mini|Beim Biergenuss hält eine Gesangsgruppe in New Ulm das deutsche Erbe der amerikanischen Stadt lebendig. (1974)

Ein Trinklied ist in der Musik eine Art des Lieds, das bei Veranstaltungen oder Situationen in Verbindung mit dem Konsum alkoholischer Getränke gesungen wird. Für die Einordnung ist ausschließlich der Inhalt des Liedtextes heranzuziehen. Die alkoholischen Getränke sind oft im Musiktitel bereits erwähnt (Schnaps, das war sein letztes Wort). Das einzeln oder gemeinsam gesungene Trinklied verfolgt in erster Linie den Zweck, die festliche Laune und das Gemeinschaftsgefühl der Tisch- bzw. Trinkgesellschaft zu fördern.Stefan Behrisch, Trinklied, in: Gert Ueding/Gregor Kalivoda (Hrsg.), Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Band 9, 2009, Sp. 784 f. Viele Trinklieder werden auch als Karnevalslied verwendet.

Geschichte Eine Frühform des Trinklieds ist das von der Lyra begleitete Skolion (, „schief, tückisch“) des griechischen Symposion ab dem 7. Jahrhundert vor Christus.Stefan Behrisch, Trinklied, in: Gert Ueding/Gregor Kalivoda (Hrsg.), Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Band 9, 2009, Sp. 785; ISBN 978-3-11-035412-6 Möglicherweise leitete sich daraus das römische „Trinken auf griechische Art“ () ab, das von Kurzformeln wie „auf Dein Wohl“ () oder „lebe hoch“ () begleitete Zuprosten bei Bacchanalien. Hier werden jedoch keine einfachen Trinklieder gesungen, sondern einen Dithyrambos, in dem kein Epitheton des Gottes Dionysos und keine Episode, die sich um seine Gestalt rankt, ausgelassen wird.Frank Rexroth/Ludger Grenzmann/Udo Friedrich, Soziale Gruppen und Identitätspraktiken, Band 2, 2018, S. 107

mini|links|Französisches Trinklied () des 18. Jahrhunderts Trinklieder () waren im Mittelalter nicht selten.Joseph Szövérffy, Weltliche Dichtungen des lateinischen Mittelalters, Band 1, 1970, S. 60 Zu den Trinkliedern gehörten auch die Zechgesänge der Vaganten, überliefert in der zwischen 1159 und 1265 entstandenen Sammlung des Archipoeta (), dessen Trinklied „Mir ist es vorherbestimmt, in der Taverne zu sterben“ () noch heute nachklingt.Adolf Stern, Geschichte der Weltliteratur, 1888, S. 192 In der um 1230 entstandenen Sammlung Carmina Burana nehmen Trink-, Spieler- und Liebeslieder einen großen Raum ein.Thomas Scharler, Mittelalterliche Liedersammlung - Carmina Burana, 2019, S. 9 Zu jener Zeit stammte ein großer Teil der Trinklieder aus der Feder von Mönchen.

Seit dem SpätmittelalterNorbert Haas, Trinklieder des deutschen Spätmittelalters, Kümmerle Verlag/Göppingen (Göppinger Arbeiten zur Germanistik), Band 533, 1991, ISBN 3-87452-774-3., und insbesondere aus der Renaissance sind uns zahlreiche Trinklieder überliefert, wie aus dem Œuvre von Hans Leo Haßler, Orlando di Lasso oder Oswald von Wolkenstein hervorgeht. Bereits damals sind Tendenzen zur spöttisch-kritischen Reflexion festzustellen, etwa bei Vitrum nostrum gloriosum, das ganz in der Art eines gregorianischen Gesangs angelegt ist, doch den Weingenuss besingt und mit diffizilen musikalischen Mitteln den geistlichen Stand verspottet. Im frühen 19. Jahrhundert schrieb Franz Schubert einige auch als „Trinklied“ bezeichnete Lieder, das erste im August 1813 mit dem Musiktitel „Cantata "Trinklied" ['Freunde, sammelt euch im Kreise'] für Bass, Männerchor und Piano (D 75)“.IMSLP Petrucci Music Library, Trinklied, D.75 (Schubert, Franz), abgerufen am 16. September 2022

Im späten 18. und im 19. Jahrhundert erfuhr das Trinklied eine besondere Pflege in den studentischen Kreisen: unzählige Spielarten des studentischen Liedgutes entstanden, wobei die Grenze zwischen dem eigentlichen Trinklied, den Scherz- und Spottliedern (manchmal historisierend angehaucht), Lumpenliedern, Wanderliedern und den politischen Liedern nicht immer deutlich zu ziehen ist.Ladislaus Leopold Pfest, Tisch- und Trinklieder der Deutschen, 1811, S. 382 ff. Für die gemeinsamen Kneipabende der Studenten wurden die Lieder in eigens dafür geschaffenen Kommersbüchern vereinigtWilhelm Riehl, Musikalische Charakterköpfe, Band 3, 1886, S. 96, die sinnigerweise mit sogenannten Biernägeln versehen waren, um durch Berührung mit dem unweigerlich dabei fließenden Nass keinen Schaden zu nehmen. Die Tradition des studentischen Trinkliedes erstarrte in der Wilhelminischen Ära – neben dem Kanon des offiziellen Liedgutes traten kaum noch neue Lieder auf.

Der Irish Folk brachte zahlreiche Trinklieder hervor, so etwa von The Dubliners übernommene Traditional „Seven Drunken Nights“ (März 1967) über einen Betrunkenen, der erst nach mehreren deutlich sichtbaren Hinweisen erkennt, dass ihn seine Frau betrügt. In angelsächsischen Ländern sind Trinklieder () ebenfalls sehr populär, wie der einem Trinkgelage folgende Kater () in Kris Kristoffersons Sunday Morning Coming Down (Ray Stevens; Oktober 1969) oder Whiskey in the Jar von Thin Lizzy (Dezember 1972).

Moderne Trinklieder finden sich heute im Bereich des Partyschlagers (auch „Ballermann“- oder „Après-Ski“-Hits genannt), so etwa Dicht im Flieger von Julian Sommer (März 2022).

Musikwissenschaft Die Fachliteratur der Musikwissenschaft sieht als häufig verwendete Stilmittel des Trinklieds die Hervorhebung der Vorzüge des Weins (), die sittlichen Einsprüche () und die Ironie.Stefan Behrisch, Trinklied, in: Gert Ueding/Gregor Kalivoda (Hrsg.), Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Band 9, 2009, Sp. 785 Eines der bekanntesten Thementypen des Wienerlieds ist das Trinklied.Elisabeth Theresia Fritz/Helmut Kretschmer, Wien, Musikgeschichte: Volksmusik und Wienerlied, 2006, S. 225 wie etwa die zahlreichen Lieder über den Heurigen.

Beispiele Hier eine Auswahl berühmter Trinklieder: mini|Stimmungs- oder Trinklied: Bier her, Bier her, oder ich fall um mini|Trinklied Drinking Song (Musik: Sigmund Romberg, Text: Dorothy Donnelly, 1924)

Musiktitel Interpret Veröffentlichung The Barley Mow unbekannt nach 1678Rheinweinlied Matthias Claudius, Johann André 1776 Ergo bibamus Traugott Maximilian Eberwein 1813 Ein Heller und ein Batzen Rudolf Schäffer, Wanderlieder für Studenten Dezember 1848 Bier her, Bier her, oder ich fall um R Koß 1881 Ein Prosit der Gemütlichkeit Georg Lang Oktober 1898 In München steht ein Hofbräuhaus Erwin Hartung 1935 Schütt’ die Sorgen in ein Gläschen Wein Willy Schneider Oktober 1951 Schnaps, das war sein letztes Wort Willy Millowitsch November 1960 No Bier, No Wein, No Schnaps Gus Backus Februar 1962 Little Old Winedrinker Me Robert Mitchum, Dean Martin August 1967 Mir drinken us einer Fläsch/Drink doch eine met Bläck Fööss September 1971 Griechischer Wein Udo Jürgens Dezember 1974

Des Weiteren sind Tafellieder Lieder, die eigens für eine bestimmte festliche Gelegenheit gedichtet wurden, um gemeinsam bei einem Fest und während der Tafelgesellschaft gesungen zu werden.

Literatur Ladislaus Leopold Pfest, Tisch- und Trinklieder der Deutschen, 1811, Wien.

Einzelnachweise

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