mini|Tacitus, moderne Skulptur vor dem Parlamentsgebäude in Wien Publius Cornelius Tacitus (* um 58; † um 120) war ein bedeutender römischer Geschichtsschreiber, Politiker und Senator. Tacitus’ ganz oder weitgehend erhaltene Schriften sind Agricola, Germania, Dialogus de oratoribus, Historien und Annalen. Sowohl die Historien als auch die Annalen gehören zu den bekanntesten und wichtigsten historischen Schriften der römischen Geschichte, sind aber nur teilweise erhalten. Die Germania ist eine bedeutende ethnographische Darstellung verschiedener Stämme der Germanen, die aber eine sehr problematische Rezeptionsgeschichte aufweist.
Name und Familie Tacitus’ praenomen (Vorname) dürfte, wie aus einer Handschrift ersichtlich, Publius gewesen sein,Anthony R. Birley: The life and death of Cornelius Tacitus. In: Historia 49 (2000), S. 231 mit Anm. 4. wenngleich ihn Sidonius Apollinaris (5. Jahrhundert) als Gaius bezeichnete. Das Cognomen Tacitus (wörtlich „der Schweigsame“) findet sich auch beim möglichen Vater des Historikers, einem Prokurator der Provinz Gallia Belgica, den Plinius der Ältere erwähnt.Plinius der Ältere, naturalis historia 7, 76: Corneli Taciti, equitis Romani Belgicae Galliae rationes procurantis („des Cornelius Tacitus, eines römischen Ritters, der die Finanzen der Gallia Belgica verwaltete“). Wenn diese Verbindung korrekt ist, gehörte Tacitus’ Familie dem Ritterstand an, und er stieg als ihr erster Angehöriger (homo novus) in die Nobilität auf. Die Familie stammte wahrscheinlich aus einer der westlichen römischen Provinzen, vielleicht Gallia Cisalpina oder Gallia Narbonensis.Ronald Syme, Tacitus, Bd. 2, S. 611 ff., hat als möglichen Herkunftsort Vasio (Vaison-la-Romaine) vorgeschlagen. Tacitus’ mögliche Grabinschrift (Epigraphische Datenbank Heidelberg mit Abbildung und Rekonstruktionszeichnung): [---]cito Ca[--- X]viro stlitib[us iudicandis --- quaesto]ri Aug(usti) tribun[o] plebis („dem -cito Ca---, Decemvir stlitibus iudicandis, … Quästor des Kaisers, Volkstribun“); dazu Géza Alföldy: Bricht der Schweigsame sein Schweigen? Eine Grabinschrift aus Rom. In: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Römische Abteilung. Band 102, 1995, S. 251–268. überliefert mit CA den Beginn eines weiteren Namensbestandteils; möglicherweise lautete er vollständig Caecina (Paetus?), was auf eine familiäre Verbindung mit der senatorischen Familie der Caecinae hindeuten könnte. Eventuell war Tacitus’ Vater mit einer Caecinia verheiratet.Birley: The life and death of Cornelius Tacitus, S. 231–233.
Leben mini|Mutmaßliche Grabinschrift für Tacitus (Fragment), Museo delle Terme di Diocleziano, Rom Über Tacitus’ Leben existieren nur verstreute Zeugnisse von ihm selbst oder von seinen Zeitgenossen, vor allem vom jüngeren Plinius, in dessen Briefesammlung Tacitus der häufigste Adressat ist. Er dürfte etwa 58 n. Chr. geboren seinBirley: The life and death of Cornelius Tacitus, S. 236. und wurde offenbar zielstrebig auf den Eintritt in den Staatsdienst vorbereitet. Als seine Lehrer nennt er selbstTacitus, dialogus 2, 1. Marcus Aper und Iulius Secundus. Er schlug die übliche Laufbahn als Gerichtsredner, also Rechtsanwalt, ein. Schon als junger Mann brachte er es zu Ansehen, wie der etwas jüngere Plinius angibt, der ihm nachzueifern strebte.Plinius der Jüngere, epistulae 7, 20, 4. Etwa im Jahr 76 oder 77 verlobte sich Tacitus mit der Tochter des Konsuls Gnaeus Iulius Agricola und heiratete sie bald darauf. Unter Vespasian begann er die politische Karriere eines römischen Senators (cursus honorum), die er unter den beiden folgenden flavischen Kaisern fortsetzte.Tacitus, Historiae 1, 1, 3: dignitatem nostram a Vespasiano inchoatam, a Tito auctam, a Domitiano longius provectam non abnuerim („ich will nicht ableugnen, dass mein Rang von Vespasian begonnen, von Titus vermehrt, von Domitian noch weiter vorangebracht wurde“). In welchen Jahren er dabei die üblichen Ämter bekleidete, ist nicht genau bekannt, lässt sich aber aus dem Vergleich mit besser dokumentierten Karrieren teilweise erschließen. Nach einer neueren Vermutung, die eine fragmentarisch überlieferte Grabinschrift auf Tacitus bezieht, war er Decemvir stlitibus iudicandis, etwa im Jahr 76, und anschließend vermutlich Militärtribun.Birley: The life and death of Cornelius Tacitus, S. 237–238, hält es für möglich, dass Tacitus im Heer seines Schwiegervaters diente, der zu dieser Zeit Statthalter von Britannien war. Die Inschrift nennt als nächstes Amt eine Vertrauensstellung beim Kaiser als quaestor Augusti, die Tacitus vielleicht gegen Ende der Herrschaft des Titus im Jahr 81 bekleidete. Letztes erhaltenes Amt auf der Inschrift ist das Volkstribunat, das in die ersten Jahre der Herrschaft Domitians fallen dürfte. Möglicherweise war Tacitus vorher oder nachher als Legat eines Prokonsuls in einer Provinz.So die Vermutung von Birley: The life and death of Cornelius Tacitus, S. 237–238.
Von Tacitus selbst ist bezeugt, dass er 88 n. Chr., im Jahr der von Domitian gefeierten Säkularspiele, Prätor war und zu diesem Zeitpunkt schon die religiöse Funktion eines Quindecimvir sacris faciundis innehatte.Tacitus, Annales 11, 11, 1. Anschließend war er (als Statthalter oder Legat einer Legion?) mehrere Jahre lang nicht in Rom und deswegen nicht zugegen, als sein Schwiegervater im Jahr 93 starb.Tacitus, Agricola 45, 4–5. Tacitus kann also, übrigens ebenso wie Agricola, kaum als Gegner Domitians gelten, sondern er machte unter diesem Kaiser, den er später als Tyrannen darstellte, Karriere. Während der Herrschaft Nervas (96–98 n. Chr.) im Jahre 97 wurde Tacitus Suffektkonsul – umstritten ist, ob ihn hierzu bereits Domitian designiert hatte – und hielt in diesem Amt eine Leichenrede auf Lucius Verginius Rufus.Plinius, epistulae 2, 1, 6. Etwa in dieser Zeit, spätestens mit Beginn der Herrschaft Trajans (98–117 n. Chr.), nahm er seine schriftstellerische Tätigkeit auf.
Im Jahr 100 klagte Tacitus zusammen mit Plinius den früheren Statthalter der Provinz Africa, Marius Priscus, in einem Repetundenverfahren an.Plinius, epistulae 2, 11. In den folgenden Jahren bis 104/105 scheint er zeitweilig von Rom abwesend gewesen zu sein,Plinius, epistulae 4, 13, 1. möglicherweise als Statthalter einer konsularischen Provinz.Birley: The life and death of Cornelius Tacitus, S. 247, Anm. 70, weist auf eine ohne Namensnennung erhaltene Inschrift vom Anfang des 2. Jahrhunderts hin (); der in ihr Geehrte, Quindecimvir wie Tacitus, war Statthalter von Germania Inferior und Hispania Tarraconensis. Nach seiner Rückkehr arbeitete er an seinem ersten großen Geschichtswerk, den Historien, erwähnt in mehreren Briefen des Plinius.Plinius, epistulae 6, 16 und 20; 7, 33. Tacitus bekleidete, wohl im Amtsjahr 112/113, das Prokonsulat der Provinz Asia, wie eine in Mylasa gefundene Inschrift zeigt.Inschriften von Mylasa 365, Z. 2: („unter dem Prokonsul Cornelius Tacitus“). Das Amt des proconsul Asiae war eine der prestigeträchtigsten Positionen, die ein Senator bekleiden konnte, was darauf hindeutet, dass Tacitus hoch in der Gunst des Kaisers stand. Er hat vermutlich Trajan überlebt; das genaue Todesjahr ist nicht bekannt.Zur Frage vgl. Birley: The life and death of Cornelius Tacitus, S. 241–247, der es wie schon Ronald Syme für möglich hält, dass große Teile der Annalen erst unter Hadrian entstanden sind, während andere Wissenschaftler keine Anzeichen dafür sehen, dass Tacitus Trajan überlebt hat.
Werke Allgemeines Tacitus galt als einer der bedeutendsten Redner seiner Zeit; der Redekunst widmete er unter stilistischer Anlehnung an Marcus Tullius Cicero, den bedeutendsten Redner der goldenen Latinität, den Dialogus de oratoribus. Nach dem Konsulat (97) unter Nerva begann er mit der Arbeit an seinen großen Geschichtswerken, die sich eventuell bis in die Herrschaft des Kaisers Hadrian hinzog. Tacitus schrieb seine Geschichtswerke aus der Perspektive des Senators, der die Zeit der römischen Kaiser von Tiberius bis Domitian danach beurteilt, wie weit sie noch den Idealvorstellungen der römischen Republik entsprach. Im Grunde lehnte er die Monarchie ab und beklagte immer wieder den Verlust der senatorischen Freiheit. Seine scharfen und sprachlich brillanten Analysen haben das moderne Bild vom Römischen Reich im 1. Jahrhundert n. Chr. wesentlich geprägt. Er kritisierte zeitgenössische Zustände als Verfallserscheinungen und versuchte, dies anhand bewusst ausgewählter Episoden der Geschichte zu belegen. Der subtilen Koloration der Charaktere kam die Aufgabe zu, dem Leser ein ganz bestimmtes Bild zu vermitteln. Dabei ist zu beachten, dass Tacitus sich zwar ausdrücklich der Maxime sine ira et studio (lateinisch „ohne Zorn und Eifer“) verschrieben hatte; dies meinte aber keine neutrale oder objektive Berichterstattung. Ähnlich wie sein Vorbild Sallust wollte Tacitus durch die Formel seine Unabhängigkeit von der Tagespolitik betonen: Er beanspruchte, weder aus Rachsucht noch aus Angst oder Gefälligkeit zu schreiben.
Bei der Wiedergabe tatsächlicher Ereignisse hielt er sich in der Regel an die Fakten, wie ein Abgleich mit der 1982 gefundenen Tabula Siarensis, einer Inschriftentafel, deutlich macht.Vergleiche etwa Wolfgang Dieter Lebek: Die zwei Ehrenbeschlüsse für Germanicus und einer der „seltsamsten Schnitzer“ des Tacitus (ann. 2,83,2). In: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik. Band 90, 1992, S. 65–86 (PDF) Seine Auswahl des Materials und die Interpretation der Vorgänge ist hingegen selten objektiv. Dies zeigt sich beispielhaft bei der Charakterisierung des Tiberius, dem Tacitus grundsätzlich üble Absichten und Hintergedanken unterstellte. Hier macht sich Tacitus’ Denken in stereotypen Kategorien bemerkbar. Seine Angaben sind besonders dann zu hinterfragen, wenn er die Verantwortung für das Berichtete nicht selbst übernimmt, sondern ausdrücklich Gerüchte oder Erzählungen anderer wiedergibt – dies gilt etwa für seine wenig plausible Darstellung der angeblichen Ermordung des Claudius.
mini|Tacitus, Annalen (Ende des 11. und Anfang des 12. Buches) in der Handschrift Florenz, Biblioteca Medicea Laurenziana, Plut. 68,2, fol. 6v (2. Hälfte des 11. Jahrhunderts) Als Quellen dienten dem Geschichtsschreiber Tacitus neben mündlichen Berichten und Senatsakten auch mehrere Geschichtswerke, die nicht erhalten sind. Er benutzte unter anderem die Germanenkriege und die Historien des älteren Plinius. Des Weiteren wurden wohl die Werke des Aufidius Bassus, des Servilius Nonianus, des Fabius Rusticus und des Cluvius Rufus in Anspruch genommen.Ausführliche Diskussion bei Syme, Tacitus, passim. Allgemein siehe auch John Wilkes: Julio-Claudian Historians. In: Classical World 65 (1972), S. 177ff. Die Tatsache, dass diese Werke verloren sind, erschwert es erheblich, die Originalität und Bedeutung des Tacitus im Vergleich zu seinen Vorgängern zu beurteilen. In der neueren Forschung wird davon ausgegangen, dass Tacitus jeweils mehrere Quellen benutzt hat.
Die Werke in vermuteter Entstehungsfolge: Agricola (De vita et moribus Iulii Agricolae) – Biographie des Feldherrn Gnaeus Iulius Agricola, seines Schwiegervaters, mit einer geographischen Beschreibung Britanniens. Germania (De origine et situ Germanorum liber) – Geographie und Kultur der Germanen, teilweise seinen Landsleuten als Gegenbild zu einer korrupten und dekadenten Gesellschaft vor Augen gehalten. Dialogus de oratoribus – über den Verfall der Beredsamkeit. Historien (Historiae) – Geschichte des römischen Reiches von Galba (69) bis Domitian (96) (nur teilweise erhalten). Annalen (Annales bzw. ab excessu divi Augusti) – Geschichte des römischen Reiches vom Tod des Augustus (14) bis Nero (68) (etwa zur Hälfte erhalten)
Charakter der taciteischen Historiographie