mini|Die vier Säulen des Bruttonationalglück (GNH) in Bhutan Das Bruttonationalglück (BNG), , ist der Versuch, den Lebensstandard in Bhutan in humanistischer und psychologischer Weise zu definieren und dem herkömmlichen, quantitativen Bruttonationaleinkommen, einem ausschließlich durch Geldflüsse bestimmten Maß, einen ganzheitlicheren Bezugsrahmen gegenüberzustellen. Bruttonationalglück ist ein qualitätsorientierter Indikator für das gesamthafte Wohlergehen (inkl. materiellem Wohlstand, aber auch psychischem Wohlbefinden) einer großen Gemeinschaft (Volk, Volksgruppe). International orientieren oder orientierten sich Island, Neuseeland, Schottland, Schweden und Wales am BNG. In Australien verfolgt die Mental Wealth Initiative dasselbe Ziel. Die Vereinten Nationen befassten sich unter anderem an einem High-Level Meeting 2011 mit dem BNG und begrüßten im Rahmen der UN-Resolution 65/309 «Glück: auf dem Weg zu einem ganzheitlichen Konzept für Entwicklung» „das Angebot Bhutans, während der 66. Tagung der Generalversammlung eine Podiumsdiskussion zum Thema Glück und Wohlbefinden abzuhalten“.

Geschichte Bereits im 18. Jahrhundert wurde das Glück der Bevölkerung als Ziel von Entwicklung und Politik in Bhutan definiert. Aus dem Rechtskodex des Landes von 1629, der als Kurzform einer Verfassung des mittelalterlichen Bhutans angesehen wird, stammt das Zitat:

Diese Zielsetzung fand weitere Erwähnung in der Biographie des 13. Druk Desi Sherab Wangchuk (1697–1765), einem Zivilherrscher Bhutans. Jigme Dorje Wangchuck, dritter König von Bhutan, erklärte in den 1960er Jahren, das Ziel von Entwicklung sei, sowohl Wohlstand als auch Glück für die Bevölkerung zu erreichen.

Die erste Erwähnung des Begriffes Bruttonationalglück und damit auch die Prägung des Begriffes geschah 1979 durch Jigme Singye Wangchuck, den vierten König Bhutans. In einem Interview mit einem indischen Journalisten wurde ihm die Frage gestellt, wie hoch das Bruttoinlandsprodukt des Landes sei. Anstatt darauf zu antworten, erwiderte der König, dass in Bhutan das Bruttonationalglück wichtiger sei als das Bruttoinlandsprodukt. Diese erstmalige Erwähnung des Ausdrucks stellte eine spontane Reaktion des Königs dar und ist daher mehr als Wortspiel anstatt als theoretisches Konzept zu betrachten. Er erfand damit einen anschaulichen Begriff für das Streben nach einer Wirtschaftsentwicklung, die Bhutans Kultur und ihren buddhistischen Werten gerecht wird. Nach der Einführung des Begriffes kam es 20 Jahre lang zu keiner Erwähnung in Regierungsdokumenten, bis 1997 im Fünfjahresplan darauf verwiesen wurde. Als 1998 durch den Premierminister Jigme Thinley die vier Säulen des Bruttonationalglücks definiert wurden, stellte dies die erste Konkretisierung des Ansatzes dar.

Um die weitere Verfolgung der Interessen im Sinne des Bruttonationalglücks zu gewährleisten, setzte Bhutan eine Staatskommission ein.

Die Kommission wurde zum 2. Oktober 2022 aufgelöst, die Aufgabengebiete zum Teil in das Kabinett (Office of Cabinet Affairs) und zum Teil in das Finanzministerium eingegliedert.

Bedeutung Während anhand konventioneller Entwicklungsmodelle das Wirtschaftswachstum ein herausragendes Kriterium politischen Handelns ist, wird mit der Idee des Bruttonationalglücks angenommen, dass eine ausgewogene und nachhaltige Entwicklung der Gesellschaft nur im Zusammenspiel von materiellen, kulturellen und spirituellen Schritten geschehen kann, die einander ergänzen und bestärken. Um diese Dimensionen im Bruttonationalglück widerzuspiegeln, wurden vier Säulen entwickelt. Folgende Aspekte bilden hierzu den Rahmen des Bruttonationalglücks: Förderung einer sozial gerechten Gesellschafts- und Wirtschaftsentwicklung: Durch eine gerechte Wirtschaftsentwicklung kann das Land unabhängiger vom Ausland werden und sich gesellschaftlich weiterentwickeln. Bewahrung und Förderung kultureller Werte: Sowohl die Religion als auch die Kultur besitzen bei den Bhutanern einen hohen Stellenwert. Schutz der Umwelt: Diese Säule impliziert eine nachhaltige Entwicklung, die für den Planeten Erde eine immer höhere Bedeutung gewinnt. Folglich sollen heutige Generationen die Umwelt so behandeln, dass auch noch zukünftige Generationen die eigenen Bedürfnisse auf der Erde befriedigen können. Gute Regierungs- und Verwaltungsstrukturen: Die Politik bestimmt Bedingungen und setzt Regeln fest, die das Leben der Einwohner Bhutans beeinflussen.

Ziel des Bruttonationalglücks ist es, die Lebensbedingungen der weniger glücklichen Bewohner des Landes zu verbessern. Somit sollen möglichst viele Bhutaner als glücklich gelten. Um dies erreichen zu können, werden alle paar Jahre ausführliche Umfragen in Bhutan durchgeführt. Die Ergebnisse dieser Befragungen werden analysiert, um daraus Maßnahmen zu entwickeln und diese in politische Prozesse einzubinden. Des Weiteren ermöglichen die Umfragen, die Entwicklung des Landes zu beobachten.

Erhebung in Bhutan

Hintergrund und Befragung 2008 Das von König Jigme Singye Wangchuck geprägte Konzept des Bruttonationalglücks sollte messbar werden, um die angestrebte volksbezogene Entwicklung als erklärtes Ziel der Regierung zu verwirklichen. Das Zentrum für Bhutanstudien in Thimphu entwickelte im Jahr 2005 Indikatoren, die in einen Fragebogen umgewandelt wurden. Eine Pilotbefragung im Jahr 2006 mit 350 Teilnehmern sollte helfen, Probleme im Fragebogenformat zu erkennen. Struktur, Inhalt, Übersetzung und Relevanz der Fragen wurden überprüft und der Fragebogen dahingehend verbessert.

Die erste offiziell durchgeführte Bruttonationalglück-Befragung fand im Jahr 2008 statt. Der Fragebogen enthielt 750 Fragen, die sowohl subjektiver als auch objektiver und offener Art waren. Aus Budgetgründen konnte die Befragung nur in 12 von 20 Distrikten in Bhutan durchgeführt werden. Die Befragung umfasste 950 Teilnehmer; das Ausfüllen des Fragebogens nahm zwischen fünf und sechs Stunden in Anspruch. Am Ende der Auswertung wurde ein erster Index erstellt, der aber durch die geringe Stichprobengröße nicht als valide gilt.

Konzept Fragebogen mini|225x225px|Gewichtung der 33 Indikatoren Aus den oben genannten vier Säulen des Bruttonationalglücks ergeben sich neun Domänen, die den ganzheitlichen Ansatz des BNG repräsentieren sollen. Die neun Domänen sind wiederum in 33 Indikatoren untergliedert, um möglichst viele verschiedene Aspekte des Wohlbefindens abzudecken. Jeder dieser 33 Indikatoren erhält eine eigene Gewichtung in der zugehörigen Domäne. Insgesamt fließt jede der neun Domänen mit dem gleichen Anteil in das Endergebnis ein, somit werden alle Bereiche gleich gewichtet (Abbildung: Gewichtung der 33 Indikatoren). Diese Version des Fragebogens (vom Dezember 2014) beginnt mit der Datenerhebung zu Rahmenbedingungen der Befragung wie Ort und Datum. Nach einer Auflistung aller Haushaltsmitglieder mit Verwandtschaftsstatus und Alter werden die demographischen Daten des Befragten erhoben. Die Befragung verläuft teilweise nach dem Zufallsprinzip. Jeder Bürger Bhutans, der das 15. Lebensjahr erreicht hat, kann den Fragebogen ausfüllen. Bei der Umfrage werden durch die zahlreichen Indikatoren sowohl die objektiven als auch die subjektiven Dimensionen des Lebens erfasst. Folglich wird dargestellt, in welche Teilindikatoren sich die neun Domänen gliedern (Abbildung Gewichtung der 33 Indikatoren): Die erste abgefragte Domäne ist das „Psychische Wohlbefinden“ mit den Indikatoren Lebenszufriedenheit, positiven und negativen Emotionen sowie Spiritualität. Die Lebenszufriedenheit und die Spiritualität erhalten bei dieser Domäne die höchste Gewichtung mit 33 %. „Gesundheit“ mit dem selbstbeschriebenen Gesundheitszustand, gesunden Tagen, Langzeit-Behinderungen und mentaler Gesundheit, bildet die zweite Domäne. Die dritte Domäne beschäftigt sich mit der „Zeitnutzung“. Hierbei werden die Aspekte Arbeit und Schlaf untersucht, die beide jeweils mit 50 % in die Gewichtung eingehen. Die vierte Domäne „Bildung“ wird mit den Indikatoren Bildung an sich, Ausbildungsqualifikationen, Wissen und Werten erfragt. Die „kulturelle Vielfalt und Resilienz“ stellt die fünfte Domäne des Fragebogens dar. Analysiert werden dazu die Sprache, kunsthandwerkliche Fähigkeiten, soziokulturelle Partizipation und Driglam Namzha (der offizielle Kodex für Kleidung und Benehmen). Die sechste Domäne beschäftigt sich mit „guter Regierungsführung“ und mit politischer Partizipation, politischer Freiheit, Dienstleistungserbringung und Leistungen der Regierung. In dieser Kategorie besitzen die politische Partizipation und die Dienstleistungserbringung einen Prozentsatz von 40 %. Die siebte Domäne ist die „Lebendigkeit der Gemeinschaft“ mit sozialer Unterstützung, Verhältnis zur Gemeinschaft, Familie und Opfer von Kriminalität. Die „ökologische Vielfalt und Resilienz“ ist die achte Domäne des Fragebogens. Bei dieser Domäne wird ein Fokus auf die Umweltverschmutzung, Verantwortung für die Umwelt, Flora und Fauna sowie die städtischen Probleme gelegt. Eine hohe Gewichtung von 40 % erhalten in diesem Bereich die Indikatoren Umweltverschmutzung und städtische Probleme. Die neunte und letzte Domäne ist die des „Lebensstandards“ mit den Aspekten Kapital, Unterkunft und Pro-Kopf-Einkommen des Haushalts.

Auswertung und Index Die Auswertung der Befragung erfolgt durch Gewichtungen und Schwellen. Die objektiven Indikatoren der Befragung (25) sind höher gewichtet als die subjektiven Indikatoren (8), welche nur 10 % des Gewichts ihrer jeweiligen Domäne ergeben. Beispiele für subjektive Indikatoren sind der selbstbeschriebene Gesundheitszustand oder Leistungen der Regierung. Zusätzlich werden zwei Schwellen angewandt: die Hinlänglichkeitsschwelle, die für jeden Indikator individuell gesetzt wird und besagt, welches Ergebnis hier mindestens benötigt wird, um als glücklich zu gelten, und die Glücksschwelle. Letztere besagt, dass ein Mensch als glücklich beschrieben werden kann, wenn er hinlängliche Ergebnisse in sechs oder mehr Domänen hat. Diese Auswertung liefert einen Index zwischen 0 und 1, der nach der Alkire-Foster-Methode errechnet wird: dazu werden Indikatoren gewählt, dann die Hinlänglichkeitsschwellen, die Gewichtungen für jeden Indikator und die Glücksschwelle angewandt und schlussendlich zwei Gruppen identifiziert: die Gruppe glücklicher Menschen und die Gruppe noch-nicht glücklicher Menschen. Für letztere wird noch berechnet, in wie vielen Domänen es den Menschen noch an Hinlänglichkeit mangelt. Der eigentliche Index ergibt sich dann mit folgender Formel: BNG = 1 – (Hn × An) mit Hn = Prozentsatz noch-nicht glücklicher Menschen und An = Prozentsatz der Domänen, in denen es den noch-nicht glücklichen Menschen an Hinlänglichkeit mangelt. Dieser Index kann auf nationaler wie auch auf Distrikt-Ebene berechnet werden. Durch die Erhebung ist es möglich, die Bedürfnisse der Bürger Bhutans für ihr Wohlbefinden einzuschätzen und dementsprechende Programme oder Projekte zu entwickeln, um mehr Menschen glücklich zu machen und ihr Wohlbefinden zu steigern.

Befragung 2010