mini|Aviäres Influenzavirus (HPAIV), elektronenmikroskopische Aufnahme mini|H5N1-Virion

Die Ausbreitung von Influenza A/H5N1, des hoch pathogenen Erregers der so genannten Vogelgrippe H5N1 von Südostasien nach Europa, wurde seit 1996 sowohl von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als auch von der Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) und von den Massenmedien genau verfolgt und analysiert. Es bestand (und besteht) die Befürchtung, dass die hochpathogene Variante des Virus Influenza-A-Virus H5N1 in verstärktem Maße von Mensch zu Mensch übergehen und so zu einer neuerlichen Pandemie der echten Virusgrippe (Influenza) führen könnte.

1959–1996: die Vorgeschichte Als natürliches Reservoir der als minder pathogen eingestuften Variante von A/H5N1 sind seit langem Wasservögel und Geflügel bekannt. Erste Berichte über zwei rein lokale Übergänge dieser Variante von A/H5N1 auf eine Tierhaltung sind der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus den Jahren 1959 (Hühner in Schottland) und 1991 (Truthühner in England) bekannt.. Im Original publiziert auf who.int vom 2. März 2004. Bei Wildvögeln konnte vor 1996 – auch in Europa – jeweils nur eine apathogene, also nicht krankheitsauslösende Variante nachgewiesen werden.

Im Sommer und Frühherbst 1996 ereignete sich der erste Ausbruch einer später als hoch pathogen klassifizierten Variante von A/H5N1, und zwar auf einer Gänsefarm in der Provinz Guangdong der Volksrepublik China, wo 40 Prozent der Tiere erkrankten. Dies war zugleich der erste Nachweis überhaupt für eine hoch pathogene Variante von H5-Viren. Diese Virusvariante mit der vollständigen Bezeichnung Influenza A/Goose/Guangdong/1/96 (H5N1) erwies sich in umgehend veranlassten Experimenten auch als tödlich für Hühner. Das Hämagglutinin-Gen (H5) erwies sich als verwandt mit den ab 1997 in Hongkong isolierten H5N1-Virusstämmen. Eine genetische Analyse des Neuraminidase-Gens (N1) ergab allerdings eine größere Ähnlichkeit mit einem 1973 in Nordirland aus einem Papagei isolierten H7N1-Virus als mit den später in Hongkong isolierten H5N1-Viren. Aus diesen und weiteren Details schlossen chinesische Forscher, dass es im Jahr 1996 in Südchina zu einer Reassortierung der Gene bei H5N1-Viren gekommen sein muss, die letztlich zu den wiederholten Ausbrüchen unter Zuchtgeflügel im Jahr 1997 führten.XU Xiyan u. a.: Genetic characterization of the pathogenic Influenza A/Goose/Guangdong/1/96 (H5N1) Virus: Similarity of Its Hemagglutinin Gene to Those of H5N1 Viruses from the 1997 Outbreaks in Hong Kong. In: Virology, Band 261, Nr. 1, 1999, S. 15–19; doi:10.1006/viro.1999.9820, Volltext. (PDF; 106 kB)

Einem Bericht von Forschern der Shantou-Universität zufolge konnte man zwischen Januar 2004 und Juni 2005 bereits in 2 von 100 auf Märkten angebotenen, dem Anschein nach gesunden Enten und Gänsen A/H5N1 nachweisen.H. Chen et al.: Establishment of multiple sublineages of H5N1 influenza virus in Asia: Implications for pandemic control. In: PNAS. Band 103, 2006, S. 2845–2850; doi:10.1073/pnas.0511120103.

Eine erhebliche Durchseuchung des auf südchinesischen Märkten angebotenen Geflügels wies auch die Fortsetzung der Kontrolluntersuchungen zwischen Juni 2005 und Juni 2006 nach: 3,5 % der Gänse, 3,3 % der Enten und 0,5 % der Hühner wiesen H5N1-Befall auf; insgesamt hatte man 53.220 Tiere getestet: G. J. D. Smith: Emergence and predominance of an H5N1 influenza variant in China. In: PNAS. Band 103, 2006, S. 16936–16941; doi:10.1073/pnas.0608157103. In der gleichen Studie wurde belegt, dass es zu dieser Zeit bereits drei geographische genetische Varianten der Viren in den chinesischen Provinzen Guangdong, Hunan und Yunnan gab; daraus schlossen die Forscher, dass die Viren in dieser Region schon seit mindestens 10 Jahren in Hausgeflügel verbreitet waren. Die später in Thailand und Vietnam umlaufenden H5N1-Varianten wurden als Abkömmlinge aus diesen drei südchinesischen Provinzen bezeichnet.

1997–2004: erste Ausbrüche der hochpathogenen Variante unter Zuchtgeflügel Massiv in Erscheinung getreten ist die hoch pathogene Form des Virus A/H5N1 ab dem Frühjahr 1997 in Geflügelfarmen von Hongkong und im angrenzenden Gebiet der Volksrepublik China, was dort zu einem Hühnersterben führte. Nachdem sich im Mai 1997 ein Junge sowie im November/Dezember des Jahres weitere 18 Menschen infiziert hatten, reagierten die Behörden von Hongkong ab dem 28. Dezember 1997 mit einer zuvor nie gekannten Massentötung des gesamten Hühnerbestandes – rund 1,5 Millionen Hühner wurden gekeult.Hühnergrippe – Hong Kong 1997 bei Chemgapedia (Fachinformationszentrum für die Chemie, Berlin) und René Snacken et al.: The Next Influenza Pandemic: Lessons from Hong Kong, 1997. In: Emerging Infectious Diseases. Band 5, Nr. 2, CDC 1999, doi:10.3201/eid0502.990202, Volltext. Diese Maßnahme wurde als Erfolg bewertet, da man zunächst keine weiteren Fälle entdeckte. Erst im Jahr 2003 wurden erneut A/H5N1-Erkrankungen nachgewiesen. Erneute Massentötungen in Hongkong hatten jedoch keinen längerfristigen Erfolg. Im Januar 2004 kam es sogar in einem Hühnerbestand der tibetischen Hauptstadt Lhasa zu einem Ausbruch, nachdem infizierte Hühner aus der 1.500 km entfernten Stadt Lanzhou (Provinz Gansu) dorthin transportiert worden waren.

Im Dezember 2003 und im März 2004 wurden Ausbrüche in 19 südkoreanischen Geflügelbeständen gemeldet, im Januar 2004 in Thailand und Vietnam sowie bei Legehennen in Japan, im Februar 2004 in Indonesien, ferner im Sommer 2004 wiederholt in Malaysia.

Zu Beginn des Jahres 2004 und erneut im Herbst 2004 kam es im Sri Racha Tiger Zoo in Thailand zu Infektions- und Todesfällen bei mehreren Leoparden, Tigern und einer größeren Anzahl Hauskatzen, an die rohes Geflügelfleisch verfüttert worden war.

Auf der Webseite der Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) sind die dort gemeldeten Ausbrüche von H5N1-Erkrankungen unter Wildvögeln und in der Tierhaltung verzeichnet. Weltweite Übersicht ab 2004, Stand: Februar 2009; im Original publiziert von der Weltorganisation für Tiergesundheit.

2005: massive Ausbreitung von Asien nach Osteuropa Im Jahr 2005 wurden erstmals Ausbrüche von A/H5N1 unter frei lebenden Vögeln beobachtet. Vogelzüge wurden auch dafür verantwortlich gemacht, dass sich die Seuche im Jahr 2005 von Südostasien bis Europa ausbreiten konnte. Eindeutige Beweise gab es für diese These jedoch nicht.

In der Geflügelhaltung in Asien 2005:

Am 26. Mai 2005 berichtete die Fachzeitschrift Nature, dass offizielle Stellen in Indonesien A/H5N1 in Schweinen nachgewiesen hatten und befürchteten, das Virus könne in einigen Teilen des Landes die Hälfte aller Schweine infiziert haben, ohne bei ihnen Krankheitssymptome auszulösen. Zuvor hatte es bereits aus China Berichte über H5N1-Funde in Schweinen gegeben.

Am 26. August 2005 teilten vietnamesische Behörden mit, dass drei Owston Zibetkatzen Ende Juni 2005 im Cuc Phuong National Park, der südlich von Hanoi liegt, an H5N1 verendet seien. Die Behörden teilten mit, dass auch andere Tiere des Parks, u. a. Hühner und Ratten, untersucht worden seien, ohne dass man weitere Erkrankungsfälle habe feststellen können.Vogelgrippe in neuer Tierart. Auf: b-safe.ch vom 1. September 2005. (links das Jahr öffnen und zum Datum scrollen)

Nach Angaben des indonesischen Landwirtschaftsministeriums hatte sich A/H5N1 bis Mitte September 2005 in mindestens 22 der 33 Provinzen des Landes ausgebreitet. Von Ende 2003 bis Mitte 2005 verendeten in diesem Land mehr als 16 Millionen Stück Federvieh an diesem Virus oder wurden notgeschlachtet. Ein Sprecher der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) erklärte am 22. September 2005, das Virus sei in Indonesien mittlerweile endemisch geworden und breite sich weiter aus. Am 21. September 2005 gab das indonesische Gesundheitsministerium bekannt, dass bei 19 Tieren des Ragunan-Zoos in der Hauptstadt Jakarta, darunter Adler und Pfauen, sowie bei mehreren Zoo-Mitarbeitern H5N1 nachgewiesen worden sei. Der Tierpark wurde daraufhin drei Wochen lang geschlossen.

mini|300px|Ausbreitung der aviären Influenza Typ H5N1 bis 11. Februar 2006

Am 7. Oktober 2005 berichtete zunächst der schweizerische Landwirtschaftliche Informationsdienst (LID) und später auch andere Quellen von einem weiteren, besonders dramatischen Ausbruch von A/H5N1 in Russland. Betroffen war ein Betrieb in der Region Kurgan im südlichen Sibirien mit rund 460.000 Vögeln.

Aus einem offiziellen Dokument des chinesischen Landwirtschaftsministeriums vom 10. November 2005 geht hervor, dass es in der nordostchinesischen Provinz Liaoning ab dem 6. November zu einem Ausbruch von A/H5N1 kam, dass 300 Todesfälle bei Geflügel registriert wurden, 2,5 Millionen Tiere vorbeugend getötet und 198 Millionen Tiere gegen H5N1 und H5N2 geimpft wurden. Einem WHO-Bericht zufolge kam es im Jahr 2005 in 12 chinesischen Provinzen zu insgesamt 32 Ausbrüchen von H5N1 in der Tierhaltung, in deren Folge wurden 24 Millionen Tiere getötet und vernichtet.

Laut Science vom 21. Oktober 2005 sollen bis dahin mehr als 100 Millionen Zuchtvögel im Rahmen von Maßnahmen zur Eindämmung von A/H5N1 getötet worden sein.

Unter frei lebenden Vögeln in Asien 2005:

Im Mai 2005 wurde erstmals ein A/H5N1-Ausbruch unter Zugvögeln bekannt, und zwar in der Provinz Qinghai im Nordwesten der Volksrepublik China. Dort waren nach offiziellen Angaben im Frühjahr 2005 ca. 6.000 tote Zugvögel unterschiedlicher Arten aufgefunden worden,New Scientist, 9. Juli 2005, S. 14. 90 Prozent davon waren Streifengänse. Unmittelbar nach dem Ausbruch unter den Zugvögeln wurde in derselben chinesischen Provinz ein Ausbruch in einer Geflügelfarm bekannt. Da die Behörden sowohl chinesische wie ausländische Wissenschaftler daran hinderten, die Ausbrüche und den Weiterzug der überlebenden Zugvögel zu untersuchen, konnte nicht geklärt werden, ob das Zuchtgeflügel von Zugvögeln infiziert wurde oder – umgekehrt – die Zugvögel vom Zuchtgeflügel. Genetische Untersuchungen der Viren aus Qinghai erlauben den Schluss, dass die Zugvögel mit Virus-Varianten infiziert waren, die man zuvor nur aus Südchina kannte.

Im Mai 2006 wurde durch einen Bericht in der Fachzeitschrift Nature bekannt,Declan Butler: Blogger reveals China’s migratory goose farms near site of flu outbreak. In: Nature, Band 441, 2006, S. 263, doi:10.1038/441263a. dass Streifengänse in der Nähe des Qinghai-Sees seit 2003 auch in Farmen gehalten wurden. Diese Zuchten sollten einerseits dazu beitragen, den Bestand der Wildpopulationen zu vergrößern. Andererseits strebte man langfristig die Domestikation dieser Gänseart an. Laut Nature nährt dies den Verdacht, dass sich das Eindringen der hochpathogenen H5N1-Variante in die Wildpopulation (und in der Folge die großräumige Ausbreitung nach Sibirien und Europa) in der Wildvogelzuchtstation zugetragen haben könnte.Im Mai 2009 kam es am Genggahu-See in der Provinz Qinghai erneut zu einem Ausbruch, an dessen Folgen 121 Wildvögel starben und zugleich 600 Zuchttiere vorbeugend getötet wurden. Immediate notification report (PDF; 43 kB) oie.int; Behörden der Volksrepublik China an die OIE, Ref OIE: 8107 vom 17. Mai 2009.

Ende Juli 2005 wurde A/H5N1 in Geflügelbeständen in Sibirien (Region Nowosibirsk) und in Kasachstan nachgewiesen. Als Infektionsweg wurde eine Übertragung durch Zugvögel genannt, als Folge einer gemeinsamen Gewässernutzung von Wild- und Zuchtgeflügel. Anfang August 2005 verendeten an einem abgelegenen See in der Mongolei (etwa 350 Kilometer südlich des Baikalsees) um die 100 Enten, Gänse und Schwäne an A/H5N1. Laut Science vom 21. Oktober 2005 gilt bei diesem lokalen Ausbruch der Krankheit eine Übertragung durch menschliche Einflüsse (Tiertransporte) als wenig wahrscheinlich.