Stockdorf ist mit rund 4000 Einwohnern der zweitgrößte Gemeindeteil der Gemeinde Gauting im Landkreis Starnberg in Oberbayern. Der Ort wurde erstmals 1279 als Besitz des Klosters Benediktbeuern erwähnt. Um 1800 wurde er nach Gauting eingemeindet und 1854 erhielt er einen Haltepunkt auf der Bahnstrecke München–Starnberg. Dadurch wuchs der Ort stark an und eine Künstlerkolonie bildete sich. Nach 1900 entstanden einige Industriebetriebe, die die Wasserkraft der Würm für Stanzmaschinen verwendeten. Davon ist vor allem noch der Automobilzulieferer Webasto geblieben, der den Ort durch seine Bürogebäude dominiert. Der heutige Ort erstreckt sich beidseits der Würm und der Gautinger Straße.
mini|Blick auf Stockdorf von Südwesten mit der Gautinger Straße links der Bildmittelachse
Geografie Geografische Lage Stockdorf liegt an der Würm und bildet den Abschluss der durchgehend bebauten Fläche, die sich von München und Pasing aus über Gräfelfing, Planegg und Krailling entlang der Staatsstraße 2063 ins Würmtal zieht. Es liegt zwischen Forst Kasten im Osten, dem Grubmühler Feld im Süden, dem Kreuzlinger Forst im Westen und Krailling im Norden.
Geologie Stockdorf liegt innerhalb des Flussbetts der Würm nach der Würm-Kaltzeit. Hierbei führte die Würm als Gletscherfluss enorme Wassermassen aus dem Gletscher heraus. In Stockdorf sind die Ausläufer dieser Rinne noch gut zu erkennen. Der Untergrund in den Wäldern ist durch Kiesgebiete geprägt, die zum Teil abgebaut werden.
Natur Südlich des Ortes wurden Biber gesichtet. Diese sind Teil einer 60 bis 80 Tiere umfassenden Population an Würm und Isar. Zu ihrem Schutz erließ das Landratsamt teilweise Badeverbote. In der Würm gibt es eine Population der üblichen Flussfische wie etwa Aitel, Hechte oder Waller. Von letzterer Art holten Fischer Anfang 2021 drei Exemplare mit über 1,5 Meter aus der Würm.
Im Südosten liegt der Forst Kasten, der überwiegend aus Fichten-Monokulturen besteht. Dieser soll allerdings in den nächsten Jahren zu einem Mischwald umgebaut werden. Dieselbe Vegetation findet sich im Nordwesten im Kreuzlinger Forst. Im Wald am Grubmühlerfeld gab es Mitte 2020 Probleme mit Dirt Bikern, die Schanzen in den Wald gebaut hatten, die nach behördlicher Anordnung entfernt wurden.
Geschichte mini|Hügelgrab aus der Hallstattzeit
Die älteste Besiedlung wird durch ein Hügelgräberfeld der Hallstattzeit bezeugt. Um 1800 gab es 21 Grabhügel im Angerholz, von denen einige durch den Bau der Bahnstrecke 1854 beseitigt wurden. 1830 grub der Starnberger Forstmeister Freiherr von Metting zwei Grabhügel aus und fand ein Bronzebecken, ein Eisenschwert, Ringe sowie reich verzierte Radanhänger. Zusammen mit dem Gemeindeteil Buchendorf gehört Stockdorf zu den ersten Ausbausiedlungen der alten Römerstadt Gauting.
Mittelalter Der Gründungszeitpunkt der heutigen Besiedlung ist unklar, aber Josef Sturm ging aufgrund des Wortendes -dorf von einer Gründung in karolingischer Zeit aus. Den Vorderteil Stock- leitet er vom Wort ausstocken ab, was auf eine Rodung des Gebietes hinweist.
Erste urkundliche Erwähnung in einem Urbar des Klosters Benediktbeuern 1279 als Stochdorf. Vermutlich bezieht sich aber auch das schon 1241 erstmals in einer Besitzliste des Stiftes Dießen bekundete Staudorf (mhd. für Uferdorf) auf den Ort. Neuere historiographische Forschungen leiten den gegenwärtigen Ortsnamen von dem mittelalterlichen Stadelaren her, der bereits Mitte des 11. Jahrhunderts in den Chroniken der Benediktinerabtei Ebersberg auftaucht, zusammen mit Gutingen, was sich vermutlich auf Gauting bezieht.Siegfried Rehm: Die Stockdorfer, ihre Häuser und die Suche nach Stadelaren. Quellenforschungen 11.–19. Jahrhundert. Verlag Siegfried Rehm, Stockdorf 2002.
Neuzeit Ende des 18. Jahrhunderts liegt es innerhalb des Hirschjagdparks, den der Bayerische Kurfürst Max Emanuel zwischen 1715 und 1745 für seine Parforcejagden anlegen ließ. Im November 1734 stürzte Kurfürst und spätere Kaiser Karl Albrecht bei der Verfolgung eines Ebers in Stockdorf beim Durchreiten der Würm in den Fluss und konnte sich nur mit Mühe in der großen Kälte nach Grubmühl retten. Die Szene – allerdings in sommerliche Jahreszeit verlegt – findet sich illustriert auf dem Gemälde von Peter Jakob Horemans in der Amalienburg.Norbert Hierl-Deronco: Es ist eine Lust zu bauen : von Bauherren, Bauleuten und vom Bauen im Barock in Kurbayern – Franken – Rheinland. Verlag Hierl-Deronco, Krailling 2001, ISBN 3-929884-08-9.
Entweder 1818 oder schon 1808 im Zuge der Montgelas’schen Verfassungs- und Verwaltungsreform wird das damals aus gerade einmal sieben Häusern bestehende Dorf zu Gauting eingemeindet. Am 28. November 1854 wird die neue Pasing-Starnberg Eisenbahn von Ulrich Himbsel in Betrieb genommen, wodurch Stockdorf zum Haltepunkt wird. Mit der Einrichtung des Vorortverkehrs im Jahr 1902 bekam Stockdorf eine eigene Bahnstation, heute der S-Bahnhof Stockdorf an der S-6 München–Tutzing.
Nach der Ermordung des Ministerpräsidenten Kurt Eisner formierte sich auch in Stockdorf gegen die weiße Gegenrevolution eine proletarische Arbeiterwehr, die mit 50 Mitgliedern für den kleinen Ort recht groß war. 1933 wurde der Oberammergauer Kaplan Johannes Fellerer wegen seiner Warnungen vor dem drohenden Nationalsozialismus nach Stockdorf zwangsversetzt. Im Jahr 1938 wurde nicht nur ein Arbeiterwohnhaus in Stockdorf erbaut, sondern auch eine neue Würmbrücke.
Seit dem Ersten Weltkrieg hat sich Stockdorf zu einer Künstlerkolonie entwickelt, da zahlreiche Maler und Graphiker sich in dem Ortsteil niedergelassen haben, darunter auch der Landschaftsmaler Ernst Haider.
Zweiter Weltkrieg Am 8. November 1940 wurden drei Splitterbomben und eine Brandbombe über Stockdorf abgeworfen. Lediglich ein Wohnhaus wurde beschädigt; die anderen Bomben erwiesen sich als Blindgänger. Es kam zu keinen weiteren Abwürfen. Im Jahr 1944 wurde ein Schutzgraben errichtet, der allerdings grundsätzliche statische Anforderungen nicht erfüllte und so nicht verwendet wurde.
Am 27. April 1945 durchquerten Häftlinge des KZ Dachau auf ihrem Todesmarsch nach Süden den Ort. Einige Tage später deponierte die Waffen-SS Dynamit an der Würmbrücke, um sie zu sprengen. Dies wurde durch zwei Stockdorfer verhindert, die den Sprengstoff in die Würm warfen und untertauchten. Bereits am 30. April 1945 trafen die Amerikaner im Ort ein.
Antrag auf Ausgemeindung In den 1950er Jahren entstand unter den Stockdorfer Bürgern eine Bewegung, die nach der Trennung von Gauting und der Eingliederung in den Landkreis Starnberg als eigenständige Gemeinde verlangte. Kritikpunkte waren vor allem die Vernachlässigung des Ortsteils durch die Gemeindeverwaltung (erst Ende 1951 gab es eine ständige Verwaltungshilfsstelle) sowie der geringe Anteil Stockdorfer Politiker im Gemeinderat. 1952 gründete sich die Interessengemeinschaft Stockdorf, die 1953 einen formellen Antrag auf Ausgemeindung stellte, der von der FDP, BHE und der Schlesischen Landsmannschaft unterstützt wurde. Im selben Jahr kam es zu einer Volksbefragung, in der sich eine deutliche Mehrheit der Stockdorfer Bürger für die Ausgemeindung aussprachen. Das Landratsamt Starnberg und das Bayerische Innenministerium lehnten den Ausgemeindungsantrag 1954 jedoch ab.Karl Mayr: Gauting und Stockdorf 1870–1978. Deutscher Kunstverlag, München 1985, ISBN 3-422-00784-9, S. 75–80.
Neuere Entwicklungen Umbau des Webasto-Geländes Im Juli 2015 begann der Umbau des Webasto-Geländes, der vom Gräfelfinger Architekten Achim Hoffmann geplant wurde. Im Mai 2018 wurde der erste Neubau mit einem markanten Flugdach eingeweiht. Seit Mitte 2019 werden die anderen Gebäude abgerissen, die südlich des Neubaus an der Gautinger Straße stehen. Diese sollen durch einen weiteren Neubau mit einer mehrgeschossigen Tiefgarage ersetzt werden. Für die Mitarbeiter wurde in der Fleckhamer Straße ein Containerbüro errichtet.
Quartierplanung Die Eigentümer der Stanz Schmidt GmbH planen, ihr Firmengelände zu verlegen. Das frei werdende Grundstück und anliegende Grünflächen entlang der Würm umfassen insgesamt drei Hektar. Von der Gemeinde Gauting wurden im März 2023 Informationsveranstaltungen abgehalten, um die Bevölkerung einzubinden. Die Eigentümer machten 245.000 Euro als Wettbewerbssumme für einen Architekturwettbewerb frei. Auf der planbaren Fläche soll eine Mischung aus Wohnungen und Gewerbe sowie ein durchgängiger Fußweg an der Würm entstehen. Vor der Entscheidung im Wettbewerb Ende Juli kam es zu einer Sammlung von ca. 1000 Unterschriften, die sich gegen eine Bebauung aussprachen. Den Wettbewerb gewannen MLA+ und Grieger, Harzer Dvorak Landschaftsarchitekten. Nach diesem Entwurf soll sich Gewerbe und bezahlbarer Wohnraum auf der Ostseite der Würm befinden und auf der Westseite bis auf ein Gebäude das Uferbiotop erhalten werden.
Straßenumbenennung Anfang Juni 2023 wurden zwei Straßen umbenannt: Die Zugspitzstraße wurde aufgrund einer gleichnamigen Straße in Gauting in Wettersteinstraße umbenannt. Dadurch sollen Rettungsdienste direkt in die richtige Straße fahren. Die Max-Dingler-Straße wurde aufgrund von Dinglers NS-Vergangenheit in Oskar-Maria-Graf-Straße umbenannt. Die Änderungen waren bereits im Juli 2022 vom Gemeinderat beschlossen worden.
Verkehr mini|S-Bahnhof Stockdorf mit durchfahrendem ICE Bahnhofsumbau Im Jahr 2015 gab es eine Bürgerinitiative zur Umgestaltung des Bahnhofs. Organisiert wurde diese von Ulla Ottmar, der Vorsitzenden des Seniorenbeirats. Ein Umbau wurde möglich, als die Gautinger Bürgermeisterin Brigitte Kössinger ihre Kontakte zu Innenminister Joachim Herrmann einsetzte und das Projekt auf die Ausbau-Agenda für 2017 beförderte. Im Sommer 2017 wurde der Bahnhof für 4,5 Millionen Euro umgebaut. Der Aufgang zum Bahnhof wurde von der Südseite auf die Westseite verlegt. Der Bahnsteig wurde erhöht, sodass kein Höhenunterschied zum Zug mehr besteht. Außerdem wurde ein höheres, aber auch kürzeres Dach montiert. Im Dezember 2018 wurde schließlich der Personenaufzug eingebaut. Hierdurch wurde die eigentlich angestrebte Barrierefreiheit erreicht.
MVV-Tarifreform Mit der Tarifreform des MVV, die seit Anfang 2020 in Kraft ist, rückte Stockdorf von Zone 1 in die Zone München. Fahrgäste benötigen seither bei Verwendung der Streifenkarte nur noch halb so viele Streifen.
Linie Linienverlauf
Einwohner Entwicklung der Einwohnerzahlen von Stockdorf: Jahr Häuser Einwohner1430 8 40–501504 10 1803 7 1819 9 1825 10 531840 9 641861 25 761871 921885 24 1611900 29 2381925 117 7501931 8621950 234 17851961 508 29171970 34491987 833 35032006 36032020 40132024 4164
Kultur Kirchen Evangelische Apostelkirche Die evangelische Apostelkirche (Peter-Dörfler-Str. 14) ist ein schlichter kubischer Sichtbetonbau mit angrenzendem L-förmigen Pfarrhaus und wurde 1959 von Jakob Semler und Jakob Haider errichtet. Die Außenwand ist unverziert bis auf ein Betonrelief von Karlheinz Hoffmann, das den Wandel des Petrus auf dem Wasser darstellt. Unter der Inneneinrichtung ist insbesondere das Tauffenster von Rupprecht Geiger hervorzuheben.
Alte Kirche St. Vitus Die Alte Kirche St. Vitus (Bahnstr. 12) zu Ehren des hl. Vitus wurde bereits 1315 in der Konradinischen Matrikel als eine von drei Tochterkirchen Gautings genannt.M. V. Deutinger: Die älteren Matrikeln des Bistums Freising. 3 Bände, hier: Band III, S. 217. Schon seit dem 16. Jahrhundert wurde jedoch immer wieder ihr schlechter Erhaltungszustand kritisiert und schließlich wurde sie Mitte des 19. Jahrhunderts abgerissen. Das heutige Gotteshaus mit Sattelturm wurde 1857 errichtet.Wolfgang Krämer: Geschichte der Gemeinde Gauting einschließlich der Hofmarken Fußberg und Königswiesen nebst Grubmühle, Reismühle und Gemeinde Stockdorf sowie der Schwaigen Kreuzing und Pentenried. Selbstverlag der Gemeinde Gauting, 1949. Im Inneren findet man seit 1968 das Monumentalfresko Christus als Weltenrichter von Karl Manninger.
Katholische Pfarrkirche St. Vitus