mini|hochkant=0.6|Römer aus Waldglas mit Beerennuppen; Deutschland oder Niederlande, 17. Jahrhundert Als Waldglas bezeichnet man durch Eisenoxide grünlich gefärbtes Holzascheglas, das vom Hochmittelalter bis zur frühen Neuzeit (etwa vom 12. bis zum 17. Jahrhundert) nördlich der Alpen in Waldglashütten hergestellt wurde. Waldglas benennt auch die entsprechende Epoche der Glasgeschichte.

Die Waldglasherstellung fand mit dem Ansteigen der Holzpreise im 19. Jahrhundert ihr Ende. Grund dafür war der Rückgang an Waldflächen und der dadurch entstandene Mangel an Brennmaterial zum Betreiben der Schmelzöfen.Waldglas in Mecklenburg. 2010, S. 11. Diese Öfen waren als Hafenofen ausgeführt, welcher die handwerkliche Herstellung von Glasartikeln erlaubte. Im Wald als Standort der Waldglashütten waren auch entsprechende Bäume und andere Pflanzen zum Erzeugen von Pottasche vorhanden, die als Glaswandler und Mittel zum Senken der Schmelztemperatur benutzt wurde.

Glasherstellung mini|Frühe Glasherstellung Als Glasbildner wurde ein geeigneter Quarzsand angewendet, der möglichst in der Nähe der Hütte abgebaut werden konnte, z. B. in Bachbetten angeschwemmter verwitterter Taunusquarzit. Im Gegensatz zu Venedig, wo speziell weißer Sand für das „cristallo“ verwendet wurde, war es in den Waldhütten nötig, Quarzsand mit möglichst geringem Anteil von Schluff zu benutzen, der leicht zu schmelzen war. Mit dem Taunusquarzit kamen Eisenoxide ins Gemenge, welche das Glas selbst in Mengen von weniger als 0,1 Prozent grün färben.

Als Glaswandler und Mittel zum Senken der Schmelztemperatur verwendete man aus Pflanzenasche in Aschenhäusern gewonnenes Kaliumcarbonat („Pottasche“). Georgius Agricola nennt Eiche, Buche oder Fichte als ideale Pottascheträger, jedoch wurden auch Farnkraut, Melasse oder Wollwachs verwendet. Die verarbeitete Asche war dabei noch keine Pottasche im eigentlichen Sinn, sondern reine Verbrennungsasche mit allen Verunreinigungen. Die Pflanzenasche lieferte auch einen Teil des Kalks, der für die Herstellung guten Glases nötig war.

Die Schmelze lief in zwei Schritten ab: zuerst mischte der Schmelzer die Rohstoffe (zwei Gewichtsanteile Asche, ein Teil Quarzsand) zu einem Gemenge. Dann wurde das Gemenge im Fritteofen bei ca. 750 °C in einem Tag und einer Nacht zur Fritte „gekocht“. Die Fritte muss gerührt werden, sobald sie heiß wird, damit sie nicht in der Hitze des Feuers schmelzflüssig wird und zusammenbackt. Dieses Asche-Sand-Gemisch kam als neues Gemenge für fünf Stunden in den Schmelzofen, in dem nun das Glas entstand. Der Ofen wurde hochgefahren, das Gemenge eingelegt, geschmolzen und geläutert, von der Schmelztemperatur bei etwa 1200 °C auf Verarbeitungstemperatur „abstehen“ gelassen und sodann entnommen. Dieser Zyklus dauerte ungefähr 18 Stunden.

Nachdem der Schürer den Ofen auf Schmelztemperatur gebracht hatte, legte der Schmelzer die erste Einlage in die Häfen (Tiegel) ein, die nun solange köcheln musste, bis die Gemengeportion klargeschmolzen war. Die regelmäßig gezogenen Proben zeigten, wann im Glas keine Sandteile mehr sichtbar waren – das Gemenge war „aus dem Sande“. Die folgenden Einlagen in denselben Hafen wurden in der gleichen Weise vorgenommen, bis er voll geschmolzen war. Die Glasgalle – auf der Oberfläche schwimmende, ungeschmolzene, hauptsächlich aus AlkalisulfatenIrmgard Müller: Eine unbeachtete Speyerer Arzneitaxe des 16. Jahrhunderts. In: Werner Dressendörfer, Wolf-Dieter Müller-Jahncke (Hrsg.): Orbis pictus. Kultur- und pharmaziehistorische Studien. Frankfurt am Main 1985, S. 187–215; hier: S. 190 und 212. bestehende Verunreinigungen – wurde vom Schmelzer „abgefeimt“, also abgeschöpft.

Der Schürer fuhr den Ofen jetzt auf die maximale Temperatur, um die Läuterung zu beginnen. Die Läuterung wurde dann unterstützt durch das Bülwern: je nach Erfahrungsschatz und Maßgabe des Schmelzers wurde dazu ein nasser Holzkeil oder auch mal eine Zuckerrübe in das Glas gegeben. Die entstehenden relativ großen Wasserdampfblasen vereinigen sich mit im noch nicht geläuterten Glas vorhandenen kleinen Gasblasen. Diese werden so an die Oberfläche gebracht, wo sie dann in die Ofenatmosphäre entweichen können. Dadurch ergibt sich eine Reinigung des Glases von kleinen Blasen, welche ansonsten im Glas als Einschlüsse verbleiben.

Ergab die anschließende Fadenprobe, dass die Schmelze völlig klar war, musste das Glas auf Verarbeitungstemperatur „abstehen“ – das Glas war fertig und der Schürer ging zum „Klopfen“, d. h. er weckte die Glasmacher auf, was zu jeder Tages- und Nachtzeit möglich war. Zur Glasformung wurde die Ofentemperatur konstant gehalten. Das „Ausarbeiten“ dauerte zehn bis zwölf Stunden, bis das erschmolzene Glas zu den verschiedenen Produkten geformt worden war.

Flachglas Ein Haupterzeugnis der Waldglashütten waren die Butzenscheiben, kleine runde Glasscheiben mit 10 bis 15 cm Durchmesser, die mittig dicker sind. Diese Verdickung, die zum Umheften benötigt wird, heißt Butze. Diese auch Mondglastechnik genannte Technik kam aus Frankreich, genauer aus der Normandie. Der Glasmacher blies eine kleine Kugel, die umgeheftet, von der Pfeife abgeschlagen und erneut erhitzt wurde. War das Glas durch die Hitze erweicht, so wurde das Hefteisen in der Hand gerollt. Durch die Fliehkraft öffnete sich die Glaskugel zu einer Scheibe. Die Butzenscheiben wurden in den Städten von den Glasern mit Bleiruten zu Fenstern zusammengefügt.

Hohlglas mini|hochkant|Weinflasche, Frankreich um 1850 Ab dem 13. Jahrhundert stellten die Glashütten Nuppenbecher her. Diese Form stammte aus dem Orient und ist wohl über Venedig in den Norden gelangt. Es gab verbreitet spätrömische Vorläufer von teilweise hoher Qualität. Nuppengläser sind runde Becher mit gerader Wandung und leicht ausladendem Lippenrand. Sie sind mit vielen kleinen, auf die Wandung aufgesetzten Glasnuppen verziert.

Zu Anfang des 15. Jahrhunderts verdrängte der Krautstrunk – ein kleiner, leicht bauchiger Becher mit wenigen dicken Glasnuppen – den Nuppenbecher. Die Krautstrünke konnten mit geringerem Aufwand gefertigt werden und waren eine künstlerische Antwort auf die gestiegene Nachfrage an Glasgefäßen.

Nach 1500 entwickelte sich der Krautstrunk langsam zum Berkemeyer weiter, einem leicht konischen Becher, der mittig mit einem Faden verziert ist. Der Faden bildet die Trennlinie zwischen dem geraden, mit Nuppen besetzten Unterteil und dem glatten und konisch ausladenden Oberteil. Meistens ist der Fuß mit einem gezupften leicht welligen Fußring versehen. Ab Mitte des 16. Jahrhunderts stellten die Glasarbeiter Berkemeyer auch mit gesponnenem, durchstochenem Fuß her, später auch mit ausschließlich gesponnenem Fuß. Der Berkemeyer ist eine elegantere Erscheinung als der Krautstrunk; seine Entwicklung verlief zeitgleich mit dem Einzug der Renaissance im transalpinen Europa.

Römer sind keine mittelalterlichen Gläser mehr, zählen aber noch zum Waldglas. Sie haben einen gesponnenen, konischen Fuß, einen zylindrischen Schaft und eine kugelförmige Kuppa. Der Schaft war meist mit Nuppen verziert, ab 1630 auch mit Beerennuppen. Zur Herstellung eines Römers brauchte es zwar höheres handwerkliches Können, aber ab dem 17. Jahrhundert stellte das Waldglas nicht mehr die Spitze der Glaskunst dar.

Neben den Bechern mit angesetzten Glasverzierungen gibt es auch optisch geblasene Gläser. Deren Rippenverzierung wird hergestellt, indem das heiße Glas in einen mit Rippen versehenen Tonmodel als Negativform ausgeblasen wird; ein zweiter Arbeitsschritt zur Anbringung der Verzierung entfällt. Rippenbecher wurden ab dem 15. Jahrhundert gefertigt, im 16. Jahrhundert auch mit Fuß. Eine technische Verfeinerung sind Kreuzrippenbecher. Ein typischer Kreuzrippenbecher ist das Maigelein, ein niedriger, bauchiger Becher mit eingestochenem Boden.

Weitere Gefäßformen sind: die hohen, dünnen und nach oben konisch öffnenden Stangengläser der bis zu zwei Liter fassende zylindrische Humpen das hohe Keulenglas, dessen Wandung im oberen Bereich keulenförmig gebaucht ist.

Im Waldglas gibt es Formen, die unter dem Namen Kuttrolf auftreten, was sich von Gutter (die Kehle) ableitet – im Wörterbuch der Brüder Grimm heißt es: „Gutter ist eine Flasche mit weitem Bauch und langem, engem Halse, die sich zu einer Trinkschale erweitert; eine aus spätantiker Kultur stammende Gefässform.“ Diese Flaschen sind in Museen selten, aber aus Holzstichen von Leonhard Beck (1523) und dem Dürer-Schüler Hans Weiditz (1521) bekannt. Der Bauch hat einen eingestochenen Boden, und der Hals formt einen Bogen von 45 °, sodass sie unter den Gürtel geschoben werden konnten und damit immer dabei waren. Die Ausgussschale hat die Form eines Kleeblattes.

Der Angster ist eine mit unüblicher Saug-Blas-Technik hergestellte Flasche oder Trinkschale mit Behälter, deren Besonderheit darin liegt, dass sie einen aus drei bis fünf Röhren bestehenden Hals besitzt. Die Technik gab es schon im Köln des 3. und 4. Jahrhunderts, und mehrröhrige Flaschen sind durchgehend bis ins Mittelalter belegt. Beim typischen Angster sind die Halsröhren vertikal und 90 ° tordiert. Beim Trinken aus einem Angster ist ein lautes Gurgeln und Glucksen zu hören.

Eine weitere Form ist die Doppelkonische Flasche. Diese hat einen flachen Boden, einen zylindrischen Körper und einen konischen Hals mit umgelegter Mündung. Die Besonderheit besteht darin, dass zwischen Hals und Körper ein Ring eingefaltet ist, dessen Zweck sich aber nicht erkennen lässt.

Sonderformen von Glasprodukten waren z. B. Stundengläser, Scheuern und Pilgerflaschen.

Handel Seit dem 13. Jahrhundert nahm der Gebrauch von Glas allmählich zu. Verglaste Fenster stellten bis weit in das Mittelalter einen großen Luxus dar und wurden erst im 16. Jahrhundert allgemein üblich. Ähnlich verhält es sich mit dem Gebrauch von gläsernen Trinkgefäßen – Glas galt als ausgesprochen kostbar und fand sich nur in den Haushalten der Adeligen oder der reich gewordenen Stadtbürger.

Die Glasprodukte wurden von den Fasserinnen, oft die Frauen und Töchter der Glasmacher, in Stroh verpackt, das feucht gehalten wurde, damit es biegsam blieb, und in Buckelkraxen (im Norden Kiepen genannt) geladen. Der Glasträger, Kraxenträger, Reffträger oder Kiepenkerl trug das Glas mit der Kraxe auf dem Rücken über die altbekannten Handelswege in die Städte zu den Glashändlern („ufftragen“). Der größte Teil der Produktion wurde beim Lehnsherren als Steuern abgegeben. Die kurfürstlichen Handelswege wurden „Goldener Steig“ genannt und verbanden z. B. Prag mit der Fuggerstadt Augsburg oder gingen über Paderborn nach Hameln durch den Teutoburger Wald Richtung Berlin. Die Händler sammelten auch zerbrochenes Glas wieder ein, das der Träger mit zurück in die Hütte nahm, wo es wieder eingeschmolzen wurde.

Mecklenburgisches Waldglas wurde seit dem 17. Jahrhundert vor allem nach Holland und Hamburg exportiert. Der Transport der Ware nach Hamburg erfolgte entweder von Boizenburg über die Elbe abwärts oder auf dem Seeweg nach Lübeck; bedeutender als Lübeck war Rostock als Umschlagplatz, etwa gleichrangig mit Lübeck ist Wismar zu sehen. Von Lübeck und Wismar wurde auch viel Glas nach Skandinavien ausgeführt. Im 18. Jahrhundert war auch der Absatz nach Dänemark, Riga, St. Petersburg und sogar Nordamerika von Bedeutung, letzteres insbesondere für vierkantige Flaschen mit sehr starkem Glas.Waldglas in Mecklenburg. 2010, S. 10–11.

Waldglashütte