mini|St. Johann in Aachen-Burtscheid Die ehemalige Pfarrkirche St. Johann-Baptist in Burtscheid (heute Aachen-Burtscheid) ist eine Johannes dem Täufer geweihte römisch-katholische Kirche und frühere Abteikirche der Reichsabtei Burtscheid. Seit 2010 ist sie Teil der „Katholischen Pfarrgemeinde St. Gregor von Burtscheid“, einer im Rahmen der seit 2008 umgesetzten Gemeindestrukturreform im Bistum Aachen gebildeten Großgemeinde, die sich nach dem Gründer der Abtei, Abt Gregor von Burtscheid, nennt und zu der neben St. Johann-Baptist noch die ehemaligen Pfarren St. Michael-Burtscheid und St. Aposteln, St. Gregorius und Herz-Jesu gehören.

Geschichte mini|Romanische Originalsäulen Nach der Gründung des Klosters im Jahre 997 baute Abt Gregor sowohl eine kleine Kapelle zu Ehren des heiligen Nikolaus von Myra als auch eine zweite, die zunächst dem heiligen Apollinaris von Ravenna geweiht war. Durch reiche Stiftungen von Heinrich II. konnte bereits um 1015 in unmittelbarer Nähe auf dem Johannisberg mit dem Bau einer Klosterkirche im romanischen Stil begonnen werden, die die Apollinaris-Kapelle ersetzte und im Mai 1017 durch den Bischof Gerhard I. von Cambrai zu Ehren Johannes des Täufers geweiht wurde. Das einschiffige Langhaus war 26 m lang und 8 m breit, das Querhaus maß 15,50 m Länge. Ostapsis und der vorgelagerte quadratische Westturm komplettierten den zeittypischen Bau, von dem fünf romanische Zwergsäulen erhalten sind, die zunächst im Gartenhaus der Äbtissin eingebaut wurden. Später veranlasste man ihre Ersetzung durch eine Nachbildung und die Originale wurden in einem geschützten Raum neben der Schatzkammer untergebracht.Albrecht Mann: Die fünf romanischen Säulen vom Gartenhaus hinter dem Klostertor am Burtscheider Abteiplatz. 1998.

Nachdem die Abteikirche St. Johann rund dreihundert Jahre später zu klein und baufällig geworden war, veranlasste um 1350 Äbtissin Aleidis von Müllenark den Bau einer neuen und größeren Kirche im gotischen Stil, die unter ihrer Nachfolgerin Mechtildis von Bongard vollendet wurde. Die neue Kirche wurde etwas weiter südwärts als der bisherige Bau errichtet, etwa an der Stelle, auf der die heutige Kirche St. Johann steht. Der Grundriss ist durch eine Bestandsaufnahme der vorhandenen Pläne von dem Aachener Stadtarchitekten Johann Joseph Couven aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts überliefert. Das dreischiffige Langhaus mit einem weit vorspringenden Chor, dessen Gewölbe auf vier Säulenpaaren ruhte, war 15,60 m breit, die Länge vom Turm bis zum Abschluss des Chores 30,90 m und die ganze äußere Länge inklusive des an der Westseite stehenden Turmes 39,80 m. Diese Kirche hatte sechs Altäre: neben dem Hochaltar, auf dem ein silbernes Tabernakel seinen Platz hatte, noch den Christ-, Muttergottes-, St. Anna-, Bernardus- und den Antoniusaltar.

mini|links|Wappenstein der Äbtissin Anna Carolina Margarethe van Renesse van Elderen der Abtei Burtscheid, eingelassen in der Abteimauer Ab 1715 erfolgten auf Veranlassung der Äbtissin Anna Carolina Margarethe van Renesse van Elderen erneut Planungen, anstelle der gotischen eine zeitgemäße barocke Klosterkirche errichten zu lassen, mit denen der Aachener Stadtarchitekt Johann Joseph Couven beauftragt wurde. Dazu legte er mehrere Entwürfe vor: eine Kreuzkirche mit Vierungskuppel, einen italienisch-barocken Entwurf und ein kurzes Langhaus mit Zentralkuppel. Nachdem man sich auf letzteren Vorschlag geeinigt hatte, konnte mit dem Bau begonnen werden, der sich allerdings aus Kostengründen und dadurch bedingte langwierige Unterbrechungen über mehrere Jahrzehnte dahinzog. Zunächst wurde 1736 der Turm fertiggestellt, 1748 erfolgte der Abriss von Langhaus und Chor des Vorgängerbaus, von dem eine Kante rechts neben dem Westturm heute noch existiert, 1752/1753 erfolgte der Bau des Chorraums und der Kuppel und ein Jahr später, am 12. September 1754, war schließlich der gesamte Rohbau der neuen Abteikirche abgeschlossen. mini|Abteikirche (rechts) um 1796, Gouache von Johann Ferdinand Jansen, 1796 Im Jahr der französischen Besatzung 1794 wurde die Reichsabtei Burtscheid nach über 800 Jahren ihrer Existenz aufgelöst. Im Verlauf der folgenden Säkularisation im Jahr 1802 behielten die Franzosen die Abteikirche als Domaine-Eigentum und benutzten sie als Militärmagazin und Pferdestall. Auch stand in ihr ein Luftballon, mit dem sie in der Kuppel Versuche machten. Als Napoléon Bonaparte 1804 in Aachen weilte, gelang es den Burtscheider Katholiken mit maßgeblicher Unterstützung des amtierenden und vor Ort wohnenden Bischofs von Aachen, Marc-Antoine Berdolet, von ihm die Entscheidung zu erwirken, dass die Kirche wieder für den Gottesdienst freigegeben wurde. Napoléon stimmte dem Antrag zu und St. Johann wurde schließlich 1806 zur zweiten katholischen Pfarrkirche in Burtscheid erhoben.Karl Faymonville: Die Kirchen der Stadt Aachen (= Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz Bd. 10, 2). Schwann, Düsseldorf 1922, S. 229/501-278/550.

Der Zweite Weltkrieg brachte schwere Schäden für die Kirche mit sich. Bereits bei einem ersten Bombenangriff am 5. Oktober 1942 wurden sämtliche Fenster zerstört. Weitere Schäden entstanden bei dem schweren Luftangriff am 14. Juli 1943. Von November 1942 bis April 1943 mussten wegen der einsetzenden Kälte alle Gottesdienste aus der beschädigten Kirche St Johann in die Burtscheider Marienkapelle verlagert werden. Beim letzten Bombenangriff auf Burtscheid am 11. April 1944 brannte die hölzerne Kuppel von St. Johann zusammen mit der Inneneinrichtung der Kirche völlig aus und nur die Außenmauern blieben erhalten. Der anschließende Wiederaufbau dauerte bis in die 1960er Jahre.

Das zu St. Johann gehörende Pfarrheim wurde 1930 vom Architekten Rudolf Schwarz entworfen und nach den erfolgten Kriegsschäden zwischen 1956 und 1964 von Peter Salm wiederhergestellt.

Baugeschichte und Architektur Neubau der Barockkirche Die Abteikirche St. Johann wurde im Zeitraum von 1730 bis 1754 auf dem Grundriss des gotischen Vorgängerbaus errichtet. Sie setzt sich zusammen aus einem zentralen Kuppelbau über einem quadratischen Grundriss, einem einjochigen Chor im Osten mit einer halbkreisförmigen Apsis, einem Langhaus von zwei Jochen Länge und einem im Westen vorgelagerten Turm. Die Längsseite ist zum Ort Burtscheid hin als Fassade ausgebildet, wobei der schlichte Außenbau monumental wirkt. Für die Erbauung dieses Backsteinbaus lieferte der Burtscheider Mühlenbend dem Ziegelbäckermeister Jean Bertrand das Lehm- und Tonmaterial für seine rund 182.000 Ziegelsteine, Johann Mathias Printzen fertigte die Eisenarbeiten. Die an der Kirche verwandten Hausteine wurden bis zur Höhe des Frontons, in welchem sich das Wappen der Äbtissin Antoinette von Woestenraedt befindet, aus einem der Abtei gehörenden Steinbruch bei Buschhausen entnommen, während die höher angebrachten Hausteine aus anderen Steinbrüchen, meist aus Raeren, stammten. mini|hochkant|Westturm mit seitlichem Hauptportal Couven begann zunächst mit dem Bau des vorgelagerten quadratischen Westturms, der sich von 1736 bis 1741 hinzog. Der Turm ist viergeschossig, Parterre und erstes Geschoss bilden eine Einheit. Er ist mit einem offenen Glockengeschoss und einem laternenbekrönten Mansarddach abgeschlossen. Das Hauptportal befindet sich an der Nordseite des Turmes und ist reich gegliedert. Über diesem ist das Wappen der Äbtissin von Renesse eingelassen, in deren Auftrag der Bau begonnen wurde. Die Stirnseite des Turmes zum Abteiplatz hin hat dagegen ein schlichtes Portal mit ihrem Wahlspruch „DOMINUS PROVIDEBIT“ (Gott wird sorgen) und der Jahreszahl 1736.

Erst nach langer Pause kam es im Jahre 1748 zum Abbruch der alten Klosterkirche und zur Wiederaufnahme der Bauarbeiten für die neue Kirche St. Johann. Diese ist 45 m lang, Kirchenschiff und Chor sind 11,50 m breit, das Kuppelquadrat 18,80 m hoch, die Höhe bis zum Kuppelscheitel beträgt 34,20 m. Couven hatte einen achteckigen Kuppelbau gestaltet, der sich über einem Tambour erhebt und durch eine Ädikula betont wird sowie mit einer zweigeschossigen Pilasterordnung versehen ist. Über einem umlaufenden Gesims setzt das Tonnengewölbe an, welches durch Gurtbögen unterteilt ist.

An den Mittelbau lehnt sich östlich der Chor und westlich in gleicher Ausdehnung das Langhaus mit dem Turm an. Der Chor hat die gleiche Höhe und Breite wie das tonnengewölbte Langhaus. Dieses wird durch Luken und Mansarden belebt und dessen Mauerpfeiler tragen ionische Pilaster mit blumengeschmückten Kapitellen. Das Zusammenspiel von Kuppel, Turm und Dachreitern gibt dem Bau seine einzigartige Silhouette. Über dem großen Rundbogenfenster an der Nordseite des Mittelbaus befindet sich das Wappen der Äbtissin von Woestenrath. Dieses Wappenzeichen des Schwans im Hirschgeweih wurde später Teil des Stadtwappens von Burtscheid und ist heute noch im Wappen der Städteregion Aachen enthalten. An der Südseite des Langhauses befindet sich eine kleine Seitenkapelle als Gedächtnisraum, in der ein Totenbuch mit den Namen der Kriegsopfer der Pfarre St. Johann ausliegt. Im Innern wird die Kirche geprägt durch das Querhaus unter der Kuppel, welches die Form eines unregelmäßigen Achtecks aufweist. Über einem Abschlussgesims setzt die Wölbung der Innenkuppel ein, deren acht Gewölberippen sich im Rahmen der Lichtlaterne vereinigen. Mehrere in den Wänden eingebaute Nischen in Muschelform dienen der Aufnahme der Apostelstatuen. Die Mitte der Rundung ist durch eine fensterartige Nische betont, vor der sich der Platz der Äbtissin befand. Auf Höhe des Querhauses im Übergangsbereich zum Chor befand sich der ursprüngliche Doppelaltar, weil der dahinter liegende freie Chorraum zur Zeit der Abteiherrlichkeit für die Stiftsdamen und deren Schöffen genutzt wurde. mini|Blick in den Totenkeller Unter dem Chor, etwa auf Höhe der Chor-Apsis, befindet sich der Totenkeller der Abteikirche, der offensichtlich beim Neubau im 18. Jahrhundert angelegt wurde, da er erstmals durch Skizzen von Couven belegt wird. Der Zugang ist nur von der nordöstlichen Außenseite der Kirche über eine vierzehnstufige Treppe möglich. In dem tonnengewölbten 2,85 m mal 9,30 m langen und 2,20 m bis 2,60 m hohen Raum sind die durchnummerierten Grabkammern in zwei übereinander liegenden Reihen an den Längsseiten angelegt. Die meisten der 32 Grabkammern sind bis auf wenige Ausnahmen gut erhalten, nur zwei sind eingestürzt. Die Inschriften auf den aus Naturstein gemeißelten Schließplatten sind bei sieben Kammern eindeutig bestimmten Personen zuzuordnen, bei den restlichen lassen sich nur Bruchteile erkennen. Endoskopische Untersuchungen ergaben aber, dass alle Grabkammern teilweise mehrfach belegt worden waren.Kurt Jünger: Der Totenkeller der ehemaligen Abteikirche St. Johann-Baptist, Pfarre St. Johann (Hrsg.), Burtscheid 2000

Da Couven seit 1748 in Düsseldorf beim Bau des Schlosses Jägerhof tätig war, ist es fraglich, ob er die Oberleitung des Burtscheider Bauwerks behalten hatte. Hofbaumeister Johann Heinrich Nosthofen, auch Noshofen genannt, ein in Düsseldorf arbeitender Ingenieur und Architekt, der unter anderem das Düsseldorfer Schloss umgestaltet hatte, leitete deshalb die bautechnische Beratung der Bauausführung der Burtscheider Abteikirche. Er nahm unter anderem Veränderungen und Verstärkungen an der Kuppelkonstruktion vor und musste wegen aufkommenden Schwierigkeiten bei deren Anfertigung während des Baus mehrmals von Düsseldorf anreisen. Die Fenster und Treppen wurden im August 1754 in den Kuppelmantel eingesetzt. Für die Holzkonstruktion der Kuppel holte Couven die Gebrüder Paul und Franz Klausener aus Tirol, die als Maurermeister hoch angesehen waren und die beim gleichzeitigen Bau von St. Michael ebenfalls als Zimmer- und Maurermeister eingesetzt wurden.Karl Faymonville: Die Kirchen der Stadt Aachen (= Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz Bd. 10, 2). Schwann, Düsseldorf 1922, S. ?. Schließlich erfolgte am 12. September 1754 die Fertigstellung des Rohbaus.

Veränderungen in der Preußenzeit