mini|450px|Anleihe über 5000 US-$ der New York Central and Hudson River Railroad Company vom 29. Oktober 1894 mini|300px|Anleihe des Deutschen Reichs bzw. Schuldverschreibung vom 1. August 1922, kurz vor Beginn der Hyperinflation Eine Anleihe (auch festverzinsliches Wertpapier, Rentenpapier, Schuldverschreibung oder Obligation, oder ) ist ein zins­tragendes Wertpapier, das dem Gläubiger das Recht auf Rückzahlung sowie auf Zahlung vereinbarter Zinsen einräumt. Eine Anleihe ist im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes und des Kreditwesengesetzes ein Finanzinstrument.

Typischerweise dienen Anleihen dem Schuldner zur – meist langfristigen – Fremdfinanzierung und dem Gläubiger (Anleger) zur Kapitalanlage. Zur Wertpapiergattung der Anleihen zählen Staatsanleihen (einschließlich Kommunalanleihen, Kommunalobligationen, Landesanleihen oder sonstige öffentliche Anleihen), Unternehmensanleihen und Pfandbriefe; nicht dazu gehören Kredite wie Privatkredite und Schuldscheindarlehen.

Zinsen, gleichgültig ob Festzinsen oder variable Zinsen, sind mit einer Anleihe untrennbar verbunden.

Etymologie Das Wort Rentenpapier lässt sich auf das altfranzösische rendre für „Ertrag“ zurückführen, das erstmals verbreitet im Jahre 1340 in Deutschland als „Rente“ auftauchte. Im Deutschen wurde das Wort Rente zunächst für den – regelmäßig zahlbaren – Zins benutzt, so dass ein Rentenpapier ein „Zinspapier“ darstellte. Noch heute heißt der Zins auf Niederländisch „rente“.

Das Wort Schuldverschreibung tauchte erstmals 1585 in einem Urkundenbuch des Landes Dithmarschen auf („Fürstliches Mandat betreffend Schuld- und Pfandverschreibungen und wucherliche Contracte“), wonach eine Schuldverschreibung unter Anwesenheit von Schreibern und Zeugen protokolliert sein musste.Andreas Ludwig/Jacob Michelsen (Hrsg.), Urkundenbuch zur Geschichte des Landes Dithmarschen, 1834, S. 356 Der Romanist Matthias Kramer übersetzte das deutsche Wort Schuldverschreibung 1679 ins Italienische (),Matthias Kramer: Italienischer Sprachführer, 1679, S. 676 der Sprachwissenschaftler Kaspar von Stieler führte 1691 den Begriff unter dem Stichwort „Verschreiben“ auf.Kaspar von Stieler, Der Teutschen Sprache Stammbaum und Fortwachs, Band 2, Sp. 2144 Der Sprachforscher Johann Leonhard Frisch erklärte 1741 die Schuldverschreibung damit, dass der Schuldner einem anderen seine Güter verschreibe, an die sich der Gläubiger halten könne. Das Allgemeine preußische Landrecht erhob das Wort Schuldverschreibung im Juni 1794 zum Rechtsbegriff.

Das Wort Anleihe als Synonym für Schuldverschreibung tauchte erstmals am 16. September 1789 auf einem Plakat für Geldaufnahmen der Herzogtümer Schleswig und Holstein auf. Es leitet sich aus dem althochdeutschen analëhan (um 800) ab, das im Deutschen für ein Darlehen () benutzt wurde.Elmar Seebold (Bearb.), Chronologisches Wörterbuch des deutschen Wortschatzes, Zweiter Band: Der Wortschatz des 9. Jahrhunderts, 2008, S. 520

Geschichte Die Schuldverschreibung kam im Mittelalter als „Rentenbrief“ () auf,Georg Friedrich Knapp, Die Bauernbefreiung und der Ursprung der Landarbeiter in den älteren Teilen Preußens, 1887, S. 231 als Städte hiermit ihre Schulden finanzierten. Vorläufer der heutigen Staatsanleihen waren die mittelalterlichen Kriegsanleihen ( oder Prestanze, „Darlehen“) in Venedig oder Florenz. In Venedig nahm der Doge Vitale Michiel II. im Jahre 1156 Kredit von seinen venezianischen Bürgern zu 4 % auf – die erste Frühform der Staatsanleihe.Pierre des Essars, A History of Banking III, 1896, S. 153 f. In Florenz führte Philipp Tuskhan mit zwei Brüdern seit 1287 das dortige Leihhaus ().Jean Engelhorn, Forschungen zur deutschen Landes- und Volkskunde, Band 1, 1886, S. 412 Es handelte sich um verzinsliche Zwangsanleihen der Klein- und Stadtstaaten Norditaliens, die häufig nicht zurückgezahlt wurden.William J. Bernstein, Die Geburt des Wohlstands: wie der Wohlstand der modernen Welt entstand, 2005, S. 158 Im englischen Binnenhandel benutzte man seit dem ausgehenden 12. Jahrhundert dem Inhaber-Schuldschein ähnliche übertragbare Papiere (, auch bekannt als oder ). Sie gelten als Vorläufer der modernen Schuldverschreibung.Michael North, Kredit im spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Europa, 1991, S. 47 Edward III. von England benötigte im November 1338 Geld für den Hundertjährigen Krieg mit Frankreich, das ihm unter anderem der Bankier Bonifacio di Tommaso der Peruzzi lieh, aber nicht mehr zurückerhielt.

Die Stadt Ulm verpfändete durch einen Pfandbrief im Jahre 1378 ihre Einnahmen aus Stadttor-Zöllen von 1.800 Gulden an einen Juden, von dem sie Geld geliehen hatte.Carl Friedrich Jäger, Ulms Verfassung, bürgerliches und kommerzielles Leben im Mittelalter, 1831, S. 370 Neben der Verpfändung von Einnahmen kam es auch zur Beleihung von Vermögen. So verpfändeten in Österreich die Herzöge Albrecht und Leopold ihr Schloss Hainburg im Jahre 1379 an Johann von Lichtenstein, worüber im November 1388 ein Pfandbrief ausgestellt wurde.Franz Xavier Joseph Schweickhardt (Ritter von Sickingen), Darstellung des Erzherzogthums Oesterreich unter der Ens, Band 2, 1834, S. 144 Um 1400 hatte sich in Deutschland neben dem Pfandbrief die Schuldverschreibung herausgebildet, in welcher die geschuldete Summe und der Zins sowie – für den Fall des Zahlungsverzugs – ein Immissionsrecht (Pfandrecht) festgelegt waren.Hermann Kellenbenz/Paolo Prodi, Fiskus, Kirche und Staat im konfessionellen Zeitalter, 1994, S. 120 Eine Laufzeit oder Fälligkeit war meist nicht vorgesehen; es handelte sich ebenfalls um ewige Renten. Die Stadt Köln begab seit 1416 von der Stadt ablösbare Leibrenten.Eberhard Isenmann, Die deutsche Stadt im Mittelalter 1150–1550, 2014, S. 545

Der spanische König Karl V. unterzeichnete am 12. April 1519 eine für Anton Fugger ausgestellte Schuldverschreibung. Die Stadt Antwerpen nahm am 29. Januar 1512 eine Stadtanleihe bei Antwerpener Kaufleuten auf.Richard Ehrenberg, Die Weltbörsen und Finanzkrisen des 16. Jahrhunderts, 1922, S. 41 1532 begann die Antwerpener Börse mit einem geregelten Handel von Anleihen, worunter sich niederländische Hofbriefe (Staatsanleihen), Privat-Obligationen der niederländischen Staatsbeamten und Magnaten (für Rechnung der Regierung), Obligationen der niederländischen Provinzialstände, Stadtobligationen, Rentmeisterbriefe und Obligationen der englischen Krone und des Königs von Portugal befanden.Richard Ehrenberg, Die Weltbörsen und Finanzkrisen des 16. Jahrhunderts, 1922, S. 26 ff. Ein kaiserliches Mandat stellte 1537 die Inhaber-Obligation dem Wechsel gleich. Im Jahre 1568 finanzierte Philipp II. den Achtzigjährigen Krieg der Niederlande gegen SpanienZeit Online vom 25. August 2011, Wolfgang Uchatius, Es begann in Italien. Über die Erfindung der Staatsanleihe, S. 18 mit einer Staatsanleihe von 3 Millionen Gulden. Die Bank of England hat ihre Gründung im Juli 1694 einer englischen Staatsanleihe durch Wilhelm III. zum Zinssatz von 8 % zu verdanken. Im Jahre 1751 folgte mit dem englischen „Consols bond“ die erste Staatsanleihe auf Grundlage der ewigen Rente. Hierbei verpflichtete sich der Staat nur zur Zahlung des Zinses („Rente“) und übernahm keine Rückzahlungsverpflichtung, er räumte sich allenfalls ein Tilgungsrecht ein. Die gleichbleibenden und immer fortdauernden Zinszahlungen haben ihr auf dem Rentenmarkt den Namen „ewige Rente“ eingebracht. Diese Form war nur für Staatspapiere zulässig.

Außer in Antwerpen handelten die bereits bestehenden Börsen (Amsterdamer Börse gegründet 1611, Königsberg 1613, Lübeck 1614, Frankfurt am Main 1615 oder Leipzig 1635) ausschließlich mit Wechseln und Sorten.Horst Gericke, Die Börsenzulassung von Wertpapieren, 1961, S. 107 Erst um 1830 gelangten an der Frankfurter Börse auch Anleihen auf den Kurszettel, und zwar bayerische, österreichische, niederländische, neapolitanische und spanische Anleihen.Max Fürst, Die Börse, ihre Entstehung und Entwicklung, ihre Einrichtung und ihre Geschäfte, 1923, S. 31 Im Jahre 1854 notierte die Frankfurter Börse 81 Eisenbahnobligationen, 6 US-Bundesanleihen, 24 US-Staatenanleihen, 20 US-Stadtanleihen und 5 US-Anleihen von Counties.Erich Achterberg, Die Frankfurter Börse: Ein historischer Rückblick, 1957, S. 2 Die Investitionen der Gründerjahre brachten der Industrie neben Aktien um 1860 auch Unternehmensanleihen als Finanzierungsinstrument, die über Börsen platziert wurden. Allein 41 % der zwischen 1865 und 1914 an der London Stock Exchange gehandelten überseeischen Anleihen stammten von Eisenbahngesellschaften.Wolfram Fischer, Expansion-Integration-Globalisierung: Studien zur Geschichte der Weltwirtschaft, 1998, S. 93

Der Beginn der Weltwirtschaftskrise im Jahre 1929 belastete vor allem die kurzfristigen Obligationsmärkte in DeutschlandTheodore Balderston, The Beginning of the Depression in Germany, 1927–1930: Investment and the Capital Market, in: The Economic History Review. 36, Nr. 3, August 1983, S. 395–415, S. 415 und den USA massiv.Charles C. Abbott, A Note on the Government Market 1919–1930, in: The Review of Economics and Statistics. 17, Nr. 1, Januar 1935, S. 7–12, S. 8 Der Staatsinterventionismus der Kapitalmarktpolitik des nationalsozialistischen Deutschen Reich von 1933 bis 1945 führte dazu, dass deutsche Staatsanleihen in diesem Zeitraum in Schweizer Franken an der Schweizer Börse gehandelt wurden.Bruno S. Frey/Marcel Krucher, War and Markets: How Bond Values Reflect The Second World War, in: Econimica, New Series 68, Nr. 271, August 2001, S. 317–333, S. 320 Nach der Annexion Österreichs kamen die Anleihen des zu diesem Zeitpunkt nicht existenten Alpenstaates hinzu. Die Rentenindizes zeigten einen gegensätzlichen Verlauf und bildeten den Kriegsverlauf gegensätzlich ab.Bruno S. Frey/Marcel Krucher, War and Markets: How Bond Values Reflect The Second World War, in: Econimica, New Series 68, Nr. 271, August 2001, S. 317–333, S. 322 Deutsche Obligationen verloren im Schweizer Handel bei Kriegsausbruch (1. September 1939) 38,7 % ihres Kurswertes und während der russischen Stalingradoffensive 6,5 %. Die Konferenz von Jalta führte zu Verlusten von 34 %.Bruno S. Frey/Marcel Krucher, War and Markets: How Bond Values Reflect The Second World War, in: Econimica, New Series 68, Nr. 271, August 2001, S. 317–333, S. 325 Die österreichischen Wertpapiere verloren durch die Auflösung des Staates massiv, konnten sich jedoch ab 1943 vom Trend der deutschen Papiere lösen, weil Marktteilnehmer mit einer Wiedergründung Österreichs nach der Niederlage des Deutschen Reichs rechneten. Diese Anleihen profitierten also von den militärischen und politischen Ereignissen.Bruno S. Frey/Marcel Krucher, War and Markets: How Bond Values Reflect The Second World War, in: Econimica, New Series 68, Nr. 271, August 2001, S. 317–333, S. 332

Das nach dem Zweiten Weltkrieg aufkommende Wirtschaftswunder belebte auch den deutschen Rentenmarkt, denn im Jahre 1960 notierten die deutschen Börsen über 260 verschiedene Industrieobligationen.Detlef Bierbaum/Klaus Feinen (Hrsg.), Bank- und Finanzwirtschaft, 1997, S. 421 Die weltweit zunehmende Staatsverschuldung führte auf den internationalen Rentenmärkten ab 1980 zur Dominanz der Staatsanleihen, so dass sich die Ratingagenturen im Jahre 1982 dazu entschlossen, die steigenden Länderrisiken mit einem Staatsrating zu bewerten. Im Juni 1991 entstand der deutsche Rentenindex REX, der die Marktentwicklung des Rentenmarkts in einer Indexzahl für Bundesanleihen zusammenfasst, deren Grundlage die Umlaufrendite darstellt. Exzessive Ausmaße erreichte die Staatsverschuldung zunächst ab März 1997 in Asien (Asienkrise), dann ab Mai 1998 während der Russlandkrise und schließlich ab April 2010 in Europa. Sie erhöhte damit die Finanzrisiken auf den Rentenmärkten und beschwor die Gefahr von Finanzkrisen herauf. Die Frankfurter Börse führte im April 2011 den „Entry Standard“ und im Oktober 2012 den „Prime Standard“ für Anleihen ein.

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