Drei Chinesen mit dem Kontrabass ist ein Kinderlied, das seit der Mitte des 20. Jahrhunderts im gesamten deutschen Sprachraum verbreitet ist. Das Lied kann auch als musikalisches und sprachliches Kinderspiel betrachtet werden: Der Unsinnstext zielt vor allem darauf ab, dass er in bunter Folge mit möglichst vielen Selbstlauten (Vokalen), Zwielauten (Diphthongen) und Umlauten der deutschen Sprache versehen wird. Die Spielregel verlangt, dass alle Selbstlaute beim Wiederholen des Textes gegen jeweils einen einzigen ausgetauscht werden müssen.
Melodie Die für das Lied heutzutage gebräuchlichste Melodie lautet folgendermaßennach Weber-Kellermann, Nr. 169, S. 214, transponiert, typische rhythmische Variation dargestellt. (wobei geringfügige, vor allem rhythmische Abweichungen etwa in der Behandlung der punktierten Viertelnoten im Kontext des Volksliedes nicht ungewöhnlich sind): mini|zentriert|550px| Die Ausgangsstrophe In der Deutschschweiz und den angrenzenden deutschsprachigen Regionen, vor allem Westösterreich, wird bis heute gerne eine andere Melodie gesungen, die früher auch in Deutschland bekannter war, dort inzwischen aber fast vollständig verdrängt ist: mini|zentriert|550px| „Schweizer Version“ der Drei Chinesen Diese Melodie kommt also nicht nur mit einer noch schlichteren Harmonik aus, sie arbeitet auch mit einem noch engeren Tonumfang (Ambitus): Dieser beträgt eine Quarte anstelle der kleinen Septime in der „deutschen“ Version. Die Begleit-Akkorde sind nur Tonika und Dominante.
Text und Spielregel In der ersten Strophe wird der Text in korrektem Deutsch, also ohne Vokalaustausch, vorgestellt:
Drei Chinesen mit dem Kontrabass saßen auf der Straße und erzählten sich was. Da kam die Polizei, fragtAnstelle des fragt sind auch Interjektionen gebräuchlich, die bereits zur wörtlichen Rede gehören, beispielsweise „ei“, „na“ oder „ja“. ‚Was ist denn das?‘ Drei Chinesen mit dem Kontrabass.
Auf diese „originale“ Eröffnungsstrophe folgen acht „Variationen“. Die Spielregel lautet nun, in diesen Folgestrophen alle Selbstlaute durch einen einzigen zu ersetzen, und zwar in der Reihenfolge A, E, I, O, U, Ä, Ö, Ü. Es sind auch kompliziertere Varianten gebräuchlich, die darüber hinaus die Diphthonge verwenden. Wer einen „Fehler“ macht (d. h. vergisst, einen Selbstlaut entsprechend der Regel zu ersetzen), muss je nach Vereinbarung eine Strophe oder das komplette Lied wiederholen beziehungsweise scheidet aus.
Eventuell ruft jemand zwischen den Strophen das Wort „nochmal!“ mit Vokalaustausch (also nachmal, nechmel usw.), um auf den entsprechenden Vokal hinzuweisen.
Nach dieser Regel muss die zweite Strophe also auf folgenden Text gesungen werden:
Dra Chanasan mat dam Kantrabass saßan af dar Straßa and arzahltan sach was. Da kam da Palaza, fragt ‚Was ast dann das?‘ Dra Chanasan mat dam Kantrabass.
Geschichte des Liedes Wie bei vielen Musikstücken dieser Art sind zuverlässige Quellen über den genauen Ursprung und den oder die Urheber von Text und Melodie so gut wie nicht greifbar: Die GEMA führt das Lied als „im Original urheberrechtlich freie Volksweise“.lt. Mitteilung der GEMA-Dokumentation vom 12. Mai 2006.
Die Drei Chinesen sind jedoch ein Volkslied relativ jungen Datums, selbst die direkten Vorläufer lassen sich nicht weiter als in die Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg verfolgen. Auffallend ist die für ein lebendiges und weitverbreitetes Phänomen der Alltagskultur bemerkenswert dünne Forschungslage.Die musikhistorischen Darstellungen beruhen auf Mitteilungen des Deutschen Volksliedarchivs an der Universität Freiburg vom 18. und 31. Mai 2006. Die im Folgenden genannten Archivnummern beziehen sich auf die Sammlungen des DVA.
Herkunft von Text und Melodie Text Die vorhandenen Quellen legen eine Herkunft aus dem Nordosten des ehemaligen deutschen Sprachgebietes nahe. In der heutzutage üblichen Version des Liedes sind drei Chinesen die Protagonisten; eine Vorform dieser Textvariante ist erstmals 1922 in EstlandDVA Nr. A 11093, Niederschrift eines Drittklässlers an der Pantenius-Schule in Dorpat. nachweisbar, wo es zu dieser Zeit noch eine kulturell einflussreiche Minderheit von Deutsch-Balten gab.
In der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg spricht der Liedtext in der Mehrzahl der greifbaren Versionen von Japanern (aus rhythmischen Gründen meist in der älteren Nebenform Japanesen). Diese Textvariante ist erstmals 1909 in PommernDVA Nr. A 146178, aufgezeichnet von Lehrer Horn in Bublitz, heute Bobolice. nachweisbar. Die Anzahl konnte je nach Region variieren, so ist aus Schlesien eine frühe Version mit zehnDVA Nr. A 50717, aufgezeichnet 1928 von F. Scholz, Eisenbahn-Obersekretär in Gleiwitz, für die Schlesische Gesellschaft für Volkskunde. und aus dem Kreis Büren eine mit zwanzigDVA Nr. A 211866, aus der Sammlung Pagendarm. Japanern aus der Zwischenkriegszeit überliefert. Es gibt frühe Varianten, die von „Japanern ohne Pass“ handeln und damit Ressentiments gegen Zugereiste beinhalten.Matthias Nöther: Racial Profiling in Kinderliedern. Unbedarft und falsch. In: Deutschlandfunk, 27. September 2021, abgerufen am 5. Oktober 2021.
Eine etwas andere Darstellung besagt, dass der Text ursprünglich lautete: »Drei Japanesen ohne Pass-Pass-Pass …«, die von der Polizei kontrolliert werden, was den Nazis ab 1936 zu abwertend gegenüber ihren Verbündeten in der Achse Berlin–Rom–Tokio erschien, so dass sie den Text zu »Drei Chinesen mit ’nem Kontrabass …« änderten. Um rassistische Assoziationen zu vermeiden, werde heute in vielen Kindergärten beispielsweise »Drei Kollegen mit ’nem Kontrabass …« oder »Drei Bassisten ohne Kontrabass …« gesungen.Daniel Bunčić, Barbara Sonnenhauser, Anastasia Bauer, Tobias-Alexander Herrmann: Einführung in die Linguistik der slavischen Sprachen. Berlin: Language Science Press, 2025; S. 320.
In manchen Gegenden der Schweiz ist der Text mit den Japanern noch heute bekannt. Eine originelle Variante aus dem Tessin, welche jede Strophe um einen abschließenden Jodler ergänzt, lässt die Asiaten nicht mit, sondern ohne Kontrabass auf der Straße sitzen.DVA Nr. A 215712, aufgenommen von Dr. Emily Gerstner in Bosco/Gurin. Dies könnte auf die Variante mit dem Pass zurückgehen.
Die präzisere Instrumentenbezeichnung scheint erst nach 1930 in allgemeinen Gebrauch gekommen zu sein. Hierbei könnte eine Rolle spielen, dass sich das Wort Kontrabass rhythmisch und metrisch eleganter in das Gefüge des Texts einpasst als das einsilbige Bass. So enthält beispielsweise das Liederbuch Der Kilometerstein in der von Gustav Schulten herausgegebenen Edition (Potsdam, 1934) noch den „Bass“, die Mainzer Ausgabe aus dem Jahr 1941 von Ludwig Voggenreiter schreibt bereits „Kontrabass“.
In einer für Volkslieder charakteristischen Weise stimmen die überlieferten Versionen so gut wie nie vollkommen überein. Das überrascht insbesondere bei einem Spiellied wenig, dessen Idee die Variation des Textes ist. Fast jedes einzelne Wort des Textes der Drei Chinesen wurde einmal verändert. Es kann einmal „spielten“, „standen“, „liefen auf der Straße“ heißen, während dabei „verzapft“ oder „gesungen“ wird, und schließlich kann die kleine Szene auch bei einem Spaziergang „durch den Wald“ stattfinden.
Erst seit ungefähr 1970 bietet eine Mehrzahl der Gebrauchsliederbücher für Kinder die Version von Text und Melodie, wie sie im ersten Notenbeispiel dargestellt ist.Gerda Grober-Glück: Kinderreime und -lieder in Bonn 1967. In: Jahrbuch für Volksliedforschung. 16, 1971, S. 91–134, hier S. 127; . Dies ist zu einem großen Teil auf den wachsenden und vereinheitlichenden Einfluss der Massenmedien zurückzuführen, in diesem Fall vor allem Rundfunk und Fernsehen, die die 1966 vom Gesangstrio Medium-Terzett eingespielte Hitversion des Liedes im gesamten deutschen Sprachraum verbreiteten.DVA Nr. F 6633.
Melodie Die beiden eingangs dargestellten Melodien sind im Wesentlichen nachweisbar, seit das Lied überliefert ist, teilweise wurden auch Wendungen aus beiden Versionen vermischt. So ähneln die pommersche und die estnische Variante dem „Schweizer“ Modell, während man weiter im Westen zu der Version zu neigen schien, die oben als die „deutsche“ Variante vorgestellt wurde. Allgemein lässt sich aber sagen, dass fast alle älteren Versionen melodisch, aber zum Teil auch harmonisch und rhythmisch anspruchsvoller sind, als dies heute praktiziert wird: Beispielsweise sang man früher an einzelnen Stellen noch Dreiklangs-Arpeggien aus, verlangte größere Intervallsprünge oder wich in komplexere Akkorde aus.DVA Nr. A 87590 und Vg 3080, beide aufgezeichnet 1913 in Berlin bzw. Bischofswerda, sind typische Beispiele.
Wie es zu der graduellen Vereinfachung des melodischen Materials kam, ist im Einzelnen nicht belegbar. Der heute gebräuchliche enge Tonumfang (in beiden Versionen im Wesentlichen der für textorientierte „Sprechlieder“ typische Quintraum) passt jedoch zur Beliebtheit des Liedes als Sprachspiel, als das es im pädagogischen Bereich (etwa in Kindergarten und Vorschule) eingesetzt wird.
Herkunft und Entwicklung der Spielidee Die Verbindung des Liedes mit der Spielidee des Vokalaustausches hat nicht von Anfang an bestanden. Bei der Variation des Textes waren nicht immer die Vokale der zu verändernde „Parameter“, vielmehr gab es auch Varianten, die das Lied zum Zahlenspiel machten.
Als Zahlenspiel Die bereits erwähnte pommersche Version von 1909 lässt die Anzahl der „Musiker“ in jeder Strophe kontinuierlich steigen, also Zwei Japanesen mit dem Bass …, Drei Japanesen … und so weiter. Auch die in Bischofswerda aufgezeichnete und 1913 von Georg Winter veröffentlichte FassungGeorg Winter: Ringel, Ringel, Rosenkranz. 125 der schönsten gesungenen volkstümlichen Kinderspiele aus dem Königreiche Sachsen. Dürr, Leipzig 1913, S. 15. Ein Japanese mit dem Bass ist als Kreisspiel entworfen (die Kinder singen also im Kreis stehend oder sitzend) und verändert die Vokale nicht, zählt aber bei jeder Strophe die Zahl der abgeschlagenen Kinder hoch. Die zu diesem Kreisspiel überlieferte Regel lautet:
Bei Karl Wehrhan ist eine Variante des Kreisspiels zum Text „Ein Chinese mit dem Bass, Bass, Bass“ überliefert.Nr. 3259 aus: Karl Wehrhan: Frankfurter Kinderleben in Sitte und Brauch, Kinderlied und Kinderspiel. Heinrich Staadt, Wiesbaden 1929, S. 250; Digitale Sammlungen Universität Düsseldorf.
Auch das Herunterzählen von einer gegebenen Anzahl, also beispielsweise Zehn oder Zwanzig, wurde in der Art des Kindergedichts von den „Zehn kleinen Negerlein“ praktiziert.
Vokalaustausch Die Spielidee, die auf dem Austausch der Vokale des Textes beruht, ist spätestens seit 1934 in schriftlicher Form nachweisbar, wiederum in der erwähnten Potsdamer Ausgabe des Liederbuchs Der Kilometerstein. Der 1925 in Berlin geborene und 1933 aus Deutschland emigrierte Chinese Han Sen verweist in seiner AutobiographieHan Sen: Ein Chinese mit dem Kontrabass. Claassen Verlag, München 2001. ISBN 3-546-00277-6. auf seine Kenntnis des Liedes, was untermauert, dass die heute noch übliche Version des Liedes zumindest im Berlin der frühen 1930er Jahre einschließlich der Spielregel mit dem Vokalaustausch bereits gängig war.
Dass das Kinderlied während der „Goldenen Zwanziger Jahre“ innerhalb kurzer Zeit zu großer Bekanntheit gelangte, passt zum kulturellen Kontext dieser Epoche, einer Blütezeit des deutschen Schlagers. Ein Großteil seiner Künstler – darunter beispielsweise die Comedian Harmonists – trugen immer wieder Songs mit Unsinnstexten vor, denen bis heute vielfach eine Verwandtschaft zum Dadaismus nachgesagt wird. Außerordentlich häufig besteht die eigentliche Pointe solcher Lieder in der verblüffenden Kombination von Worten, die im Zusammenhang zwar kaum einen Sinn ergeben, aber amüsant klingen.
Sprachliche Verbreitung