mini|Statue des auf Sizilien verehrten Volksheiligen Corrado Confalonieri (Noto, Sommer 2007) Die Heiligenverehrung ist das verehrende Gedenken an einzelne Menschen („Heiliger“), von denen eine Glaubensgemeinschaft annimmt, dass sie zu Heiligkeit berufen waren und ein vorbildliches oder heiligmäßiges Leben geführt bzw. die Kriterien für die Heiligsprechung durch die Glaubensgemeinschaft erfüllt haben.
Formen von Heiligenverehrung gibt es innerhalb des Christentums in der römisch-katholischen Kirche, den Ostkirchen, in der anglikanischen Kirche und in einigen protestantischen Konfessionen; darüber hinaus auch im Hinduismus und im Buddhismus, im Islam und im Judentum.
Vergleichende Religionswissenschaft Da über die Definition des Heiligen in der Religionswissenschaft kein Konsens besteht, empfiehlt es sich, die Verehrung lebender Personen nicht als Heiligenverehrung zu bezeichnen, sondern den Begriff enger zu fassen: die Verehrung verstorbener, meist als historisch angesehener Personen, meist mit besonderem Bezug zu ihrem Grab. Der Besuch dieser Gräber ist oft mit der Hoffnung verbunden, der Heilige möge ein Wunder wirken, besonders Krankheiten heilen. Eine Spezialisierung der wundertätigen Kraft, indem bestimmte Heilige für bestimmte Krankheiten „zuständig“ sind, ist dabei naheliegend.
Nicht unter Heiligenverehrung subsumiert werden üblicherweise die Ahnenverehrung sowie die Verehrung von Religionsstiftern und Reformatoren. Als Phänomen der Volksreligiosität wird die Heiligenverehrung von der „offiziellen“ Religion teils nicht beachtet, teils aber auch von Reformbewegungen bekämpft (Beispiel: Wahhabismus).
Heiligenverehrung kann Religionsgrenzen überschreiten. Beispielsweise verehren Hindus sowohl katholische als auch islamische Heiligenschreine, und in Marokko werden jüdische und muslimische Heiligengräber auch von den Angehörigen der jeweils anderen Religion besucht. Die religionsübergreifende Bedeutung eines Heiligengrabes kann allerdings auch Anlass für Konflikte um die Kontrolle der heiligen Stätte sein (Beispiel: Grab des Sufi Hazrat Dada Hayat Khalandar, Baba Budan Giri, Karnataka).
Judentum mini|Chillula von Rabbi Schimon ben Jochai in Meron (2014) Das hellenistische Judentum kannte die Vorstellung, dass Patriarchen und Propheten, aber auch Märtyrer als Fürbitter vor Gott eintreten. Im 4. Buch der Makkabäer (18,23) heißt es, dass die Seelen der Heiligen den Thron Gottes umgeben. Aus der Zeit des Zweiten Tempels ist der Brauch gut bezeugt, für die „Gerechten“ Grabmäler zu errichten (Flavius Josephus, Cassius Dio, Vitae prophetarum, vgl. auch ). Obwohl dies in der rabbinischen Literatur gelegentlich kritisiert wurde, setzte sich die Verehrung von Heiligengräbern in Spätantike und Mittelalter weiter fort. Sie wurden zu Wallfahrtszielen. Jüdische Reisende des Mittelalters erwähnen Votivgaben, Gelübde und Gebetserhörungen, die mit dem Besuch solcher Gräber verbunden waren. Dass die Heiligen am Ort ihres Grabes als Fürbitter angerufen wurden, wird im Talmud mehrfach erwähnt. Vgl. Babylonischer Talmud, Bereschit 18b; Schabbat 152b; Taanit 16a; Sota 34b; Bava Metzia 85b.
Der Besuch von Heiligengräbern hat für Teile der jüdischen Bevölkerung im modernen Staat Israel große Bedeutung. Kerzenentzünden, Psalmrezitation und Gebetszettel sind mit dem Besuch dieser Gräber verbunden. Der Todestag des Heiligen (chillula) wird besonders begangen, ein Beispiel sind die Feiern anlässlich des Todestags von Schimon ben Jochai in Meron.
Christentum Neues Testament Im Neuen Testament wird von Menschen als Heiligen fast immer in der Mehrzahl gesprochen (einzige Ausnahme: Johannes der Täufer als „gerechter und heiliger Mann“, ). Alle Mitglieder einer christlichen Gemeinde wurden mit dem Ehrentitel Heilige bezeichnet, z. B. schrieb der Apostel Paulus an die „Geheiligten in Christus Jesus, die berufenen Heiligen“ in Korinth – ungeachtet dessen, dass es in der Gemeinde Spaltungen und andere Probleme gab . In Aufnahme von Motiven aus dem Alten Testament wurden die Christen von mehreren neutestamentlichen Autoren als heilige Gemeinde beschrieben, deren Mitglieder von Gott erwählt wurden. Die Zugehörigkeit verpflichte auch zur Trennung von der nicht-christlichen Umwelt.
Einige Texte des Neuen Testaments wurden im Lauf ihrer Rezeptionsgeschichte zur Begründung der Heiligenverehrung herangezogen. Der Begriff „Heilige“ kommt in ihnen allerdings nicht vor:
: „Wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle Glieder mit.“ : „Gedenkt eurer Vorsteher, die euch das Wort Gottes verkündet haben! Betrachtet den Ertrag ihres Lebenswandels! Ahmt ihren Glauben nach.“ : „Als das Lamm das fünfte Siegel öffnete, sah ich unter dem Altar die Seelen aller, die hingeschlachtet worden waren wegen des Wortes Gottes und wegen des Zeugnisses, das sie abgelegt hatten.“
Die römisch-katholische Kirche lehrt, dass die Heiligenverehrung „ihren Ursprung in der Heiligen Schrift (vgl. , , )“ habe und „für die erste Hälfte des zweiten Jahrhunderts mit Sicherheit bezeugt“ sei.Direktorium über die Volksfrömmigkeit und die Liturgie vom 17. Dezember 2001 (= Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls, Heft 160), Nr. 208.
Anfänge der Heiligenverehrung in der Alten Kirche Die Christen der Spätantike kannten jüdische Märtyrerverehrung einerseits, paganen Heroenkult andererseits., ebd. Sp. 56: Studies on late antiquity in recent decades have placed considerable importance on the “holy man” …, highlighting parallels between pagan and Christian holy people with respect to miracle-working, spiritual patronage, and commemoration at the tombs.
Das früheste Zeugnis christlicher Märtyrerverehrung stammt aus der christlichen Schrift „Martyrium des Polykarp“ aus dem 2. Jhd., einem Bericht über die Verhaftung und Hinrichtung des Bischofs Polykarp von Smyrna († um 155). Die Gemeinde von Smyrna bestätigt darin, dass sie die Gebeine Polykarps erhalten und bestattet habe. Am Ort seines Grabes werde man sich nun versammeln, um den „Geburtstag seines Martyriums“ voll Freude zu begehen:
Ein Jahrhundert später ist der Märtyrerkult auch im Westen bezeugt; Bezugspunkt für seine Durchsetzung in Rom war das Martyrium Sixtus’ II. († 258) und seiner sieben Diakone. Die Verehrung der Märtyrer orientierte sich an den Formen des antiken Totenkults und umfasste außer der Eucharistiefeier und der Verlesung des Martyriumsberichts auch das Totenmahl (refrigerium). Dass die Märtyrer als Fürbitter angerufen wurden, ist erstmals durch Graffiti (Triclia, Katakomben von San Sebastiano fuori le mura, datiert 9. August 260) bezeugt. Herausragende Märtyrer wurden nun als Patrone verstanden, die das Anliegen der Gläubigen, die sich an sie wandten, bei Gott vertraten. Andreas Graßmann: Das Patrozinium. Eine kirchenrechtliche Darstellung mit besonderer Berücksichtigung des titulus ecclesiae gemäß c. 1218 CIC/83. Lang, Frankfurt am Main 2017, S. 141f. Das antik-römische Konzept des Patrons steht somit am Anfang der christlichen Heiligenverehrung. Man nahm an, dass die Seele des Heiligen im Himmel weile und vor Gott Fürsprache leiste, der Leib aber, dem man wundertätige Kraft zuschrieb, weiterhin auf Erden sei. Beide, Seele und Leib, seien aber miteinander verbunden. „Die Heiligen und deren Reliquien stellten ein wirkmächtiges Verbindungsglied zwischen Himmel und Erde dar … Aufbewahrt wurde die leibliche Hülle der Heiligen am irdischen Altar der Kirchen in Analogie dazu, dass die Seele unter dem himmlischen Altar weile.“Andreas Graßmann: Das Patrozinium. Eine kirchenrechtliche Darstellung mit besonderer Berücksichtigung des titulus ecclesiae gemäß c. 1218 CIC/83. Lang, Frankfurt am Main 2017, S. 22. Daraus folgt nicht, dass sich Kirchenpatrozinien in jedem Fall auf die Reliquien einer Kirche, speziell auf die Reliquien des Hauptaltars beziehen, wie Josef Jungmann bereits für das Ravenna des 6. Jahrhunderts zeigte. Vgl. ebd. S. 78–83 und Josef Jungmann: Vom Patrozinium zum Weiheakt. In: Liturgisches Jahrbuch 4 (1954), S. 130–148.
Orthodoxe Kirchen mini|hochkant|Schrein des heiligen Demetrios in Thessaloniki Orthodoxe Theologie betont, dass Heiligkeit eine Eigenschaft Gottes sei, die Gott einzelnen Menschen gnadenweise mitteile. Johannes von Damaskus nannte die Heiligen in diesem Sinn „Götter“: sie seien zeit ihres Lebens im Prozess der Vergöttlichung (Theosis) gewesen, die alle Aspekte des Menschseins verändere, auch die Physis. Dies begründet nach ihrem Tod die Verehrung ihrer Reliquien. In ihnen sowie in den Ikonen der Heiligen sei gnadenhaft aufgrund göttlicher Energie die Kraft der Auferstehung wirksam. „Ein solches geistl[ich]-realistisches Verständnis der Verehrung als eines Prozesses, der zur Anteilhabe an den ungeschaffenen Energien Gottes führt, fand seine Widerspiegelung in der ganzen Struktur des kirchl[ichen] Lebens.“
Ein weiteres Kennzeichen orthodoxer Heiligenverehrung ist die auf Pseudo-Dionysius Areopagita zurückgehende Konzeption himmlischer Hierarchien. Die Heiligen verwirklichen verschiedene Formen spirituellen Wachstums und sind demgemäß zu Gruppen (Chören) geordnet. Diese Ordnung der himmlischen Welt spiegelt sich im Aufbau der Ikonostase; sie liegt dem Typikon zugrunde und findet bei der Proskomidie symbolischen Ausdruck.
Römisch-Katholische Kirche mini|links|Votivgaben für die Hilfe der heiligen Walburga (Kloster St. Walburg) mini|hochkant|Prozession mit dem Donatianusschrein in Brügge Die Heiligenverehrung spielt seit dem 13. Jahrhundert in der katholischen Kirche eine große Rolle im Alltag; entsprechend der sozialen Ausdifferenzierung der spätmittelalterlichen Gesellschaft und der Gewerke wurde für jedes Übel ein eigener Heiliger zuständig, so Antonius für die Mutterkornpilzvergiftung, Odilia für Augenleiden oder Leonhard für kranke Pferde. Hinzu kamen lokale Traditionen, so dass eine immer größere Wahlfreiheit bei der Verehrung der Heilsvermittler und Schutzpatrone entstand.Peter Dinzelbacher: Religiosität: Mittelalter, in: Ders. (Hrsg.): Europäische Mentalitätsgeschichte, Stuttgart 2008, S. 151 f.
Die römisch-katholische Kirche bezeichnet die Heiligenverehrung als feierliche Ehrung (lat. veneratio, auch Dulia, griech. δουλεία, douleia) einer Person und dadurch die Verherrlichung Gottes selbst, der die „heilige“ Person (nach seinem Ebenbild) erschaffen, in Gnade angenommen, mit Charismen reich beschenkt und nach Ablauf ihres irdischen Lebens bei sich vollendet habe.Direktorium über die Volksfrömmigkeit und die Liturgie vom 17. Dezember 2001 (= Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls, Heft 160), Nr. 211 und 212.