Der Neokatechumenale Weg (NKW), auch Neo-Katechumenaler Weg oder Neokatechumenat genannt, ist eine zu den neuen geistlichen Gemeinschaften gerechnete Gruppierung in der römisch-katholischen Kirche, die ein spezielles (Neu-)Katechumenat zur (Wieder-)Einführung bereits getaufter Erwachsener in den christlichen Glauben anwendet. Die Mitglieder werden kurz auch Neos oder Kikos (nach dem Begründer Kiko Argüello) genannt. Die Bewegung versteht ihre Methode als „Itinerarium“, also als Bildungsweg zur Glaubensunterweisung. Dabei steht nicht die Vermittlung von Glaubenswissen, sondern persönliche Glaubenserfahrung im Mittelpunkt. Ziel des Wegs ist es, schon im „Diesseits“ eine evangelisierte, geistlich geprägte Welt zu verwirklichen und die persönliche Glaubenserfahrung durch Mission weiterzutragen. Dafür werden auf dem Neokatechumenalen Weg kleine Gemeinschaften gebildet, die nach ihrem Selbstverständnis „wie die Heilige Familie von Nazaret (…) in Demut, Einfachheit und Lobpreis leben“.
Der Neokatechumenale Weg wurde 1964 von Kiko Argüello, Carmen Hernández und dem Ordenspriester Mario Pezzi in Madrid initiiert und steht nach eigenem Verständnis „im Dienst des Bischofs als eine der diözesanen Durchführungsweisen der christlichen Initiation und der ständigen Glaubenserziehung“. Bis zum Ende der 1990er Jahre besaß die Bewegung keine juristisch fixierte Satzung, sondern wurde allein durch die Weisungen der Gründer und Länderverantwortlichen (sogenannter „Itineranten“) geführt. Das um die Jahrtausendwende auf Druck des Vatikans erarbeitete Statut des Neokatechumenalen Wegs wurde am 11. Mai 2008 vom Heiligen Stuhl endgültig kirchenrechtlich approbiert.Radio Vatikan: Vatikan: Statuten des Neokatechumenalen Wegs genehmigt. 12. Juni 2008.
Geschichte Gründung mini|Ikone von Kiko Argüello mit dem Motto des Neokatechumenalen Wegs: „Hay que hacer comunidades cristianas como la Sagrada Familia de Nazaret, que vivan en humildad, sencillez y alabanza. El otro es Cristo.“ Das Jahr 1964 wird üblicherweise als Gründungsjahr des Neokatechumenalen Wegs betrachtet. Damals begannen Kiko Argüello und Carmen Hernández in den Barackensiedlungen von Palomeras Altas im Bezirk Puente de Vallecas im Süden von Madrid mit der Glaubensverkündigung. In Anlehnung an die theologische Terminologie der Konzilszeit nannten sie den Kern ihrer Verkündigung „Kerygma“, die Botschaft des Evangeliums. Ihre Methode beschrieben sie als „Dreifuß“, der die konstitutiven Elemente „Wort Gottes“, „Liturgie“ und „Gemeinschaft“ enthält. Der damalige Erzbischof von Madrid, Casimiro Morcillo González, unterstützte das Unternehmen, sodass sich die Gruppe in Madrid und anderen spanischen Diözesen langsam ausbreitete. Im November 1968 zogen Kiko Argüello und Carmen Hernández nach Rom in den Stadtteil Borghetto Latino und begannen mit Unterstützung des damaligen Generalvikars von Rom, Angelo Dell’Acqua, mit Katechesen in der Pfarrei Nostra Signora del Santissimo Sacramento e Santa Martiri Canadesi.
Ursprünglich hatte die heute als Neokatechumenaler Weg bezeichnete Gruppierung keinen Namen; oft wurde jedoch der Begriff Kiko-Familien benutzt.Gordon Urquhart: Im Namen des Papstes. Wie ultrakonservative Organisationen die Macht in der Kirche übernehmen. S. 37. Unter Berufung auf Papst Paul VI., der die Kiko-Gruppen in einer Audienz 1974 als „Frucht des Konzils“ bezeichnete und ihre katechetische Arbeit lobte,Zenit (Nachrichtenagentur): nannte die Gruppe ihren Weg ab 1972 „Neo-Katechumenat“, wobei sich der Name an der Forderung der Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils orientiert, ein mehrstufiges Katechumenat für Erwachsene wiederherzustellen. Als „Katechumenat“ bezeichnet die Kirche eigentlich die Ein- und Unterweisung der (erwachsenen) Taufbewerber („Katechumenen“) in den christlichen Glauben vor ihrer Taufe. Die Vorsilbe „Neo-“ soll die Intention des „Wegs“ verdeutlichen, die als Kind nur unbewusst erlebte Taufe und die im Verständnis der Bewegung deshalb bei der Masse der Gläubigen fehlende Ein- und Unterweisung in die Tragweite der christlichen Glaubensbotschaft und -entscheidung nachzuholen und den persönlichen Glauben auf diese Weise wiederzuentdecken und zu erneuern.
Als charismatische Führungsgestalt sieht sich Argüello selbst im Auftrag der Mutter Gottes handelnd, die ihm die Weisung gegeben haben soll, christliche Gemeinschaften nach dem Vorbild der Heiligen Familie von Nazaret zu gründen: „Man muss christliche Gemeinschaften wie die Heilige Familie von Nazaret schaffen, die in Demut, Einfachheit und Lobpreis leben. Der andere ist Christus.“ Dieser Satz ist auf der Ikone des Neokatechumenalen Wegs zu lesen, die Argüello, der von Beruf Ikonenmaler ist, zu Ehren der Heiligen Gottesmutter Maria anfertigte.
Ausbreitung und kirchenrechtliche Anerkennung Seit Gründung des Neokatechumenalen Wegs hat sich die Gruppierung weltweit etabliert und ausgebreitet, oft mit Unterstützung namhafter kirchlicher Würdenträger. Nach Deutschland soll der Neokatechumenale Weg laut Eigendarstellung in den 1970er Jahren mit Unterstützung des damaligen Theologieprofessors Joseph Ratzinger gekommen sein, des späteren Glaubenspräfekten und Papstes Benedikt XVI. Ratzinger ist allerdings auch als Kritiker der Bewegung bekannt geworden und hat ihre Anerkennung in seinem Pontifikat als Papst gebremst, weil die liturgischen Abwandlungen und Eigenriten der Neokatechumenalen dem Liturgieverständnis Ratzingers grundsätzlich widerstrebten. Eine große Rolle für die kirchliche Anerkennung und Bedeutung der Kikos spielte ihre ausgeprägte Berufungspastoral und die in den Augen vieler kirchlicher Amtsträger zukunftsträchtige Bedeutung für die Sicherung des Priester- und Ordensnachwuchses.Raoul Löbbert: Satan auf der Schulter. In: Die Zeit Nr. 30/2014 (17. Juli 2014), Onlinefassung vom 21. Juli 2014, abgerufen am 24. November 2019.José García: Europa bedarf einer tiefgreifenden Umkehr. In: Die Tagespost, 13. Juni 2018, abgerufen am 24. November 2019 (Interview mit Kardinal Rouco Varela). 1988 wurde in Rom das erste Priesterseminar Redemptoris Mater eröffnet, wo ausschließlich Seminaristen des Neokatechumenalen Wegs ausgebildet werden. Im Jahr 1990 wurde der Neokatechumenale Weg von der römisch-katholischen Kirche als geistliche Bewegung anerkannt und von Papst Johannes Paul II. als ein „Itinerarium katholischer Bildung, gültig für die Gesellschaft und für die gegenwärtige Zeit“ gewürdigt. Gleichwohl verboten einzelne Bischöfe, darunter Bischof Mervyn Alexander von Clifton (England), die Tätigkeit des Neokatechumenalen Weges, weil dieser separate Gottesdienste feierte und Gemeinden spaltete.Katholische Nachrichten-Agentur, 30. Januar 1997.
Erst 1997 wurde durch den damaligen Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre, Joseph Kardinal Ratzinger, eine schriftliche Fassung der Statuten verlangt, um den Neokatechumenalen Weg mittelfristig auch kirchenrechtlich anerkennen zu können. Die nach erneuter Mahnung des Vatikans 2001 ausgearbeiteten Statuten des Neokatechumenalen Wegs wurden erstmals 2002 approbiert, zunächst wie bei kirchlichen Vereinen üblich probeweise für einen Zeitraum von fünf Jahren. Mit Dekret vom 28. Oktober 2004 wurde der Weg vorzeitig zur öffentlichen juristischen Person der katholischen Kirche erklärt.Bernhard Sven Anuth: Der Neokatechumenale Weg: erfolgreich, innovativ, umstritten. Zur Institutionalisierung einer „Bewegung“ in der römisch-katholischen Kirche (PDF; 6,0 MB). In: Archiv für katholisches Kirchenrecht 182 (2013), S. 103–160, hier: S. 113. Ende 2005 beurteilte die Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung einige der liturgischen Abweichungen nach einem längeren Überprüfungsverfahren als problematisch und verpflichtete die Führung des Neokatechumenalen Wegs zur Öffnung ihrer Messfeiern für alle Gläubigen (Art. 13.3).
In einem privaten Brief an Kiko Argüello, Carmen Hernández und Mario Pezzi, der durch Dritte an die Medien weitergeleitet wurde, ordnete der Präfekt Francis Kardinal Arinze die Änderung der kritisierten Punkte an. Einiges, wie die Verlegung des Friedensgrußes vor das Hochgebet, wurde als eine Abweichung vom römischen Messkanon uneingeschränkt erlaubt. Hinsichtlich des Empfangs der Kommunion im Sitzen und des Feierns der Heiligen Messe an einem normalen Tisch wurde ein Aufschub von zwei Jahren gewährt.Francis Kardinal Arinze: , 9. Januar 2006 Am 12. Januar 2006 forderte der Papst selbst darüber hinaus das Neokatechumenat auf, die Normen „aufmerksam zu befolgen“.
Genehmigung der Statuten Im April 2008 wurde bekannt, dass die Statuten nach der zeitlich beschränkten Päpstlichen Approbation von 2002 bis 2007Approbationsdekret (englisch) laut Bischof Josef Clemens deshalb „nicht in kurzer Zeit“ anerkannt wurden, weil die Eucharistiefeier immer noch nicht nach den Vorgaben der römisch-katholischen Kirche ausgerichtet seiRadio Vatikan: „Vatikan: Statut der Neokatechumenalen“ (10. April 2008). Die endgültige Päpstliche Approbation folgte schon einen Monat später am 11. Mai 2008, nachdem das Statut durch die Kongregation für die Glaubenslehre, die Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, die Kongregation für den Klerus und die Kongregation für das Katholische Bildungswesen in Zusammenarbeit mit dem Päpstlichen Rat für die Laien geprüft worden war.
Anlässlich des 40 Jahre langen Bestandes des Neokatechumenalen Wegs in der Diözese Rom feierte Papst Benedikt XVI. am 10. Januar 2009 zusammen mit 25.000 Neokatechumenen aus der Diözese einen Gottesdienst im Petersdom und lobte dort die Früchte des Neokatechumenalen Wegs, mahnte aber auch Einheit mit der Kirche an.Radio Vatikan: „Papst dankt Neokatechumenat“ (11. Januar 2009)Zenit.org: Am 20. Januar 2012 empfing der Papst 7.000 Repräsentanten des Wegs zur Audienz in der Aula Paul VI. (beim Vatikan gelegen), an der Spitze Kiko Argüello, Carmen Hernandez und Don Mario Pezzi.
Feier des fünfzigjährigen Bestehens Am 5. Mai 2018 fand in Anwesenheit von Papst Franziskus und ca. 150.000 Mitgliedern des Neokatechumenalen Wegs auf dem Gelände der Universität Tor Vergata eine Dankfeier statt. Bei dieser Gelegenheit entsandte der Papst zahlreiche Familien für 34 neu gegründete Missiones ad Gentes.Vaticannews: „Der Liebe Gottes eine Stimme geben: Papst trifft Neokatechumenalen Weg“, 5. Mai 2018, abgerufen am 24. September 2019 Papst Franziskus erinnerte sie daran, dass der Geist Gottes „in jedem Volk zu Hause [ist und] bereits den Samen gelegt hat“, und ermutigte die Anwesenden: „Euer Charisma ist ein großes Geschenk Gottes für die Kirche unserer Zeit“.Papst Franziskus: „Ansprache von Papst Franziskus“ anlässlich der „Internationale[n] Begegnung zum 50. Gründungstag des Neokatechumenalen Wegs“
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