Desertec (Eigenschreibweise: DESERTEC) ist eine Stiftung, die das Ziel verfolgt, nachhaltig und ökologisch vertretbar elektrische Energie an sonnenreichen Standorten der Welt zu erzeugen. Sonnenreiche Wüsten stehen daher im Fokus. Die Energie soll dort für den lokalen Verbrauch genutzt, aber auch in Industrieregionen exportiert werden, z. B. mittels Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung. Energiepartnerschaften sollen Entwicklungsperspektiven ermöglichen.
Das Konzept zur Energieversorgung wurde von der Trans-Mediterranean Renewable Energy Cooperation (TREC) entwickelt, einem internationalen Netzwerk von Politikern, Wissenschaftlern und Ökonomen. Die Desertec Foundation ging aus diesem Netzwerk hervor und ist eine gemeinnützige Stiftung.
Mehrere wissenschaftliche Studien, u. a. vom deutschen DLR, legen nahe, dass das Konzept umsetzbar sei und ökologische und ökonomische Vorteile für Europa und Afrika bieten kann. Allerdings waren Photovoltaik und Solarthermiekraftwerke Anfang der 2010er nicht in der Lage, vor Ort oder in Europa mit fossilen Energieträgern wirtschaftlich zu konkurrieren, wodurch sich die Umsetzung des Projektes verzögerte.
Nachdem der Preis für Solarthermiekraftwerke und Photovoltaik stark gesunken war, wurden erste Pilotprojekte wie das Kraftwerk Ouarzazate (Al Noor Project, Marokko) und der Solarpark Benban (Ägypten) errichtet.
Mit der Genehmigung und Finanzierung des ELMED-Projekts konnte die Initiative auch ihr Ziel umsetzen, Stromkabel zwischen Afrika und Europa zu initiieren.
Neben der Desertec Foundation entstanden nach und nach weitere, von der Stiftung unabhängige Initiativen, die ebenfalls das Ziel verfolgen, erneuerbare Energien in Wüstenregionen zu fördern. China baut seit 2018 Solarthermie, Photovoltaik und Wind in der Gobi-Wüste aus und es gibt Bestrebungen, Australien und Südostasien per Stromkabel zu verbinden.
Konzept und Geschichte von Desertec mini|hochkant=2.5|Skizze einer möglichen Infrastruktur für eine nachhaltige Versorgung von Europa, dem Nahen Osten und Nordafrika (EU-MENA)
Idee der Wüstennutzung vor Desertec (1980–2000) Bereits in den 1980er Jahren hatte der ehemalige AEG-Direktor Reinhard Dahlberg die Vision einer solaren Energieversorgung und legte sie in dem Bericht: „Die großtechnische Nutzung der Sonne“ dar. Auch der Flugzeugkonstrukteur Ludwig Bölkow, der 1983 eine Stiftung für Ökotechnologie gründete, beschäftigte sich mit Energie aus der Wüste. Laut seiner Berechnung würden zur Deckung des Weltenergiebedarfs in Nordafrika eine Million Quadratkilometer an Solaranlagen benötigt, d. h. zwei Drittel der Fläche Algeriens.
In den 1980er und 1990er Jahren wurden solarthermische Kraftwerke in den USA errichtet und betrieben. In Ägypten, Algerien, dem Iran und in Marokko wurden im Rahmen eines Weltbank-Programms in den Jahren 2006 bis 2011 vier mit Solarenergie und Erdgas betriebene Hybrid-Anlagen mit co-finanzierten Mitteln realisiert.
Auch die Windenergie spielt bei der Stromerzeugung in Wüstenregionen eine wichtige Rolle. Im Zeitraum 2000 bis 2010 wurde der Windpark Zafarana am Roten Meer in Ägypten mit einer Gesamtleistung von 545 MW mit rund 700 Windturbinen errichtet.
Das Desertec-Konzept wurde von der Trans-Mediterranean Renewable Energy Cooperation (TREC) entwickelt, die 2003 auf Initiative des Club of Rome, des Hamburger Klimaschutz-Fonds und des Jordanischen Nationalen Energieforschungszentrums (NERC) gegründet wurde. Den Kern von TREC bildete ein internationales Netzwerk aus Politikern, Wissenschaftlern und Ökonomen. Der Physiker Gerhard Knies und Prinz Hassan ibn Talal von Jordanien, der damalige Präsident des Club of Rome, waren die treibenden Kräfte hinter der Gründung und dem Aufbau des Netzwerks. Die grundlegenden wissenschaftlichen Studien zu Desertec wurden von TREC in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) durchgeführt, unter Leitung des DLR-Forschers Franz Trieb.
Anfangsphase von Desertec und erste Konkretisierungen (2009–2012) Die Desertec Foundation wurde 2009 gegründet, um das Desertec Konzept öffentlich zu kommunizieren und Entscheidungsträger aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft zu vernetzen. Im selben Jahr gründeten die Desertec Foundation und 12 Gesellschafter die privatwirtschaftliche Initiative Dii, um die Idee mit Industriepartnern umzusetzen.
Die Idee von Desertec wurde bereits wenige Monate nach Gründung der Stiftung in politischen Kreisen aufgenommen. Der Koalitionsvertrag vom Oktober 2009 für das Kabinett Merkel II erwähnte Desertec in dem Absatz zur Energieaußenpolitik.
Ab 2009 untersuchte und evaluierte ein Zusammenschluss mehrerer Unternehmen die Möglichkeiten der Realisierung der Desertec-Vision in der Mittelmeerregion und im Nahen Osten aus Perspektive der Industrie. Hierfür unterzeichnete die Desertec Foundation am 13. Juli 2009 zusammen mit der Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft und 12 weiteren Unternehmen eine Vereinbarung (Memorandum of Understanding).
Am 30. Oktober 2009 gründeten die Desertec Foundation und 12 Gesellschafter die privatwirtschaftliche Industrieinitiative „Dii GmbH“, um das Desertec-Konzept mit Industriepartnern umzusetzen. Deren Ziel war es zunächst, anhand von Studien und ggf. einer Pilotanlage den Weg zu bereiten, um mittels Solarstrom aus Nordafrika 15 % des europäischen Strombedarfs zu decken.Nadejda Komendantova, Anthony Patt: Employment under vertical and horizontal transfer of concentrated solar power technology to North African countries. In: Renewable and Sustainable Energy Reviews. 40, (2014), S. 1192–1201, S. 1194, doi:10.1016/j.rser.2014.07.072
Die Industrieinitiative wurde mit den folgenden Gesellschaftern aus Europa und Nordafrika gegründet:
ABB Abengoa Cevital Desertec Foundation Deutsche Bank E.ON HSH Nordbank MAN Solar Millenium M+W Zander Münchener Rück RWE Schott Solar Siemens
Als Geschäftsführer der Dii GmbH wurde der Niederländer Paul van Son bestellt.
Die erste Fokusregion zur Umsetzung des Konzepts sollte die MENA-Region sein. Hier sollte mithilfe von solarthermischen Kraftwerken, Photovoltaik und Windkraftanlagen, die Stromerzeugung und dann auch Meerwasserentsalzung vorangetrieben werden. Der saubere Strom sollte einen wesentlichen Teil des Eigenbedarfes der MENA-Länder decken und darüber hinaus mittels Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ) mit geringen Übertragungsverlusten von ca. 3 % pro 1.000 km bis nach Europa geleitet werden.Description in the Summary of the TRANS-CSP Study (PDF; 655 kB)Researched in the TRANS-CSP Study (PDF; 6,3 MB)Scarlet Löhrke: , SWR odysso. Die Einspeisung von Wüstenstrom in das europäische Stromnetz sollte als ergänzende Maßnahme zur Nutzung europäischer erneuerbarer Energieressourcen dienen. Für die Menschen im Nahen Osten und in Nordafrika (MENA) sollte dies Arbeitsplätze, Einkommen, Meerwasserentsalzung ohne CO2-Emissionen und eine Verbesserung der Infrastruktur bedeuten.
Im Jahr 2010 gründete sich das Desertec University Network, um den Wissensaustausch rund um Wüstennutzung zu fördern.
Der 2011 von der Deutschen Gesellschaft Club of Rome e.V. und der Desertec Foundation herausgegebene „DESERTEC-ATLAS“ fasste die wesentlichen Aspekte des Konzeptes zusammen.
Im Jahr 2012 startete eine Wissensplattform, um den internationalen Wissensaustausch und die Zusammenarbeit der Desertec-Community zu vereinfachen. Dieses Projekt wurde von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) gefördert. (englisch).
Es wurden sowohl in Marokko, Algerien und Tunesien Projekte in Betracht gezogen. In Marokko ist die staatliche „Moroccan Agency for Sustainable Energy“ (kurz: MASEN) ein Projektinitiator, der die marokkanische Energiewende durch Pilotprojekte voranbringen soll. MASEN wurde 2010 gegründet.
Auch mit der algerischen Politik befand sich Desertec im Austausch. Am 9. Dezember 2011, im Rahmen eines Treffens zwischen Algerien und der EU in Brüssel, unterzeichnete der Geschäftsführer des algerischen staatlichen Elektrizitätskonzerns Sonelgaz – im Beisein des algerischen Energieministers Youcef Yousfi und des EU-Kommissars für Energie Günther Oettinger – eine Kooperationserklärung. Im Mittelpunkt dieser strategischen Partnerschaft stehen die Stärkung und der Austausch technischer Expertise, die Suche nach Mitteln und Wegen für den Zugang zu ausländischen Märkten und die Förderung der gemeinsamen Entwicklung der erneuerbaren Energien in Algerien und im Ausland.
Umstrukturierung (2012–2014)
Ab 2012 zeichneten sich Herausforderung für die Umsetzung des Projektes ab. Die Dii GmbH, welche als Industriinitiative zur Umsetzung des Projektes beitragen wollte, evaluierte 2012 die eigene Strategie. Einzelne Gesellschafter und auch Strömungen innerhalb der Dii GmbH wollten einen Fokus auf die Entwicklung von Pilotprojekten legen, allerdings betrachtete die Dii GmbH sich stattdessen eher als Wegbereiter für nachhaltige Energiesysteme und Märkte in MENA. Die Dii GmbH entschied sich schließlich, Pläne für das ein Referenzprojekt „Saiwian I“ zu verwerfen und sich weiterhin auf Vernetzung und Wissensaufbau zu konzentrieren.
Die Marktaussichten für CSP waren in den ersten Jahren schlechter als erwartet, wobei auch das Interesse an Wind und PV noch sehr rudimentär war. Der erste große Industriepartner, der die Dii GmbH verließ, war die Siemens AG im Jahr 2012, die ungefähr zeitgleich ihr Engagement für CSP einstellte und das PV-Projektgeschäft stark reduzierte. Bis 2014 folgten weitere Austritte nahezu aller Industrieunternehmen, wobei auch die Desertec Foundation die Dii GmbH im Sommer 2013 verließ.
Viele Medien bewerteten die Entwicklungen der Jahre 2012 bis 2014 als „Ende des Desertec Projektes“, obwohl sowohl die Stiftung als auch die Dii GmbH ihre Aktivitäten fortsetzten.
Drei Gesellschafter verblieben im Jahr 2015 bei der Dii GmbH: RWE aus Deutschland, ACWA Power aus Saudi-Arabien und State Grid of China. Unter der Leitung von Paul van Son verlegte die Dii GmbH ihre Geschäftsräume von München nach Dubai und wirkte dort als ein von der Desertec Foundation unabhängiges Industrienetz und als Denkfabrik („Think Tank“) weiter. Der technologische und geografische Fokus erweiterte sich von Nordafrika zur Arabischen Halbinsel und verschob sich von solarthermischen Kraftwerken auf eine Technologieoffenheit unter Einbeziehung von Wasserstoff, anderen „grünen“ Molekülen und Flexibilität im Verbraucherbereich.
Die Desertec Foundation unterstützte weiter die Umsetzung von Pilotprojekten und behielt unter anderem den Fokus auf die Bereitstellung regelbarer Erneuerbarer Energien durch solarthermische Kraftwerke sowie die Initiierung von Stromtrassen bei.
Umsetzung von Projekten (2013–2024)
Unter der Führung der Weltbank, die ein Förderprogramm zur Implementierung der Solarthermie in Nordafrika aufgestellt hatte, wurde 2013 mit dem Bau des Al Noor Kraftwerkkomplexes in Ouarzazate (Marokko) begonnen, dessen erste Ausbaustufe 2016 fertiggestellt werden konnte. Das Projekt wurde um mehrere Ausbaustufen erweitert, die 2019 offiziell fertiggestellt wurden. Für Praxistests unter realen Bedingungen besteht der Solarkomplex Ouarzazate aus zwei Parabolrinnenanlagen (160 MW, 200 MW), einer Solarturmanlage (150 MW) und einer PV-Anlage (72 MW).
Ägypten initiierte in 2015 den Bau des Benban Solar Parks, welcher von der European Bank for Reconstruction and Development (EBRD) und der International Finance Corporation (IFC) zusammen mit der Bayerischen Landesbank, der Arabisch-Afrikanischen Förderbank und mehreren weiteren Banken finanziert wurde. Dieses Gesamtprojekt, das aus über 30 Einzelprojekten bestand, wurde 2019 fertiggestellt und war damals einer der größten Photovoltaik-Solarparks der Welt.