mini|Norddeich, neue Promenade (2023) Norddeich (ostfriesisches Platt Noorddiek) ist ein Stadtteil von Norden im Landkreis Aurich mit 1264 Einwohnern (31. März 2020), die sich auf einer Fläche von 10,43 Quadratkilometer verteilen. Er liegt im Nordwesten Ostfrieslands unmittelbar an der Nordseeküste und ist seit 1979 ein „staatlich anerkanntes Nordseebad“.Norden / Norddeich: Abgerufen am 9. August 2011.

Bedeutung Am 24. Juni 2010 verlieh der damalige niedersächsische Wirtschaftsminister Jörg Bode dem Stadtteil mit dem Prädikat Nordseeheilbad die höchste touristische Anerkennungsstufe.Ostfriesischer Kurier vom 25. Juni 2010, S. 1 u. 3.

Vom Hafen Norddeich aus gelangen mit den Fähren der Reederei Norden-Frisia jährlich 2,25 Millionen Menschen sowie 175.000 Fahrzeuge zu den vorgelagerten Inseln Juist und Norderney. Nach Puttgarden und Rostock ist Norddeich der drittgrößte Personenhafen Deutschlands und der größte in Niedersachsen.

Geographie Lage mini|Westlicher Teil Norddeichs mit Hafen (2013)

Norddeich gehört zur Stadt Norden. Begrenzt wird Norddeich in nördlicher Richtung vom Wattenmeer, im Osten und Westen von den Stadtteilen Ostermarsch und Westermarsch II. Südlich grenzt die Kernstadt Norden an den Ort. Während in der östlich gelegenen Gemarkung Lintelermarsch landwirtschaftliche Flächen vorherrschen, ist der Ortskern von Norddeich vom Tourismus geprägt. Der Hafen spielt als Endpunkt der Eisenbahn sowie der Straßenverbindungen für die Versorgung der vorgelagerten Inseln Juist ( Einwohner, rund 130.000 Gäste mit rund 865.000 Übernachtungen pro Jahr) und Norderney ( Einwohner, rund 570.000 Gäste mit mehr als 3.700.000 Übernachtungen pro Jahr) eine wichtige Rolle.

Geologie Während der Stadtkern von Norden auf einer Sandinsel liegt, die dem nordwestlichsten Ausläufer des ostfriesischen Geestrückens vorgelagert ist,Eberhard Rack: Kleine Landeskunde Ostfriesland. Isensee-Verlag, Oldenburg 1998, S. 94. befindet sich das gesamte Ortsgebiet von Norddeich in der Marsch. Die dort vorherrschenden sandigen Tonböden (Klei) gelten als sehr fruchtbar. Kennzeichnend für diese Nassböden ist die Notwendigkeit einer intensiven EntwässerungEberhard Rack: Kleine Landeskunde Ostfriesland, Isensee-Verlag, Oldenburg 1998, S. 34. der nur geringfügig über Normalnull liegenden Gebiete, die in Norddeich neben künstlichen Gewässern wie Hafen, Kanälen und Sielen vor allem über das Schöpfwerk Leybucht des Entwässerungsverbandes Norden gewährleistet wird.

Klima Norddeich liegt in der gemäßigten Klimazone, hauptsächlich im direkten Einfluss der Nordsee. Im Sommer sind die Tagestemperaturen tiefer, im Winter häufig höher als im weiteren Inland. Das Klima ist insgesamt von der mitteleuropäischen Westwindzone geprägt. Norddeich liegt an der Klimagrenze zwischen hohem Reiz-, Watt- und Küstenlandklima, womit der Aufenthalt im Ort für bestimmte Erkrankungen ein bedeutsamer Heilfaktor sein kann.

Nach der effektiven Klimaklassifikation von Köppen befindet sich Norddeich in der Einteilung Cfb. C steht für ein warm-gemäßigtes Klima, Cf für ein feucht-gemäßigtes Klima mit warmen Sommern b. Die jährliche Niederschlagsmenge liegt zwischen 725 und 750 Millimeter, die mittlere jährliche Sonnenscheindauer bei 1700 bis 1750 Stunden.Eberhard Rack: Kleine Landeskunde Ostfriesland. Isensee-Verlag, Oldenburg 1998, S. 40.

Die nächstgelegene Wetterstation an der Festlandsküste befindet sich in Emden.

Geschichte Der Großteil des Gebiets des heutigen Ortes war bis in das frühe 18. Jahrhundert hinein landwirtschaftlich genutzte Fläche in der Lintelermarsch und lag weiter im Landesinneren als heute. Nordwestlich von Norddeich gab es am damaligen Deichfuß in der Ortschaft Itzendorf einen ersten Schiffsanleger. Die Weihnachtsflut von 1717 durchbrach die Deichlinie und überflutete Itzendorf. Nachdem Instandsetzungsversuche erfolglos geblieben waren, wurde Itzendorf nach der Neujahrsflut 1721 aufgegeben und die Deichlinie südlich an die heutige Stelle verlegt. In unmittelbarer Nähe des untergegangenen Dorfes entstand spätestens ab 1780 ein rund 20 Metern langer Nachfolgebau für den Hafen, der bis 1840 in Betrieb war.Johann Haddinga, Martin Stromann: Norden/Norddeich – Eine ostfriesische Küstenstadt stellt sich vor. Verlag SKN, Norden 2001, ISBN 3-928327-43-7, S. 48. Östlich davon entwickelte sich seit dem Ende des 18. Jahrhunderts dann ein weiterer Hafen, den man zunächst als Fischerhausen (…) am sogenannten Norddeich bezeichnete. Die Ortsbezeichnung legt nahe, dass in der Siedlung einige Fischer ansässig waren. Um diesen Hafen gruppierten sich zwei Bauernhöfe und ein Wirtshaus zu einer Kleinstsiedlung, die die Keimzelle des heutigen Ortes bildeten.

mini|Strandhalle und Umkleidekabinen der Seebadeanstalt Norddeich (um 1955)

Auch der Tourismus spielte für die Entwicklung des Ortes schon früh eine Rolle. Der wohl älteste schriftliche Beleg dafür ist ein von Roolf W. Seeberg, Inhaber des Seebergskruges am Norddeiche, am 21. Juli 1813 veröffentlichter Prospekt. Darin erklärt er einem geehrtem Publikum: „Die kleine Seebadeanstalt am Norddeiche ohnweit Norden betrf. mache ich Unterzeichneter […] näher bekannt.“Die Zitate finden sich bei Karl Leiner: Norden Norddeich. Gestern, heute und morgen. Verlag SKN, Norden 1972, S. 219 ff. Die Orthographie wurde nicht verändert. Es folgen Informationen und Preisangaben für warme und kalte Bäder in seinem Hause diesseits des Deiches sowie für die Nutzung einer Badekutsche jenseits des Deiches. Seeberg bot zur mehreren Bequemlichkeit der resp. Herren Badegäste auch ein Fahrdienst im verdeckten 4sitzigem Wagen, und zwar zweimal täglich – vormittags um 10 und nachmittags um 2 Uhr – von Norden aus an. Gegen diesen Prospekt, der auf der Vorderseite in deutscher und – mit Blick auf die napoleonische Besatzungstruppen – auf der Rückseite in französischer Sprache abgefasst war, intervenierte der Präfekt des Départements Ems-Oriental, da für die Veröffentlichung keine Genehmigung eingeholt worden sei. Diese aber wäre schon deshalb notwendig gewesen, weil der Prospekt „ein Zulauf von fremden Reisenden auf die äußersten Gränzen des Reiches bewirken [könnte]“. Seeberg wandte sich deshalb – den Dienstweg einhaltend – am 6. August 1813 an den Maire (Bürgermeister) von Lintelermarsch und suchte dort offiziell um eine Genehmigung für seinen Badebetrieb nach. Seinen Antrag begründete er unter anderem auf folgende Weise: „So habe ich mich entschloßen, weill ich am Deiche wohne, vor [= für] unseres Landes Leute zu mehr bequemlichkeit es einzurichten, das Herren und Dames die sich Schienären [= genieren] öffentlich zu baden, sich durch eine Maschine sich können herein farren [= fahren] laßen, und unter ein Fallschirm zu Baden.“ Außerdem verwies Seeberg auf die wissenschaftliche Abhandlung eines Professor Vogels über den Nutzen gebrauch der Seebäder und einen anderen französischen Aufsatz, in dem Vogel die These vertrat, dass das Seebad in mehreren Krankheiten fast durch nichts zu ersetzen ist. Ob der Maire dem Antrag, dem die Bitte, ihn auch der Hf. Prefect Sr. Huld und Wohlwollen zu empfellen, beigefügt war, stattgab, ist nicht bekannt. Die politischen Verhältnisse änderten sich 1813. Norddeich war fortan für zwei Jahre wieder preußisch.

Im Jahr 1813 wurde Norddeich erstmals als Küstenbadeort in der Gemeinde Lintelermarsch bezeichnet. (PDF; 603 kB) abgerufen am 23. April 2010. Als Hafen für das südlich gelegene Norden spielte der Ort hingegen lange Zeit keine Rolle, da die Stadt über einen eigenen Zugang zum Meer verfügte, an dem ein Seehafen lag, der bis weit ins 19. Jahrhundert hinein Bedeutung hatte.

Die Gründung des ersten deutschen Nordseebades auf der vorgelagerten Insel Norderney im Jahr 1797 war für die Entwicklung des Ortes von entscheidender Bedeutung, zunächst noch gebremst von der napoleonischen Besatzungszeit (1806 bis 1813) und der gegen England eingerichteten Kontinentalsperre. Dadurch kam der Bäderbetrieb zum Erliegen. Norddeich gehörte in dieser Zeit zunächst dem Königreich Holland (bis 1810) und schließlich als Teil des Départements Ems-Oriental Frankreich an. Nach einem kurzen preußischen Intermezzo von 1813 bis 1815 fiel der Ort nach dem Wiener Kongress 1815 an das Königreich Hannover. In dieser Zeit begannen Planungen, vor dem schon vorhandenen Haus eine Fährschlenge (eine befestigte Buhne) anzulegen. Dieses Vorhaben genehmigte die erst ein Jahr zuvor gegründete Hannoverschen General-Direction des Wasserbaus, die oberste Zentralverwaltungsbehörde für sämtliche Wasserbausachen des Königreichs Hannover Wasser- und Schifffahrtsdirektion Mitte; abgerufen am 23. April 2010. im Jahr 1824. Aus schweren Feldsteinen, Ziegelsteinschutt, Eisen und Tannenholz wurde dann ein rund 30 Meter langes Bauwerk, das an der Krone eine Breite von vier Metern aufwies, errichtet. Die Unterhaltung erwies sich als sehr kostspielig, da der Anleger durch Sturmfluten und Eiswinter immer wieder stark beschädigt wurde. Dieser staatlich betriebenen Anlegestelle folgte ab 1869/1870 in unmittelbarer Nähe eine privat betriebene Fährschlenge.

mini|Fischerboote im Hafen von Norddeich mini|Bahnhof Norddeich Mole (rechts) und Fähranleger (links) vor der Modernisierung

Zunächst liefen Dampfschiffe aus Bremen und Hamburg Norderney an. Diese erreichten die Insel manchmal erst nach Tagen. Ab 1843 wurde Norderney auch von Emden und Leer mit großen Dampfschiffen angefahren. Dagegen wurde die Verbindung zu Norddeich mit kleinen unkomfortablen Seglern unterhalten, deren Fahrplan von den Witterungsverhältnissen abhängig war. Um „den Verkehr nach den Inseln Norderney und Juist in geordnete Bahnen“ zu bringen, gründeten 23 Männer aus Norden und Norderney im Juni 1871 die Dampfschiffsrhederei Norden. Diese nahm im folgenden Jahr mit dem Schraubendampfer Stadt Norden von Norddeich eine fahrplanmäßige, tidenabhängige Verbindung nach Norderney und Juist auf. Als Anlegestelle für große Dampfschiffe erwiesen sich die Fährschlengen im Hafen Norddeichs als ungeeignet. Mit den steigenden Gästezahlen stießen sie zudem an ihre Kapazitätsgrenze. Hinzu kam die beschwerliche Anreise. Zwar war die Stadt Norden ab 1883 an das nationale Eisenbahnnetz angeschlossen, von dort aus mussten die Gäste und Güter aber umständlich mit Pferdefuhrwerken, Linienwagen und Kutschen in das vier Kilometer entfernte Norddeich transportiert werden. Auch von den Fischern des Ortes gab es Forderungen nach einem Ausbau des Hafens.Johann Haddinga/Martin Stromann: Norden/Norddeich – Eine ostfriesische Küstenstadt stellt sich vor. Verlag SKN, Norden 2001, ISBN 3-928327-43-7, S. 49. Ab 1889 war Norddeich an der Seeseite eine Großbaustelle. Bis 1892 wurden Hafen, Mole und Leitdämme errichtet. Anschließend konnte der tideunabhängige Schiffsverkehr nach Norderney aufgenommen werden. Der Verkehr nach Juist blieb jedoch bis heute von den Gezeiten abhängig. Vier Wochen nach der Hafeneröffnung wurde die von Norden bis an den Fähranleger Norddeich Mole verlängerte Eisenbahnlinie eröffnet.Herbert Obenaus (Hrsg.): Historisches Handbuch der Jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen. Wallstein, Göttingen 2005. ISBN 3-89244-753-5, S. 1123.

Ab 1905 wurde die Küstenfunkstelle Norddeich Radio errichtet, die im April 1907 Eröffnung feierte. Knapp 100 Jahre lang wurden von dort Funktelegramme verschickt und Kommunikation hauptsächlich zu Schiffen auf allen Weltmeeren aufgebaut. Im Ersten Weltkrieg hatte die Station große Bedeutung für die Kaiserliche Marine und war entsprechend geschützt.