mini|Symbolhafte Darstellung der Militärkooperation Die chinesisch-deutsche Kooperation spielte in der chinesischen Geschichte des frühen bis mittleren 20. Jahrhunderts eine große Rolle.
Nach dem Ersten Weltkrieg war Deutschland als Kolonialmacht in China ausgeschieden, während andere Staaten (Großbritannien, Frankreich, Japan, die Vereinigten Staaten) weiterhin auf ihren Sonderrechten in China beharrten. In der Folge entwickelten sich die deutsch-chinesischen Beziehungen im Gegensatz zu den Beziehungen Chinas zu anderen Staaten auf der Basis der vollständigen Gleichberechtigung. Sowohl Deutschland als auch die Republik China sahen sich als Benachteiligte einer ungerechten Nachkriegsordnung – die Weimarer Republik wegen der nachteiligen Bedingungen des Versailler Vertrages, und China, weil ihm die internationale Gleichberechtigung verwehrt wurde. Infolgedessen kam es zu einer Annäherung beider Staaten, die von gegenseitigen Interessen getragen war. Auf der einen Seite stand das chinesische Interesse an der Modernisierung insbesondere des Militärs, aber auch der Wirtschaft und Verwaltung. Hier wurde Deutschland vielfach als Vorbild eines modernen und effizienten Staatswesens gesehen. Auf der anderen Seite stand das deutsche Interesse an chinesischen Rohstoffen und an China als Absatzmarkt für deutsche Industrieprodukte.
Die enge Kooperation seit den 1920er Jahren führte zur Modernisierung der Industrie und des Militärs der Republik China. Ihren Höhepunkt erlebte die Kooperation in den frühen 1930er Jahren. Die in China regierende Kuomintang sah bei allen Unterschieden im zunehmend militärisch erstarkenden NS-Staat, das gewissermaßen die Fesseln des Versailler Vertrages nach und nach abwarf, in gewisser Weise ein Modell, wie auch China durch Konzentration der nationalen Kräfte den äußeren Feinden, insbesondere dem immer aggressiver auftretenden Japan begegnen könne. Auf deutscher Seite war man lange unentschieden, welchen Allianzpartner man in Fernost wählen sollte – China oder Japan. Letztlich entschied sich die deutsche Politik, sehr zum Bedauern der Kuomintang-Regierung, für Japan und die Kooperation mit China wurde ab dem Ausbruch des Japanisch-chinesischen Krieges 1937 offiziell eingestellt. Trotzdem hatte die Kooperation tiefgreifende Auswirkungen auf die Modernisierung Chinas sowie auf dessen Fähigkeit, den japanischen Invasoren im Krieg Widerstand zu leisten.
Geschichte
Frühe chinesisch-deutsche Beziehungen Zunächst fand der Handel zwischen China und Deutschland auf dem Landweg durch Sibirien statt und unterlag russischen Transitsteuern. Zur Umgehung entschied Deutschland, den Seeweg zu benutzen. So erreichten 1751 während der Herrschaft der Qing-Dynastie die ersten Handelsschiffe der Emder „Königlich-Preussischen Asiatischen Compagnie“ China. Nach der Niederlage Chinas im Zweiten Opiumkrieg 1861 wurde der Vertrag von Tianjin unterzeichnet. Dieser verpflichtete China zur Öffnung des Reiches für den Handel mit verschiedenen europäischen Staaten, Preußen inbegriffen.
Während des späten 19. Jahrhunderts stand Chinas Außenhandel unter der Vorherrschaft des Britischen Empires. Otto von Bismarck war darum bemüht, dass Deutschland in China Fuß fasse, um die britische Vorherrschaft auszugleichen. 1885 entschied der Reichstag über eine Gesetzesvorlage Bismarcks zur Subvention von Dampfschiffen, die eine direkte Fahrt nach China ermöglichen sollten. Im selben Jahr wurde die erste Erkundungsgruppe aus Bankwesen und Industrie nach China geschickt, um dort Anlagemöglichkeiten zu bewerten. Dies führte 1890 zur Gründung der Deutsch-Asiatischen Bank. Durch diese Maßnahmen lag Deutschland 1896 hinter den Briten auf Platz zwei der Handels- und Schifffahrtsstatistik Chinas.
mini|Chinesisches Panzerschiff „Ting-Yuen“ In dieser Zeit verfolgte Deutschland in China keinen aktiven Imperialismus und schien im Gegensatz zu Großbritannien und Frankreich relativ zurückhaltend. Daher sah die chinesische Regierung Deutschland als Partner, der China bei seiner Modernisierung helfen könnte. So kaufte die chinesische Regierung zwei in Deutschland gebaute Schlachtschiffe, die Dingyuan und ihr Schwesterschiff Zhenyuan für seine Marine ein. Nachdem Chinas erste Bemühungen um Modernisierung, gefolgt von der Niederlage im ersten chinesisch-japanischen Krieg, gescheitert waren, bat der Politiker und Militärführer Yuan Shikai um deutsche Hilfe beim Aufbau der „Selbststärkungsarmee“ () und der Neu geschaffenen Armee (新建陸軍; Xīnjìan Lùjūn). Doch die deutsche Hilfe betraf nicht nur das Militär, sondern auch die Industrie. Zum Beispiel wurde in den späten 1880er Jahren das Unternehmen Krupp von der chinesischen Regierung beauftragt, eine Reihe von Befestigungen um Port Arthur zu errichten.
Unter der Herrschaft Wilhelms II. wurde die China-Politik Deutschlands, die noch unter Bismarck relativ gütig war, vor allem wegen dessen imperialistischer Haltung drastisch geändert. Zum Beispiel wurde Japan nach dem ersten chinesisch-japanischen Krieg mit der Intervention von Shimonoseki dazu gezwungen, seine Konzessionen in Hankou und Tianjin an Deutschland abzutreten. Auch erlangte Deutschland 1897 eine Pacht über 99 Jahre an der Kiautschou-Bucht in Shandong, nachdem Missionare in dieser Region von Chinesen angegriffen worden waren (Juye-Vorfall). Der Boxeraufstand von 1900, der nach Angriffen gegen Ausländer von deutschem Militär blutig niedergeschlagen wurde, war vielleicht der Tiefpunkt der chinesisch-deutschen Beziehungen. Anlässlich der Verabschiedung deutscher Truppen nach China hielt Kaiser Wilhelm II. seine berüchtigte Hunnenrede. Diese brachte den Deutschen in England den Spitznamen „the Huns“ ein, der auch noch im Ersten und Zweiten Weltkrieg als spöttische Bezeichnung für deutsche Soldaten verwendet wurde.
Auch die Entwicklung des chinesischen Rechts wurde in dieser Zeit maßgeblich vom deutschen Recht beeinflusst. Vor dem Fall der Qing-Dynastie begannen chinesische Reformer, ein Bürgerliches Gesetzbuch auszuarbeiten, das größtenteils auf dem deutschen BGB basierte, welches auch schon in Japan übernommen wurde. Obwohl dieser Entwurf nicht vor dem Zusammenbruch der Qing-Dynastie verkündet wurde, war er die Grundlage für das Bürgerliche Gesetzbuch der Republik China, welches 1930 eingeführt wurde. Bis heute gilt es in Taiwan und hat das geltende Recht in Festlandchina beeinflusst.
Dennoch wurden die chinesisch-deutschen Beziehungen in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg weniger intensiv. Ein Grund dafür war die politische Isolation Deutschlands, die sich durch die Anglo-Japanische Allianz von 1902 und die Triple Entente von 1907 immer deutlicher abzeichnete. Daher schlug Deutschland 1907 ein deutsch-chinesisch-amerikanisches Abkommen vor, welches aber nie umgesetzt wurde. 1909 wurde in Tsingtao die Deutsch-Chinesische Hochschule gegründet, in der Sun Yat-sen bei seinem Besuch 1912 Deutschland als Modell für das neue China lobte.Klaus Mühlhahn: Qingdao (Tsingtau) – Ein Zentrum deutscher Kultur in China? In: H.-M. Hinz, C. Lind (Hrsg.): Tsingtau – Ein Kapitel deutscher Kolonialgeschichte in China 1897–1914. DHM, Berlin 1998, ISBN 3-86102-100-5, S. 130. 1912 bot Deutschland der chinesischen Regierung ein Darlehen von sechs Millionen Reichsmark an und nahm die Rechte zum Bau der chinesischen Eisenbahn in Shandong wieder auf. Als 1914 der Erste Weltkrieg in Europa ausbrach, bot Deutschland China die Rückgabe der Kiautschou-Bucht an, um zu verhindern, dass die Konzessionen an Japan fielen. Trotzdem trat Japan auf Seiten der Alliierten in den Krieg ein und setzte den Angriff auf deutsche Konzessionen in China fort. Japan nahm die Kiautschou-Bucht und Tsingtao ein. Während des Krieges nahm Deutschland keine aktive Rolle im fernen Osten ein und unternahm auch keine Initiative zu bedeutenden Aktionen, da man sich auf den Krieg in Europa konzentrierte. Militärmissionen – wie die beabsichtigte Bahnsprengung durch den Militärattaché in Peking, Werner Rabe von Pappenheim – wurden möglichst geheim gehalten und blieben die Ausnahme.
Am 14. August 1917 erklärte China Deutschland den Krieg und gewann die deutschen Konzessionen in Hankou und Tianjin. Nach der Niederlage Deutschlands sollte China weitere deutsche Einflussgebiete zurückerhalten. Mit dem Vertrag von Versailles, den China sich zu unterschreiben weigerte, gingen diese Konzessionen jedoch an Japan. Das Gefühl des Verrats durch die Alliierten entzündete die nationalistische Bewegung des vierten Mai. Stattdessen schlossen das Deutsche Reich und China erst am 20. Mai 1921 den deutsch-chinesischen Vertrag zur Wiederherstellung des Friedenszustandes. Im Ergebnis versetzte der Erste Weltkrieg den chinesisch-deutschen Beziehungen einen ernsten Schlag, insbesondere dem Handel. Zum Beispiel hatten von den fast 300 1913 in China ansässigen deutschen Unternehmen schon 1919 nur noch zwei Unternehmen dort Standorte.
Chinesisch-deutsche Kooperation in den 1920er Jahren mini|Handelsabkommen zwischen dem Deutschen Reiche und der Republik China (1928) Durch den Versailler Vertrag wurde die deutsche Industrieproduktion stark eingeschränkt. Die Reichswehr wurde auf 100.000 Mann begrenzt, und auch die Militärproduktion wurde außerordentlich eingeschränkt. Dennoch beschnitt der Vertrag nicht Deutschlands Führungsposition in Sachen Militärentwicklung. Viele Unternehmen hielten daran fest, weiterhin Militärausrüstung zu erforschen und zu produzieren. Um weiterhin legal Waffen produzieren und verkaufen zu können und die Beschränkungen des Vertrages zu umgehen, schlossen diese Unternehmen Partnerschaften mit anderen Nationen, wie der Sowjetunion und Argentinien.
Nach dem Tod von Yuan Shikai 1916 brach in China die zentrale Beiyang-Regierung zusammen, und ein Bürgerkrieg, in dem verschiedene Warlords um die Vorherrschaft kämpften, brach aus. Daher begannen viele deutsche Waffenproduzenten damit, zu versuchen, die gewerblichen Verbindungen mit China wieder aufzubauen, um auf dessen breiten Markt für Waffen Fuß zu fassen.
Auch die Kuomintang-Regierung in Guangzhou strebte nach deutscher Unterstützung, und Chu Chia-hua (朱家驊; Zhū Jiāhuá), der in Deutschland studiert hatte, trat hervor. Er war von 1926 bis 1944 bei der Organisation fast jedes chinesisch-deutschen Kontaktes maßgeblich beteiligt. Neben dem deutschen technologischen Fortschritt gab es weitere Gründe, die Deutschland wieder eine Führungsposition in der chinesischen Außenpolitik einbrachten. Zunächst hatte Deutschland einschließlich der folgenden Kolonialbewegung, nach dem Verlust sämtlicher Kolonien durch den Ersten Weltkrieg, keinerlei imperialistische Interessen mehr in China. Dort waren die fremdenfeindlichen Proteste von 1925 bis 1926 hauptsächlich gegen Großbritannien gerichtet. Zusätzlich hatte Deutschland, anders als die Sowjetunion, die bei der Reorganisation der Kuomintang-Partei und der Öffnung dieser für Kommunisten half, keine politischen Interessen in China, die zur Konfrontation mit der Zentralregierung hätten führen können. Weiterhin sah Chiang Kai-shek die deutsche Geschichte als nachahmenswert an, vor allem in der Hinsicht, dass die Vereinigung des Deutschen Reiches nach Chiangs Ansicht lehrreich für die Einigung Chinas sein könnte. Folglich wurde Deutschland als Hauptkraft für Chinas internationale Entwicklung angesehen.