Aschtarak (), andere Umschriften Ashtarak, Aštarak, ist die Hauptstadt der nordarmenischen Provinz Aragazotn. Die verkehrsgünstig nördlich von Jerewan gelegene Stadt ist als Ausflugsziel für Besucher aus der Landeshauptstadt bekannt. Vier mittelalterliche Kirchen, von denen die Karmrawor-Kirche (Muttergotteskapelle, Surb Astvatsatsin), eine kleine Kreuzkuppelkirche aus dem 7. Jahrhundert, und die 1281 datierte Marianenkirche (Surb Mariane), vollständig erhalten sind, und weitere Denkmäler bezeugen eine ununterbrochene Besiedlung seit frühchristlicher Zeit. Aschtarak ist ein Zentrum der Nahrungsmittel verarbeitenden Industrie.
Lage Aschtarak liegt auf einer Höhe von 1139 Metern in einer Ebene zu beiden Seiten des Kassagh, der in einer tiefen Schlucht die Stadt von Nordosten nach Südwesten durchschneidet und den größeren Teil mit dem Altstadtzentrum im Norden von einem Neubauviertel im Süden abgrenzt. Der Kassagh fließt vom Aparan-Stausee nach Süden in den Mezamor, der wenig später in den Aras mündet. Die bewässerten Getreide- und Gemüsefelder der Umgebung werden überwiegend über Kanäle aus dem Kassagh versorgt. Die Grundwassertiefe von 35–65 Metern wird mit Tiefbohrbrunnen für die Trinkwasserversorgung und die Feldbewässerung angezapft. Der Gesteinsuntergrund aus quartärer Lava tritt in der Kassagh-Schlucht in Form von Basalt, Andesit, Dazit und Tuff zutage.Reconstruction of water supply systems of town Ashtarak and nearby 4 villages. World Bank Document, 2013, S. 17 Die Felder und Wiesen um Aschtarak gehören zu den südöstlichen Ausläufern des Aragaz, dessen vulkanisches Massiv sich bis 4090 Meter erhebt. Im Norden wird die Ebene vom 2575 Meter hohen, ebenfalls vulkanischen Berg Ara (Ara lehr) begrenzt, im Osten geht sie ins Hochland von Jeghward über.
Von Jerewan ist das 19 Kilometer entfernte Aschtarak über die Schnellstraße M1 zu erreichen, die am nächsten Dorf im Westen, Agarak (sieben Kilometer) vorbei nach Talin (46 Kilometer) bis Gjumri (92 Kilometer) im Nordwesten des Landes führt. Eine alternative Verbindung in den Norden ist die M3, die in Aschtarak von der M1 abzweigt und an der Ostseite des Aragaz vorbei Spitak (57 Kilometer) erreicht. Parallel zur M3 und nahe an der Kassagh-Schlucht verbindet eine Nebenstraße das Stadtzentrum von Aschtarak mit dem zwei Kilometer nördlich gelegenen Vorort Mughni und den folgenden Dörfern Karbi und – fünf Kilometer von Mughni entfernt – dem Dorf Ohanavan mit dem Kloster Howhannawank, bis sie nach weiteren fünf Kilometern beim Kloster Saghmosawank endet. Etschmiadsin (17 Kilometer) ist auf direktem Weg über die Fortsetzung der M3 nach Süden oder in südwestlicher Richtung über Oschakan (vier Kilometer) zu erreichen. Auf einer Nebenstraße über Jeghward (22 Kilometer) nach Osten lässt sich auf dem Weg zum Sewansee Jerewan weiträumig umfahren.
Geschichte mini|Statue des Katholikos Nerses II. von Aschtarak (amtierte 548–557) im Geschäftszentrum In Aschtarak und Umgebung wurden Reste von befestigten Siedlungen mit Mauern aus großen Steinblöcken aus der Bronzezeit gefunden. Ein bedeutendes frühbronzezeitliches Kultzentrum (ab 3400 v. Chr.) befand sich in der Ebene bei Agarak, eine Festung aus der frühen Eisenzeit stand nordwestlich von Aschtarak auf einem 2200 Meter hohen Hügel beim Dorf Avan oberhalb von Kosch.Adam T. Smith, Koriun Kafadarian: New Plans of Early Iron Age and Urartian Fortresses in Armenia: A Preliminary Report on the Ancient Landscapes Project. In: Iran, Vol. 34, 1996, S. 23–37, hier S. 28 In die Späte Bronzezeit (ab dem 15. Jahrhundert v. Chr.) datiert eine Siedlung am Ortsrand von Oschakan, an deren Stelle in der ersten Hälfte des 1. Jahrtausends v. Chr. eine urartäische Festung erbaut wurde. Der Name Aschtarak heißt „Turm“ oder „Festung“ und verweist darauf, dass der Ort strategisch günstig gelegen war, um das Tal und den Zugang zu den Höhen des Aragaz mit den dortigen Siedlungen, besonders der Festung Amberd, zu kontrollieren.
In frühchristlicher Zeit war Aschtarak dem Bischofssitz von Oschakan untergeordnet und diente als dessen vorgelagerter Verteidigungsposten. Armenien befand sich vom 7. bis zum 9. Jahrhundert unter der Vorherrschaft der Araber, die 640 die Hauptstadt Dvin erobert hatten. In den 880er Jahren übernahmen die Bagratiden die Führungsrolle unter den rivalisierenden armenischen Adelsfamilien und eroberten die Hauptstadt zurück. Unter den Bagratiden entwickelte sich Aschtarak zu einem größeren Warenumschlagplatz an der Handelsroute, die von Persien über Dvin Richtung Norden nach Georgien führte. Die Stadt behauptete ihre wirtschaftliche Position unter der nachfolgenden Herrschaft der Seldschuken im 11. Jahrhundert, Mongolen im 13. Jahrhundert und bis ins 20. Jahrhundert, während Oschakan auf seine religiöse Bedeutung als Pilgerort beschränkt blieb. Unter der sowjetischen Verwaltung wurde eine Lebensmittelindustrie aufgebaut. In der Stadt ansässige Forschungseinrichtungen standen mit dem Observatorium in Bjurakan und einer weiteren Sternwarte in Orgov in Verbindung.
Mit der Unabhängigkeit 1991 kam es wie an anderen Industriestandorten zu einem wirtschaftlichen Niedergang, der durch die Nähe zur Großstadt Jerewan etwas abgefedert wurde. Seit 1995 ist Aschtarak das Verwaltungszentrum der Provinz Aragazotn. officespace.am Der wirtschaftliche Schwerpunkt ist seither die Nahrungsmittel- und Getränkeherstellung, darunter die Verarbeitung von Milchprodukten.
Stadtbild mini|Dreibogige Brücke über den Kassagh von 1664 Bei der Volkszählung des Jahres 2001 wurde die offizielle Einwohnerzahl von Aschtarak mit 21.475 angegeben.RA 2001 Population and Housing Census Results. armstat.am, S. 51 In der amtlichen Statistik für Januar 2012 werden 21.764 Einwohner genannt.RA Aragatsotn Marz. armstat.am, 2012, S. 246
Die Altstadt mit verwinkelten Gassen, allen Denkmälern und den meisten Versorgungseinrichtungen liegt am westlichen, rechten Ufer des Kassagh. Das planmäßig in einem rechteckigen Straßengitter angelegte Wohnviertel im Süden der Schlucht besteht überwiegend aus Reihen von Einfamilienhäusern entlang den Straßen mit großen Hausgärten dahinter. Die Industriebetriebe haben sich am Stadtrand am Übergang zu den kleinparzelligen Feldern der Umgebung angesiedelt. Die in diesem Abschnitt zur Autobahn ausgebaute M1 überquert die Schlucht im Osten der Stadt und trennt das Zentrum vom nördlichen Vorort Mughni, der bei der Volkszählung 2001 noch als eigenständiges Dorf ausgewertet wurde und seither als Stadtteil Aschtaraks gilt. Außer der Autobahnbrücke überqueren westlich davon eine mittelalterliche Steinbrücke, im Bereich der Stadtmitte eine Fußgängerbrücke und im Süden eine weitere große Brücke für die M3 die Schlucht des Kassagh. Letztgenannte Brücke stellt die direkte Verbindung von der Ostausfahrt der M1 durch das südliche Wohnviertel zur Narekatsu-Straße im Zentrum und weiter nach Westen zur M1 Richtung Gjumri dar.
Die älteste und im Mittelalter einzige Brücke der Stadt aus dem Jahr 1664 besteht aus drei unterschiedlich hohen Spitzbögen und liegt an einer scharfen Flussbiegung, wo sie vor hohen Fluten geschützt war. Durch die an dieser Stelle besonders steilen Klippen der Schlucht konnte sie gut verteidigt werden. Die Reste einer urartäischen Festung aus dem 7. Jahrhundert v. Chr. oberhalb erinnern an Vorgängerbauten, die einst an dieser strategisch wichtigen Stelle den Fluss überquerten. Die einzige Kirche südlich des Kassagh ist die kleine Sankt-Sergius-Kirche (Surb Sargis) am Rand der Schlucht oberhalb der Brücke. Auf dem Fundament einer zerstörten älteren Kirche wurde sie 1986 als Nachahmung einer Kreuzkuppelkirche des 13. Jahrhunderts neu erbaut. Unterhalb der urartäischen Festung ist ein Abschnitt eines im 1. Jahrtausend v. Chr. angelegten Kanalbewässerungssystems erhalten, das einen Vorläufer des in der sowjetischen Zeit ausgebauten und seit der Jahrtausendwende erweiterten Arzni-Schamiram-Kanals darstellt, der Wasser aus dem Sewansee über den Hrasdan und zusätzlich aus dem Kassagh ableitet und in den Ebenen der Provinz Aragazotn verteilt. MCA Publication, April–September 2009, S. 13 Der Weg in die Schlucht nördlich der mittelalterlichen Brücke führt an einem leer stehenden Badehaus aus dem 18./19. Jahrhundert vorbei, das mit warmem Mineralwasser gespeist wurde.
Hauptgeschäftsstraße ist die Nerses-Ashtaraketsi-Straße, die von der südlichen Brücke parallel zum Kassagh nach Norden Richtung Mughni führt. In der Proschian-Straße befindet sich das Hausmuseum von Pertsch Proschian (1837–1907), einem Schriftsteller und Lehrer, der in Mughni aufwuchs und für seine Verdienste um die Modernisierung der armenischen Kultur und Gesellschaft geschätzt wird. Im zentral gelegenen Kulturhaus treten gelegentlich lokale Musik- und Volkstanzgruppen auf.
Die mittelalterlichen Kirchen sind im Umkreis von etwa einem halben Kilometer im nördlichen Teil des Zentrums verteilt. Die Existenz dreier Kirchen begründet eine Legende. Demnach lebten einst drei Schwestern in der Stadt, die alle in denselben Prinzen namens Sargis verliebt waren. Die zwei älteren Schwestern beschlossen, sich umzubringen, um den Geliebten der jüngsten zu überlassen. Als sie sich in die Schlucht stürzten, trug eine der älteren Schwestern ein aprikosenfarbenes und die andere ein rotes Kleid. Als die jüngste Schwester davon erfuhr, zog sie ein weißes Kleid an (weiß ist die Farbe des Hochzeitskleides) und stürzte sich hinter ihren Schwestern her in den Tod. Drei Kirchen wurden nach den Kleiderfarben benannt: Tsiranawor, „die Aprikosenfarbene“, Karmrawor, „die Rote“ und Spitakawor, „die Weiße“. Die drei Kirchen stehen in der Nähe der Schlucht, in einiger Entfernung nordwestlich davon befindet sich die Marianenkirche (Surb Mariane).
Tsiranawor mini|Tsiranawor, Altarapsis und Südwand rechts Die frühesten, ungefähr datierbaren armenischen Kirchen sind Basilikas des 5. und 6. Jahrhunderts.Christina Maranci: Medieval Armenian Architecture. Construction of Race and Nation. (Hebrew University Armenian Studies 2) Peeters, Leuven u. a. 2001, S. 113 Die älteste Kirche der Stadt, „die Aprikosenfarbene“, am Rand der Schlucht ist nur noch als Ruine erhalten. Die dreischiffige Basilika ist undatiert. Die unteren Steinreihen der Apsis, ein Teil der Nordwand und einige weitere Reste könnten vom Ende des 5. Jahrhunderts stammen, eine zweite Bauphase gehört in das 6. Jahrhundert, vermutlich in die Amtszeit des Katholikos Nerses II. von Aschtarak (548–557). Nerses leitete 555 ein Konzil in Dvin, bei dem wie schon zuvor die Glaubenslehre des Nestorianismus vehement verurteilt wurde.Mesrob K. Krikorian: Die Armenische Kirche. Materialien zur armenischen Geschichte, Theologie und Kultur. Peter Lang, Frankfurt/M. 2002, S. 32 In Dvin ließ er eine Kirche der Nestorianer zerstören. Tsiranawor könnte zum Andenken an den Geburtsort des Katholikos errichtet worden seinJosef Strzygowski, S. 146.