mini|Erich Mühsam (Fotografie aus dem Jahr 1928, kurz vor seinem 50. Geburtstag) Erich Kurt Mühsam (geboren am 6. April 1878 in Berlin; gestorben am 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg) war ein anarchistischer deutscher Schriftsteller, Publizist und Antimilitarist. Als politischer Aktivist war er 1919 maßgeblich an der Ausrufung der Münchner Räterepublik beteiligt, wofür er zu 15 Jahren Festungshaft verurteilt wurde, aus der er nach 5 Jahren im Rahmen einer Amnestie freikam. In der Weimarer Republik setzte er sich vorübergehend in der Roten Hilfe für die Freilassung politischer Gefangener ein. Seine politische Heimat fand er seit Mitte der 1920er Jahre in der „Anarchistischen Vereinigung“.

In der Nacht des Reichstagsbrandes wurde er von Nationalsozialisten verhaftet, und am 10. Juli 1934 von der SS-Wachmannschaft des KZ Oranienburg ermordet.

Leben

Jugend und Ausbildung (1878 bis ca. 1900) mini|Als junger Mann, Mitte der 1890er Jahre Erich Mühsam wurde in Berlin als Kind jüdischer Eltern geboren und wuchs in Lübeck auf. Er hatte zwei Schwestern, Margarethe und Charlotte, und einen Bruder, Hans. Er war ein Cousin des SPD-Politikers Ernst Heilmann, des Schriftstellers und Übersetzers Paul Mühsam und von Emma Redlich. Sein Vater Siegfried Mühsam war Apotheker und von 1887 bis 1915 Abgeordneter der Lübecker Bürgerschaft. Er und seine Frau Rosalie geb. Cohn schickten ihren Sohn Erich auf das humanistische Gymnasium Katharineum zu Lübeck. Dort war er im selben Jahrgang, aber nicht in derselben Klasse wie Gustav Radbruch, der ihn später als Reichstagsabgeordneter in der Festungshaft besuchte.Gustav Radbruch: Der innere Weg. Aufriß meines Lebens. 2. Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1961. Ein weiterer Jahrgangskamerad war der spätere Bildhauer Fritz Behn.

Mühsams schriftstellerische Neigung fiel bereits in seiner frühen Jugend auf, als er im Alter von 11 Jahren begann, Tierfabeln zu verfassen. Dieses erste literarische Engagement verdichtete sich, als der 15-jährige Mühsam für die Auftritte der Clowns des örtlichen Zirkus erste satirische Beiträge beisteuerte.

Am 11. Januar 1896 wurde Erich wegen „sozialdemokratischer Umtriebe“ der Schule verwiesen.Jürgen Serke: Die verbrannten Dichter. Beltz, Weinheim 1977, ISBN 3-407-80750-3, S. 132. Er hatte Berichte über schulinterne Vorgänge an den Lübecker Volksboten weitergegeben. Er verließ 1896 das Friedrich-Franz-Gymnasium in Parchim nach der Untersekunda mit Mittlerer Reife. In Lübeck absolvierte er eine Apothekerlehre in der Adler-Apotheke.Antjekathrin Graßmann: Lübeckische Geschichte. Schmidt-Römhild 1988, S. 663.Chris Hirte: Erich Mühsam, eine Biographie. S. 37.

Wanderjahre, Münchner Zeit, Novemberrevolution, Räterepublik (1901 bis 1919) mini|Peter Hille und Erich Mühsam mini|links|Erich Mühsam (rechts) auf dem Monte Verità (1904) 1901 zog Mühsam nach Berlin, wo er zunächst in seinem erlernten Beruf arbeitete. Hier lebte er in einem Pensionszimmer in der Augsburger Straße direkt hinter dem Kurfürstendamm im Herzen des Neuen Westens, gemeinsam mit seinem Lebenspartner Johannes Nohl. Hier begegnete er unter anderen John Henry Mackay, Johannes Schlaf und Hanns Heinz Ewers.

1902 wurde er Redakteur bei der anarchistischen Zeitschrift Der arme Teufel, 1905 bei Der Weckruf. In dieser Zeit hatte er Kontakt zur Neuen Gemeinschaft; später wurde er von Margarete Beutler in die Künstlervereinigung Die Kommenden eingeführt. Von 1904 bis 1908 folgten Wanderjahre mit Aufenthalten in Zürich, Ascona, Norditalien, München, Wien und Paris, zusammen mit Johannes Nohl. Auf dem Monte Verità befreundete er sich mit dem Siedler Karl Gräser, nach dessen Vorbild er eine „Sammlungsstätte“ solcher Menschen errichten wollte, „denen sich gegen Knechtschaft und Vergewaltigung in echtem Grimme der Mensch aufbäumte“. Eine entsprechende Gemeinschaft und Herberge für die von der Gesellschaft Geächteten – Landstreicher, Bettler, Huren und Verbrecher – versuchte er dann in der Großstadt München zu schaffen. In Paris wurde er von Auguste Herbin porträtiert.Peter Kropmanns: Auguste Herbin: Porträt Erich Mühsam, 1907. In: Jahrbuch der Berliner Museen 62 (2022) doi:10.57894/jbm.2021.2.93128 mini|Titelblatt Kain – Zeitschrift für Menschlichkeit, Erstausgabe April 1911 Seit 1909 lebte Mühsam in München-Schwabing. Hier gründete er die dem Sozialistischen Bund angehörenden Gruppen „Tat“ und „Anarchist“ zwecks Agitation des Lumpenproletariats für den Anarchismus. 1910 wurde Mühsam verhaftet, wegen Geheimbündelei angeklagt und schließlich freigesprochen. Als Zentralfigur der Schwabinger Bohème war er befreundet mit Heinrich Mann, Frank Wedekind, Lion Feuchtwanger, Franziska zu Reventlow, Max Nonnenbruch und vielen anderen. Seiner Gruppe „Tat“ schlossen sich auch der Schriftsteller Oskar Maria Graf und der Maler Georg Schrimpf an, die ihm nach Ascona zum Monte Verità folgten. Mühsam war Mitarbeiter des Münchner Kabaretts und verschiedener satirischer Zeitschriften wie des Simplicissimus und der Jugend. Von 1911 bis 1919 gab er in München die Zeitschrift Kain – Zeitschrift für Menschlichkeit heraus, allerdings nicht während des Ersten Weltkrieges. Mühsam schrieb: „In dieser Stunde, wo es um das Schicksal aller geht, gibt es außerdem nichts Wesentliches und nichts, was eine Zeitschrift für Menschlichkeit angehen könnte.“

Am 15. September 1915 heiratete Mühsam Kreszentia Elfinger, genannt Zenzl, die ihren Sohn Siegfried mit in die Ehe brachte. Darüber hinaus blieb die Ehe kinderlos.Frauen um Erich Mühsam: Zenzl Mühsam und Franziska zu Reventlow. Erich-Mühsam-Gesellschaft, 1996, S. 9.

1918 wurde Mühsam wegen Verstoßes gegen das politische Betätigungsverbot und der Weigerung, am „Vaterländischen Hilfsdienst“ teilzunehmen, verhaftet und zu sechs Monaten Festungshaft in Traunstein verurteilt.Kurzvita bei Muehsam.de. mini|links|Erich Mühsam mit Mitgliedern der Münchner Räteregierung in Festungshaft, um 1920 (vordere Reihe, in der Mitte) Im Zuge der Novemberrevolution wurde er Ende 1918 in München Mitglied des Revolutionären Arbeiterrats und befürwortete nach der Absetzung des Königs und der Ausrufung des Freistaates Bayern als demokratische Republik eine bayerische Räterepublik. Nach der Ermordung des bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner durch Anton Graf von Arco auf Valley gehörte Mühsam mit Ernst Toller und Gustav Landauer zu den Initiatoren und Anführern der ersten Phase der Münchner Räterepublik ab dem 7. April 1919. Beim von der republikanischen Schutztruppe durchgeführten sogenannten Palmsonntagsputsch am 13. April 1919 gehörte Erich Mühsam zu den festgenommenen Mitgliedern des Zentralrats der Räterepublik und wurde zunächst im Zuchthaus Ebrach festgesetzt. Kurzbiografie. In: Geschichte der Revolution von 1918/19 in München, Haus der Bayerischen Geschichte. Der Putschversuch wurde zwar von Soldaten der bayerischen Roten Armee unter dem Kommando Rudolf Egelhofers vereitelt, jedoch verblieb Mühsam in Haft, da er außerhalb der Zugriffsgewalt der Räteregierung inhaftiert wurde. Die Räterepublik bestand danach noch etwa drei Wochen unter kommunistischer Führung weiter, nun im Wesentlichen dominiert von Eugen Leviné und Max Levien, wurde jedoch am 2. Mai 1919 durch Reichswehr und rechtsnationalistische Freikorpsverbände niedergeschlagen. Dabei wurde – neben anderen – auch Mühsams Freund Gustav Landauer ermordet. Am 7. Juli 1919 begann vor dem Standgericht München der Prozess gegen Erich Mühsam und weitere Angeklagte (darunter Arbeitersekretär Fritz Soldmann). Mühsam erhob Einspruch gegen die Zuständigkeit des Standgerichts, was der Vorsitzende Richter zurückwies, da „der Kriegszustand, der 1914 verhängt worden sei, in Bayern noch bestehe und daß daher das Standgericht zuständig sei“. Am 12. Juli verurteilte man Mühsam zu 15 Jahren Festungshaft als „treibendes Element“. Immerhin „wurden ihm mildernde Umstände zugebilligt und ihm ehrenhafte Gesinnung zuerkannt.“

Haftjahre und Berliner Zeit in der Weimarer Republik (1920 bis 1933) mini|In der Festungshaftanstalt Ansbach (1919) Mühsam trat 1919 kurzzeitig der KPD bei, die er jedoch 1920 bereits wieder verließ.Mühsam an die Kommunistische Partei. Bibliothek der Kommunistischen … Er setzte sich aus dem Gefängnis der Festung Ansbach heraus für die Verständigung und ein gemeinsames revolutionäres Vorgehen von Anarchisten und Kommunisten ein und rief zur Solidarität mit der Russischen Revolution auf. Nach seiner Haftentlassung hielt daher Wilhelm Pieck als Vertreter des Kommunistischen Jugendverbandes KVJD eine Begrüßungsrede für ihn. Aus dieser Zeit ist ein Brief Mühsams an den Schriftsteller und Antimilitaristen Kurt Tucholsky (vom 18. Januar 1922) erhalten.Helmut Herbst: Verprofiliert. Zur Marbacher Tucholsky-Ausstellung. In: Karl H. Pressler (Hrsg.): Aus dem Antiquariat. Band 8, 1990 (= Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel – Frankfurter Ausgabe, 31. August 1990, Nr. 70), S. A 334 – A 340, hier: S. A 336. Noch 1925 plante Mühsam eine Reise in die Sowjetunion, die jedoch von der KPD-Führung verhindert wurde.Gleb Albert: „Es ist immerhin zu befürchten, dass Mühsam in Russland enttäuscht wird“ – Zu Erich Mühsams verhinderter Russlandreise 1925. In: JahrBuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Heft III/2015. Nach fünf Jahren Haft wurde Mühsam 1924 amnestiert. Zuvor wurde noch Mitte April 1924 dem schwer erkrankten Mühsam „ein Urlaub verweigert, den die Ärzte als notwendig“ bezeichnet hatten.

mini|Titelblatt der ersten Fanal-Ausgabe von 1926 Die Haft verbrachte er zum größten Teil, nämlich ab dem 15. Oktober 1920, im Gefängnis Niederschönenfeld, wo ab dieser Zeit nahezu alle Inhaftierten aus der Zeit der Räterepublik untergebracht waren. Mühsams Frau Zenzl berichtete Anfang April 1924 in einem Zeitungsinterview über die Haftbedingungen. Danach hatte ihr Mann „eine Herzneurose und ein Ohrenleiden“. Es erfolgte eine strenge Briefzensur; Mitteilungen über politische Themen oder die Zustände in der Festung waren untersagt. Mühsams Tagebücher, die nach seinem Tod veröffentlicht werden sollten, waren beschlagnahmt worden. Erich Mühsams Beschwerdebrief an den Reichsjustizminister wurde unter dem Titel Das Standrecht in Bayern (siehe Werke) vom Berliner Viva-Verlag publiziert.

Die Deutsche Liga für Menschenrechte wandte sich deswegen mit einem Aufruf an die Öffentlichkeit:

Erich Mühsams Reststrafe wurde schließlich am 19. Dezember 1924 vom Bayerischen Staatsministerium der Justiz zur Bewährung ausgesetzt – just an demselben Tag, an dem die Beschwerde der Staatsanwaltschaft gegen Adolf Hitlers Haftentlassung rechtskräftig verworfen wurde.

Nach der Haftentlassung am 20. Dezember 1924 zog der fast ertaubte Erich Mühsam nach Berlin. Er gab dort die anarchistische Zeitschrift Fanal heraus. Er war ein unermüdlicher Aktivist gegen die drohende Kriegsgefahr, neben anderen mit seinem Freund, dem Antimilitaristen Ernst Friedrich. Auch zu Silvio Gesell, dem Begründer der Freiwirtschaftslehre, bestand eine besondere Nähe. Mühsam veröffentlichte in seiner Zeitschrift Fanal (7/1930) in einem Nachruf eine überaus positive Würdigung der Lebensleistung Gesells.Erich Mühsam. userpage.fu-berlin.de/~roehrigw