Franz von Assisi (auch Franziskus von Assisi, lateinisch Franciscus de Assisio oder Franciscus Assisiensis; * 1181 oder 1182 in Assisi im heutigen Italien als Giovanni di Pietro di Bernardone; † 3. Oktober 1226 in der Portiuncula-Kapelle unterhalb der Stadt) war der Begründer des Ordens der Minderbrüder (Ordo fratrum minorum, Franziskaner) und Mitbegründer der Klarissen. Er wird in der römisch-katholischen Kirche als Heiliger verehrt. Hinsichtlich des Quellenumfangs zu Leben und Wirken gehört Franziskus zu den am besten dokumentierten Persönlichkeiten des Mittelalters.

Franziskus lebte nach dem Vorbild Jesu Christi (sogenannte imitatio Christi). Diese Lebensweise zog gleichgesinnte Gefährten an, was zur Gründung der Minderen Brüder führte, deren Orden rasch wuchs. Trotz großer Widerstände während der ersten Jahre seines Wirkens wurde er von der katholischen Kirche schon zwei Jahre nach seinem Tode heiliggesprochen. Der von Franziskus gegründete Orden breitete sich binnen weniger Jahre in ganz Europa aus. So wurde etwa bereits 1230 eine Niederlassung in Riga gegründet.

Die starke Verbreitung eines in 53 kurze Kapitel eingeteilten Florilegium über das Leben des Franz von Assisi, das sogenannte Fioretti, hat als Andachtsbuch im 19. und 20. Jahrhundert das Bild des Franziskus in der Bevölkerung lange geprägt. In den letzten Jahrzehnten versuchen viele Autoren, ein gemäßigteres, menschlicheres und weniger legendenhaftes Bild von der Person des Franziskus zu vermitteln.

Sein Gedenktag ist in der römisch-katholischen, der alt-katholischen, der anglikanischen und einigen evangelischen Kirchen am 4. Oktober, in der evangelischen Kirche in Deutschland der 3. Oktober.

Leben Jugend mini|hochkant|Denkmal für die Eltern des Franziskus in Assisi; Pica hält eine zerbrochene Kette, Pietro den abgelegten Rock. mini|hochkant|Oratorio di San Francesco Piccolino – vermutete Geburtsstätte des Franziskus mini|Umbrien, die Region, aus der Franziskus stammte

Franz von Assisi wurde 1181 oder 1182 in der umbrischen Stadt Assisi am Fuß des Monte Subasio geboren. Seine Eltern waren der wohlhabende Tuchhändler Pietro di Bernardone und dessen Frau Giovanna, genannt Pica. Eigentlich war er auf den Namen Giovanni (deutsch: Johannes) getauft, aber sein Vater – der sich zum Zeitpunkt der Geburt auf einer Handelsreise in Frankreich befunden hatte – gab ihm nach seiner Rückkehr den Rufnamen Francesco („kleiner Franzose“), ein in der Zeit nicht weit verbreiteter, aber nicht unbekannter Name.Michael Bihl: De nomine S. Francisci. In: Archivum Franciscanum Historicum. Band 19, 1926, S. 469–529.

Franziskus erhielt eine für einen Bürgerlichen vergleichsweise gute Ausbildung, offenbar weil sein Vater wünschte, dass er als Kaufmann Lesen, Schreiben und Rechnen beherrschen müsse. Daher schickte er seinen Sohn in die Schule der Pfarrei San Giorgio, die vom Kapitel zu San Rufino unterhalten wurde. Dort lernte Franz zumindest Lesen, Schreiben und etwas Latein.Zu dem, was über die Erziehung des Franziskus bekannt ist, siehe Nino Scivoletto: Problemi di lingua e di stile degli scritti latini di san Francesco. In: Francesco d’Assisi e francescanesimo dal 1216 al 1226, Atti del IV Convegno della Società internazionale di studi francescani (Assisi, 15–17 ottobre 1976). Società internazionale di Studi francescani, Assisi 1977, S. 101–124, bes. 108 Anm. 8. Mit vierzehn Jahren wurde Franziskus der Zeit entsprechend volljährig und trat als Kaufmann in das Unternehmen seines Vaters ein. In dieser Funktion war er durchaus erfolgreich und leistete es sich, entsprechend großzügig mit dem Erwerb umzugehen. Was seine Mutter diesbezüglich guthieß, machte die tendenziöse Darstellung seiner Hagiographen zu einem ausschweifenden Lebenswandel des Franziskus, der mit dem Geld seines Vaters seine Altersgenossen bei Festen freihielt und der solchermaßen oft der Mittelpunkt jugendlicher Feiern war.Vergleiche Achim Wesjohann: Mendikantische Gründungserzählungen im 13. und 14. Jahrhundert. Mythen als Element institutioneller Eigengeschichtsschreibung der mittelalterlichen Franziskaner, Dominikaner und Augustiner-Eremiten. LIT, Berlin 2012, S. 132; Augustine Thompson: Francis of Assisi. A New Biography. Cornell University Press, Ithaca/London 2012, S. 175 f.

Bürger und Kaufmann Im November 1202 zog Franziskus mit Assisi in einen Krieg gegen die Nachbarstadt Perugia, wobei Assisi unterlag (Gefecht bei Collestrada). Assisi gehörte zum Machtbereich der Staufer und Perugia zu dem der Welfen. Wie andere Kämpfer aus Assisi wurde er daraufhin in Perugia eingekerkert und kam erst Anfang 1204 nach mehr als einem Jahr gegen eine Lösegeldzahlung seines Vaters wieder frei.Helmut Feld: Franziskus von Assisi und seine Bewegung, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 1994 Sein Jugendtraum, Ritter zu werden, und sein unbekümmertes Leben waren durch das Erleben des Krieges in Frage gestellt worden. Als er freikam, war er laut der ersten Franziskus-Biographie des Thomas von Celano krank und innerlich zutiefst erschüttert.1 Cel 3,2–5.

Als Walter III. von Brienne, ein Lehnsmann des Papstes, 1204 oder 1205 einen Kriegszug nach Apulien in Süditalien vorbereitete, um dort für den Papst die Herrschaft gegen die Staufer wiederzugewinnen, machte Franziskus sich mit Pferd und Rüstung auf den Weg nach Apulien, um sich dem papsttreuen Ritter anzuschließen, kehrte aber noch auf dem Weg dorthin um. Die Legenden erklärten seine Umkehr damit, dass Franziskus sich leicht erkrankt niederlegte und von Gott im Traum aufgerufen worden sei, sich statt in den Dienst eines weltlichen Ritters in den Dienst Gottes zu stellen; so träumte er laut der Dreigefährtenlegende, dass er wie folgt angesprochen worden sei:Leg3Soc 6,5–7.

„Wer kann dir Besseres geben? Der Herr oder der Knecht?“ Franz antwortete: „Der Herr!“ Darauf die Stimme: „Warum dienst du dem Knecht statt dem Herrn?“ Franz: „Was willst du Herr, das ich tun soll?“ Der Herr: „Kehre zurück in deine Heimat, denn ich will dein Gesicht in geistlicher Weise erfüllen.“

Franziskus zog sich in der folgenden Zeit zunehmend aus seinem Freundeskreis zurück und suchte die Einsamkeit. 1205 oder 1206 unternahm er eine Wallfahrt nach Rom, auf der er der Legende nach mit einem Bettler die Kleidung tauschte, nachdem er Zeuge des Geizes der Reichen gegenüber den bettelnden Armen geworden war. Für den Rest des Tages mischte er sich selbst unter die Bettler und bat in französischer Sprache um Almosen.Leg3Soc 10. Sein Verhalten brachte ihn in Konflikt mit seinem Vater, der mit seinem ältesten Sohn große Pläne hatte und es nicht duldete, dass er Waren aus seinem Geschäft als Almosen verschenkte.

Berufung mini|hochkant|Franziskus sieht sich in einer Vision vom Kreuz her angesprochen (Fresko von Giotto di Bondone, um 1295) mini|hochkant|Franziskus gibt seinem Vater die Kleider zurück und verzichtet damit auf seinen Besitz (Fresko von Giotto di Bondone, um 1295) Beim Gebet in San Damiano, etwa im Sommer 1206, sprach der – erst mit der Dreigefährtenlegende auftretenden und in der zweiten Lebensbeschreibung durch Celano aufgegriffenen – Überlieferung zufolge Christi Stimme vom Kreuz von San Damiano zu Franziskus:

Auf diese Vision hin erbettelte er Baumaterial und begann nach Aussage seiner Biographen die kleine romanische Kirche eigenhändig wiederherzustellen. Später habe er in gleicher Weise San Pietro della Spina renoviert, eine heute nicht mehr vorhandene Kirche, sowie die etwa drei Kilometer von Assisi entfernte Kapelle Santa Maria degli Angeli, die unter dem Namen Portiuncula bekannt ist.

Für wohltätige Zwecke und für seine baulichen Wiederherstellungsarbeiten an San Damiano nahm Franz Waren und Geld aus dem Geschäft seiner Eltern. Dies führte zu Streit mit seinem Vater, der schließlich vor dem Richterstuhl des örtlichen Bischofs Guido II. einen Prozess gegen seinen Sohn führte. In dieser Gerichtsverhandlung, die im Frühjahr 1207 öffentlich auf dem Domplatz stattfand, entkleidete sich Franziskus vollständig, verzichtete mit dieser Geste auf sein Erbe und sagte sich von seinem Vater los. Seine überlieferte Aussage:

Danach begann Franziskus, außerhalb der Stadtmauern als Einsiedler zu leben. Er ging um Essen bettelnd von Haus zu Haus. Seine freiwillige Armut bezeichnete er – in Anspielung auf Vorstellungen des Rittertums und des Minnesangs – als seine „Herrin“.Testament 4, außerdem auch im „Gruß an die Tugenden“ Franziskus hielt sich zum Gebet häufig in den kleinen Kapellen im Umkreis Assisis auf, vor allem in Portiuncula. Er pflegte nach eigenen Angaben die Aussätzigen, die außerhalb der Stadtmauern leben mussten, was auch bei seinen Biographen vermerkt ist. In seinem Testament schrieb er: In den Biographien und Legenden wird diese Begebenheit hagiographisch überhöht.

Als Franziskus 1208 eines Tages in der kleinen Kirche von Portiuncula die Messe hörte, wurde er auf jene Stelle des Evangeliums nach Matthäus aufmerksam, die von der Aussendung der Jünger erzählt:

Die frühen Quellen berichten, dass Franziskus diese Worte der Evangelien nicht nur im übertragenen Sinne verstanden habe, sondern immer versucht habe, sie zunächst wörtlich und direkt anzuwenden. So sei der Text für ihn eine Aufforderung gewesen, so zu leben und zu wirken wie die zwölf von Jesus ausgeschickten Jünger, die Apostel, nämlich in Armut zu leben und das Evangelium zu verkünden (auch apostolisches Leben genannt oder lat. vita apostolica). Ausgehend vom Evangelium kleidete sich Franziskus von nun an in eine einfache Kutte, die mit einem Strick gehalten wurde, lehnte den Besitz und sogar den Kontakt mit Geld strikt ab und ging nach Möglichkeit barfuß.

Franziskus verstand sich selbst als Büßer. Als solcher ermahnte er seine Mitmenschen, Gott zu lieben und für ihre Sünden Buße zu tun. Durch diese Predigten und seine extreme Lebensweise stieß er bei vielen Menschen auf Spott und Ablehnung, doch etliche andere zog sein Beispiel an, so dass sich ihm im Laufe der Zeit viele Brüder anschlossen.

Entstehung und Bestätigung seines Ordens Der Überlieferung zufolge schlossen sich als erste Bernardo di Quintavalle, ein reicher Adeliger aus Assisi, und Pietro Catanii, ein Rechtsgelehrter, Franziskus an. Die Dreigefährtenlegende berichtet, diese drei – Bernardo, Pietro und Francesco – hätten die Bibel durch dreimaliges Aufschlagen nach dem Auftrag befragt, den Gott für sie habe (sogenanntes Bibelstechen). Ihr Lebensprogramm seien die drei so gefundenen Jesusworte gewesen:

Franziskus hatte nach eigenen Angaben nicht vor, einen Orden zu gründen. Er schreibt in seinem Testament:

Die Brüder waren den Biographien zufolge zunächst in einer Hütte in Rivotorto, wenige Kilometer von Assisi entfernt, unten in der Ebene, untergekommen, wo sie aber nicht lange bleiben konnten. Die Quellen geben unterschiedliche Gründe an, nämlich entweder Platzmangel oder den Eigenbedarf des Besitzers. Im Jahr 1208 übergab der Abt der Benediktinerabtei am Monte Subasio den Brüdern das Kirchlein Portiuncula. Thomas von Celano überliefert, Franziskus habe jedoch keinen Grundbesitz haben wollen und darauf bestanden, dass die Brüder eine Art Miete in Form von Fischen an die Benediktiner zahlten. Auf dem Gelände um die Kirche lebten die Brüder in einfachen Hütten aus Reisig.

mini|Bestätigung der Regel durch Papst Innozenz III. (Fresko von Giotto di Bondone, um 1295)