mini|Flagge Burkina Fasos

Die Geschichte Burkina Fasos umfasst die Entwicklungen auf dem Gebiet des heutigen Staates Burkina Faso von der Urgeschichte bis zur Gegenwart. Burkina Faso ist von ethnischer Vielfalt geprägt. In der Frühen Neuzeit teilten sich das Territorium mehrere Reiche, von denen das Reich der Mossi das bedeutendste war. Am Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Gebiet französische Kolonie.

In den ersten Jahrzehnten des seit 1960 unabhängigen Staates (bis 1984 Obervolta) kam es durch zahlreiche Putsche zu politischer Instabilität. Die Revolution des Thomas Sankara (1983–1987) brachte völlig neue politische Ansätze; mit starken Abstrichen wurde sie als „berichtigte Revolution“ unter Sankaras Nachfolger Blaise Compaoré fortgesetzt.

Vor- und Frühgeschichte

Archäologische Funde auf burkinischem Territorium beweisen eine Siedlungsgeschichte, die mindestens vor 14.000 Jahren begann. Die frühen Bewohner waren Jäger und Sammler, von denen 1973 zahlreiche Artefakte, wie zum Beispiel Meißel und Schaber, gefunden wurden. Um etwa 3600 v. Chr. bis 2600 v. Chr. wurden sie sesshaft, begannen mit Ackerbau und dem Anlegen von festen Siedlungen. Vor etwa 3500 Jahren begannen die Menschen mit der Nutzung von Eisen und Keramik, Grabbeilagen lassen auf ein sich entwickelndes spirituelles Bewusstsein schließen. Vor etwa 3000 Jahren bauten die Menschen bei Tin-Akoff Perlhirse an.

Fundstellen von frühzeitlichen Artefakten sind vor allem in der Gegend der Pics de Sindou im Südwesten und am Mare d’Oursi im Norden des Landes.

Es konnten Felsmalereien mit Darstellungen von Eidechsen, Schildkröten, Pferden und Antilopen entdeckt werden. Besonders die Gegend um Markoye im Sahel ist reich an Felszeichnungen.

Präkoloniale Ära

mini|Karte Westafrikas von 1742

Einige der heute in Burkina Faso lebenden Ethnien, zum Beispiel die Dogon, waren schon zum Ende des ersten Jahrtausends nach Christus auf dem heutigen Gebiet ansässig und in autonomen Gemeinschaften organisiert. Um das 12. Jahrhundert begann die Zeit der großen Wanderungen, die nach und nach die ethnischen Gruppen aus Ghana oder Mali ins Land brachten, die bis heute die burkinische Bevölkerung ausmachen.

Reiche der Mossi

Gründungsmythen der Mossireiche (Moogho)

Im 15. Jahrhundert zogen die Mossi aus dem Norden des heutigen Ghana in den Norden, was ihrer Mythologie nach folgendermaßen stattfand; Prinzessin Yennenga zog, um sich dem Einfluss ihrer Familie zu entziehen in Richtung Norden und bekam mit dem Jäger Rialé einen Sohn namens Ouédraogo, der in der Folge aus dem von seinen Eltern gegründeten Dorf, das Reich Tenkodogo schuf, das älteste der Mossireiche. In diesem streng hierarchisch strukturierten Staat lag die Basis für die Macht der Mossiherrscher in den folgenden Jahrhunderten. Ouédraogos Sohn Oubri zog später weiter in Richtung Westen und stieß auf das Siedlungsgebiet der Nyonyonsé. Er eroberte deren Hauptstadt Kombentinga und gründete Wogodogo, das spätere Ouagadougou. Er ernannte sich zum Moogho Naba, dem Herrscher über die Mossi und begründete damit die Dynastie von Oubritenga. Die Nyonyonsé assimilierten sich im Laufe der Zeit mit den Mossi.

Entstehung neuer Reiche

Nur für eine kurze Periode am Anfang des 16. Jahrhunderts kann man von einem einzigen zusammenhängenden Mossi-Imperium, genannt Moogho, sprechen, bis im Norden von Naaba Yadega das Reich Yatenga gegründet wurde. Damit entstand ein neues unabhängiges Reich, über das der Moogho Naaba, praktisch keinen Einfluss hatte. Ein einheitliches Mossi-Reich konnte nicht existieren. Dies lag unter anderem an internen dynastischen Problemen, Kriegen zwischen benachbarten Reichen und den Gegensätzen der Mossi und den übrigen Ethnien der Region. Nicht auf Basis von politischer Einheit, sondern auf kulturellem Gebiet definiert sich das Moogho; der gemeinsame Gründungsmythos, die sozioethnische Integration, die Assimilation von Fremden, sowie die gemeinsamen Traditionen und religiösen Vorstellungen bilden das Band, das die Mossireiche verbindet. Eine zentrale Herrschaft durch den Moogho Naaba existierte nicht. Insgesamt geht man von 19 Mossistaaten aus.

Im 18. Jahrhundert regierte in Yatenga Naaba Kango 30 Jahre lang, nachdem er mit Hilfe anderer Ethnien den zuvor verlorenen Thron erobern konnte. Nach seinem Tod zersplitterte das Reich in zahlreiche Dynastien; diese Schwächung half den Franzosen bei der Eroberung. Über Jahrhunderte konnten sich die Mossi behaupten und den Einfluss des Islam aus dem Norden abwehren. Erst 1785 trat der erste Moogho Naba zum Islam über, die traditionellen Glaubensvorstellungen und Bräuche wurden allerdings nicht aufgegeben. Die Mossireiche behielten ihre Macht und Bedeutung bis zur Ankunft der Franzosen Ende des 19. Jahrhunderts. Nach dem Tode Naaba Koutous 1871 stritten seine Söhne um die Macht; als Naaba Sanem regierte der Ältere bis 1890, als nach seinem Tod der jüngere Bruder Boukary durch Drohungen zum neuen Naaba, Naaba Wobgo, gewählt wurde. Dieser versuchte sein Reich schließlich vergeblich gegen die Franzosen zu verteidigen.

Gourmantché im Osten

Im Osten bestand das Reich Gulmu der Gourmantché, die eng mit den Mossi verwandt sind und deren Ursprünge ebenfalls im Norden Ghanas liegen. Der legendäre Gründer des Reiches, Diaba Lompo, soll mit Ouédraogo verwandt gewesen sein. Auch Gulmu war hierarchisch organisiert, konnte Angreifer (Fulbe, Hausa) abwehren und war am Sturz des Reiches Mali beteiligt. Im 18. Jahrhundert wurde die Hauptstadt des Reiches von Pama nach Noungou in Fada N’Gourma verlegt. Interne Machtstreitigkeiten prägten Gulmu im 19. Jahrhundert: 1895 unterzeichnete Naaba Batchande einen Protektoratsvertrag mit den Franzosen, um seine Rivalen zu besiegen zu können; damit einher ging allerdings sein Machtverlust an Frankreich.

Kong, „Gwiriko“ und Kénédougou; die Region des Westens

Im Westen kamen im 18. Jahrhundert die Dynastie der Ouattara auf, deren Macht über die Ethnien der Region dazu verleitete, von einem „Reich“ zu sprechen, was dem komplizierten Geflecht der Beziehungen zwischen den Bewohnern der Region nicht gerecht wird. Vielmehr herrschten Kriegerdynastien mit militärischer Macht über Produktionseinheiten und Handel. Im Gegensatz zu Sékou († 1745) und seinem Bruder Famagan († 1750) stand Tiéba, ihr mächtiger Gegenspieler aus Sikasso. Ein bestimmtes Territorium politisch zu verwalten, lag nicht in ihrem Interesse. Ein Machtzentrum war Kong, ein weiteres im Mouhounbogen wurde in der Geschichtsschreibung als Gwiriko bezeichnet. Die zumeist akephalen Gesellschaften der autonomen Dörfer unterhielten unterschiedlich gestaltete Beziehungen zu den maisons de guerre. Die Verwendung des Begriffes „Reich“ und ihrer Namen (Gwiriko, Kénédougou) entsprechen nicht den geschichtswissenschaftlich gesicherten Erkenntnissen. Ethnien im Einflussgebiet der Ouattara waren unter anderem Bwa, Samo oder Lobi.

Fulbe und Tuareg im Norden

Im 15. Jahrhundert zogen die Fulbe aus dem Gebiet des heutigen Senegal in den heute burkinischen Sahel. Sie ließen sich überall dort in kleinen Gruppen nieder, wo ihre Rinderherden Wasser fanden. 1810 konnten die muslimischen Fulbe den Machtanspruch der Gourmantché abwehren und das Emirat Liptako als unabhängigen Staat mit der Hauptstadt Dori errichten. Heinrich Barth hatte bei seinem Besuch in Dori einen schlechten Eindruck bekommen; Armut und Anarchie herrschten demnach in Liptako. Im Gegensatz zu den beiden ersten Emiren, die dem Emirat eine Identität geben konnten, waren Sori Hamma und seine Nachfolger mit Kriegszügen beschäftigt, mit Ausnahme Seeku Saalus (1860–1887). Westlich davon existierte das Emirat Djelgodji mit der Hauptstadt Djibo. Liptako schloss 1891 einen Protektoratsvertrag mit Frankreich ab.

Aus dem Norden kommend und die Fulbe angreifend, wurden die Tuareg von diesen zurückgeschlagen und gründeten nördlich Liptakos ihr Reich Oudalan. Die Tuareg wurden Anfang des 20. Jahrhunderts von den Franzosen militärisch besiegt.

Französische Kolonialzeit

Beginn des europäischen Kolonialismus am Ende des 19. Jahrhunderts

mini|Auf der Kongokonferenz in Berlin (1884/85) wurden die Rahmenbedingungen des „Wettlaufs um Afrika“ verhandelt Der erste Europäer, dem Kontakt mit den Bewohnern des heutigen Burkina Faso nachgewiesen werden kann, ist der deutsche Afrikaforscher Heinrich Barth. Während seiner Reise durch Nord- und Westafrika hielt er sich im Jahre 1853 etwa eine Woche lang in Dori auf, der Hauptstadt des damaligen Fulbe-Emirats Liptako.

Auf der Kongokonferenz von 1884/85 in Berlin wurde der Rahmen festgesetzt, in dem der Wettlauf um Afrika – unter anderem der Kampf um Einfluss im noch nicht kolonialisierten westafrikanischen Hinterland – stattfinden sollte. Die Reiche der Mossi, bisher von europäischer Einflussnahme verschont geblieben, erregten das Interesse der Kolonialmächte Frankreich, Deutschland und Großbritannien unter anderem wegen ihres Reichtums an potentiellen Arbeitskräften und den hierarchischen Herrschaftsstrukturen, die in ihrem Charakter europäischen Verhältnissen ähnlich erschienen. Frankreich wollte die umstrittenen Gebiete der Mossi als Bindeglied für seine Besitzungen im Sahel und an der Küste nutzen. Der Deutsche Gottlob Krause, der sich auf wissenschaftlicher Mission befand, war am 24. September 1886 der erste Europäer, der nachweislich Ouagadougou besuchte, wo er von Prinzessin Baouré Sandwidi beherbergt wurde. 1888 musste Curt von François beim Versuch, das Gebiet der deutschen Kolonie Togo nach Norden zu erweitern, im Gebiet der Bissa aufgrund von Hunger und den Feindseligkeiten der einheimischen Bevölkerung umkehren. Hans Gruner war 1894 in ähnlichem Auftrag unterwegs; eine von Ernst von Carnap-Quernheimb geführte Gruppe der Mission musste allerdings in Kombissiri umkehren, nachdem sie von Boten des Moogho Naaba dessen kategorische Ablehnung eines Besuchs in Ouagadougou überbracht bekommen hatte.

mini|links|Der Franzose Louis-Gustave Binger erreichte Ouagadougou 1887

Als Folge der bei der Kongokonferenz geschlossenen Vereinbarungen sahen sich Franzosen und Briten genötigt, ihre Besitzansprüche durch Protektorats- und Freundschaftsverträge mit den autochthonen Herrschern zu untermauern. Es hatte ein Wettlauf um solche Verträge begonnen; 1887 kam Louis-Gustave Binger in Ouagadougou an, war mit seinen Bemühungen aber ebenso erfolglos, wie nach ihm Spitzer und Crozat. Zuletzt war es Louis-Parfait Monteil, der 1890 vom Moogho Naaba aus Ouagadougou verwiesen wurde. Die Mossi verdächtigten die Franzosen, mit dem vorgeblichen Wunsch nach Freundschaft und Zusammenarbeit in Wirklichkeit die Unterwerfung ihrer Reiche zu planen.