, als der Archäologe Abbé Louis Sigal (1877–1945) mit der Leitung der offiziellen Ausgrabungen beauftragt wurde, kam es zu den ersten wissenschaftlichen Untersuchungen der Stätte. Der Latein- und Griechischlehrer hatte bereits Felix Mouret seit acht Jahren assistiert. 1934 verringerte die Diözese seine Arbeitslast, was es ihm erlaubte, sich verstärkt seinen archäologischen Arbeiten zu widmen.

Louis Sigal machte Ensérune zu einem Ort der Forschung. Der erfahrene Wissenschaftler analysierte die verschiedenen Schichten mit modernsten stratigraphischen Methoden, machte präzise Geländeaufnahmen, Längsschnitte, Pläne, Fotos und Notizen. Obgleich die Aufnahmetechniken heute überholt sind, hat man Ensérune dank seiner äußerst interessanten Berichte 1936 zu einer Ausgrabungsstätte von nationaler Bedeutung erklärt. Da Abbé Sigal seine Untersuchungen stets bis ins Unendliche vertiefen wollte, kam es leider zu keiner einzigen Veröffentlichung.

Jules Formigé, ein für Denkmalschutz verantwortlicher Architekt, wurde 1937 mit dem Bau eines Museums am Ausgrabungsort beauftragt. Er beschloss, eine 1914 von einem Juwelier aus Béziers inmitten eines kleinen Parks mit Zedern, Zypressen und Pinien an höchster Stelle des Plateaus erbaute Villa zu renovieren und zu erweitern. Bei den Bauarbeiten entdeckte man auch im Kellergeschoss des Hauses Überreste antiker Bauten.