mini|Karl-Marx-Hof Als Rotes Wien wird die österreichische Hauptstadt Wien in der Zeit von 1919 bis 1934 bezeichnet, als die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschösterreichs (SDAP) bei den Wahlen zu Landtag und Gemeinderat wiederholt die absolute Mehrheit erreichte. Die sozialdemokratische Kommunalpolitik dieser Jahre war geprägt von umfassenden sozialen Wohnbauprojekten und von einer Finanzpolitik, die neben dem Wohnbau auch umfangreiche Reformen in der Sozial-, Gesundheits- und Bildungspolitik unterstützen sollte. Die Sozialdemokratie bildete „durch ihre Stellung in Wien einen Machtfaktor, der sich als Blockade gegen die uneingeschränkte Realisierung einer Politik zu Lasten der Lohnabhängigen […] erwies“Emmerich Tálos, Walter Manoschek: Zum Konstituierungsprozess des Austrofaschismus, in: Emmerich Tálos, Wolfgang Neugebauer (Hrsg.): „Austrofaschismus“. Beiträge über Politik, Ökonomie und Kultur 1934–1938, Verlag für Gesellschaftskritik, Wien ²1984, ISBN 3-900351-30-9, S. 32., einen Gegenpol zur Politik der Christlichsozialen Partei (CS), die damals in den anderen Bundesländern und auf Bundesebene regierte. Das „Rote Wien“ endete 1934, als Bürgermeister Karl Seitz infolge des österreichischen Bürgerkrieges seines Amtes enthoben und festgenommen wurde und die aus der CS hervorgegangene Vaterländische Front (VF) auch in Wien die Macht übernahm.

Da die Sozialdemokraten seit 1945 wieder ununterbrochen den Bürgermeister und die Mehrheit im Wiener Landtag und Gemeinderat stellen, wird der Begriff von politischen Gegnern mitunter auch als polemische Bezeichnung für die von der SPÖ dominierte Stadtverwaltung verwendet.

Gesellschaftliche Bedingungen mini|Lindenhof, erbaut 1924–1925 mit der Wohnbausteuer mini|Wohnhausanlage Friedrich-Engels-Platz, erbaut 1930–1933 mit der Wohnbausteuer Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Zusammenbruch der Donaumonarchie wurde in Österreich die Republik ausgerufen. Bei den Gemeinderatswahlen am 4. Mai 1919 waren erstmals Frauen und Männer aus allen Schichten berechtigt, den Gemeinderat zu wählen. Die Sozialdemokratische Partei in Wien errang die Mehrheit. Obwohl die Volksvertreter nun freie Hand hatten, standen sie vor einer schwierigen Aufgabe. Beamte aus Gebieten, die zum Ausland geworden waren, kehrten zu Tausenden in ihre Heimatländer zurück, Flüchtlinge aus dem zeitweise russisch besetzten Galizien und ehemalige Soldaten der k.u.k. Armee kamen zumindest vorübergehend nach Wien.

Die neuen Staats- und Zollgrenzen zur Tschechoslowakei und Ungarn, woher Wien bis dahin versorgt worden war, machten Lebensmittellieferungen nach Wien schwierig. (Mit Hilfe der flächendeckend bestehenden sozialistischen Konsumvereine gelang es, die Lebensmittelversorgung der Stadt sicherzustellen.) Im neuen Österreich wurde die Hauptstadt als „Wasserkopf“ – als viel zu groß für das kleine Land – betrachtet. Dazu kam die kriegsbedingte Hyperinflation, der erst 1925 die Währungsreform von der Krone zum Schilling folgte. Bis dahin hatten Löhne und Gehälter oft schon wenige Stunden nach Auszahlung drastisch an Wert verloren.

In den überfüllten Mietwohnungen und Notunterkünften mit spärlichen sanitären Einrichtungen grassierten Krankheiten wie Tuberkulose („Wiener Krankheit“), spanische Grippe und Syphilis. Zur extremen Wohnungsnot kam die hohe Zahl der Arbeitslosen.

„Waren die letzten Jahrzehnte der Habsburgermacht unter dem Signum ‚hoffnungslos, aber nicht ernst‘ gestanden, so gab es jetzt viele, die einen düsteren Ernst der Lage diagnostizierten, wo sich endlich konstruktive Möglichkeiten für soziales und politisches Handeln zeigten. Für die pragmatische Mehrheit bestand allerdings die vordringlichste Aufgabe darin, diese Möglichkeiten zu nutzen. […] Im neuen Österreich gab es für die Intellektuellen genug positive Arbeit. Für Leute wie Hans Kelsen und Karl Bühler gab es wenig Grund zum Zweifel an der Möglichkeit, Werte im praktischen gesellschaftlichen Leben zu verwirklichen. Eine Verfassung musste ausgearbeitet, ein Parlament eingerichtet, das funktionierende System einer sozialen Demokratie in Gang gebracht werden. […] Es war in den Augen der Pragmatiker eine Zeit des Aufbaus und des Optimismus.“Allan Janik, Stephen Toulmin: Wittgensteins Wien. Simon & Schuster, New York 1973. Hanser, München 1984, S. 321 f.

Der tristen materiellen Ausgangslage standen also beachtliche intellektuelle Ressourcen gegenüber. Der später weltbekannte Sigmund Freud, Arthur Schnitzler, Karl Kraus, Friedrich Torberg und viele andere Wissenschaftler, Künstler, Publizisten und Architekten, die in Wien lebten, standen der Aufbauarbeit der sozialdemokratischen Stadtverwaltung positiv gegenüber und beteiligten sich nicht an der grundsätzlichen Gegnerschaft der Christlichsozialen Partei zum Reformwerk.

Kommunalpolitik Die Bundespolitik der Rot-Schwarzen Koalition 1918–1920 brachte bereits sieben Tage nach der Ausrufung der Republik den gesetzlich verankerten Achtstundentag und in der Folge die Arbeitslosenversicherung. Auch die Arbeiterkammer als gesetzliche Interessensvertretung der Arbeiter und Angestellten entstand zu dieser Zeit. Der Reformeifer der Sozialdemokraten wurde jedoch mit zunehmendem Abstand zum Kriegsende von den Christlichsozialen immer weniger geteilt. Die Koalition zerbrach 1920, danach waren die Sozialdemokraten im Gesamtstaat bis 1945 in Opposition oder im Untergrund.

Umso mehr bemühten sie sich, Wien, wo sie praktisch allein regieren konnten, zur Musterstadt sozialdemokratischer Gesellschaftspolitik zu machen. Ihre Politik wurde damals als spektakulär betrachtet und in ganz Europa beachtet. Die Konservativen hassten diese Politik teilweise, konnten jedoch vorerst gegen die Wahlerfolge der Sozialdemokraten in Wien nichts ausrichten.

Wien war seit Jahrhunderten auch Hauptstadt des nunmehrigen Bundeslandes Niederösterreich gewesen. Mit seiner starken sozialdemokratischen Majorität und den Sozialdemokraten aus dem niederösterreichischen Industrieviertel um Wiener Neustadt stellten die „Roten“ auch den ersten demokratischen Landeshauptmann von Niederösterreich, Albert Sever. Da sich das Bauernland nicht von den „Roten“ regieren lassen wollte, die Wiener „Sozis“ sich hingegen von der konservativen Landbevölkerung nicht in ihre Kommunalpolitik dreinreden lassen wollten, waren die beiden großen Parteien bald darin einig, das „rote Wien“ vom „schwarzen Niederösterreich“ zu trennen.

Diese Trennung wurde 1920 in der neuen Bundesverfassung beschlossen, der zufolge Wien seit 10. November 1920 die Rechte eines selbstständigen Bundeslandes hatte und auch sofort seine eigene Stadtverfassung beschloss. (Die Aufteilung der mit Niederösterreich gemeinsamen Institutionen wurde 1921 im Trennungsgesetz vereinbart; am 1. Jänner 1922 war das alte Land Niederösterreich definitiv Geschichte.) Wien wurde 1920 eines der Länder der Republik: Der Bürgermeister war nun auch Landeshauptmann, der Stadtsenat auch Landesregierung, der Gemeinderat auch Landtag. Durch den neuen Status als Bundesland war es der Stadt Wien erstmals möglich, selbständig Steuern zu erheben. Damit war die eigenständige Politik der Gemeinde Wien, wie sich die Stadt, ihren Rang herunterspielend, nannte, gesichert.

Kommunalpolitische Schwerpunkte Städtischer Wohnungsbau und Verkehr mini|Eröffnung der elektrischen Stadtbahn am 3. Juni 1925 Wegen der extremen Wohnungsnot wurde die Schaffung von neuen Wohnungen das wichtigste Ziel der Sozialdemokraten. Mit dem Wohnanforderungsgesetz des Bundes von 1919 konnte bereits eine bessere Auslastung der Wohnungen erzielt werden. Weil der vom k.k. Gesamtministerium 1917 verordnete und sogleich auf Wien erstreckte Mieterschutz (RGBl. 34 und 36/1917) die Mietzinse auf Vorkriegsniveau festschrieb, lohnte sich das Bauen für Privatleute nicht mehr. Mangels Nachfrage von privater Seite waren Bauland und Baukosten für die Gemeinde günstig.

Von 1925 bis 1934 entstanden auf diese Weise über 60.000 Wohnungen in Gemeindebauten. Große Wohnblocks wurden um Höfe mit weiten Grünflächen gebaut. Berühmte Beispiele sind der Karl-Marx-Hof oder der George-Washington-Hof. Die Wohnungen wurden nach einem Punktesystem vergeben. Familien oder Personen mit einem Handicap erhielten Pluspunkte. Die neuen Wohnungen wurden zu 40 Prozent aus dem Ertrag der im Land Wien eingeführten Wohnbausteuer finanziert, der Rest vornehmlich durch die Fürsorgeabgabe, eine vierprozentige Lohnsummensteuer, die von den Unternehmen im Wesentlichen auf die Konsumenten überwälzt wurde.Wolfgang Maderthaner: Von der Zeit um 1860 bis 1945 in: Peter Csendes, Ferdinand Opll (Hrsg.): Wien. Geschichte einer Stadt von 1790 bis zur Gegenwart. Bd. 3. Böhlau Verlag, Wien/Köln/Weimar 2006, ISBN 978-3-205-99268-4, S. 175–545, hier S. 355. Damit konnte die Mietzinsbelastung in den städtischen Wohnungen für einen Arbeiterhaushalt auf vier Prozent des Einkommens gesenkt werden, während es vorher 30 Prozent waren. Bei Krankheit oder Arbeitslosigkeit wurde der Mietzins gestundet.

Ein weiteres großes Infrastrukturprojekt der Zwischenkriegszeit war die Eröffnung der Wiener Elektrischen Stadtbahn im Jahr 1925. Sie basierte auf der Infrastruktur der Dampfstadtbahn aus Kaiserzeiten, die von der Gemeinde Wien weitgehend übernommen und – nach jahrelangem Stillstand – elektrifiziert und reaktiviert wurde.

Finanzpolitik Maßgebliche Persönlichkeit in der Finanzpolitik des Roten Wien war Hugo Breitner (Finanzstadtrat von 1919 bis 1932). Breitner, der stark von den Ideen Rudolf Goldscheids beeinflusst wurde, übernahm dessen These von der „Finanz-Autarkie“ der öffentlichen Haushalte, d. h., er lehnte es ab, durch Kreditaufnahmen in Abhängigkeit zu Banken und Finanzinstitutionen zu geraten. Ein zentrales Prinzip der Breitner’schen Finanzpolitik war es demnach, laufende Aufgaben, aber auch Investitionen, aus den laufenden Steuereinnahmen zu finanzieren. Breitner vertrat eine grundsätzlich deflationistische Haltung und verfolgte den Grundsatz des Budgetausgleichs. In diesem Zusammenhang achtete er auch konsequent darauf, dass städtische Betriebe kostendeckend arbeiteten und das nötige Kapital für ihre Investitionen ebenfalls selbst erwirtschafteten.Wolfgang Maderthaner: Von der Zeit um 1860 bis 1945 in: Peter Csendes, Ferdinand Opll (Hrsg.): Wien. Geschichte einer Stadt von 1790 bis zur Gegenwart. Bd. 3. Böhlau Verlag, Wien/Köln/Weimar 2006, ISBN 978-3-205-99268-4, S. 175–545, hier S. 353ff.

Die Wiener Sozialdemokraten führten landesgesetzlich neue Abgaben ein, die zusätzlich zu den Bundessteuern erhoben wurden (von Kritikern nach Finanzstadtrat Hugo Breitner Breitner-Steuern genannt). Luxus wurde speziell besteuert: Auf Reitpferde, große Privatautos, Dienstpersonal in Privathaushalten, Hotelzimmer, Restaurants, Kaffeehäuser, Hundebesitz, Nachtlokale, Bordelle und andere Luxusgüter und -einrichtungen wurde eine Luxussteuer erhoben. (Um ihren praktischen Nutzen darzustellen, rechnete die Stadtverwaltung vor, welche sozialen Einrichtungen nur aus der Dienstbotensteuer finanziert wurden, die der Wiener Zweig der Familie Rothschild zu begleichen hatte.)