Karl-Heinz Brodbeck (* 15. Dezember 1948 in Wertingen) ist ein deutscher Philosoph, Kreativitätsforscher, Ökonom und Wirtschaftsethiker. Er ist emeritierter Professor für Volkswirtschaftslehre, Statistik und Kreativitätstechniken an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt und Mitglied des Lehrkörpers der Hochschule für Politik in München. Er vertritt eine an die buddhistische Ethik angelehnte Wirtschaftsethik, formulierte eine eigene alternative Theorie der Kreativität und entwickelte vor dem Hintergrund seiner Kritik der traditionellen Ökonomik eine neue Theorie des Geldes.
Leben Karl-Heinz Brodbeck ist der Sohn von Wiltrudis und Karl Brodbeck. Er besuchte von 1955 bis 1966 die Grund- und Realschule in Wertingen. Nach mehreren Industriepraktika studierte er Elektrotechnik am Rudolf-Diesel-Polytechnikum in Augsburg. Im Anschluss an das Examen als Ing. grad. war er als Ingenieur bei Siemens in Augsburg tätig. 1972 und 1973 leistete er Zivildienst in München, wo er dann von 1973 bis 1977 an der Universität München Philosophie und Volkswirtschaftslehre studierte. Von 1978 bis 1981 arbeitete er als wissenschaftlicher Assistent in München. Er wurde 1981 mit einer theoretischen Arbeit über technischen Wandel („Produktion, Arbeitsteilung und technischer Wandel“) promoviert und war von 1981 bis 1988 Akademischer Rat am volkswirtschaftlichen Institut der Universität München. Von 1989 bis 1991 wirkte er als Dozent an der Hochschule für Politik (Universität München) und war Mitarbeiter am ifo Institut für Wirtschaftsforschung. In den Jahren 1991 und 1992 war Brodbeck Geschäftsführer der Gesellschaft für Medienmarketing in München und hielt Vorlesungen an der Bayerischen Akademie der Werbung in München. Er war von 1992 bis 2014 Professor für Volkswirtschaftslehre, Volkswirtschaftspolitik, Betriebsstatistik und Kreativitätstechniken an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt und Dozent an der Hochschule für Politik für Wirtschaftspolitik.
Seit 1981 ist Brodbeck mit Elisabeth Müller-Brodbeck verheiratet, einer Pädagogin für die Feldenkrais-Methode. Er ist seit 1995 Herausgeber der praxis-perspektiven, einer Jahresschrift am Fachbereich Betriebswirtschaft der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt. Von 2003 bis Ende 2015 übernahm er die Aufgabe als Vorsitzender des Kuratoriums der Fairness-Stiftung gGmbH in Frankfurt am Main. Weiterhin ist er seit Herbst 2003 Kooperationspartner der Finance & Ethics Academy in Diex, Österreich, und im wissenschaftlichen Beirat beim Tibethaus in Frankfurt, sowie im Advisory Board des ICAE (Johannes Kepler Universität Linz).ICAE (Johannes Kepler Universität Linz)
Werke Brodbeck hat zahlreiche Beiträge zur Kreativität, Kreativitätsforschung, zur Philosophie und Theorie der Ökonomie, zur Wirtschaftsethik, zum Buddhismus sowie zur Geldtheorie und Geldphilosophie veröffentlicht und bei zahlreichen Vorträgen erläutert.
Brodbeck entwickelte eine buddhistische Wirtschaftsethik auf der Grundlage der Logik von Nagarjuna und Dharmakirtivgl. Buddhistische Wirtschaftsethik. Eine Einführung. 2. Aufl., Berlin 2011. Diese Ethik zerfällt in einen kritischen Teil: Kritik aller Denkformen, die Leiden verursachen, und einen positiven Teil: Aus der gegenseitigen Abhängigkeit aller Lebewesen wird auf das universelle Mitgefühl als einzig adäquate, positive ethische Norm geschlossen. und kritisiert die traditionelle Ökonomik und den Neoliberalismus in ihren grundlegenden Kategorien als implizite Ethik,Ökonomische Theorie als implizite Ethik; in: M. Breuer, A. Brink, O. J. Schumann (Hg.): Wirtschaftsethik als kritische Sozialwissenschaft, Bern-Stuttgart-Wien 2003, 191-22. die wissenschaftlich – erkennbar an zahllosen Fehlprognosen – gescheitert sei. Ferner vertritt er die These, „…dass es der Ökonomik bislang nicht gelungen ist, eine aus ihren eigenen Voraussetzungen schlüssige Theorie des Geldes zu entwickeln.“Die Herrschaft des Geldes. Geschichte und Systematik 2. Auflage: Darmstadt 2012, S. 15. Hauptthema seiner Arbeiten zur Philosophie sind erkenntnistheoretische Probleme und ihre zirkuläre soziale Vermittlung.
Kritik der neoklassischen Theorie Brodbeck sieht vor allem die Anwendung statistischer Methoden angelehnt der klassischen Mechanik und Thermodynamik als Problem, da die nötigen Annahmen (z. B. Verteilungsannahmen, stabiles Gleichgewicht, Zeitinvarianz nicht modellierter Größen) der klassischen Physik nicht gegeben seien. Die neoklassische Ökonomik fuße auf einem mechanistischen Denkmodell, welches den Physiokraten und eng verwandt der „Mensch-als-Maschine“-Philosophie Descartes entlehnt ist. Die reale Wirtschaft bestehe dagegen aus kreativen Individuen, die durch eine postmechanische Theorieform unter Einbeziehung von Gewohnheitsbildung und kreativen Prozessen beschrieben werden müsse.Die fragwürdigen Grundlagen der Ökonomie ebd, S. 245 ff. Wirtschaftsprognosen scheitern Brodbeck zufolge schon prinzipiell daran, dass nach Bekanntwerden einer Vorhersage die Wirtschaftssubjekte die Prognose in ihre Entscheidungen einbeziehen und so ihr Verhalten auf nicht prognostizierbare Weise ändern. „Veröffentlichte Prognosen haben die Tendenz, sich selbst zu falsifizieren.“Warum Prognosen in der Wirtschaft scheitern. praxis-perspektiven Band 5 (2002), S. 55–61; hier: S. 59.
Kritik des Neoliberalismus Brodbeck sieht in Friedrich August von Hayek die zentrale Figur des Neoliberalismus.Die fragwürdigen Grundlagen des Neoliberalismus – Wirtschaftsordnung und Markt in Hayeks Theorie der Regelselektion. Zeitschrift für Politik 2001.1, S. 49–71. Besonders dessen Forderung nach Deregulierung sei unhaltbar. Es gelte, „dass auch eine Abschaffung von Regeln einen Eingriff in das wirtschaftliche System darstellt. (Hayek und der Neoliberalismus maßen) sich also ein Wissen an, das sie anderen ökonomischen Schulen absprechen: Das Wissen darum, welche Regelungen und wieviel Regelung für die Wirtschaft ‚gut‘ ist.“Neoliberalismus, Ethik-Letter 2/1999, S. 5–9. Nach Brodbeck verwickelt sich von Hayek deshalb an einer zentralen Stelle seiner Theorie der Regelselektion in einen unauflöslichen Widerspruch: Um beurteilen zu können, welche Regeln für die Bildung einer spontanen Ordnung erforderlich sind, benötige man ein Wissen, über das man Hayek zufolge gar nicht verfügen könne.vgl. zur Kritik Hayeks und der österreichischen Schule genauer Ökonomik des Wissens. Zur Wirklichkeit der Bilder in der Ökonomie; in: K. Hirte, S. Thieme und W. O. Ötsch (Hg.): Wissen! Welches Wissen? Marburg 2014, S. 17–38; zu Brodbecks Kritik der subjektiven Schule der Ökonomik von Gossen über Menger bis zu Mises und Hayek vgl. Die Herrschaft des Geldes ebd, S. 640–715.
Kreativitätsforschung Brodbeck sieht in der Kreativität eine fundamentale Eigenschaft des menschlichen Lebens. „Leben heißt: kreativ sein.“Entscheidung zur Kreativität. 4. Aufl. 2010, S. 30. Obgleich er an die psychologische Kreativitätsforschung anknüpft, formuliert er darüber hinaus eine interdisziplinäre Philosophie der Kreativität und versucht darin frühere Ansätze in neuem Rahmen fortzuführen.vgl. Neue Trends in der Kreativitätsforschung, Psychologie in Österreich 4&5 (2006), S. 246–253. Gewohnheiten und Routinen werden dabei nicht als das Gegenteil kreativer Prozesse interpretiert, sondern ebenso sehr deren Produkt wie deren Quelle.vgl. Erfolgsfaktor Kreativität ebd., S. 77–183. Brodbeck bezieht sich hier auf frühere Arbeiten: Theorie der Arbeit. München 1979; Transrationalität. München 1986. Die Achtsamkeit – ein Begriff, den Brodbeck aus dem Buddhismus übernimmtvgl. . Ursache\Wirkung 82 (2012), S. 26–28. – spielt hierbei eine zentrale Rolle. Die Achtsamkeit „verflüssige“ Gewohnheiten und lasse so neue Muster entstehen. Kreativität wird von Brodbeck definiert als das Zusammentreffen von Neuheit und Wert. Nach seiner Auffassung lassen sich kreative Prozesse in fünf Dimension (Modell der kreativen Situationvgl. Entscheidung zur Kreativität ebd, S. 35–40.) analysieren: Neuerungen in Sinnesgegenständen, bei Emotionen, Wahrnehmungen, Gewohnheitsmustern und Denkprozessen. Bewusst gemachte und variierte Denkprozesse („Denkmodelle“) spielen hierbei zwar keine exklusive, wohl aber eine lenkende Rolle, die eine Entscheidung zur Kreativität in jeder Situation ermöglichen sollen.
Philosophie des Geldes Brodbeck fasst seine Theorie des Geldes wie folgt zusammen: „Das Wesen des Geldes lässt sich durch zwei Sätze charakterisieren: Geld ist eine Denkform. Geld ist eine besondere Weise menschlicher Vergesellschaftung. Man kann dies auch negativ formulieren: Geld ist kein Ding unter Dingen, kein bloßes Objekt, auch wenn es stets an objektiven Formen erscheint, wie die Sprache an der stimmlichen Äußerung oder der Schrift erscheint. Das Geld hat seinen Ort im Subjekt. Es ist allerdings nicht ein vereinzelt zu denkendes Bewusstsein der cartesianischen Tradition, also kein einsames Ich, sondern eine sprachlich vermittelte Denkform, die soziale Handlungen koordiniert.“Faust und die Sprache des Geldes. Denkformen der Ökonomie – Impulse aus der Goethezeit. Freiburg/München 2014, S. 29.
Das Geld sei nur verständlich im Rahmen einer allgemeinen semiotischen Theorie, die zugleich als eine Theorie der Vergesellschaftung zu fassen sei. „Im sozialen Kommunikations- und Handlungsprozess reproduziert sich sowohl die Gesellschaft ökonomisch wie semiotisch. Anders gesagt: Semiotik und Ökonomik untersuchen eigentlich dasselbe Phänomen.“Die Herrschaft des Geldes ebd, S. 171. Deshalb entwickelt Brodbeck in seinem knapp 1200-seitigen Hauptwerk Die Herrschaft des Geldes – nach einer Kritik traditioneller sozialwissenschaftlicher Methoden eine „Semiotik als sozialer Prozess“ und auf deren Grundlage seine Geldtheorie. Neben der menschlichen Sprache erscheint das Geld als zweite zentrale Form der Vergesellschaftung. Ein cartesianisches Theorieverständnis wie in der tradierten Ökonomik sei deshalb für die Geldtheorie ein Irrweg. Der Geldwert sei kein Ausfluss anderer Werte (Arbeitswerte, Nutzen, Religion, staatliche Normen), sondern eine zirkulär erzeugte soziale Täuschung,vgl. die kurze Darstellung in dem YouTube-Video Papiergeld: Die große Illusion. die in Krisen und Crashs immer wieder enttäuscht werde. „Karl-Heinz Brodbeck’s huge work of theory and history of ideas, written over 20 years, has two key purposes: first, to show that mainstream economics fails to explain what money is and how it works. Because money is the central economic phenomenon, we must question the coherence of the whole discipline. Secondly, and more interestingly for the general reader, he shows how the conventions that permeate monetary societies have infiltrated our psyche and shaped our moral landscape. In his view, the pursuit of money inherent in competitive market economies de-moralises the social space that markets occupy.“ Peter Johnson: The Rule of Money, openDemocracy, 8. September 2009.