Ana Maria MendietaOlga Viso: Unseen Mendieta. The Unfinished Works of Ana Mendieta, Prestel, München 2008. S. 14. (* 18. November 1948 in Havanna, Kuba; † 8. September 1985 in New York, NY) war eine kubanisch-US-amerikanische Künstlerin. In den dreizehn Jahren ihrer Künstlerkarriere arbeitete sie mit Performance, Land Art, Konzeptkunst, Fotografie und Film. Im Alter von zwölf Jahren wurde die aus einer regimekritischen Familie stammende Mendieta von Kuba nach Iowa geschickt, wo sie 1972 ihr künstlerisches Schaffen begann. In den folgenden Jahren arbeitete sie nicht nur mit den verschiedenen Medien, sondern auch zwischen den Kulturen: So realisierte sie ihre künstlerischen Projekte außer in Nord- auch in Zentralamerika, in der Karibik und in Europa.

In ihren Werken beschäftigte Mendieta sich unter anderem mit dem menschlichen Körper, Sexualität und Fragen der Identität, wobei sie oft mit Blut sowie mit natürlichen Materialien und Feuer in der Landschaft arbeitete. Ihre Performances in der Landschaft beschrieb sie mit dem Begriff earth-body work.Olga Viso: Unseen Mendieta. The Unfinished Works of Ana Mendieta, Prestel, München 2008. S. 8. Einige ihrer Kunstwerke gelten als Ikonen der Kunst der 1970er-Jahre und der lateinamerikanischen Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Auch wenn Mendieta selbst sich kategorialen Zuschreibungen wie lateinamerikanisch und feministisch entzog und sich als transkulturelle und transmedial arbeitende Künstlerin verstand, wird sie als bedeutende feministische Künstlerin rezipiert.Olga Viso: Unseen Mendieta. The Unfinished Works of Ana Mendieta, Prestel, München 2008. S. 7.

Mendieta stürzte am Morgen des 8. Septembers 1985 unter ungeklärten Umständen aus dem Fenster ihrer im 34. Stockwerk befindlichen Wohnung. Ihr Ehemann Carl Andre wurde in einem Mordprozess 1988 aufgrund begründeter Zweifel freigesprochen. Der Tod Mendietas und ihre periphere Position im Kanon im Gegensatz zum Erfolg Andres blieben Gegenstand von Protesten und Kritik an den Institutionen der Kunstwelt.

Leben und Werk Kindheit und Studium Ana Mendieta wurde am 18. November 1948 in Havanna geboren. Sie entstammte einer prominenten Familie der kubanischen Politik und Gesellschaft. Ihr Vater, Ignacio Mendieta, war ein anfänglicher Unterstützer von Fidel Castro und dessen kubanischen Revolution, entwickelte sich jedoch zu deren Gegner, als er aufgefordert wurde, seinen katholischen Glauben aufzugeben und der kommunistischen Partei beizutreten. Als er herausfand, dass seine beiden Töchter, die elfjährige Ana und die fünfzehnjährige Raquelín, sich an heimlichen Aktionen gegen das Regime beteiligten, schickte er diese am 11. September 1961 unterstützt von der Operation Pedro Pan des Erzbistums Miami in die USA. Durch die Vermittlung dieses katholischen Wohltätigkeits-Netzwerkes wurden die Schwestern drei Wochen später erst in ein Heim in Dubuque, Iowa geschickt und wuchsen dort anschließend bei drei verschiedenen Pflegefamilien und in einem Internat auf. Andere Autoren geben an, dass die beiden Schwestern für fünf Jahre nur in verschiedenen Pflegefamilien untergebracht waren.Laura Roulet: Ana Mendieta as Cultural Connector with Cuba, in: American Art, Vol. 26, No. 2 (Summer 2012), S. 21–27, 21. 1965 wurde Ingacio Mendieta zu 20 Jahren Haft verurteilt, weil ihm Kollaboration mit der CIA im Vorfeld der Kuba-Krise vorgeworfen wurde. Im selben Jahr schloss Ana Mendieta die High School ab und begann ein Studium am Briar Cliff College in Sioux City. Im folgenden Jahr konnten ihre Mutter Raquel Mendieta und ihr jüngerer Bruder Ignacio mit einem der Freedom Flights Kuba zu verlassen. Sie siedelten sich in Cedar Rapids, Iowa, in der Nähe der beiden Schwestern an, während der Vater weiterhin inhaftiert blieb.

1967 wechselte Mendieta an die Iowa State University. Dort studierte sie im Herbstsemester Kunst und Kultur indigener Völker. 1970 begann sie ihr Aufbaustudium der Malerei an der Iowa State. In dieser Zeit lernte sie den Künstler Hans Breder, der Professor an ihrer Universität war, kennen, mit dem sie in der Folge eine professionelle und romantische Beziehung bis in den Sommer 1980 verband. Breder richtete 1970 ein Intermedia Program als Studiengang ein und war Mitgründer des Center for New Performing Arts (CNPA) der Universität. Mendieta stand für Breder Model und nahm an den CNPA-Workshops von Robert Wilson teil. So war sie an dessen Produktionen Handbill und Deafman Glance beteiligt. Zu dieser Zeit kam sie also mit der künstlerischen Avantgarde der 1970er-Jahre in Kontakt, durch die sie Kunstbewegungen wie den Wiener Aktionismus kennenlernte.Olga Viso: Unseen Mendieta. The Unfinished Works of Ana Mendieta, Prestel, München 2008. S. 16. 1971 reiste sie nach Mexiko, wo sie einen Sommerkurs in Archäologie absolvierte. Im Jahr 1972 erhielt Mendieta ihren Master of Fine Arts in Malerei, gab in der Folge jedoch die Malerei auf. Stattdessen wandte sie sich der Performance und Mixed Media zu.

Künstlerische Anfänge: Zwischen Iowa und Mexiko Im Jahr 1972 schuf Mendieta mit Grass on Woman sowohl ihr erstes Erd-Körper-Kunstwerk als auch ihre erste Performance Death of a Chicken. Letztere präsentierte sie im Intermedia Studio, wobei sie das Blut eines geköpften Huhns über ihren Körper spritzen ließ. Im folgenden Jahr intensivierte sie ihre Beschäftigung mit Blut als Medium. Angeregt von der Vergewaltigung und dem Mord einer Studentin der Iowa State schuf Mendieta Werke wie Rape Scene, die Gewalt gegenüber Frauen thematisierten. Im Sommer 1973 reiste sie mit Breder und einer Gruppe von Studenten seines Intermedia-Programms nach Mexiko. In der präkolumbischen Stätte Yagul in Oaxaca schuf Mendieta ihre ersten Siluetas. Im folgenden Sommer kehrte sie mit Breder nach Mexiko zurück, wo sie in Yagul und dem ehemaligen Convento Santiago Apóstol in Cuilapán de Guerrero weitere Siluetas anfertigte. In dem Fischerdorf La Ventosa in der Nähe von Salina Cruz drehte sie Bird Runs und Ocean Bird Washup. Nachdem sie Siluetas am Old Man’s Creek in Iowa geschaffen hatte, kehrte Mendieta auch 1975 mit Breder nach Oaxaca zurück. Im Herbst 1975 arbeitete sie erstmals mit Feuer, wobei ihr Julius Schmidt assistierte, der sie mit dem Umgang mit Pyrotechnik vertraut machte. Im Frühjahr 1976 reiste Mendieta gemeinsam mit Breder nach Europa, wo sie die Performance Blood and Feathers aufführte. Im Sommer kehrte sie mit ihm erneut nach La Ventosa zurück, wo sie Siluetas mit natürlichen Materialien und an einem Abend mit Hilfe eines lokalen Pyrotechnikers auch mit Feuer ausführte. Nach ihrer Rückkehr nach Iowa im Herbst begann Mendieta ihre Serie Tree of Life. 1977 setzte sie ihre Arbeit an den Siluetas fort, die sie zu Jahresbeginn und -ende auch in Schnee und Eis ausführte. Inspiriert von ihrem wachsenden Interesse an Bildern von Göttinnen und Begräbnisthemen, begann Mendieta im Sommer am Old Man’s Creek eine Serie, die sich Fetischen und der Göttin Ixchel widmete. Daneben setzte sie ihre Arbeiten mit Feuer fort, indem sie mit Pyrotechnik Figuren in die Erde, Gras und Baumstümpfe brannte.

Etablierung im Kunstbetrieb: New York, Kuba, Rom 1978 zog Ana Mendieta in der Hoffnung sich weiter als Künstlerin etablieren zu können nach New York. Dort führt sie im Franklin Furnace Archive die Performance Body Tracks durch. Sie setzte auch weiterhin ihre Arbeit an den Siluetas fort. Mendieta führte unter anderem erstmals eine solche in einem Museum, der Amelie A. Wallace Gallery der State University of New York at Old Westbury, aus. Im Sommer 1978 legte sie weitere in der Landschaft von Upstate New York und in Iowa an. Im folgenden Jahr sah Mendieta ihren Vater erstmals seit achtzehn Jahren wieder. In der Folge nahm sie die Gelegenheit wahr, mit Hilfe von in New York ansässigen Kulturinstitutionen nach Kuba zu reisen. Im Sommer kehrte sie nach Iowa zurück, wo sie Variationen ihrer Serien Tree of Life und Volcano schuf. Im Herbst 1979 lehrte Mendieta als Assistenzprofessorin an der State University of New York at Old Westbury. Sie wurde zudem Mitglied der Frauen-Galerie A.I.R., in der sie während ihrer ersten Soloausstellung am 12. November 1978 den minimalistischen Bildhauer Carl Andre kennenlernte.Olga Viso: Unseen Mendieta. The Unfinished Works of Ana Mendieta, Prestel, München 2008. S. 17.

Im Januar 1980 kehrte Mendieta nach Kuba zurück. Die Reise wurde vom Círculo de Cultura Cubana, einer Organisation von Exilkubanern für den kulturellen Austausch zwischen Kuba und den Vereinigten Staaten, organisiert. Neben ihrer Lehrtätigkeit in Old Westbury war sie Gastkünstlerin an der Kean University in New Jersey. Für die Gruppenausstellung Art Across the Park im Central Park schuf Mendieta ein Werk mit Schwarzpulver im Haarlem Meer, einem See am nordöstlichen Ende des Parks. Im Sommer 1980 kehrte sie mit Breder ein letztes Mal nach Oaxaca und insbesondere La Ventosa zurück, wo sie Arbeiten mit Schwarzpulver filmte und Figuren in Uferböschungen ritzte. Nach dieser Reise endete die romantische Beziehung zu Breder, während sich die zu Andre vertiefte. 1981 besuchte Mendieta im Januar und Juli erneut Kuba, wo sie in Varadero und Jarusco die Rupestrian Sculptures als geritzte und kolorierte Figuren in Kalkstein ausführte. Im März dieses Jahres legte sie für das Washington Project for the Arts eine Silueta auf einem Friedhof in Georgetown, Washington, D.C. an; im Mai folgte eine für die La Cuarta Bienal in Medellín. Im September 1981 lehrte sie als Gastkünstlerin am Alfred State College der State University of New York. Im Herbst dieses Jahres reiste sie nach Miami. Dort führte sie in der Frances Wolfson Gallery des Miami Dade College Ceiba Fetish und Ochún aus. In ihrem New Yorker Apartment beginnt sie, Zeichnungen anzufertigen.Olga Viso: Unseen Mendieta. The Unfinished Works of Ana Mendieta, Prestel, München 2008. S. 18.

Als Gast von Real Art Ways und der Hartford Art School schnitzte Ana Mendieta 1982 eine Figur namens Arbitra in einen Baumstumpf. Dank der Unterstützung durch den Geschäftsmann Arthur Rodale konnte sie ebenfalls in einem Steinbruch in Fogelsville, Pennsylvania arbeiten. In Scarborough, Toronto schnitzte Mendieta das Labyrinth of Venus in eine Felswand am Ontariosee. Im Oktober 1982 zeigte sie im Lowe Art Museum in Miami vier Skulpturen aus Pflanzen und Steinen in einer Einzelausstellung. Auf Einladung des University of New Mexico Art Museum in Albuquerque führte sie auf dem Campus der University of New Mexico Spiralen aus Matsch aus. Neben diesen Ausstellungen und Projekten begann Mendieta im Herbst 1982 auch damit, ein Buch zur Dokumentation der Rupestrian Sculptures auf Kuba aus dem Vorjahr vorzubereiten. 1983 legte sie Spiralen aus Sand auf verschiedenen Stränden von Cape Cod und Long Island an. Mendieta wurde mit dem Rompreis der American Academy in Rome ausgezeichnet, der mit einem einjährigen Studioaufenthalt in Rom ab Oktober 1983 dotiert war. Dort führte sie 1984 flache Bodenreliefs aus Sand, Erde und Bindemittel aus, die in der Galleria Primo Piano ausgestellt wurden. Gemeinsam mit einem italienischen Handwerker schuf sie außerhalb Roms Totemfiguren aus verbrannten und geschnitztem Holz. Um ihren Aufenthalt zu verlängern, mietete Mendieta ein Apartment und Studio auf dem Gelände der American Academy an. Gemeinsam mir Carl Andre reiste sie durch Europa und besuchte unter anderem Pompej, Cerveteri, sowie prähistorische Stätten auf Malta und Newgrange in Irland, die ihr als Inspiration für die Entwicklung von Kunstwerke großen Ausmaßes dienten. Mendieta nahm zudem 1984 neben Alice Aycock, Nancy Holt, Mary Miss und Robert Stackhouse an der Ausstellung Land Marks: New Site Proposals by Twenty-two Original Pioneers of Environmental Art am Bard College teil.

Lebensende